Erzählung der Woche 32/2009


Die Schreiblaube

von Patricia Koelle

Die Großstadt braust, brummt, hupt und zischt rundherum als beherrsche sie alles bis auf den Himmel. Inmitten dieses fordernden Wirbels liegt unser Garten, das Auge des Sturms, ein angehaltener Atemzug. Ich halte ihn an, solange ich will, denn hier gilt eine andere Zeit.
Die kleine Laube, ein Rosenbogen eigentlich nur, gewann ich bei einem Literaturwettbewerb. Unter anderem darum finde ich hier den Mut zu schreiben, treffe Geschichten an, als wüchsen sie mit den Ringelblumen, die sich selbst aussäen, mit der schwarzäugigen Susanne, die sich immer näher zum Himmel um den Bogen schlingt, mit der Rose, die sich darauf stützt und auch im November noch Blüten treibt. Hier sitze ich, die Füße im Tau, eine Brise im Haar, neugieriger Morgen um mich, dann schläfriger Mittag, duftender Abend. Die Laube ist mein Ohr am Dasein und an anderen Existenzen, ist die Muschel, die ich an mein Denken halte und in der ich das Rauschen der Worte höre, ist die Linse, durch die ich meinen Blick schärfe.
Mit dem Stift in der Hand lasse ich Leben entstehen und erfinde Altes neu, lasse Neues alt werden. Drachen werden geboren und besiegt, Hoffnungen auf Reisen geschickt, verlorene Ideen eingefangen und verschüttete Träume ausgegraben. Kindheiten, Krisen und Weisheiten flattern schmetterlingsgleich durch die Blätter, schwer zu greifen, während Vulkane erzittern und Wolken Dramen austragen. Ich wandere in anderer Menschen Leben umher und schaffe eisigen Winter mitten in dickflüssiger Sommerhitze. Verstorbenen Freunden begegne ich wieder und gehe ein Stück mit ihnen, führe Gespräche die es hätte geben können. Fremde tauchen auf und hinterlassen ihre Erlebnisse in meinen Notizen. Wenn ich es heraufbeschwöre, fließen Ozeane zwischen den Farnen hindurch und einen Augenblick später weiten Wüsten den Horizont, alles innerhalb der Buchsbaumhecke. Ich erschrecke mich selbst und triumphiere gleichzeitig über uralte Zweifel. Der Rost auf dem Stuhlsitz hinterlässt inzwischen eine Landkarte auf meiner Hose und unter dem kleinen, hinkenden Tisch bauen Ameisen derweil unbeeindruckt ihr eigenes Rom auf sieben Hügeln.
Mehr Freiheit ist nicht möglich, nichts größer als die kleine Laube, in der alles zu finden ist, alles erlebt werden kann, alles gehört und geschrieben. Sie ist ein Punkt nur in der Welt, doch in ihr setze ich Punkte unter Welten.

Bildquelle: vistaprint
Bildquelle: vistaprint

Patricia Koelle schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Sie ist u.a. Autorin der Kurzgeschichtenbände: Die Füße der Sterne und Der Weihnachtswind und ist Mitherausgeberin der Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten
mauerstuecke Sternfuss weihnachtswind

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