Gedicht der Woche 29/2009


Zu guter Letzt

Als Kind wußte ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist ein Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?
(Erich Fried)

schnecke

Erzählung der Woche 29/2009


Der K. d. R.

Die Regenwürmer hatten einen Kongreß einberufen.

Es war ein moderner Kongreß. Darum hieß er nicht der Kongreß der Regenwürmer, sondern der K.d.R. Der K.d.R. tagte im Garten an einer recht staubigen Stelle. Es wurden nur Fragen der Bodenkultur erörtert. Weiter geht der Horizont der Regenwürmer nicht. Sie kriechen auf der Erde und essen Erde. Es sind arme bescheidene Leute, aber sie sind nützlich und notwendig. Die Erde würde ohne sie nicht gedeihen. Ihre Arbeit muß verrichtet werden. Es war Abend. Die Dämmerung lag auf den Wegen, auf denen der K.d.R. zusammengekrochen war.

Ein langer alter Regenwurm hatte den Vorsitz übernommen. Er besprach Fragen lokaler Natur, die Bodenverhältnisse des Gartens, in dem man arbeitete. Es waren erfreuliche Resultate.

»Wir sind schon recht tief in die Erde eingedrungen«, sagte der Präsident des K.d.R. »Wir haben viele Erdschichten an die Oberfläche befördert, von denen niemand vorher etwas wußte. Wir haben sie zerlegt und zerkleinert. Aber die Erde scheint noch tiefer zu sein, als wir dachten. Sie scheint noch mehr zu bergen, als wir heraufgeschafft haben. Wir müssen fleißig weiter überall herumkriechen und Erde essen. Es ist eine große Aufgabe. Damit schließe ich den K.d.R.«

Er ringelte sich verbindlich.

Der offizielle Teil des K.d.R. war erledigt.

Man bildete zwanglose Gruppen mit Nachbarn und Freunden und sprach über die Praxis der Gliederbildung. Man wollte allerseits lang werden. Darin sah man den Fortschritt. Neue Methoden hierfür waren stets von Interesse. -Die allerneueste Methode, lang zu werden«, sagte ein junger Regenwurm, »heißt ›Ringle dich mit dem Strohhalm‹. Das stärkt die Muskeln und zieht die Glieder auseinander. Sehen Sie – so!«

Er tastete nach einem Strohhalm und demonstrierte die neue Methode energisch und mit Überzeugung. Dabei stieß er an etwas an. Er fühlte, daß es rauh und haarig war. »Nanu, was ist denn das? Das hat ja Haare und bewegt sich!« Er ringelte sich ängstlich vom Strohhalm los.

»Verzeihen Sie, ich war so müde. Da hab ich mich auf den Strohhalm gesetzt«, sagte das Etwas mit Haaren. »Wer sind Sie denn?« fragte der Regenwurm und kroch vorsichtig wieder näher.

»Ich bin Raupe von Beruf. Ich hätte mich gewiß nicht auf den Strohhalm gesetzt, aber ich bin so sehr müde. Ich habe einen so langen Weg hinter mir. Ich bin immer im Staub gekrochen. Nur selten fand ich etwas Grünes. Ich bin ein bißchen schwächlich, schon von Kind an. Es ist auch so angreifend, bei jedem Schritt den Rücken zu krümmen. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich bin zu müde. Sterbensmüde.« Die Raupe war ganz verstaubt und erschöpft. Ihre Beinstummel zitterten.

Der gesamte K.d.R. kroch teilnahmsvoll heran.

»Sie müssen sich stärken«, sagte ein Regenwurm freundlich. -Sie müssen etwas Erde zu sich nehmen.«

»Nein danke«, sagte die Raupe, »ich bin zum Essen zu müde. Mir ist überhaupt so sonderbar. Ich will nicht mehr auf der Erde kriechen.«

»Aber ich bitte Sie«, sagte der Präsident des K.d.R. »Das ist das Leben, daß man auf der Erde kriecht und Erde ißt. Wenn man das nicht mehr kann, stirbt man. Man soll aber leben und recht lang werden. Ich kann Ihnen verschiedene Methoden empfehlen. Es ist Makrobiotik.« »Ich glaube, daß man nicht stirbt«, sagte die Raupe. »Wenn man zu müde ist und nicht mehr auf der Erde kriechen kann, verpuppt man sich, und nachher wird man ein bunter Falter. Man fliegt im Sonnenlicht und hört die Glockenblumen läuten. Ich weiß nur nicht, wie man es macht. Ich bin auch viel zu müde, um darüber nachzudenken.«

Die Regenwürmer ringelten sich aufgeregt und ratlos durcheinander.

»Fliegen? – Sonnenlicht? – Was heißt das? – So was gibt’s doch gar nicht! – Sie sind wohl krank?«

»Sie gebrauchen solche kuriosen Fremdworte«, sagte der Präsident des K.d.R. »Ihnen ist einfach nicht wohl!« Die Raupe antwortete nicht mehr. Sie war zu müde. Sterbensmüde. Sie klammerte sich an den Strohhalm. Dann wurde es dunkel um sie.

Aus ihr heraus aber spannen sich feine Fäden und spannen den verstaubten sterbensmüden Körper ein. »Das ist ja eine schreckliche Krankheit«, sagten die Regenwürmer.

»Es ist ein Phänomen«, sagte der Präsident des K.d.R. »Wir wollen es beobachten.«

Einige Kapazitäten nickten zustimmend mit den Kopfringeln.

Es vergingen Wochen. Der Präsident des K.d.R. und die Kapazitäten krochen täglich an das Phänomen heran und betasteten es. Das Phänomen sah weiß aus. Es war ganz versponnen und lag regungslos am Boden.

Endlich, in der Frühe eines Morgens, regte sich das versponnene Ding. Ein kleiner bunter Falter kam heraus und sah mit erstaunten Augen um sich. Er hielt die Flügel gefaltet und verstand nicht, was er damit sollte. Denn er hatte vergessen, was er als Raupe geglaubt und gehofft hatte – und wie müde er gewesen war, sterbensmüde .. .

Die Flügel aber wuchsen im Sonnenlicht. Sie wurden stark und farbenfroh.

Da breitete der Falter die Schwingen aus und flog weit über die Erde ins Sonnenlicht hinein.

Die Glockenblumen läuteten.

Unten im Staube tagte der K.d.R.

Man hatte die leere Hülle gefunden, und alle Kapazitäten waren zusammengekrochen.

»Es ist nur ein Mantel«, sagte die erste Kapazität enttäuscht.

»Die Krankheit ist allein zurückgeblieben«, sagte die zweite Kapazität.

»Der Mantel ist eben die Krankheit«, sagte die dritte Kapazität.

Hoch über ihren blinden Köpfen gaukelte der Falter in der blauen sonnigen Luft.

»Nun ist es ganz tot sagten die Regenwürmer.

»Resurrexit!« sangen tausend Stimmen im Licht.

-Manfred Kyber-

Bildquelle: www.inganashop.de
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Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten (17)


artikel

In der Hildesheimer Allgemeinen erschien dieser gut zu lesende Artikel von Alexander Kalinovic, der einer gekürzten Fassung seiner Erzählung aus dem Band Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten entspricht.

Die am Kiosk – wo ich wohne


Damals, als wir spazierten,
hinter der Straße, wo ich wohne,
hattest du nur verachtende Worte
für jene am Kiosk.
Redetest dich in Zorn, Lumpenpack
und dreckige Penner nanntest du sie.

Ich sagte:
Lass doch, die tun keinem was,
kein Grund sich aufzuregen,
arme Socken sind sie.
Doch galt das Nichts für dich,
löschte nicht deine Wut.

Ich sagte:
Da ist noch anderes in dir,
dass dich so fluchen lässt.
Fürchtest Du ihnen gleich zu werden?
Das traf
und sollte treffen.

Warst mir kein  Freund mehr,
warst dabei, dein Ich zu ersäufen,
alle Warnung missachtend.
Wurdest zum Nörgler,
langweilend und missgestimmt.
Traurig war das.

Gestern sah ich dich
mit jenen am Kiosk stehen.
Meine Freundin fragte,
guck mal, ist das nicht…
Ich sagte:
Ja, `ne arme Socke ist das.

© Bettina Buske

Gedicht der Woche 28/2009


Ein Alt Totenlied

So fährt im Herbst der Abendwind

Wohl über die breite Heide

Und reißt die Blumen ab geschwind

Zu unserm tiefen Leide.

Verschwunden unserm Angesicht

Sieht man gar bald die Stätte nicht,

Wo Gras und Blumen gestanden.

Nun fliehe denn aus eurem Sinn

Das traurige Seufzen und Klagen hin

Und ziehet eure Straßen.

Denk wohl dabei, es währt nicht lang,

So wird man uns bei Sang und Klang

Gleichfalls der Erde lassen.

(Anonym)

Erzählung der Woche 28/2009


Vogel Phönix.

Nr. 75a  aus der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von 1812

Eines Tags ging ein reicher Mann spazieren an den Fluß, da kam ein kleines Kästchen geschwommen, dies Kästchen nahm er und machte den Deckel auf, da lag ein kleines Kind darin, welches er mit heim nahm und aufziehen ließ. Der Verwalter konnte aber das Kind nicht leiden, und einmal nahm ers mit sich in einem Kahn auf den Fluß, und als er mitten darin war, sprang er schnell heraus ans Land, und ließ das Kind allein im Kahn. Und der Kahn trieb immer fort, bis an die Mühle, da sah der Müller das Kind und erbarmte sich, nahm es heraus und erzog es in seinem Haus. Einmal aber kam von ungefähr der Verwalter in dieselbe Mühle, erkannte das Kind und nahm es mit sich. Bald darauf gab er dem jungen Menschen einen Brief zu tragen an seine Frau, worin stand: „den Ueberbringer dieses Briefs sollst du den Augenblick umbringen.“ Unterwegs aber begegnete dem jungen Menschen im Walde ein alter Mann, welcher sprach: weis’ mir doch einmal den Brief, den du da in der Hand trägst! Da nahm er ihn, drehte ihn bloß einmal herum und gab ihn wieder, nun stand darin: dem Ueberbringer sollst du augenblicks  unsere Tochter zur Frau geben! So geschah es, und als der Verwalter das hörte, gerieth er in Aerger und sagte: „he, so geschwind gehts nicht, eh ich dir meine Tochter lasse, sollst du mir erst drei Federn vom Vogel Phönix bringen.“

Der Jüngling machte sich auf den Weg nach dem Vogel Phönix, und an derselben Stelle im Wald begegnete ihm wieder derselbe alte Mann und sprach: geh den ganzen Tag weiter fort, Abends wirst du an einen Baum kommen, darauf zwei Tauben sitzen, die werden dir das weitere sagen! Wie er Abends an den Baum kam, saßen zwei Tauben drauf. Die eine Taube sprach: wer da zum Vogel Phönix will, muß gehen den ganzen Tag, so wird er Abends an ein Thor kommen, das ist zugeschlossen. Die andere Taube sprach: unter diesem Baum liegt ein Schlüssel von Gold, der schließt das Thor auf. Da fand er den Schlüssel und schloß das Thor damit auf; hinterm Thor, da saßen zwei Männer, der eine Mann sprach: wer den Vogel Phönix sucht, muß einen großen Weg machen über den hohen Berg, und dann wird er endlich in das Schloß kommen.

Am Abend des dritten Tags langte er endlich im Schloß an, da saß ein weißes Mamsellchen, und sprach: was wollt ihr hier? – Ach, ich will mir gern drei Federn vom Vogel Phönix  holen. Sie sprach: ihr seyd in Lebensgefahr, denn wo euch der Vogel Phönix gewahr würde, fräße er euch auf mit Haut und Haar, doch will ich sehen, wie ich euch zu den drei Federn verhelfe, alle Tage kommt er hierher, da muß ich ihn mit einem engen Kamm kämmen; geschwind hier unter den Tisch, der war rund um mit Tuch beschlagen.

Indem kam der Vogel Phönix heim, setzte sich oben auf den Tisch und sprach: ich wittere, wittere Menschenfleisch! – „Ach was? ihr seht ja wohl, daß niemand hier ist“ – kämm mich nun, sprach der Vogel Phönix.

Das weiße Mamsellchen kämmte ihn nun, und er schlief darüber ein; wie er recht fest schlief, packte sie eine Feder, zog sie aus und warf sie unterm Tisch. Da wachte er auf: „was raufst du mich so? mir hat geträumt, es käme ein Mensch und zöge mir eine Feder aus.“ Sie stellte ihn aber zufrieden, und so gings das anderemal und das drittemal. Wie der junge Mensch die drei Federn hatte, zog er damit heim und bekam nun seine Braut.

www.atelier-verdande.de  -
Bildquelle: http://www.atelier-verdande.de

Der Taglilie gleich



t_taglilien_gelb

Meine Liebe zu Dir gleicht einem Taglilienstängel.
Für einen Tag blüht eine Blüte und schwindet dann,
an anderen Tagen andre Knospen sich entfalten,
bis alles abgeblüht, mir nur der kahle Stängel bleibt.

Meine Liebe zu dir sollte sein ein starker Stecken,
eine sichere Stütze auf weiter Wanderung
und wenn ich Anlauf nehme,  Hilfe beim Absprung
um über meinen Schatten weit zu fliegen.

Wie gern möchte ich so fliegen und verlassen,
was mich bedrückt. Doch muss ich gehen ungestützt
und schauen wie dem Dunkel zu entkommen.
Doch immer noch knospet der Taglilienstängel.

-Gemini-