Erzählung der Woche 30/2009


König Rother

König Rother hatte seinen Sitz  in der Stadt Bare am Westmeer(Bari in Apulien).
Er sandte Boten, die für ihn um die Tochter des Königs Konstantin zu Konstantinopel  werben sollten. Als sie hinschiffen wollten, ließ er seine Harfe bringen. Drei Leiche (Spielweisen) schlägt er an; sagt, sie würden seiner Hilfe sicher sein, wenn sie diese Weisen hörten.
Jahr und Tag vergingen, die Boten kehrten nicht zurück.
Konstantin, ließ sie in einen Kerker werfen, wo sie weder die Sonne noch den Mond sahen.
Frost, Nässe und Hunger litten sie; ja sie mussten das Wasser, das im Kerker stand trinken, um nicht zu verderben.
Auf einem Stein saß Rother drei Tage und drei Nächte lang, ohne zu sprechen, um seine Boten trauernd.

Dan riet Berchters von Meran, Vaters von sieben der Boten, zu einer Heerfahrt, um sie entweder zu retten oder aber  zu rächen.
Das Heer sammelte sich; und man sah auch den König Alprian, den kein Roß trug, mit zwölf riesenhaften Mannen daherschreiten; der grimmigste unter ihnen war Widolt mit der Stange. Der wurde wie ein Löwe an der Kette geführt und nur zum Kampfe losgelassen.
Bei den Griechen angekommen, nahm Rother den Namen Dietrich an. Er ließ sich vor Konstantin auf Knien nieder; erklärte, er suche Schutz vor König Rother und biete dafür seinen Dienst an.
Konstantin wagte sich nicht, der Bitte zu versagen, den die Fremden beeindruckten durch Pracht und Übermut.
Den zahmen Löwen des Königs Konstantin, der von des Königs Tischen das Brot nahm, warf Alprian an die Wand, dass er zerschmetterte.
Rother verschaffte sich, ganz nach Berchters Rat, mit reichen Spenden großen Anhang.

Da klagte die Königin, dass ihre Tochter dem versagt wurde, der solche Männer vertrieben hatte. Die Tochter wollte den Mann sehen, von dem so viel gesprochen wurde.
Am Pfingstfeste, als sie mit ihren Jungfrauen zu Hofe kam,gelang es ihr nicht wegen dem Gedränge der Gaffer um die Fremden.
Als es in der Kammer still wurde, ging ihre Dienerin Herlind, Rother bescheid zu geben. Er stellte sich scheu, ließt aber seine Goldschmiede schnell zwei silberne Schuhe gießen und zwei goldene. Von jedem Paar schickte er der Königstochter einen, beide für denselben Fuß.
Bald darauf kam Herlind zurück, den rechten Schuh zu holen und den Helden nochmals einzuladen.
Da ging er hin mit zwei Rittern, setzte sich der Jungfrau zu Füßen und zog ihr die Goldschuhe an. Dabei fragte er sie, welcher von ihren vielen Freiern ihr am besten gefalle.
Sie will immer Jungfrau bleiben, wenn Rother nicht der Ihre werde. Da sprach er: „Deine Füße stehen in Rothers Schoß.“
Erschrocken zog sie den Fuß zurück, den sie in eines Königs Schoß gesetzt. Aber sie zweifelte noch.
Sie zu überzeugen, berief er sich auf die gefangenen Boten.

Darauf erbat sie von ihrem Vater, zum Heil ihrer Seele die Gefangenen baden und kleiden zu dürfen.
Zerschunden und verschwollen kamen diese aus dem Kerker. Der graue Berchter sah, wie seine schönen Kinder zugerichtet waren; aber er wagte nicht zu weinen.

Die Gefangenen sprachen untereinander: „Sahst du den Greis da stehen, mit dem schönen Barte, der mich so wunderbar aufmerksam anschaute. Er wandte sich um und rang seine Hände, er wagte nicht zu weinen und zeigte doch die schmerzlichste Gebärde. Wie, wenn der gnädige Gott ein großes Zeichen tun will, daß wir von hinnen kommen? Fürwahr, Bruder, es mag wohl unser Vater sein.“

Als sie darauf an sicherem Orte, wohlgekleidet, bei Tisch saßen, schlich Rother sich mit der Harfe hinter den Vorhang. Ein Leich erklang. Der da gerade trinken wollte, der goß es auf den Tisch; der da gerade Brot schneiden wollte, dem entfiel das Messer. Sinnlos vor Freudes saßen sie und horchten, woher das Spiel komme.
Laut erklang der andere Leich; da sprangen  zwei von ihnen über den Tisch, und grüßen und küssen den mächtigen Harfner.
Die Jungfrau sah nun, dass es König Rother war.

Nun wurden die Gefangenen besser gepflegt; sie wurden frei (ledig) gelassen, als der falsche Dietrich sie verlangte, um Ymelot von Babylon zu bekämpfen, welcher mit großem Heer gegen Konstantinopel heranzog. Nach gewonnener Schlacht wurde Dietrich mit seinenleuten vorangesandt, um den Frauen den Sieg zu verkünden. Er meldete aber, Konstantin sei geschlagen und Ymelot würde kommen, die Stadt zu zerstören. Die Frauen baten ihn, sie zu retten, und er führte sie zu seinen Schiffen.
Als die Königstochter das Schiff bestiegen hatte, stieß er ab; gab sich zu erkennen und fuhr, begleitet von dem Segen der Königin, die ihren Lieblingswunsch erfüllt sah, dass ihre Tochter des gewaltigsten Königs Frau geworden ist, in die Heimat.

Aber Rothers junge Gattin wurde durch einen listigen Spielmann wieder zu ihrem Vater heimgebracht und Rother fuhr mit seinen Mannen wieder nach Konstantinopel,verbarg die Männer  in einem nahen Walde, während er selbst als Pilger verkleidet in die Stadt zog. Dort kamt er gerade noch zur rechten Zeit, um Zeuge zu werden, wie seine Gattin gezwungen wurde, dem Sohn des heidnischen Königs, den er besiegt hatte, die Hand zu reichen. Beim Hochzeitsmahl steckte er ihr einen Ring zu, an dem sie ihn erkannte; aber auch den anderen Anwesenden bleibt er nicht verborgen. Zum Tode verurteilt, wählt er sich selbst die Richtstätte vor gerade dem  Wald, indem die Seinen versteckt lagen. Im entscheidenden Augenblick brachen die Getreuen hervor und richteten ein furchtbares Blutbad unter den Heiden an.
Konstantin demütigte sich vor Rother, und dieser kehrte mit der Gattin und seinen Mannen wieder heim.

Bildquelle: www.atelier-verdande.de
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Vollständig ist der König Rother nur in einer Handschrift erhalten, die aus dem Gebiet des Mittelrheins stammt. Kleine Bruchstücke einer anderen älteren Handschrift weisen nach Bayern. Die Darstellung in dieser ist weniger breit, durch formelhafte Wendungen und Reime nicht so aufgeschwellt und frischer und derber, persönlicher und ursprünglicher. Deshalb glaubt die Forschung mit Recht, daß das Gedicht von Rother von Bayern nach dem Rhein wanderte. Für die bayerische Heimat spricht auch, daß der Dichter bayerische Fürsten etwas aufdringlich rühmt und daß Erinnerungen an den Kreuzzug des Bayernherzogs Welf (1101) in den Teilen des Gedichtes nachklingen, die das Auftreten Rothers am Hof des Konstantin schildern.

Im Rother ist der letzte Teil, die Entführung der jungen Gattin durch einen Spielmann und ihre abermalige Gewinnung durch Rother offenbar der Zusatz eines Spielmanns, der nach Art der Erzähler für das Volk den Stoff wiederholte, an dem die Hörer schon einmal ihre Freude gehabt. Wir kennen auch die Quelle, aus der dieser erweiternde Spielmann schöpfte, es ist die Sage von Salman und Morolf, die eigentliche und bezeichnendste Spielmannsdichtung des Mittelalters. Sie kann sich in der Wiederholung und Variierung von Entführungsgeschichten nicht genug tun und preist dabei natürlich die Listen, Kühnheiten und Genialitäten der Spielleute gebührend. Die Salomonsage kam aus dem Orient ins Abendland und hat durch Vermittlung der Spielleute manche mittelalterliche Dichtung umgestaltet, von den alten Heldendichtungen außer dem König Rother die von Hetel und Hilde.

Die Thidreksaga, die uns die Sage von Rother ebenfalls erzählt, nur daß der Held bei ihr den Namen Osantrix führt, zeigt die angehängte Entführung nicht, die das deutsche Gedicht enthält und steht der urprünglichsten Form der Rothersage also näher.
Der Thidreksaga fehlen auch die Personen  Berchter von Meran und seine Söhne. Auch diese gehören nicht in die Geschichte von Rother, sondern in die des Dietrich von Bern. Berchter stammt aus Meran (d.h. aus Dalmatien und Istrien, das ist in der Sage das Stammland der Goten) und ist dem Hildebrand verwandt, ein im Kampf ergrauter Recke, der dem vertriebenen und geliebten König die Treue hält und ihm gern alles opfert, was er besitzt, auch seinen besten Schatz: seine Söhne.
Da Rother sich als vertriebener König ausgibt, und sich nach dem vertriebenen König der germanischen Heldendichtung, nach Dietrich nennt, lag es nahe, die Gestalt Berchters von Meran und seiner Söhne mit ihm zu verbinden; besonders empfahl sich das für einen Spielmann. Denn durch diese o Einfügung und die mit ihr verbundene, in der damaligen Kunst sehr geliebte Wiedererkennungsszene gewann er die ihm erwünschte Sentimentalität und Rührung für seine Geschichte. Zugleich konnte er durch die Ausmalung von Rothers musikalischen Künsten wirksame Reklame für die eigene Kunst machen. Noch ein anderer König der Germanen, den die Seinen von seinem Erbe vertrieben hatten, hieß Dietrich, es war der fränkische Wolfdietrich. An ihn hat sich, wie wir bald erfahren werden, vor allem die Person Berchters und seiner Söhne gehängt.

In der Thidreksaga verläuft nun die Geschichte von Rother so: Osantrix wirbt um Oda, die Tochter des Königs Milias von Hunnenland. Er schickt zuerst sechs Ritter, die wirft Milias ins Gefängnis; dann schickt er seine Neffen; denen widerfährt das gleiche. Nun kommt er selbst mit seinen Mannen und vier Riesenbrüdern. Er bittet den König Milias um Schutz vor Osantrix, und als dieser ihn dem zu gewähren zaudert, tritt Aspilian, einer der Riesen, vor Wut bis an die Knöchel in die Erde. Einen anderen Riesen Wiedolt hatte man wie im deutschen Rother schon vorher an die Kette legen müssen. Milias erzürnt sich; da schlägt ihn Aspilian mit der Hand nieder, und Osantrix und seine Mannen erschlagen alle, die sie in der Stadt finden, befreien die Gefangenen und lassen sich Oda bringen. Nun folgt die Geschichte mit dem goldenen und silbernen Schuh. Osantrix gibt sich zu erkennen, versöhnt sich mit Milias und führt die Braut heim. Der Bericht, an den die Thidreksaga sich hielt, erzählte anscheinend mit besonderer Genugtuung die Kraftstücke und die Wildheit der riesischen Begleiter. Nachdem wir bei Waltharius ähnliches kennengelernt, dürfen wir vermuten, daß diese Kraftstücke und die Riesen selbst eine Zutat des zehnten Jahrhunderts sind.

Die Heimat der alten Rothersage ist, wie wir schon andeuteten, wahrscheinlich die Lombardei; es gibt nämlich einen longobardi-schen König Rother, und die longobardische Sage von Authari steht der von Rother, wenn wir uns diese ohne Riesen, ohne Berchter und ohne das letzte Anhängsel vorstellen, recht nah. Es ist eine Werbungssage, in welcher der königliche Werber, nachdem er von der Schönheit seiner Braut gehört, selbst vor ihr erscheint, den anderen verheimlicht er, daß er selbst kam, der Jungfrau, die er begehrt, gibt er sich in jugendlicher Tollkühnheit zu erkennen. Das Motiv von dem goldenen und silbernen Schuh ist novellistisch und von den Spielleuten wohl ausgestaltet. Die Szene selbst, in der Rother sich vor der Königstochter enthüllt, trägt sogar noch im deutschen Spielmannsgedicht die Kennzeichen germanischer Kunst und ihres dramatischen Lebens. Da Authari um eine bayerische Königstochter wirbt, so wäre, gibt man die lombardische Heimat des Rother zu, leicht zu verstehen, warum die Sage von den Longobarden zu den Bayern wanderte. In der Lombardei selbst kann sie auch die ersten grotesken Zutaten zu sich genommen haben, denn dies Land war, nachdem seine heimische Kunst verfiel, den Nachfahren der römischen Mimi, den Spielleuten, besonders ausgesetzt; und schon den Peredo führte die lombardische Sage nach Konstantinopel und rühmte ihm wie dem Asprian die Bezwingung eines Löwen nach. Die Geschichte vom Riesen Adelgis ist ja auch longobardisch.
Die Entwicklung des Rother hat sich uns nun so dargestellt: Eine longobardische „Werbungssage aus dem siebenten oder achten Jahrhundert, wohl in Form eines Liedes, war der Anfang. Sie feierte die Kühnheit des königlichen Jünglings und schilderte die Scham und den Stolz der Spielleute, die dann eine Reihe von Riesen in das Gefolge des Königs aufnahmen, die Szene, in der sich der Werber zu erkennen gibt, novellistisch und anmutig ausgestalteten und auch die Vorgeschichte der Werbung aufputzten und bereicherten. Dann wanderte das Gedicht nach Bayern und weiter nach Deutschland nordwärts herauf, dabei änderten sich seine Namen. In dieser Gestalt etwa bringt es uns die Thidreksaga. In Bayern aber erweiterte es sich, wiederum die Spielleute dehnten es, sie fügen den Bercher hinzu und verdoppeln mit Hilfe der Salomonsage die Entführung der Frau. So vollendete sich das deutsche Spielmannsgedicht von König Rother. Viel Germanisches ist auch dieser Dichtung nicht geblieben; sie ist ganz und gar Eigentum der Spielleute geworden. Aber sie ist in ihrer Art wiederum ein Beispiel, wieviel Erzählungsstoff auch in den alten germanischen Heldenliedern schlummerte, und wie dieser, wenn nur die Leute ihn erkannten, die das Erzählen um des Erzählens willen betreiben, aufleben und sich vertreiben kann. In Werbungs- und Entführungssagen haben dann ja gerade die Spielleute geschwelgt und sie allzugern wiederholt und vervielfältigt. Wieviel fremde, antike und orientalische Zutaten sie aber auch ausschmückend hinzufügten, den Anfang und den Grund dieser Werbungsgeschichten zeigt doch die germanische Heldendichtung.

Quelle: Heldensagen, Genf 1996

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