Erzählung der Woche 25/2009


Wolfgang Borchert

Gottes Auge

Sein Großvater ist gestorben, an diesem Tag, wo es zum Mittagessen Kabljau gibt, und der Junge mit dem Auge des Fischs auf seinem Teller herumspielt. Der Fisch spüre das doch nicht mehr, er sei schließlich tot. Doch die Mutter versucht ihm zu erklären, mit einem Auge spiele man nicht. Das Auge habe der liebe Gott genauso gemacht wie sein eigenes.

„Du bist das Auge vom lieben Gott?“ flüstert der Junge, als die Mutter ihm allein läßt. „Dann kannst du wohl auch sagen, warum Großvater heute mit einmal tot ist. Sag das, du!“ Doch das Auge sagt nichts, wie sehr es der Junge auch versucht, zu erfahren, ob der Großvater doch noch einmal wiederkomme. Da stößt der Junge den Teller wütend von sich und das Auge rollt auf den Boden.

„Gottes Auge lag auf der Erde. Aber es sagte nichts. Ich sah noch einmal hin. Nein, Nichts. Ich stand auf. Ich stand langsam auf, um Gott Zeit zu lassen. Ganz langsam ging ich zur Küchentür. Ich faßte nach dem Türgriff. Ich drückte ihn langsam herunter. Mit dem Rücken zum Auge wartete ich so noch einen langen langen Augenblick an der Küchentür. Es kam keine Antwort. Gott sagte nichts. Da ging ich, ohne mich nach dem Auge umzusehen, laut aus der Tür.“

surreal

für die Woche 24/2009 erzählt


Die Katze von Hameln

von Claudia Sperlich

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Vor hunderten von Jahren, als noch Aberglauben, Feuer und Schwert regierten, lebte in Hameln ein Volk von Katzen. Sie gaben den Menschen Wärme in kalten Winternächten, hielten ihre Scheuern von Mäusen und ihre Kehrichthaufen von Ratten frei, ließen sich streicheln und schnurrten die Kinder in den Schlaf.

Eines Tages aber kam ein Fremder nach Hameln, der schön aussah und gewandt redete. Er erklärte den Menschen, die Katzen seien das fleischgewordene Böse, Feinde Gottes, Gehilfen des Teufels. So seien ja in zwei Familien, die Katzen hielten, die Kinder krank zur Welt gekommen, eines lahm, das andere taub. Auch seien die Mißernte im vorigen Jahr, der Hagelschlag in diesem und der Tod einer Wöchnerin vor wenigen Tagen deutlich auf die Anwesenheit so vieler Katzen zurückzuführen. Er nun meine es gut mit den Bürgern von Hameln und wolle ihnen gegen ein geringes Entgelt helfen, die Plage loszuwerden.

So sprach der Fremde, und die Bürger von Hameln horchten. In den folgenden Tagen zog er durch die Stadt und belehrte jedes Haus, wie man der Katzen Herr werden könne. Eine Woche später wurde er großzügig belohnt und ging seiner Wege. Die Bürger von Hameln aber fingen damit an, alle Kätzchen in einem Teich vor der Stadt zu ersäufen, und der Bürgermeister ordnete an, man dürfe diesen Teich Jahr und Tag nicht mehr befischen, um nicht das Böse über die Fische aufzunehmen. Dann wurden die Katzen und Kater aus Häusern und Höfen mit Milch und Leckereien angelockt und erschlagen, und um ganz sicher zu gehen, verbrannte man die Leichname in einem großen Feuer auf dem Richtplatz. Schließlich wurden die wildlebenden Katzen mit Steinschleudern halbtot geschmissen und ebenfalls verbrannt, und das Geschrei der Gequälten schien den Leuten ein Ruf aus der Hölle. Die wenigen Katzen, die dem Massaker entkommen waren, ließen sich in der Gegend von Hameln nicht mehr blicken.

Nur eine graugetigerte Katze hatte überlebt und blieb.

Der beißende Qualm des Scheiterhaufens war verflogen, die Fische im Teich vor der Stadt waren fett geworden, und keine Katze war mehr zu sehen. Da huschten die Mäuse durch jede Scheune, und die Ratten bevölkerten die dunklen Gassen und sahen neugierig nach den Bauernmägden, die den Mist karrten. Alle Getreidesäcke wurden aufgebissen, und durch die Milchkammer führten winzige fettige Spuren. Die Ratten bissen die Kinder in der Wiege und kletterten an die aufgehängten Würste und Speckseiten, und was die Mäuse vom Mehl übrigließen, war mit schwarzen Körnchen verunreinigt. Die Nager wurden täglich fetter und frecher, und wenn man einen erschlug, wurden hundert geboren. Gelegentlich fand man in Mehlsäcken oder Speisekammern ein an Gicht oder fettem Herzen verendetes Tier, aber man konnte sicher sein, daß es wenigstens dreihundert Kinder und Enkel hinterließ. Die Menschen hungerten und ekelten sich doch vor dem benagten und verschmutzten Essen.

Die graugetigerte Katze aber wurde groß und wohlgenährt.

Wenn die Not am größten ist, ist die Rettung am nächsten, denn wenn keine Rettung käme, wüchse die Not noch und wäre dann nicht am größten gewesen. So kam eines Tages ein Fremder nach Hameln, der schön und gesund aussah und in knappen Worten darlegte, er wisse ein untrügliches Mittel gegen Ratten und Mäuse, es habe aber einen gewissen Preis. Die Bürger von Hameln in ihrer Not willigten ein, jeden geforderten Preis zu zahlen, und der Fremde spielte auf einer Flöte eine Melodie, die an das Pfeifen und Quietschen der Nager erinnerte und doch schön und anziehend klang. Ströme fetter Ratten und Mäuse folgten dem Flötenspieler. Der zog vor die Stadt, an die Weser, und ging tänzelnd und spielend in den Fluß bis zu den Hüften. Die Tiere folgten ihm alle und ersoffen.

Die graugetigerte Katze saß in ihrem Versteck und sah den Nagern wehmütig hinterher.

Die Bürger von Hameln hatten aber nach all der Not kein Geld mehr und konnten oder wollten den Fremden nicht bezahlen. Der hatte bei aller Klugheit keinen schriftlichen Vertrag gemacht und konnte das Geld nicht einklagen, und so versuchte er es zunächst mit Drohungen. Als er daraufhin nur ausgelacht wurde, ging er davon, übernachtete vor der Stadt auf freiem Feld und kam am nächsten Morgen wieder, als die meisten Erwachsenen arbeiteten. Diesmal spielte er eine Melodie, die klang süß wie Bonbons und wie Tanzspiele im Sommer, und ein Rattenschwanz von Kindern lief ihm nach, tänzelnd und lachend.

Als die Eltern heimkehrten, erzählten ihnen das taube und das lahme Kind, was geschehen war, so weit sie es hatten verfolgen können. Man durchsuchte noch tagelang die Gegend um Hameln, aber die Kinder und den Fremden sah man nie wieder.

Die graugestreifte Katze räkelte sich, buckelte, gähnte und lief träge die Treppe des Glockenturmes herunter. Nie wieder Glocken, dachte sie. Viel zu laut. Und nie wieder Kinder. Nie wieder am Schwanz gezogen werden oder mit Steinen beworfen. Nie wieder Asseln und Spinnen. Dann schritt sie zwischen den weinenden Menschen hindurch in die Milchkammer des letzten reichen Bauern von Hameln.

graukatz

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Gedicht der Woche 24/2009


folgedemHerz

Wieder zurück

Kaum zu glauben

ich bin begeistert

es ist wahr:

eine gigantische Sonne

hakt sich silberglänzend in die Pappel

vor meinem Haus

drängt sich durch das Fenster

über meinem Schreibtisch

nicht zu übersehen

sie ist retour gekommen

ich kann auf sie zählen

auf sie bauen

mit ihrer Leidenschaft leben

und Lichtflut bringt sie

erneut in meine Tage

Lebensfreude

© Thomas Mentzel

(Für Nora S.)

Amphitheater, ein Hexenkessel in Berlin


klick: Mirandolina von Goldoni ,

Spielzeit Di – Sa 19.30 Uhr

Die Aufführung ist eine Lektion über die Freude am Widerspruch und die Wonnen des Unterschieds. Und zugleich ein demokratischer Streich: Nicht der Direttore (Christian Schulz), der Marchese (Carsta Zimmermann) oder der Conte (Thorsten Junge) bekommen am Ende die Schöne, sondern der schelmische Diener Fabrizio (Vlad Chiriac), mit dem Mirandolina die Herkunft teilt. Wicki Kalaitzi, zum ersten Mal im Ensemble, gibt ihrer Mirandolina südliches Temperament und ewig weiblichen Charme. In Andreas Köhlers Cavaliere hat sie einen idealen Partner. Seine Verwandlung vom Frauenhasser zum völlig ergebenen Liebhaber bildet das sehenswerte dramaturgische Rückgrat der Aufführung. Vor der südländischen Kulisse des Gasthauses „Bar Mirandolina“ (Bühne: David Regehr) vervollständigen Ina Gercke als Dejanira und Rebekka Köbernick als Ortensia mit Gesangseinlagen, Tanznummern und Auftritten in Weinfässern das Ensemble.

„Ganz große, hinreißend witzige Schauspielkunst“
(Frank Dietschreit, RBB Kulturradio)

„Aber so was von unbedingt reingehen. Große italienische Gefühle, geistreiche Wortduelleund komödiantische Artistik“
(Verena Klein, RBB Radio Eins)

„Liebe gewinnt, Frechheit siegt. Das ganze Theater ist verführerisch.“
(Lucía Tirado, ND)

Preise: Di Theatertag 12€ Mi/Do 15/12€ Fr/Sa 18/15€

klick: George Dandin oder der bestürzte Ehemann

von Moliére bis 27. Juni Di – Sa 21.30 Uhr

Lazzo Mortale spielt einen furiosen Abend voll tempramentvoller Spiellust und mitreißender Lieder und vielen komödiantischen Einfällen.

Das Stück, Ergebnis des Aufeinandertreffens der französischen Tradition der Farce und der Tradition der italienischen Commedia dell‘ Arte, ist eine böse, geradlinige Komödie mit dem Tiefgang einer Tragödie. In der Fassung, die Fortuzzi gemeinsam mit Winni Victor erstellte, wird die Unausweichlichkeit des Untergangs Dandins, eines reichen Bauern, der seine hübsche, junge Frau deren adligen armen Eltern abgekauft hat, durch regelmäßige Einschübe des Schicksals betont. Dante Borsettos von ihm selbst live gespielte Musik, die den Abend mit Akkordeonklängen prägt und strukturiert, verleiht der Aufführung zusätzlichen improvisatorischen Charakter.

Die Vorstellung aber wird von Alberto Fortuzzi getragen. In nahezu jeder Szene präsent, gelingt es ihm, George Dandin bis zuletzt zwischen dem unverbesserlichen Dummen, dem kein Mitleid zuteil werden kann, und der tragischen Gestalt eines Missverstandenen schillern zu lassen. Ein komödiantischer Drahtseilakt am Rande menschlicher Abgründe.

Preise: Di Theatertag 10€ Mi/Do 12/10€ Fr/Sa 15/12€

In Planung

Shakespeare „Der Sturm“ ab 4. Juli,
Turbine William wie die Birne immer sonntags ab 12. Juli

Sommerliche Abende mit dem hexenkessel-Hoftheater, ein bleibendes Erlebnis!

Tickets 030 47 99 74 41 , direkt am Amphitheater Kasse täglich von 13-18 Uhr geöffnet oder in unserem Webshop.

Abendkasse öffnet eine Stunde vor Vorstellungsbeginn

http://www.amphitheater-berlin.de http://www.hexenkessel-hoftheater.de