für die Woche 24/2009 erzählt


Die Katze von Hameln

von Claudia Sperlich

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Vor hunderten von Jahren, als noch Aberglauben, Feuer und Schwert regierten, lebte in Hameln ein Volk von Katzen. Sie gaben den Menschen Wärme in kalten Winternächten, hielten ihre Scheuern von Mäusen und ihre Kehrichthaufen von Ratten frei, ließen sich streicheln und schnurrten die Kinder in den Schlaf.

Eines Tages aber kam ein Fremder nach Hameln, der schön aussah und gewandt redete. Er erklärte den Menschen, die Katzen seien das fleischgewordene Böse, Feinde Gottes, Gehilfen des Teufels. So seien ja in zwei Familien, die Katzen hielten, die Kinder krank zur Welt gekommen, eines lahm, das andere taub. Auch seien die Mißernte im vorigen Jahr, der Hagelschlag in diesem und der Tod einer Wöchnerin vor wenigen Tagen deutlich auf die Anwesenheit so vieler Katzen zurückzuführen. Er nun meine es gut mit den Bürgern von Hameln und wolle ihnen gegen ein geringes Entgelt helfen, die Plage loszuwerden.

So sprach der Fremde, und die Bürger von Hameln horchten. In den folgenden Tagen zog er durch die Stadt und belehrte jedes Haus, wie man der Katzen Herr werden könne. Eine Woche später wurde er großzügig belohnt und ging seiner Wege. Die Bürger von Hameln aber fingen damit an, alle Kätzchen in einem Teich vor der Stadt zu ersäufen, und der Bürgermeister ordnete an, man dürfe diesen Teich Jahr und Tag nicht mehr befischen, um nicht das Böse über die Fische aufzunehmen. Dann wurden die Katzen und Kater aus Häusern und Höfen mit Milch und Leckereien angelockt und erschlagen, und um ganz sicher zu gehen, verbrannte man die Leichname in einem großen Feuer auf dem Richtplatz. Schließlich wurden die wildlebenden Katzen mit Steinschleudern halbtot geschmissen und ebenfalls verbrannt, und das Geschrei der Gequälten schien den Leuten ein Ruf aus der Hölle. Die wenigen Katzen, die dem Massaker entkommen waren, ließen sich in der Gegend von Hameln nicht mehr blicken.

Nur eine graugetigerte Katze hatte überlebt und blieb.

Der beißende Qualm des Scheiterhaufens war verflogen, die Fische im Teich vor der Stadt waren fett geworden, und keine Katze war mehr zu sehen. Da huschten die Mäuse durch jede Scheune, und die Ratten bevölkerten die dunklen Gassen und sahen neugierig nach den Bauernmägden, die den Mist karrten. Alle Getreidesäcke wurden aufgebissen, und durch die Milchkammer führten winzige fettige Spuren. Die Ratten bissen die Kinder in der Wiege und kletterten an die aufgehängten Würste und Speckseiten, und was die Mäuse vom Mehl übrigließen, war mit schwarzen Körnchen verunreinigt. Die Nager wurden täglich fetter und frecher, und wenn man einen erschlug, wurden hundert geboren. Gelegentlich fand man in Mehlsäcken oder Speisekammern ein an Gicht oder fettem Herzen verendetes Tier, aber man konnte sicher sein, daß es wenigstens dreihundert Kinder und Enkel hinterließ. Die Menschen hungerten und ekelten sich doch vor dem benagten und verschmutzten Essen.

Die graugetigerte Katze aber wurde groß und wohlgenährt.

Wenn die Not am größten ist, ist die Rettung am nächsten, denn wenn keine Rettung käme, wüchse die Not noch und wäre dann nicht am größten gewesen. So kam eines Tages ein Fremder nach Hameln, der schön und gesund aussah und in knappen Worten darlegte, er wisse ein untrügliches Mittel gegen Ratten und Mäuse, es habe aber einen gewissen Preis. Die Bürger von Hameln in ihrer Not willigten ein, jeden geforderten Preis zu zahlen, und der Fremde spielte auf einer Flöte eine Melodie, die an das Pfeifen und Quietschen der Nager erinnerte und doch schön und anziehend klang. Ströme fetter Ratten und Mäuse folgten dem Flötenspieler. Der zog vor die Stadt, an die Weser, und ging tänzelnd und spielend in den Fluß bis zu den Hüften. Die Tiere folgten ihm alle und ersoffen.

Die graugetigerte Katze saß in ihrem Versteck und sah den Nagern wehmütig hinterher.

Die Bürger von Hameln hatten aber nach all der Not kein Geld mehr und konnten oder wollten den Fremden nicht bezahlen. Der hatte bei aller Klugheit keinen schriftlichen Vertrag gemacht und konnte das Geld nicht einklagen, und so versuchte er es zunächst mit Drohungen. Als er daraufhin nur ausgelacht wurde, ging er davon, übernachtete vor der Stadt auf freiem Feld und kam am nächsten Morgen wieder, als die meisten Erwachsenen arbeiteten. Diesmal spielte er eine Melodie, die klang süß wie Bonbons und wie Tanzspiele im Sommer, und ein Rattenschwanz von Kindern lief ihm nach, tänzelnd und lachend.

Als die Eltern heimkehrten, erzählten ihnen das taube und das lahme Kind, was geschehen war, so weit sie es hatten verfolgen können. Man durchsuchte noch tagelang die Gegend um Hameln, aber die Kinder und den Fremden sah man nie wieder.

Die graugestreifte Katze räkelte sich, buckelte, gähnte und lief träge die Treppe des Glockenturmes herunter. Nie wieder Glocken, dachte sie. Viel zu laut. Und nie wieder Kinder. Nie wieder am Schwanz gezogen werden oder mit Steinen beworfen. Nie wieder Asseln und Spinnen. Dann schritt sie zwischen den weinenden Menschen hindurch in die Milchkammer des letzten reichen Bauern von Hameln.

graukatz

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2 Kommentare zu „für die Woche 24/2009 erzählt

  1. Eine schön erzählte Fassung vom Rattenfänger, die habe ich sehr interessiert gelesen.
    Wenn die Not am größten ist, ist die Rettung am nächsten, denn wenn keine Rettung käme, wüchse die Not noch und wäre dann nicht am größten gewesen. Wie wahr, schön gesagt!
    Das man den Katzen eine Nähe zum Teufel nachsagte, war mir bekannt.Ich dachte eigentlich immer, das wären nur einzelne Abneigungen, dass die Tiere so verfolgt wurden, wie aus den Verlinkungen von Bettina zu sehen ist, war mir doch nicht bewußt. Da meldet sich mein katzenfreundliches Herz gleich und ich bekomme ein schlechtes Gewissen, weil mir wohl bewußt ist, dass Menschen verbrannt wurden und ich mich an diesen Gedanken schon irgendwie gewöhnt habe, da ein Hinweis darauf mich nicht mehr so erschüttert.
    Das mit den Katzen war mir neu, wenn ich erfahre, dass jetzt irgendwo ein Mensch getötet wurde berührt es mich schon.

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