für die Woche 22/2009 erzählt


Der Puderpinsel

Marlis David

Prüfend betrachte ich mein Gesicht im Spiegel. Langsam, bedächtig ergreife ich meinen Puderpinsel und stäube einen matten Schimmer auf mein Gesicht.

Der Puderpinsel liegt schwer in meiner Hand. Der Griff ist aus einer – Delfter Fayence. Er schimmert in einem wunderschönen, dunklen Blau. Auf dem hellglasierten Keramikuntergrund ist ein ostasiatisches Motiv, alles in dunkelblau, abgebildet.

Hat Alex mir damals vor fünfzehn Jahren aus Delft, als er geschäftlich nach Amsterdam musste, mitgebracht, geht es mir durch den Kopf. Er hat das edle Stück direkt in der Manufaktur erworben, wie er mir damals überaus begeistert mitteilte.

Vor fünfzehn Jahren … ganz langsam, lang gezogen, wiederhole ich die Worte, betrachte dabei nachdenklich mein Gesicht. Wie schnell die Zeit verrinnt, viel zu schnell, sinniere ich.

Der Puderpinsel, immer noch in meiner Hand, wird mir langsam zu schwer. Ganz bewusst drehe und wende ich ihn, betrachte ihn aufmerksam und stelle fest, dass ich ihn liebe und auf keinen Fall missen möchte. Eine liebgewonnene Gewohnheit und Erinnerung an Alex.

Er hat mich damals, vor dreizehn Jahren zutiefst verletzt, gekränkt und gedemütigt. In meinem unbändigen Zorn, in meiner verzweifelten Wut habe ich alles, was mich an ihn erinnerte, aus meinem Blickfeld verbannt. Heute gibt es nichts mehr, nicht ein einziges Foto von ihm. Nur den Puderpinsel aus Delft, den habe ich behalten.

Sie war zwanzig Jahre jünger als ich und er hatte nur noch Augen für sie, war ihr vollkommen hörig.

Nach vier Jahren holte ihn der Alltag auf den Boden der Tatsachen zurück. Er wollte wieder zu mir. Doch meine Tür war bei seinem Auszug für immer zugefallen.

Wie wird es in weiteren fünfzehn Jahren sein? Dann habe ich das achtzigste Lebensjahr bereits überschritten, dann benötige ich ihn sicher nicht mehr, denke ich fast ein wenig wehmütig. Wird ihn jemand in die Mülltonne werfen, wenn ich gestorben bin? – Oder findet er noch ein neues Gesicht?

Ich beginne vor dem Spiegel Grimassen zu schneiden, um meine vorhandenen Falten um einiges zu vertiefen. Wie sehe ich mit achtzig Jahren aus? Sollte ich doch noch leben …

Diese Frage beschäftigt mich jetzt intensiv und meine Vorstellungskraft nimmt groteske Formen an.

Der Hals wird auf jeden Fall schlaffer sein, noch tiefer hängen; hoffentlich kein Putenhals, denke ich spontan. Die Augenlider bedecken vielleicht zur Hälfte die Augen, wie man es bei müden Hühnern oftmals sieht, werden zu Schlupflidern. Die Haut wird erschlaffen, die Spannkraft lässt nach, alles wird runzlig sein. Meine Haare, falls noch welche vorhanden sein sollten, sind dann sicher ganz weiß. Aber die Augen, die bleiben wie sie sind, daran werde ich noch zu erkennen sein. Es sei denn … eine starke Brille verändert natürlich auch die Augen, denke ich erschrocken.

Ich erforsche mein Gesicht, taxiere jede Falte um dann zufrieden festzustellen, dass sich doch in all den Jahren, durch so manche schmerzliche, aber auch freudige Erfahrung, leichte Runen in mein Gesicht gegraben haben. Ich glaube, jede Falte hat ihre eigene Geschichte.

Die Zeit mag ja die Wunden heilen, aber irgendwo hinterlässt Freud und Leid seine Spuren.

Der Krieg, der Hunger, Vaters Tod an der Front in Russland, Mutters schmerzliches, langes Sterben. Aber am schlimmsten, meine kleine Jenny, die nur neun Jahre alt werden durfte. Immer, ja immer wieder habe ich mit dem Schicksal gehadert … gefragt, warum sie? Warum hat man sie mir durch diesen Unfall genommen? Eine Antwort habe ich nie gefunden.

Im Alter kommt man mit sich selbst ins Reine, man fängt an alles Wichtige vom Unwichtigen zu trennen.

Die Quintessenz meiner Gedanken: Ich fasse einen wichtigen Entschluss. Ich werde meinen lieb gewonnenen Puderpinsel später einmal verschenken. Dann weiß ich wenigstens, wem er vielleicht die gleiche Freude bereiten wird wie mir.

Die Erkenntnis, dass alles doch sehr vergänglich ist, macht mich im Kopf unendlich frei.

Ich beschließe, die nächsten fünfzehn Jahre, so sie mir vergönnt sein mögen, nichts mehr zu verkleistern, sondern ohne jede Paste auszukommen. Und ich hoffe, es mögen nur noch weitere Falten hinzukommen, die wirklich spannende Geschichten erzählen können.

Puderpinsel

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