für die Woche 19/2009 erzählt


Gustav Meyrink

Wie Dr. Hiob Paupersum seiner Tochter rote Rosen schenkte


In vorgerückter Nachtstunde saß in dem bekannten Münchener Prunkcafé „Stefanie“, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von höchst bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbständig gewordene Krawatte, sowie die mächtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn verrieten den bedeutenden Gelehrten.

Außer einem silbernen schütteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmäßig ein Knopf zu fehlen pflegt, besaß der alte Herr nur wenig Nennenswertes an irdischen Gütern.

Genau genommen eigentlich gar nichts mehr.

Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als plötzlich der bezwickerte weltmännisch gekleidete Gast mit dem gewichsten schwarzen Schnurrbart, der bislang an dem Tisch in der Ecke schräg gegenüber ein Stück kalten Lachs bissenweise mit dem Messer zum Munde geführt (wobei ein kirschgroßer Brillant an dem elegant weggestreckten kleinen Finger jedesmal prächtig aufblitzte) und zwischendurch forschend gestielte Blicke herübergeworfen hatte, sich mundwischend erhob, das fast menschenleere Zimmer durchmaß, sich vor ihm verbeugte und fragte:

„Ist dem Herrn eine Partie Schach gefällig? — Vielleicht um eine Mark die Partie?“

Farbenglühende Phantasmagorien von Schwelgerei und Üppigkeit aller Art taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch während sein Herz entzückt raunte: „Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt“, herrschten bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um gewohnheitsmäßig an den elektrischen Glühbirnen eine Reihe umfassender Beleuchtungsstörungen einzuleiten: „Julius, ein Schachbrett.“

„Wenn ich nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn Dr. Paupersum?“ — begann der Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gespräch.

„Hiob — ja, hm, ja — Hiob Paupersum“, bestätigte der Gelehrte zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht des Mordssmaragden, der, ein Automobillaternchen darstellend, als Schlipsnadel die Gurgel seines Gegenübers verzierte. Erst das Erscheinen des Schachbrettes löste seine Verzauberung; dann aber waren im Nu die Figuren aufgestellt, die lockern Köpfe der Rössel mit Spucke befestigt und der fehlende Turm durch ein geknicktes Streichholz ersetzt.

Nach dem dritten Zuge entzwickerte sich der Weltmann, nahm eine verkrampfte Stellung an und versank in dumpfes Brüten.

„Er scheint den dümmsten Zug auf dem Brett herausfinden zu wollen — ich wüßte nicht, weshalb er sonst so lange nachdächte!“ murmelte der Gelehrte und stierte dabei geistesabwesend die schweinfurtergrünseidene Dame — das einzige Lebewesen im Zimmer außer ihm und dem Weltmann — an, die ruhevoll wie die Göttin auf dem Titelkopf von „Über Land und Meer“ auf dem Wandsofa thronte, vor sich einen Teller Schaumrollen, und das kühle Frauenherz mit hundertpfündigem Speck umpanzert.

„Ich geb’s auf“, meldete sich endlich der Herr mit der edelsteinernen Automobillaterne, schob die Schachfiguren zusammen, entnahm seiner Rippengegend ein güldenes Futteral, fischte eine Visitenkarte heraus und reichte sie dem Gelehrten. Dr. Paupersum las:

Zenon Sawaniewski
Impressario für Monstrositäten.

„Hm. Tja. Hm — für Monstrositäten, hm — für Monstrositäten“, wiederholte er eine Weile verständnislos. „Aber gedenken Sie nicht noch ein paar Partien zu spielen?“ fragte er dann laut, den Sinn auf Kapitalvermehrung gerichtet.

„Gewiß. Natürlich. Soviel Sie wünschen“, sagte der Weltmann höflich, „aber wollen wir nicht vorerst von etwas Einträglicherem sprechen?“

„Von etwas noch — noch Einträglicherem?“ fuhr es dem Gelehrten heraus, und leise Falten des Mißtrauens legten sich um seine Augenwinkel.

„Ich habe zufällig gehört“, begann der Impressario und bestellte bei dem Kellner durch plastische Handbewegungen eine Flasche Wein und ein Glas, „ganz zufällig, daß Sie trotz Ihres großen Rufes als Leuchte der Wissenschaft zur Zeit keine feste Anstellung haben?“ — „Doch. Ich wickle tagsüber Liebesgaben ein und versehe sie mit Postwertzeichen.“

„Und das ernährt Sie?“

„Nur insofern, als durch das damit verbundene Ablecken der Briefmarken meinem Organismus eine gewisse Menge von Kohlehydraten zugeführt wird.“

„Ja warum verwerten Sie denn nicht lieber Ihre Sprachkenntnisse? Zum Beispiel als Dolmetscher in einem Gefangenenlager?“

„Weil ich nur Altkoreanisch, dann die spanischen Mundarten, ferner Urdu, drei Eskimosprachen und ein paar Dutzend Suahelinegerdialekte gelernt habe und wir mit diesen Völkerschaften vorläufig leider noch nicht verfeindet sind.“

„Sie hätten eben statt dessen Französisch, Russisch, Englisch und Serbisch lernen sollen“, brummte der Impressario.

„Dann wäre natürlich mit den Eskimos und nicht mit den Franzosen der Krieg ausgebrochen“, wendete der Gelehrte ein.

„So? Hm.“

„Ja, ja, lieber Herr, da gibt’s nichts zu hmen; es ist leider so.“

„Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, hätte es mit Abhandlungen über den Krieg bei irgendeiner Zeitung versucht. So ganz vom Schreibtisch aus. Erfundenes Zeug selbstredend, nichts sonst.“

„Hab ich doch“, klagte der Greis, „Frontberichte, knapp sachlich, erschütternd einfach gehalten in der Schilderung, aber — –“

„Mensch, Sie sind toll“, fuhr der Impressario auf. „Frontberichte knapp gehalten? Frontberichte schreibt man im Gemsjägerstil! Sie hätten …“

Der Gelehrte wehrte müde ab: „Ich habe alles Menschenmögliche im Leben versucht. Als ich für mein Buch, eine vierbändige populäre Erschöpfung des Stoffes: ‚Über den vermutlichen Gebrauch des Streusandes im vorgeschichtlichen China‘ keinen Verleger finden konnte, warf ich mich auf Chemie“ — der Gelehrte wurde beim bloßen Zusehen, wie der andere Wein trank, redseliger — „machte alsbald eine Erfindung, ‚Stahl auf neue Art zu härten‘ …“

„Na, aber das hätte doch Geld tragen müssen!“ rief der Impressario.

„Nein. Ein Fabrikant, dem ich die Erfindung zeigte, riet mir ab, sie patentieren zu lassen (er patentierte sie später für sich selbst) und meinte, Geld könne man nur mit kleinen unscheinbaren Erfindungen verdienen, die den Neid der Konkurrenz nicht erwecken. Ich befolgte den Rat und erfand den berühmten zusammenlegbaren Konfirmationsbecher mit selbsttätig aufwärtssteigendem Boden, um den Methodistenkomissionären das Bekehren wilder Völkerschaften zu erleichtern.“

„Nun und?“

„Ich bekam zwei Jahre Kerker wegen Gotteslästerung.“

„Fahren Sie fort, Herr Doktor“, munterte der Weltmann den Gelehrten auf, „das ist alles ungemein amüsant.“

„Ach, ich könnte Ihnen tagelang von fehlgeschlagenen Hoffnungen erzählen. — So machte ich zum Beispiel, um ein gewisses Stipendium, das ein bekannter Förderer der Wissenschaft ausgesetzt hatte, zu erlangen, mehrjährige Studien im Völkermuseum und schrieb ein aufsehenerregendes Buch: ‚Wie, nach der Gaumenbildung bei peruanischen Mumien zu schließen, die alten Inkas mutmaßlich den Namen Huitzitopochtli ausgesprochen haben würden, wenn dieses Wort nicht in Mexiko, sondern in Peru bekannt gewesen wäre.'“

„Und haben Sie das Stipendium bekommen?“

„Nein. Der bekannte Förderer der Wissenschaft sagte mir — es war damals vor dem Kriege — er habe zurzeit kein Geld, er sei nebenbei Friedensfreund und müsse sparen, da es vor allem gelte, die guten Beziehungen Deutschlands zu Frankreich zum Zwecke der Erhaltung der allgemeinen mühsam geschaffenen Menschheitswerte und -werke zu befestigen.“

„Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!“

Nein. Der Förderer sagte, jetzt müsse er vor allem sparen, um auch seinerseits ein Scherflein beizutragen, auf daß der Erbfeind für alle Zeiten niedergeworfen werde.“

„Nun, nach dem Kriege blüht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!“

„Nein. Dann wird der Förderer sagen, erst recht müsse er sparen, damit die zahllosen zerstörten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und die abgebrochenen guten Beziehungen der Völker aufs neue hergestellt werden können.“ —

Der Impressario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig: „Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?“

„Erschossen? Um Geld zu verdienen?“

„No nein; ich meine — nun, hm — ich meine halt, es ist bewundernswert, daß Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder vorn den Kampf mit dem Leben zu beginnen?“

Der Gelehrte wurde plötzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr gewesen war wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ängstliches, flackerndes Leben.

Über die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem Abgrund stehen — hinter sich den Verfolger — bevor sie sich in die Tiefe stürzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hände zu fallen, ein ähnlich irrer Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflügel zum Munde läuft, war mit einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als kämpfe er mit einer Lähmung. Er schluckte ein paarmal.

„Ich weiß jetzt alles“, kam es dann mühsam heraus, wie bei einem, der sich gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, „ich weiß schon, Sie sind ein Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefürchtet, mit so einem zusammenzutreffen.“ (Der Weltmann bemühte sich vergebens, zu Worte zu kommen, und protestierte mit Händen und Mienen.) „Ich weiß schon: Sie wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen und dann irgendwie umbringen, damit — nun ja, damit mein Kind wenigstens leben kann und nicht mit mir verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie denn, ich wüßte nicht, daß einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt unsichtbare Gänge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist — ob ein Kind geboren wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder eine gefahrvolle Reise plant. Ihr führt Buch über uns und verschachert einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrißt schon ein Jahrzehnt lang. — Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niederträchtiger Egoist, daß ich mich nicht schon längst versichert und erschossen hätte meiner Tochter zuliebe — aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns betrügen wollt und eure eigene Anstalt betrügt, nach rechts betrügt und links, untern Fuß zu bekommen, wie man’s machen soll, damit nichts herauskommt?! Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ihr dann, wenn’s — vorbei ist, hinlauft und verratet — wiederum gegen ‚Provision‘: Hier liegt Selbstmord vor, die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden! — — Glauben Sie, ich sähe nicht — so, wie’s jeder sieht –, wie die Hände meiner lieben Tochter immer weißer und durchsichtiger werden von Tag zu Tag, und verstünde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige Lippen und Hüsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wäre wie euresgleichen, hätte ich, um Arznei und kräftige Nahrung zu schaffen, schon längst –, aber ich weiß doch, wie’s dann käme: das Geld würde nie ausbezahlt, und — und dann –, nein, nein, es ist nicht auszudenken!“

Wieder wollte der Impressario unterbrechen, um den Verdacht, er sei Versicherungsagent, zu entkräften, getraute sich aber nicht, denn der Gelehrte ballte drohend die Faust.

„Ich muß immerhin noch einen andern Weg zur Hilfe in Erwägung ziehen“, beendete halblaut nach längerem unverständlichem Gebärdenspiel Dr. Paupersum irgendeinen offenbar nur gedachten Satz, „das — das mit den Ambraser Riesen.“

„Ambraser Riesen! Donnerkeil, da sind Sie ja plötzlich bei meinem Thema. Das ist’s doch, was ich von Ihnen wissen möchte!“ Der Impressario ließ sich nicht mehr halten: „Wie verhält sich das mit den Ambraser Riesen? Ich weiß, Sie haben einmal einen Aufsatz darüber geschrieben. Aber warum trinken Sie denn nicht, Herr Doktor?! Julius, rasch noch ein Weinglas!“

Sofort war Dr. Paupersum wieder ganz Gelehrter.

„Die Ambraser Riesen“, erzählte er trocken, „waren mißgestaltete Menschen mit ungeheuern Händen und Füßen, und ihr Vorkommen beschränkte sich ausschließlich auf das Tiroler Dorf Ambras, was zu der Vermutung Anlaß gab, es müsse sich dabei um eine seltene Krankheitsform handeln, deren Erreger an Ort und Stelle zu suchen sei, da er anderwärts offenbar keinen Nährboden finden könne. Ich aber war der allererste, der nachgewiesen hat, daß der gewisse Krankheitserreger im Wasser einer dortigen, inzwischen nahezu versiegten Quelle zu suchen ist, und gewisse Versuche, die ich in dieser Richtung machte, berechtigten mich, den Beweis an mir selbst in der Weise anzubieten, daß ich mich anheischig machen kann, nötigenfalls bereits in wenigen Monaten — trotz meines vorgeschrittenen Alters — an meinem eigenen Körper derartige und noch weit darüber hinausgehende Mißwachserscheinungen herbeizuführen.“

„Welcher Art zum Beispiel?“ fragte der Impressario gespannt.

„Mein Nase würde sich fraglos um eine Spanne ins Rüsselartige verlängern — etwa in der Form, die dem amerikanischen Wasserschwein eigentümlich ist, die Ohren würden sich zu Tellergröße auswachsen, meine Hände hätten sicherlich schon nach einem Vierteljahr das Ausmaß eines mittleren Palmenblattes (Lodoicea Sechellarum) erreicht, wohingegen meine Füße leider die Dimensionen eines 100-Liter-Faßdeckels schwerlich übertreffen würden. Was ferner die immerhin zu erhoffende knollenartige Wucherung der Knie nach Art des mitteleuropäischen Baumschwammes anbelangt, sind meine theoretischen Berechnungen noch nicht abgeschlossen, so daß ich eine wissenschaftliche Garantie nur mit Vorbehalt übernehmen …“

„Das genügt! Sie sind mein Mann!“ fiel der Impressario atemlos ein. „Bitte, unterbrechen Sie mich nicht. — Kurz und gut: Sind Sie willens, das Experiment an sich zu machen, wenn ich Ihnen ein jährliches Einkommen von einer halben Million garantiere und einen Vorschuß von ein paar tausend Mark — sagen wir — na, sagen wir: fünfhundert Mark erlege?“

Dr. Paupersum war wie betäubt. Er schloß die Augen. Fünfhundert Mark! — Ja, gab’s denn überhaupt so viel Geld auf der Welt!

Ein paar Minuten lang sah er sich bereits in ein vorsintflutliches Ungetüm mit langem Rüssel verwandelt, hörte im Geiste einen Neger, grell als Jahrmarktsbudenausrufer gekleidet, in eine bierschwitzende Menge hinabkreischen: „Nur herreinspaziert, meine Herrschaften — das größte Scheusal des Jahrhunderts für lump’je zehn Fenn’je!“ — Dann aber sah er seine liebe, liebe Tochter voll blühender Gesundheit, in weiße Seide reich gekleidet, mit dem Myrtenkranz als Braut vor dem Altare selig knien — und die ganze Kirche war strahlend erhellt — und von dem Muttergottesbild ging ein Glanz aus — und — und einen Augenblick krampfte sich ihm wohl das Herz zusammen: er selbst mußte sich hinter einem Pfeiler verborgen halten, er durfte seine Tochter ja nie mehr küssen, sich nicht einmal von weitem sehen lassen, um ihr seinen Segen zuzuwinken — er, er, das grauenhafteste Monstrum der Erde! Denn er hätte doch sonst den Bräutigam verscheucht! Und er würde fortan in der Dämmerung leben müssen, wie ein lichtscheues Tier, sich bei Tag sorgfältig verborgen halten — aber was lag an all dem! Plunder! Kleinigkeiten! Wenn nur seine Tochter wieder gesund werden kann! Und glücklich! Und reich! — Eine stumme Verzückung kam über ihn. — Fünfhundert Mark! Fünf–hundert Mark! — —

Der Impressario, der das lange Schweigen des Gelehrten als Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze Überredungskunst aufzubieten: „Herr Doktor! So hören Sie doch! Sie treten ja Ihr Glück mit Füßen, wenn Sie ’nein‘ sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepropft mit lauter Lernen. Lernen ist doch Blödsinn. Schauen Sie mich an: hab‘ ich vielleicht was gelernt? Das Lernen können sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind — und die haben’s dann eigentlich erst recht net nötig. — Der Mensch muß demütig sein und — dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g’sehn, daß ein dummer Mensch zugrund‘ ‚gangen is? — Sie hätten von Anfang an die Talente dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich ‚leicht noch nie in den Spiegel geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser Trinkwasser eing’nommen haben, hätt‘ sich schon längst als Clown eine solide Existenz gründen können — Gott, die Fingerzeige der gütigen Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder fürchten Sie sich ‚leicht als Monstrosität keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen nur sagen, ich hab‘ schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter Leute aus den besten Kreisen. — Da hab‘ ich zum Beispiel einen alten Herrn, der wo ohne Arme und Beine geboren ist, den führ‘ ich demnächst Ihrer Majestät der Königin von Italien als belgischen Säugling vor, den die deutschen Generäle verstümmelt haben.“

Dr. Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfaßt. „Was reden Sie da für Zeug zusammen?“ fuhr er unwirsch auf. „Erst sagen Sie, der Krüppel sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als belgischen Säugling vorstellen!“

„Das erhöht doch gerade den Reiz!“ widersprach der Impressario; „ich behaupte ganz einfach, er sei so rapid gealtert — aus Gram, weil er hat zuschauen müssen, wie ein preußischer Ulan seine Mutter bei lebendigem Leib aufgefressen hat.“

Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu verblüffend. „Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rüssel habe, Füße wie ein Faßdeckel und so weiter?“

„Blitzeinfach! — Ich schmuggele Sie mit falschem Paß über die Schweiz nach Paris. Dort kommen Sie in einen Käfig, haben alle fünf Minuten zu brüllen wie ein Stier und dreimal täglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen (die Sache kriegen wir schon, es hört sich nur ein bissel grausig an.) Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den Urwäldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und draußen auf einem Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! Und so weiter. Übrigens wird mein Freund d’Annunzio den Text gern verfassen, der findet den richtigen poetischen Schwung schon.“

„Was wird aber sein, wenn inzwischen der Krieg beendet ist?“ gab der Gelehrte zu bedenken, „wissen Sie, bei meinem Pech …“

Der Impressario lächelte: „Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt nie. Auch in tausend Jahren nicht.“

War das ein Erdbeben gewesen? Nein — nur der Pikkolo hatte seinen Nachtdienst im Café angetreten und als musikalisches Vorspiel ein Kredenzblech mit Wassergläsern heruntergeschmissen.

Dr. Paupersum blickte verstört umher. Die Göttin von „Über Land und Meer“ war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter unverbesserlicher Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa, „verriß“ im Geiste eine Premiere, die nächste Woche stattfinden sollte, tupfte mit nassem Zeigefinger ein paar Semmelbrösel vom Tisch, zernagte sie mit den Vorderzähnen und schnitt Iltisgesichter dazu.

Allmählich wurde sich Dr. Paupersum darüber klar, daß er selbst sonderbarerweise mit dem Rücken gegen das Lokal saß — vermutlich die ganze Zeit über so gesessen hatte — und alles, was er mit dem Auge erlebt, in dem großen Wandspiegel vor sich gesehen haben mußte, denn sein eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. — Der Weltmann war auch noch da, fraß auch wirklich kalten Lachs — mit dem Messer natürlich –, aber er saß ganz drüben im Winkel und nicht hier am Tisch.

„Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?“ fragte sich der Gelehrte.

Er konnte sich nicht entsinnen.

Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich eine Weile gespalten. Alte Sachen das und ganz natürlich; in solchen Fällen sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bühne. Und die Rollen, die wir spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehört und heimlich — gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer Dichter! Wir malen uns da Gespräche aus, die wir zu erleben glaubten, sehen uns Gebärden machen, bis die Außenwelt fadenscheinig wird und unsere Umgebung zu anderen trügerischen Formen gerinnt. Selbst die Sätze, die in unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit Phrasen und Begleitbemerkungen umhüllt wie in einer Novelle. — Ein seltsames Ding, dieses „Ich“! Es fällt zuweilen auseinander wie ein Bündel Ruten, von dem man die Schnur löst … — und wieder ertappte sich Dr. Paupersum dabei, daß seine Lippen murmelten: „Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?“

Plötzlich zerriß ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grübeln: „Ich habe noch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten Wein, und Milch und …“

In wilder Aufregung durchwühlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf den Trauerflor, den er am Ärmel trug, und mit einem Schlage stand die nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern nacht gestorben!

Er griff mit beiden Händen nach seinen Schläfen — ja, ge–stor–ben. Jetzt wußte er auch, wieso er ins Café gekommen war — vom Friedhof, vom Begräbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig, teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte.

Und dann war er durch die Straßen geirrt, stundenlang, hatte die Zähne zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Absätze gehorcht und dabei gezählt, immer gezählt von eins bis hundert und wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte könnten ihn gegen seinen Willen nach Hause führen in sein kahles Zimmer mit dem ärmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt — leer war. Irgendwie mußte er dann hier gelandet sein. Irgendwie.

Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: „Hm, ja, ich hätte — ich hätte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern überleiten sollen; — Blut überleiten sollen –“ wiederholte er ein paarmal mechanisch; da schreckte ihn ein Gedanke auf: „Ich kann mein Kind doch nicht allein lassen — draußen in der nassen Nacht“, wollte er aufschreien, aber es kam nur ein leises Winseln aus seiner Brust.

„Rosen, ein Strauß Rosen war ihr letzter Wunsch gewesen“, scheuchte es ihn nochmals auf — „so kann ich ihr doch wenigstens einen Straß Rosen kaufen, ich habe ja eine Mark im Schachspiel gewonnen“ — er wühlte wieder in seinen Taschen und eilte hinaus, ohne Hut in die Dunkelheit, einem letzten winzigen Irrlicht nach.

Am nächsten Morgen fanden sie ihn auf dem Grab seiner Tochter. Tot. Die Hände tief in die Erde gewühlt. Er hatte sich die Pulsadern durchschnitten, und sein Blut war hinabgesickert zu der, die da unten schlief.

Auf seinem weißen Gesicht aber lag ein Glanz jenes stolzen Friedens, den keine Hoffnung mehr stören kann.

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Ein Kommentar zu „für die Woche 19/2009 erzählt

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