Gedicht der Woche 17/2009


Tausendund(k)eine Nacht

Goldener
Becher funkelt im Licht
der Sterne,
das nur der Mondstrahl bricht.
Roter Wein
warm durch die Kehle rinnt,
ein Schatten
huscht wie ein Dschin1 geschwind,
entzündet
ein Räucherpfännchen fein,
die Öllampe
brennt mit orange-rotem Schein.
Leise tönt
von fern der Klang der Ney2.
Ach Liebster,
heut sind wir sorgenfrei!
flüstert sanft
die blumige Schöne.
Streck dich aus,
dass ich dich verwöhne!
***
Ein Wispern,
ein Raunen geht durch die Nacht:
Scherezad‘
hat neue Märchen erdacht.
Sie sitzt auf
dem Diwan und lächelt zart,
Sehnsucht im
Blick, doch ihr Wille ist hart.
Sie meistert
die Lage, wird alles geben,
denn sie bangt
Nacht für Nacht um ihr Leben.
Roter Mund,
mit dem sie lockend spricht
von Liebe,
wenn ihr das Herz auch bricht.
Sie lässt den
Blick in die Ferne schweifen
Oh Kismet3,
wie bist du schwer zu begreifen!
***
Im Harem
brennen tausend Kerzen,
das Spiel der Tar4
entflammt die Herzen.
Sinnlich
wiegt sich im Schleiertanz
die Sklavin
und entblößt sich ganz.
Und dort in
dem verschwiegenen Garten
will Schilan
auf Abdullah warten.
Es klingt
der Ruf der Nachtigall,
nach Rosen
duftet es überall.
Aus dunklem
Auge glimmt das Feuer,
Geliebte,
wie bist du mir teuer!
flüstert
der Jüngling liebestrunken.
Heiß brennt in
seinem Herz ein Funken.
Über beiden
ein samtblaues Sternenzelt,
ein Weltdach, das
schützend die Liebenden hält.
***
Ein Glöckchen
klingt leis‘ in der Wüstenei,
es ziehen
Karawanen vorbei
die Seidenstraße
entlang durch den Sand,
mit Waren
kostbar aus fernem Land.
Ein Trugbild
zeigt sich am Horizont,
die Fata-Morgana –
sie führt gekonnt
manch müden
Wanderer ins Verderben,
und lässt ihn
im Meer des Sandes sterben.
Dattelpalmen
schwingen sanft im Wind,
Kamele
bringen die Reiter geschwind
zu Palästen,
aus glänzendem Marmorstein,
so herrlich
und fein wie aus Elfenbein.
***
Jasminblüten
schwängern die heiße Luft
mit ihrem
atemberaubenden Duft.
Zikaden
zirpen am Wegesrand,
so friedlich
wirkt hier das Morgenland.
Wehmüttig
blickt Scherezad‘ in die Ferne.
Am Himmel
leuchten noch immer die Sterne,
darunter
die Erde verbrannt und geschändet,
der Glaube dahin,
dass alles gut endet.
Nach wie vor
muss sie um ihr Leben bangen,
nach wie vor
ist sie in Fesseln gefangen.
Ihr Mund ist
verschlossen ohne Wahl
und Märchen
empfindet sie als Qual.
In ihr starb
die Hoffnung – wie es auch sei:
Mit Tausend
und einer Nacht ist es vorbei.

© Aramesh

1-Dschin=Geist,
2-Ney=Rohrflöte,
3-Kismet=Schicksal,
4-Tar=Saiteninstrument

Matahari, orientalische Tänzerin


Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s