erzählt für die Woche 16/2009


Der Mauritiusturm in Coburg

Eine alte Volkssage

Vor Zeiten, namentlich in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, waren die Grafen von Henneberg gar mächtige Herren und beherrschten einen großen Teil der Lande, welche jetzt den sächsischen Herzogen gehören, sie wurden geachtet im Rate der deutschen Fürsten und galten viel am Hofe des Kaisers.
Doch fehlte es ihnen auch nicht an Feinden, und besonders hatten sie manche Fehde mit den Bischöfen von Würzburg und Bamberg auszufechten, also, daß der Vater des Grafen Hermann I. von Henneberg sogar auf Anstiften des Bamberger Bischofs durch Meuchelmord umgebracht worden sein soll.
Zum mindesten gewährte der Bischof dem Mörder Schutz und Schirm in seiner Stadt, und Graf Hermann begann darum hartnäckigen Kampf und Streit. Eines Tages aber, als es zu einem harten Strauß mit den Bamberger Reisigen gekommen war, blieb Hermanns Feldhauptmann Sieger und sandte zwölf Gefangene ein nach Coburg, wo sein Herr auf dem stattlichen Schlosse Hof hielt. Es waren alles junge Gesellen, schmucke Knappen, Söhne der Vasallen vom Bamberger Bischof, lustig und guten Mutes, denn sie ahnten nichts Ärgeres als ritterliche Haft, bis zur Auslösung von den Vätern oder dem Bischof, da sie in ehrlicher Fehde dem Feinde in die Hände gefallen waren.  ritter2
Ein einziger unter ihnen machte eine Ausnahme. Älter als sie, zeichnete er sich durch eine widrige Gesichtsbildung aus und konnte kaum eine innere Angst verbergen, so daß man fast sein Herz an dem Harnisch klopfen hörte und ihm mancher kalte Schweißtropfen über die Stirne floß.
Alle standen in der großen Schloßhalle, des Augenblicks gewärtig, wo der gestrenge Graf sie in Augenschein nehmen und ihnen vielleicht gar die ritterliche Haft erlassen würde. Doch statt seiner kam vorerst eine dicke, kleine, runde Gestalt die Wendeltreppe herab, es war der Mönch und Schloßkaplan Malchus, und indem er an ihnen vorüberziehen wollte, trat er auf seine Kutte, daß er der Länge nach hinfiel und die jungen Gesellen laut über den sonderbaren Kauz lachten, ja ihn mit Spottreden neckten und den heiligen Mann gewaltig erzürnten.
Solcher aber schwieg und ging, als er sich mühsam aufgerafft hatte, hastig davon, denn eben hörte er den Tritt des Grafen, dessen Sporen schon auf den steinernen Stufen klirrten, und welcher im nächsten Augenblick vor den Gefangenen stand. Er hatte ihr Lachen gehört, er sah es noch in allen ihren Mienen.

Ohne jedoch die Ursache davon zu wissen, ergrimmte er darüber, denn er war gar hitzigen, auffahrenden Gemüts, und indem er alle mit ernsten, fast wilden Blicken musterte, fiel sein Auge auf den einzigen unter ihnen, der nicht gelacht hatte, weil sein Verhältnis zum Grafen ein ganz anderes war als das der jüngeren Kampfgenossen.
Er hatte den Vater des Grafen erschlagen, und als ihn dieser jetzt ansah, schlug der vorher schon rege gewordene Zorn in die heftigste Flamme auf. Alle wurden sogleich ins tiefe Burgverlies geworfen und gleich gemeinen Knechten gefesselt, zugleich aber ließ der Graf den Scharfrichter aus der Stadt holen und trug ihm auf, um Mitternacht die Gefangenen beim Fackelschein auf dem Rabenstein außen mit dem Schwerte zu richten.
Den armen Jünglingen, die gar nicht wußten, wodurch der Graf beleidigt sei, die seinen Ruf: daß sie mit Mördern Gemeinschaft hätten und das Los dieser also teilen müßten, nicht verstanden, weil sie von der blutigen Tat des einen in ihrer Mitte keine Kunde hatten, erfuhren mit Schrecken und Erbleichen, wie ihr letztes Stündlein so nahe sei. Sie jammerten und wehklagten um ihr junges Jeben, das von keiner Freveltat befleckt war, aber nicht minder jammerte und klagte die Gemahlin des Grafen, Frau Jutta, die, selbst Mutter, zwei blühende Söhne im fernen Lande beim Heere des Kaisers hatte und daher mit den schuldlosen Jünglingen inniges Mitleid fühlte.
Sie warf sich dem harten Gemahl zu Füßen, rang die Hände und flehte so rührend, daß er endlich die Strafe auf einige nur zu beschränken gelobte, die anderen sollten nur mit ihnen nach dem Hochgericht geführt werden und Zeugen des blutigen Schauspiels sein.
Wie oft der Türmer zu St. Mauritius auf sein Geheiß ins Horn stoßen werde, so viele Köpfe sollte der Scharfrichter abschlagen, mehr aber nicht. Mehr konnte die Gräfin vom harten Gemahl nicht erlangen und in ihrer Gegenwart wurden der Türmer sowie der Scharfrichter demnach beschieden.
Eine Stunde vor Mitternacht solle der Türmer es erfahren, wievielmal er ins Horn zu stoßen habe. Soviel Silbergulden ihm ein Edelknabe bringe, so oft müsse er den Totenruf ertönen lassen.

Die Gräfin war jedoch weder mit solcher Begnadigung einiger noch mit der schrecklichen Angst zufrieden, denen auch die Verschonten preisgegeben werden sollten, weil sie, wie der Graf irrig meinte, mit dem Mörder über ihn Kurzweil getrieben hatten, und ließ gleich darauf den Türmer im geheimen nach ihrem Gemach entbieten, wo sie ihn mit Bitten und gütlichen Versprechungen dahin brachte, daß er zwar die Silbergulden vom Grafen anzunehmen, aber hierauf den Turm zu verlassen, ihn wohl zu verschließen und mit den Schlüsseln zu ihr zu kommen versprach, also daß kein Todeszeichen gegeben und vom Scharfrichter also auch keiner hingerichtet werden könnte.
In dem Augenblicke aber schlich der Kaplan Malchus hinter der Tapete hervor, segnete und belobte die Gräfin ob solcher Weisheit und Herzensgüte und gelobte der erschrockenen Herrin die größte Verschwiegenheit.
Er und der Türmer gingen. Mit klopfendem, zweifelndem und dann wieder hoffendem Herzen schritt die Gräfin auf und ab, bald wies der Zeiger elf Uhr, Graf Hermann trat lächelnd herein, die Hand verschlossen.

»Sieh mal, wie viel Silbergulden ich habe!« sprach er, und ließ sich die Hand mit kleinem Widerstreben öffnen. Einer war nur darin. Der Mörder von des Grafen Vater allein sollte die Tat mit seinem Blute büßen, die andern möchten nur seine Angst teilen.
Doppelt beruhigt harrte nun die Gräfin des Türmers. Schon setzte sich den Weg von der Burg hinab der Zug in Bewegung, die Gräfin sah mitleidig lächelnd vom Fenster aus die leuchtenden Fackeln, der alte Türmer kam, wie er versprochen hatte, zitternd und kaum imstande, Atem zu holen, aus Furcht vor dem strengen Grafen.
Da tönte laut und schallend in der Ferne der Ruf eines Hornes, der Fackelzug war am Hochgericht. Die Gräfin fuhr zusammen, der Türmer war außer sich, denn der Hornruf kam von seinem Turme. Alle seine Schlüssel waren da, die Pforte unten hatte er fest verschlossen, und jetzt ertönte ein zweiter Ruf, ihm folgte ein dritter, ein vierter, das Blut erstarrte in den Adern der Gräfin, der Türmer liegt jammernd zu ihren Füßen und schwört bei allen Heiligen, daß er unschuldig an dem Gaukelspiele der Hölle sei. Zum fünften und sechsten Male ruft das Horn. Jetzt stürzt Graf Hermann herein, wütend über den Türmer, der, wie er meint, sein Gebot übertreten habe, und den er jetzt neben seiner fast ohnmächtigen Gemahlin knien sieht.
Frau Jutta kann nur leise flehen, daß er einen Boten auf dem schnellsten Renner zum Hochgericht hinabsende, schon wieder schallt das Horn, und ehe der Bote ankommt, hat es zum zwölften Male getönt, das letzte Haupt war gefallen.
Der Graf, außer sich, war selbst in die Stadt geeilt, nach dem Turme hin, das Pförtlein des Turmes stand offen. Er sprang die Wendeltreppe hinauf. Auf dem Gange, der den schlanken Turm umkreist, sah er eine kleine Gestalt, über die Brustwehr sich lehnend, das schreckliche Horn in der Hand, und in die Luft hinein heulte die Stimme des Mannes: »Ich habe euch vergolten, Buben!«
Doch ehe noch das Wort verhallte, hatte der Graf die Gestalt im Nacken gepackt und in die grause Tiefe hinabgeschleudert. Nur einen Schrei des Entsetzens hörte man im Sturze, früh morgens aber fand man am Fuße des Turmes den Leichnam des Mönches Malchus, der auf unerforschte Weise die Tür des Turmes geöffnet und um den Spott der Knappen so unmenschliche Rache genommen hatte.

Solches alles soll sich begeben haben im Jahre 1278, am Sankt-Andreastage, und sooft selbige Zeit wiederkehrte, kam viele Jahre lang, wie man erzählte, ein gespenstiges Wesen um Mitternacht dem Türmer zuvor, wenn er den Umgang halten und den Bewohnern der Stadt mit seinem Horne die Stunde kundtun wollte, welche die Glocke geschlagen hatte.
Auf dem Kirchhofe aber und dem Hochgerichte wurde es bei diesem Rufe des Hornes lebendig, und zwölf weiße Schatten begannen einen Reihentanz über den Gräbern nach dem Rabensteine hin, bis der erste Hahnenschrei sie alle wieder zur Ruhe in ihr kühles Bettlein brachte.

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