für die Woche 12/2009 erzählt


Die Vogelscheuche

Rudolf Georg Binding

In einem sonnigen Schlaf, jahraus jahrein und nimmer erweckt, liegt das Dörfchen Mammolshain auf der ersten Stufe eines der schönsten deutschen Mittelgebirge, das starkrückig und selbstbewußt sich aus der breiten Flußebene erhebt, wo die Städte das Land beherrschen. In den Winkel, den die erste Gebirgsterrasse mit den über ihr wuchtiger ansteigenden Bergen bildet, hat es sich eingeschmiegt, wie ein sich sonnendes Kätzlein, und versinkt fast in dem dichten Kuppelkranz von altehrwürdigen, breitarmigen echten Kastanien, die nur dieser südliche Hang des Gebirges trägt. Da der Strom der Fremden und der Städter, die ihre Sommerwohnungen auf den ihnen in die rauchige Ebene winkenden Höhen aufschlagen, durch die Eisenbahnen nach andern Fußpunkten des Gebirges abgelenkt wird, vergehen wohl Jahre, ohne daß die alten verdunkelten Ziegeldächer mit den verkrümmten Firsten ein neues unter sich sehen, das den Frieden und die Stille ihres Anblicks eine Zeitlang stört. Denn das Wachstum dies Dörfleins aus sich heraus ist nur ein sachtes in seinem Schlaf.

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langsam wird es Zeit zu werben…


Die Geschichtenauswahl ist beendet,  das Buch, dessen Arbeitstitel noch immer Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten lautet (und meiner Meinung nach auch als Buch gut so heißen kann) hat sein Gepräge durch die ausgewählten Geschichten bekommen.

Jetzt wird es Zeit, die Leserschaft darauf aufmerksam zu machen. Auf ein Buch voller Geschichten, die  von politischen Ereignissen geprägt sind und die den Leser über diese Zeit  informieren, ihn tief anrühren oder schmunzeln lassen.

Hier wird wieder zum Vorteil, was  bei Anthologien sonst ein Nachteil ist. Die Vielfältigkeit der Autoren, ihre unterschiedliche Prioritäten lässt einen weitenläufigen Blick auf das Thema zu. Die Teilung unseres Landes und deren Überwindung als Thema ist  ausreichend Bindung, trotz vieler verschiedener Autoren ein homogenes Buch zum Zeitgeschehen zu gestalten.

Gedanken zur deutschen Sprache von Friedrich Hebbel


Die deutsche Sprache.

Friedrich Hebbel

Schön erscheint sie mir nicht, die deutsche Sprache, doch schön ist
Auch die französische nicht, nur die italische klingt.
Aber ich finde sie reich, wie irgendeine der Völker,
Finde den köstlichsten Schatz treffender Wörter gehäuft,
Finde unendliche Freiheit, sie so und anders zu stellen,
Bis der Gedanke die Form, bis er die Färbung erlangt,
Bis er sich leicht verwebt mit fremden Gedanken, und dennoch
Das Gepräge des Ichs, dem er entsprang, nicht verliert.
Denn der Genius, welcher im ganzen und großen hier waltet,
Fesselt den schaffenden Geist nicht durch ein strenges Gesetz,
Überläßt ihn sich selbst, vergönnt ihm die freiste Bewegung
Und bewahrt sich dadurch ewig lebendigen Reiz.
Hütet euch nur, ihr Dichter, in dieser edlen Verleugnung
Ihn zu kränken, zerbrecht nicht mit dem Joche das Maß,
Glaubt nicht zu gewinnen, wenn, kindisch zerstochen, die Dämme
Bersten und reißen; es führt werden nach Babel zurück,
Oder wer setzt Barbaren im Ungebundnen die Grenze?
Paßt doch am Ende: er haßt! für das gewohnte: er liebt!
Viel sind der Sprachen auf Erden, schon dieses sollte uns lehren,
Daß kein inneres Band Dinge und Zeichen verknüpft;
Darf sich aber darum ein jeder die eigene bilden?
Besser wäre der Mensch stumm, wie die Fische im Meer!
Seien die Stempel uns heilig, die alle Jahrhunderte brauchten,
Sei es die Weise sogar, die sie bedächtig gewählt;
Fand ein Goethe doch Raum in diesen gemessenen Schranken,
Wären sie plötzlich zu eng für die Heroen von heut?

Gleichen wir der Natur, die nie das Wesen der Schöpfung
Wiederholt und doch jährlich im Lenz sich erneut:
Alt sind die Formen, es kehren die Lilien wieder und Rosen,
Frisch ist der Duft, und im Kranz tut sich der Meister hervor.

Gedicht der Woche 11/2009


Rilke, Rainer Maria
(1875 – 1926)

Vorfrühling

winterlinge

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
An der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,
Greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigen’s.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Schneegloeck

für die Woche 11/2009 erzählt


Geschichten aus
Nemorosus

© Sabine Rohm

Es gehört zu den Gepflogenheiten unseres dickbäuchigen Chefs, morgens ins Büro gestampft zu kommen und eine Story zu fordern. Eine sensationelle Story. Eine Story die es noch nie gegeben hat und die die Verkaufszahlen der Zeitung in die Höhe treiben wird!
So auch heute, doch diesmal fügt er hinzu: „Koste es, was es wolle!“
Nachdem er, wie gewohnt, die Tür hinter sich zu zugeknallt hat, schenke ich mir einen Kaffee ein und wärme meine Hände an der Tasse. Mein Kollege Jonny scheint die Nacht hier in der Redaktion verbracht zu haben, denn er ist unrasiert und trägt dasselbe Hemd wie gestern.
„Was ist los?“, frage ich ihn.

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Märchenhütte – ach, jetzt 9 Monate Pause


…wenn das mal keine Entzugserscheinungen gibt.

Kurz vorgestellt hatte ich die Märchenhütte ja als „märchenhaften Ort in Berlin“.
Natürlich habe ich die Märchenhütte auch besucht, man muss ja wissen, worauf man da hinweist und überhaupt, wenn sich jemand mit Märchen beschäftigt, muss ich dabei sein.

Nettes Ambiente, diese alte Holzhütte, die  an eine Schänke erinnert. (Der Ausschank ist übrigens von guter Qualität.) Die Bühne am Ende der Hütte ist durch alte Vorhänge vom Gastraum abgeteilt.

Besucht hatte ich eine Nachmittagsvorstellung und eine Abendvorstellung.

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Gedicht der Woche 10/2009


Volksballade

oder witziger gesagt: Volksmund Unbekannt

Die zwölf ermordeten Frauen

Schön-Heinrich  wollt´ spazieren gehn,
Schön-Ännchen sollte  mit ihm gehn.

Als sie ein Weilchen gegangen waren,
wollt er bei einer Wiese verharren.

Er breitet seinen Mantel  aus im Gras
und bat, dass sie zu ihm  sich niedersaß .

Schön-Heinrich legt sein Haupt auf ihren Schoß,
mit heißen Tränen sie ihn da begoß.

»Weinst du um deines Vaters Gut?
Oder weinst du um deinen stolzen Mut?
Oder bin ich dir nicht gut genug?«

»Ich weine nicht um  Vaters Gut,
auch nicht um meinen stolzen Mut,
Schön-Heinrich, ihr seid mir schon gut genug.

Ich weine grad um die elf Jüngferlein,
die dort mit eigenartig  sondern Schein
in hoher grüner Tann zu sehen sein.«

»Ha! Siehst du dort elf Jüngferlein
so wiss‘, das sind mein Weiberlein,
und du sollst stracks die Zwölfte sein.«

»Ach, muss ich denn die Zwölfte sein,
vergönn mir noch drei Schreielein!«

Den ersten Schrei  den sie dann tat,
da rief sie Gott im Himmel an:

»Oh lieber Gott, komm  hilf  mir doch schnelle,
ich lass mein Leben sonst auf der Stelle!«

Den zweiten Schrei den sie dann tat,
da rief sie ihren Vater an:

»Oh lieber Vater, komm  hilf mir doch  schnelle,
ich lass  mein Leben sonst auf der Stelle!«

Den dritten Schrei  den sie dann tat,
da rief sie ihren Bruder an:

»Oh lieber Bruder, komm hilf mir doch schnelle,
ich lass  mein Leben sonst auf der Stelle!«

Der Bruder saß beim Wirt zum Wein,
da fuhr der Schrei zum Fenster rein.

»Ach, Menschen höret, groß und klein!
Mir ist, als würde meine Schwester schrein!«

Er hatte das Wort kaum ausgesagt,
Schön-Heinrich in der Türe stand.

»Schön-Heinrich, was  sind deine Schuh so rot,
als wären sie gefärbt mit  Blut?«

»Ei, sollten meine Schuh nicht blutig sein?
Ich habe geschlachtet ein Täubelein.«

»Das Täubelein, das du geschlachtet hast,
das hat meine Mutter zur Welt gebracht!

Sie hat’s erzogen mit Milch und Wein:
es ist mein jüngstes Schwesterlein!« –

Schön-Ännchen bekam ein schönes Grab,
Schön-Heinrich flocht man aufs höchste Rad.

Schön-Ännchen klangen die Glocken, ach.
Schön-Heinrich schrien nur die Raben nach.

cloakwood