für die Woche 12/2009 erzählt


Die Vogelscheuche

Rudolf Georg Binding

In einem sonnigen Schlaf, jahraus jahrein und nimmer erweckt, liegt das Dörfchen Mammolshain auf der ersten Stufe eines der schönsten deutschen Mittelgebirge, das starkrückig und selbstbewußt sich aus der breiten Flußebene erhebt, wo die Städte das Land beherrschen. In den Winkel, den die erste Gebirgsterrasse mit den über ihr wuchtiger ansteigenden Bergen bildet, hat es sich eingeschmiegt, wie ein sich sonnendes Kätzlein, und versinkt fast in dem dichten Kuppelkranz von altehrwürdigen, breitarmigen echten Kastanien, die nur dieser südliche Hang des Gebirges trägt. Da der Strom der Fremden und der Städter, die ihre Sommerwohnungen auf den ihnen in die rauchige Ebene winkenden Höhen aufschlagen, durch die Eisenbahnen nach andern Fußpunkten des Gebirges abgelenkt wird, vergehen wohl Jahre, ohne daß die alten verdunkelten Ziegeldächer mit den verkrümmten Firsten ein neues unter sich sehen, das den Frieden und die Stille ihres Anblicks eine Zeitlang stört. Denn das Wachstum dies Dörfleins aus sich heraus ist nur ein sachtes in seinem Schlaf.

Vor dem Kastanienring aber erstreckt sich eine sanft verlaufende, nicht mit Wald und kaum mit ein paar Obstbäumen bestandene Landzunge weit hinaus, der Ebene und der Sonne zu; und dort liegen auf der einen abhängigeren Seite mit dem schlechteren Boden die wenigen Äcker der Mammolshainer in schmalen, beinahe kärglichen Bändern nebeneinander, auf der andern breitern und auf dem Rücken der Absenkung in wohlgepflegtem Erdreich endlose Erdbeerpflanzungen, Beet an Beet, deren Ertrag in den Städten verkauft jährlich einen hübschen Verdienst abwirft, groß genug, um die bequemen Bauern an keine andern Unternehmen denken zu lassen.

Der Schreinermeister Martin Gläßer, der einzige seines Handwerks im Dorf, besaß keines der Erdbeergelände, sondern nur einen schmälen Feldstreifen dicht an dem mit zwei Haselhecken gesäumten Hohlweg, der die Äcker von den Kulturen der andern Seite trennte. Und wenn er daran dachte, ein Erdbeerstück zu erwerben, was er wohl gekonnt hätte, so unterließ er es immer wieder, da er nicht wußte, wie ers allein hätte bestellen sollen. Denn er hatte außer seiner Frau niemand im Ort, der ihn etwas anging, und diese war eine zarte Städterin, die im Haus und nicht im Feld an ihrem Platz war.

Um ihr aber diesen Platz, an dem er sie liebte, zu erweitern und zu beleben, widersprach er ihr nicht, als Frau Marianne ihn bat, da sie keine Kinder mehr erwarten durften, ein kleines Mädchen an Kindes Statt anzunehmen, um dessen Aufnahme sie ihre frühere Herrin, der sie lange Jahre in der Stadt als Zofe gedient, bat.

»Sieh, Martin,« sagte Marianne einfach, »wir sind allein; und es ist gut, wenn wir später nicht allein sein werden. Aber ich möchte dich nicht bitten, dieses Mädchen ins Haus zu nehmen und zu unserem Kind zu machen, wenn ich nicht seine Mutter, das Fräulein, kennte, die gut ist, auch wenn sie die Eltern wegen des Kindes verstießen. Und der Mann, dem sies in Liebe für Liebe schenken wollte, war tapfer und gut; sonst hätte ihn das Fräulein nicht geliebt. Er hätte sie sich wohl noch erkämpft, wenn er nicht umgekommen wäre in den Kolonien, wo er sich und der Frau eine Farm errichten wollte. Ich meine, wir solltens tun; denn das Fräulein kann das Mädchen nicht mehr erhalten ohne Not; und in Not will sie ihr Kind nicht sehen. So können wir Gutes erweisen und haben am Ende noch einen Vorteil davon.«

»Es kann auch schlecht ausgehn,« sagte Martin, indem er sich von der schmalen Planke erhob, die als Bank vor dem Hause befestigt war; »fremde Kinder kennt man nie, auch wenn man die Eltern kennt. Aber wir wollen es versuchen.«

So kam es, daß nach einer Woche, gerade als Martin eine sauber gehobelte Kinderbettstatt fertig zusammengefügt und die drei blauen und ziegelroten Rosen trocken geworden waren, die er auf das Kopf- und Fußende in ewig sich gleichbleibender Begeisterung für seine einzige Schablone aufgemalt hatte, ein städtischer Wagen vor dem Häuschen der Schreinersleute hielt, dem eine hohe schlanke Frau in einer traurigen vergrämten Schönheit entstieg; und sie trug ein aufmerksam um sich blickendes, dreijähriges Mädchen in die Stube, welche durch die späte Nachmittagssonne freundlich durchleuchtet war.

»Hier bringe ich das Kind, Marianne,« sagte sie, fast erstickend an ihren Worten, so daß das Mädchen sie ängstlich anblickte; »nun ich dich wiedersehe und weiß, wie es um meine Dorothea aussehen wird, ist es mir leichter, sie hinzugeben.« Aber sie log das wohl, um sich Mut zu machen; denn sie mußte das Kind zur Erde gleiten lassen, wo es Marianne halb auffing. »Du weißt«, fuhr sie fort, indem sie sich niederließ, »alles um Dorothea, wie ich es dir geschrieben habe; da wirst sie gut halten, wie eine Mutter, und ich weiß auch, daß dein Mann sie gut halten wird, wie ein Vater.«

»Aber du, Mutter; aber du kommst doch wieder?« fragte Dorothea mit großen Augen und flog ihr an den Hals.

»Einmal, mein Kind, – ich weiß nicht wann – werd ich kommen, dich zu holen; jetzt mußt du hier bleiben bei Marianne und Martin, die deine Eltern sein werden; mir zuliebe mußt du hierbleiben.«

Da ging das Kind, um ihr etwas zuliebe zu tun, tapfer und still an die Seite Mariannes und stellte sich neben sie; und keine Beschwörung und kein Zauber hätte stärker sein können, als diese Worte: mir zuliebe mußt du hier bleiben.

Die Mutter aber stand auf, küßte Dorothea wie im Vorüberschweben flüchtig auf die Stirn, als fürchtete sie, sich zu verstricken, und ging; Martin geleitete sie zu dem Wagen und hob sie hinein. Als er in das Haus zurücktrat, in dem es noch wie ein schwermütiger Duft lag von der Frau, die es verlassen, wars freilich mit der Tapferkeit der kleinen Dorothea zu Ende, und sie schluchzte in Tränen noch lange, nachdem sie Marianne willenlos entkleidet und zwischen den blauen und ziegelroten Rosen zur Ruhe gebracht hatte.

An jenem Abend saßen Martin und Marianne noch lange im Dunkel auf der schmalen Bank ihres Hauses an der Dorfstraße und hatten ihre Hände ineinandergelegt, als ob sie eine Verantwortlichkeit gemeinsam zu tragen hätten.

»In dem kleinen Korb, den das Fräulein mit Wäsche und einfachen Kleidern für Dorothea hier ließ, lagen dreitausend Mark in drei braunen Scheinen, Martin«, sagte Frau Marianne flüsternd. »Das ist die Summe, die ihr Vater dem Kind ausgesetzt hat, wenn sie sich von ihm trennt auf Nimmerwiedersehn und in ihr Elternhaus zurückkehrt. Wie anders hätte sies von Not und Tod erretten können? Denn die Ärzte sagten ihr, das Kind würde nicht leben können in der Stadt und in dürftigen Verhältnissen; es leidet an der Krankheit, welche die Lungen der Entbehrenden erfaßt. – Da hat das Fräulein denn gemußt!« –

Zu der selben Stunde aber lag in der Stadt fern dort drunten, deren Lichterwiderschein Martin und Marianne am Himmel sahen, eine trostlose Frau in ihrer Eltern Haus, das sie seit mehr als drei Jahren das erstemal wieder betrat, am Boden ihres Zimmers auf den Knien und suchte nach einem Wesen, das groß genug wäre, ihre Pein zu verstehen und sie anzuhören. Aber sie hielt den Gott, den sie im Herzen trug, obwohl sie an ihn glaubte, nicht für vertraut genug mit diesem einen, das sie zu klagen hatte. Und so rief sie die Mutter Gottes an in zitternder Hilflosigkeit, obwohl sie ihr fremd war und sie nie zu ihr betete; rief sie an, obwohl ihr Glaube kein Gebet an sie kennt; rief sie an, weil sie eine Mutter war.

Im Lauf der Zeit, durch nichts an das Vergangene gemahnt, vergaß Dorothea das wenige, was ihr aus ihrem früheren Leben hätte Eindruck machen können. Das Bild ihrer Mutter verblaßte, nahm dann, immer wechselnd, andere Züge in ihrem Innern an und verschwamm schließlich zu etwas Unvorstellbarem, Fernem, Abgeschiedenem, das keinen Schmerz und kein Sehnen mehr wachruft. Der Vorgang, wie sie hier hergekommen, schied nicht ganz aus ihrem Empfinden, denn sie konnte darüber einen kindlichen Seufzer ausstoßen; aber er wurde zu etwas Ungreifbarem, Unbewußtem; sie fühlte mehr, als daß sie sich erinnerte, einmal bitterlich geweint zu haben; aber sie wußte nicht mehr warum noch wann, und doch konnte sie darüber seufzen, wie wenn das Empfinden länger vorhielte als das Erinnern.

Aber all dem zum Trotz – als ob die Natur, die ihr so gnädig das Wirkliche umschleiert hatte, mit dem Gedächtnis eines Kindes sich ein besonderes Spiel vorbehalten habe – blieb eines so frisch, so lebendig, so farbig und froh in ihrem Innern, als würde es in jedem Tage neugeboren; nur ein kleines und doch eine Welt für sie: das waren ein paar Märchen, die sie einst von ihrer Mutter gehört, immer wieder zu hören verlangt und von ihren Lippen in ihr Herz gesogen hatte als das Wunderbarste, was dieses Hera jemals würde an sich reißen können.

Nach denen fragte sie eines Tages, nicht lange nach ihrer Aufnahme, ihre neue Mutter; aber die befiel eine Angst, daß sie an Vergangenes erinnert würde, was sie vergessen sollte, und sie wollte nichts davon wissen. So lief Dorothea zu Martin; doch der sagte, das sei dummes Zeug und zum Leben nichts nütze, und ließ seinen Hobel zischend über ein Tannenbrett gleiten, daß die Späne flogen.

Da empfand Dorothea einen kleinen verwunderlichen Schmerz, schlich betreten hinaus und sprach keinem Menschen mehr von ihren Märchen. Nur heimlich, wenn sie sich allein glaubte, erzählte sie sie mit flüsternder Stimme einer kleinen Puppe oder dem schwarzen Spitz, der geduldig seinen Kopf in ihren Schoß legte und es über sich ergehen ließ; denn ihr Herz war voll davon. Sie den Kindern im Dorf zu erzählen, wie sie es später schüchtern versuchte, gab sie bald auf; denn sie hörten ihr nicht zu, und wenn es einige gewollt hätten, so waren sicher ein paar nichtsnutzige kleine Flegel von älteren Brüdern da, welche die jüngeren und Dorothea mit ihren Geschichten auslachten und überjohlten. So trennte sie ihr Empfinden bald von ihren Gespielen; nicht, daß sie sie gemieden hätte, aber es blieb immer ein kleiner Abstand, in den sie zurücktrat, wie in ein kleines ihr vorbehaltenes Reich, an dem die andern nie einen Anteil gewinnen könnten.

maedchen-mit-puppe

Dorothea liebte dieses Dorf, diese ländlichen Sorgen und Beschäftigungen, in denen sie gesundete und heranwuchs; aber nur als etwas, das sie mit den andern teilen konnte. Wo ihr eigenstes Leben begann, im Lande der Phantasie und der Empfindung, blieb sie einsam. Es war nur ein enges Bereich, nicht erweitert und belebt durch neue Gestalten und Vorkommnisse, die sie aus der Einförmigkeit ihres Daseins hätte hinübernehmen können hinter die unsichtbare Grenze, wo sie sich erging. Da sie nun aber ihr Reich unbewußt zu vergrößern trachtete und sie wohl fühlte, wie sie das vermöchte, so setzte sie sich häufig auf den beschatteten Grasrand, den das schmale Ackerland Martin Gläßers von der Haselhecke jenes Hohlwegs trennte, und sah hinaus und hinunter in die Welt der Ebene mit den Geheimnissen der weithin gelagerten Stadt. Um die Mittagszeit, wenn es ganz still ringsum war auf den Feldern und das Land in einer Sonnenruhe vor ihr atmete, wie ein Schläfer, lockte es sie an den Rain. Dann war ein flirrender, wellender Teppich von Licht in einer goldenen durchscheinenden Lage über die Gebreite gezogen, und auf ihm wanderte sie wie in eigener Gestalt der Stadt zu, so weit er reichte. Aber wo er zu Ende war und das Gold sich in die trüberen Farben des städtischen Weichbilds und dann tiefer in einem weißlichen Gürtel von Dunst verlor, da fühlte sie, werde sie haltmachen müssen, auch wenn sie hätte weitergehen wollen; als ob da eine Brandung stünde zwischen ihr und dem Meere der Stadt, durch die sie es nie erreichen würde. Denn sie, die ihre Mutter und deren letzte Worte an sie längst vergessen hatte, fühlte doch etwas wie einen Befehl über sich, auszuharren, wo sie war.

Die Häuser der Stadt aber bevölkerte sie mit Menschen von ihrem Empfinden; mit Menschen, die zuhören würden, wenn sie ihnen aus ihrem Reich erzählte von Elfen und Zwergen, von redenden Rehen und weißen Vögeln, von Königen und Prinzen und der Prinzessin mit den gläsernen Schuhen; mit Menschen, die sie lieben könnte, weil sie ihr in dem glichen, was sie von den Mädchen und Burschen des Dorfes und selbst von Marianne trennte. So saß sie eines Mittags wieder, das schlafende Dorf hinter sich und die ruhenden Äcker vor sich, an ihrem Platz bei dem Bohnenfeld ihrer Pflegeeltern und träumte in die Ferne hinaus, als sie fühlte, daß jemand leise zu ihr trat. Sie sah zur Seite und bemerkte lachend, daß es die Vogelscheuche war, die auf dem Felde stand und ein kleines Geräusch mit dem alten schwarzen Hut an der Stange machte, auf welcher ihn ein leichter Wind nickend hin und wider schaukelte. Und dann fuhr ein kleiner freudiger Schreck durch Dorotheas Glieder, und sie flüsterte vor sich hinschauend: »Soll ich es wagen?« Darauf zupfte sie unruhig und unschlüssig an ein paar Gräsern herum, und nach einem Weilchen rückte sie ganz dicht an den alten Mann heran, der kein Blut und keine Knochen im Leibe hatte und ihr doch so menschlich vorkam; doch so, daß die Gestalt hinter ihr blieb und sie sie nicht sehen konnte.

»Wirst du mir zuhören?« fragte sie, fast summend, und schloß die Augen halb; und der Wind neckte sie freundlich, indem er dem großen Hut einige kurze Stöße gab, so daß er bejahend an die Stange klopfte.

»So höre also!« sagte Dorothea, »denn, sieh, der kleinen Puppe und dem schwarzen Spitz konnte ich wohl Märchen erzählen; aber das, was ich dir jetzt erzähle, das würden sie nicht verstehen. – Aber ich weiß freilich, daß du taub bist«, warf sie ein und schwieg. Dann aber seufzte sie und konnt es doch nicht lassen:

»So will ich dirs also vertrauen, als ob du ein Mensch wärest, wennschon ein tauber. – Weißt du, was ein Herz ist?« fragte sie geheimnisvoll und doch so, als ob sie schon sehr klar darüber sein könnte; und dann gab sie ihrem seltsamen Freund alles das preis, was sie von ihrem Herzen wußte, alles, mit dem es vollgesogen war zum Überströmen in langer Zeit, in der es niemand gefunden, dem es sich mitteilen konnte. Und es brauchte sie nicht zu kümmern, daß es immer dasselbe war, was sie vorbrachte in nicht endenden Worten, fast wie eine Klage. Denn der taube Freund belächelte sie nicht. Dann aber, plötzlich, als ob sie das Wichtigste vergessen habe, sagte sie, glutrot bis in den Nacken hinab: »Doch das Seltsamste am Herzen ist, daß es einem gar nicht gehört; und das meine gehört einem schönen Prinzen in der Stadt, der dort wohnt, wo man die Dächer der zwei runden Türme jetzt in der Sonne blitzen sieht; einmal wird er kommen und mich holen. Und jetzt ists genug; ich möchte dir sonst zuviel anvertrauen.« Mit diesen Worten sprang sie auf, lief, ohne sich umzuschauen, den Rain hinan und verschwand am Ende des Ackers in dem Durchhau, der die Hecke dort unterbrach.

Ihr Herz klopfte noch wie nach einem Geständnis. Aber obgleich sie sich auf dem Heimweg tausendmal sagte, daß das alles kindlicher Unsinn sei, so war sie doch stolz und froh, als ob sie wirklich einen Vertrauten gewonnen hätte, mit dem sie reden konnte, wie es ihr zu Sinn war.

Sie ließ einen Tag vorübergehen, ehe sie wieder den Rain hinter der Haselhecke betrat; als ob sie sich hätte beschwichtigen wollen und ihr Erlebnis durch eine zu rasche Wiederholung verkleinert würde. Aber am folgenden Mittag schlich sie wieder hinaus, und von einem Ebereschenbaum am Ausgang des Dorfes riß sie einen Zweig voll roter Beeren ab, mit dem sie sich am Fuße der Vogelscheuche niederließ.

»Nun du mein Vertrauter bist, du Tauber, will ich dich schmücken,« sagte sie; und sie zog die Beeren in eine Kette auf einen Faden, indem sie sie durchstach. Als so ein roter Perlenkranz entstanden war, stand sie auf und warf ihn geschickt über den Hut ihres Freundes, auf dem er bis zu der breiten Krempe herunterträllerte. Es war ihr aber dabei nicht weniger feierlich und wonnig zumute, als einer Dame, die ihrem Ritter ein Kränzlein um den Helm legt. Dann aber ließ sie sich wieder vor der Gestalt nieder, daß sie sie nicht sah, und redete mit ihr nach ihrer Weise. Sie schwieg auch wohl manchmal eine lange Weile und saß nur in lächelndem Sinnen auf dem braunen Fleckchen Erde, auf das der Mann hinter ihr seinen kurzen Schatten warf; und dann waren sie wie zwei Glückliche, denen es genug ist, beisammen zu sein.

So trieb sie es manches Mal. Es wurde ihr fast zu einer Gewohnheit, für die alte Vogelscheuche etwas mit hinaus zu nehmen, das sie schmücken könnte; ein buntes Band, ein paar Blumen ins Knopfloch oder sogar ein kleines rotes seidenes Tuch aus ihrem sonst sorglich gehüteten Vorrat, das sie ihr um den dürren Hals schlang. Und da sie immer an ihr zurecht zupfte, so sah sie am Ende in ihrem Schmuck und dem roten Beerenkranz am Hut ganz manierlich aus und verlor alles Schreckhafte, das sie ihrer Bestimmung nach haben sollte. Aber solange sie die Gestalt anschaute und schmückte, oder auf dem Heimweg, wußte Dorothea wohl, daß es nur eine Vogelscheuche war, mit der sie eine Art Märchenspiel aufführte; nur wenn sie dann abgewandt vor ihr saß, nahm das Wesen hinter ihr die wechselnde Gestalt an, die sie gerade erträumte oder der sie ihre Geheimnisse anvertrauen mußte. Da – auf einmal – als sie wieder bei ihrem Freunde saß und zu ihm sprach, ertönte hinter ihr eine halblaute Musik, wie wenn sie ihn durch ihre Worte endlich zum Leben gebracht hätte. Sie wagte nicht sich umzusehen, als ob sie damit den Zauber stören könnte; aber ihr Herz schlug vor Erwartung eines Erlebnisses, das einem Märchen so ähnlich schien. Sie zog ihre Füße dicht an sich heran, faltete die Hände unter den Knien und lauschte, leicht hintübergelehnt.

Da endete die einfache Folge schwebender Flötentöne fast zitternd.

»Ach!« sagte Dorothea und mußte ein wenig über sich lächeln; »bist du endlich da, mein Freund! – – bist du mein Prinz? – Ah, ich weiß: du wirst mir jetzt täglich spielen, bis du mein Herz gewonnen hast und ich dir nachfolgen muß. Aber – wirst du mir treu sein? wirst du wiederkommen – morgen um diese Zeit?«

Die zitternde Flöte begann wieder und spielte eine einfache liedhafte Weise; als die Melodie zum zweitenmal einsetzte, fiel Dorothea, nicht wissend, wie sie diese Antwort deuten sollte, halb ungläubig ein:

»Als die Treue ward geborn,
flog sie in ein Jägerhorn.
Jäger blies sie in den Wind.
Also man sie selten findt.«

Sie hatte die Worte irgendwann in einem Buche gelesen, das wohl ihre Mutter an Marianne geschenkt haben mochte. Jetzt fielen sie ihr ein, als ob sie zu der Melodie gehörten, in der sich die Flöte erging. Noch ein drittes Mal erklang die Weise, zu der Dorothea keine Worte mehr fand, dann verstummte das Spiel.

Sie sprang auf und wie ein geschrecktes Reh davon. Sie begehrte nicht zu wissen, woher die Flötentöne kamen, die von der Gestalt hinter ihr auszugehen schienen.

Aber hinter dem schmalen Haselsaum im Hohlweg saß ein blinder alter Mann, der in früheren Jahren das kleine Harmonium in dem Kirchlein des Dorfs gespielt hatte. Jetzt trugen ihn seine schwachen Füße nicht mehr die losen Steinstufen auf die Höhe zu ihm hinauf, und man hatte ihn an dem Tage an den sonnigen Weghang geführt, damit es den alten frierenden Gliedern einmal wieder warm werde. Da war er nun über Mittag vergessen worden, weil die Leute, die ihn pflegten, sich für den Tag auswärts verdungen hatten. Der Alte glaubte, als er Dorothea auf dem Felde sprechen hörte, einem Kinde mit seinem Flötenspiel eine Freude machen zu können. Aber er ahnte nicht, wie unermeßlich sie war.

Am nächsten Tage konnte Dorothea die Mittagsstunde kaum erwarten, und gleich nach der kurzen Mahlzeit lief sie hinaus. Sie war so gläubig davon überzeugt, das schöne Wunder werde sich wiederholen, sie ahnte Wunderbareres, was noch folgen würde, daß sie an nichts anderes dachte.

Als sie das Feld betrat, war die Vogelscheuche verschwunden.

Dorothea war wie zerschmettert. Traurig blickte sie umher, wie über einer leeren trostlosen Brandstatt, und Tränen füllten ihre Augen. Nicht lange stand sie; dann wandte sie sich und schritt gesenkten Hauptes nach Hause; und wie um nur etwas zu haben, an das sie ihre Trauer hängen konnte, sang sie leise vor sich hin nach der Weise, die sie gestern gehört:

»Als die Treue ward geborn,
flog sie in ein Jägerhorn.
Jäger blies sie in den Wind.
Also man sie nimmer findt.«

Am Abend des vorangegangenen Tages hatte Martin nach seinem Felde gesehen und, da es auf den Herbst ging und man die Vogelscheuchen vor der beginnenden Ernte allenthalben beseitigte, auch die seine weggenommen und nach Hause getragen. Nun war er gerade dabei, in dem kleinen Hof die Latten zu zerkleinern, die das Knochengerüst von Dorotheas armem Freund abgegeben hatten; und ihr rotes seidenes Tuch, der Hut mit dem verwelkten Kranz von roten Vogelbeeren, all die Dinge, mit denen sie ihn geschmückt, lagen auf einem wirren Haufen in der Ecke. Da trat Dorothea in die offene Tür von Martins Werkstatt, und mit einem Blicke überschaute sie alles. Eine wahnsinnige Angst durchfuhr sie:

»Nicht töten! nicht meinen Freund töten!« schrie sie. Martin drehte sich halb nach ihr um und ließ einen Augenblick das erhobene Beil ein wenig sinken. Da er sie aber nicht begriff und in ihren Worten nur eine der belanglosen Undeutsamkeiten fand, mit denen sie ihn und Marianne ab und zu in Erstaunen setzte, schlug er zu.

»Ich laß ihn nicht töten«, schrie Dorothea wie rasend. Als ob damit etwas zu retten wäre, sie ihn abdrängen müßte von einem Leben, das sie verteidigen dürfte, faßte sie eines der aufwärts gebogenen Starken Schnitzmesser, die auf der Hobelbank nahe der Tür lagen, wie einen Dolch und stieß es ihm in der Hoffnung, ihn abzulenken, in die erhobene Schulter, die das offene Hemd kaum bedeckte.

Die ungeübte Hand und die ungeeignete Waffe ließen den Stoß nicht zu tief gehen; aber die Muskeln waren in breiten Bündeln durchschnitten, und der Arm hing kraftlos herab. Ein Blutstrom tränkte das Hemd.

Da warf Dorothea das Messer weg und brach, entsetzt über sich selbst, weinend zusammen. Sie sah, wie sie bei hellem Bewußtsein die Tat einer Wahnsinnigen begangen, und ihr schauderte; wußte sie doch, daß es eine leblose alte Vogelscheuche war, um die sie sein Blut vergossen.

Man brachte sie für die Nacht in Gewahrsam und am andern Tag, da Martin Gläßer und Frau Marianne ein gutes Wort für sie einlegten, in die Irrenanstalt der Stadt.

Die Ärzte vermochten nicht das leiseste zu entdecken, das eine Trübung ihres Geistes hätte vermuten lassen.

Nach kaum drei Vierteljahren, während welcher man sie in Beobachtung hielt, starb sie, schmerzlos dahingenommen von der Krankheit ihrer Kindheit, welche die Sonne von Mammolshain gnädig in ihr niederkämpfte, solange sie ihr geschienen hat.

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2 Kommentare zu „für die Woche 12/2009 erzählt

  1. Werke des Rudolf Georg Binding kannte ich bisher nicht. Vielen Dank, Bettina, für dieses lehrreiche Beispiel!
    Bewundernswert einfühlsam erzählt und große Schreibkunst, vor der man sich verneigen muss.

  2. Ja Sabine, das dachte ich ähnlich. Desto erschrockener war ich, als ich seine Biographie las…
    Aber für mich sind Geschichten etwas losgelöstes vom Menschen, wenn sie denn erst in der Welt sind.
    Geht mir mit meinen eigenen Sachen so und empfinde ich auch bei anderen.
    Ich übernehme ja auch nicht Wagners politische Ansichten, weil ich seine Musik liebe.
    Künstler und Person sind für mich zwei verschiedene Paar Schuh, im Vergleich miteinander durchaus interessant, aber mehr nicht.

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