für die Woche 11/2009 erzählt


Geschichten aus
Nemorosus

© Sabine Rohm

Es gehört zu den Gepflogenheiten unseres dickbäuchigen Chefs, morgens ins Büro gestampft zu kommen und eine Story zu fordern. Eine sensationelle Story. Eine Story die es noch nie gegeben hat und die die Verkaufszahlen der Zeitung in die Höhe treiben wird!
So auch heute, doch diesmal fügt er hinzu: „Koste es, was es wolle!“
Nachdem er, wie gewohnt, die Tür hinter sich zu zugeknallt hat, schenke ich mir einen Kaffee ein und wärme meine Hände an der Tasse. Mein Kollege Jonny scheint die Nacht hier in der Redaktion verbracht zu haben, denn er ist unrasiert und trägt dasselbe Hemd wie gestern.
„Was ist los?“, frage ich ihn.


„Alida, ich habe eine Idee. Die Idee! Du hast bestimmt schon einmal von diesem berüchtigten Wald Nemorosus gehört, der von den Tieren regiert wird, oder? Von meinem Informanten habe ich gestern Abend erfahren, dass auserwählte Menschen dort sogar mit den Tieren sprechen können. Was hältst du davon? Sollen wir es versuchen? Vielleicht werden wir akzeptiert, bekommen Informationen die noch nie jemand erhalten hat und schreiben anschließend die Story des Jahres?“
Jonny ist von seiner Idee nicht mehr abzubringen, das sehe ich an seinen rot angelaufenen Ohren. Die bekommt er immer, wenn er einen Erfolgsbericht wittert.
Ich überlege nur kurz, denke an das „Koste es, was es wolle“, packe Kamera, Diktiergerät und ein paar Sachen zusammen und gemeinsam fahren wir los.
Wir fahren sehr weit und viele Stunden vergehen, doch endlich sind wir am Ziel! Wir steigen wir aus dem Auto und blicken uns um. Wir befinden uns vor einem dichten Wald, irgendwo in Europa.Es ist ein unvergleichlicher Moment, denn während Jonny und ich unsere müde gesessenen Muskeln strecken und dehnen, die mitgenommene Ausrüstung aus dem Wagen holen – denken wir nicht mehr an eine Story.baumsonne
Wir werden uns bewußt, denn der Sommer neigt sich dem Ende zu und es riecht nach Moos, Tannennadeln, Pilzen und Laub. So richtig erdig, wie es mittlerweile kaum noch auf der Welt riecht. Dieser einzigartige und unverwechselbare Duft, den wir fassen und in Dosen stecken möchten. Die Tage sind nun kürzer geworden und selten zwängt die Sonne ihr inzwischen oft verdecktes Gesicht durch regenlastige Wolken. Sie wärmt nur noch für kurze Momente, die jeder umso intensiver genießt. Schwalben, Stare, Feldlerchen, Kiebitze, haben den Sommer mit ihrem fröhlichen Gesang begleitet und machen sich zum Flug in den Süden bereit. Es heißt Abschied nehmen im Wald Nemorosus.
Mit viel Glück wird die Mehrzahl der gefiederten Freunde im nächsten Frühjahr zurückkommen. Jedes Jahr ist es eine beschwerliche, abenteuerliche und weite Reise für sie. Die Natur bestimmt und legt den Zeitpunkt fest, doch der Mensch behindert, wie so oft. Einige der Vögel werden müde und abgekämpft in den Kabeln von Strommasten verenden, oder vielleicht vom Himmel herunter geschossen. Andere Zugvögel werden sich in Netzen verfangen, von Menschen exakt platziert. In Nemorosus sind sie in Sicherheit, anderswo gelten sie als Delikatesse…
Das Abschiednehmen fällt jedes Jahr aufs Neue schwer.

Nemorosus
Nemorosus

Nemorosus ist übrigens kein gewöhnlicher Wald.
Hier haben die Bewohner noch die Herrschaft und ihre eigenen Gesetze.
Menschliche Besucher werden nach ihrem Geruch beurteilt und erst nach einer genauen Kontrolle akzeptiert. Kaum ein Mensch bemerkt diese Überprüfung, nur diejenigen die nicht hinein dürfen, denn ihnen stellt sich Oberaufseher Feritas kampfbereit in den Weg. Feritas, ein Wildschwein mit langen Stoßzähnen, das für diese Aufgabe mit einem nicht zu übertreffenden Instinkt ausgestattet ist. Alle betroffenen Personen, die diesem Keiler, seiner gewaltigen Statur und seinem durchdringenden Blick gegenüberstehen, suchen freiwillig schnell das Weite. Doch jeder Mensch, der einige Stunden in Nemorosus verbringen darf, ist verzaubert von der Atmosphäre dieses Waldes. Von dem fröhlichen Gesang der Vögel, der, einem perfekten Orchester gleich, das Trommelfell beinahe bersten lässt und verzaubert von der Gelassenheit der Rehe, Hirsche, Hasen und Füchse, die sich Dank der Auslese der Menschen nicht mehr verstecken.
Wir wagen uns hinein – stellen uns bewusst der Kontrolle. Beschnüffelt und für gut befunden dürfen wir eintreten und weil wir uns als Reporter ausweisen, lädt Feritas uns in den waldeigenen Radiosender ein. Er gibt eine Meldung an „knorrige Eiche“ und erklärt uns den Weg. Wir sind sehr gespannt und gehen, die Düfte des Waldes einatmend, die beschriebene Route entlang. Seltene, um diese Jahreszeit noch blühende Pflanzen lassen uns verharren und bisher noch nie gesehene Schmetterlinge flattern lautlos vor uns her. Wir sind Stunden unterwegs die uns kurz, wie Minuten, erscheinen; wir genießen und trinken kristallklares Wasser aus einer Quelle. Das Wasser, bisher noch leise säuselnd, erkämpft sich unbeirrt seinen Weg. Vorerst ein schmales Rinnsal, von Pflanzen verborgen, wird es bald stärker und mächtig. Je weiter wir gehen, desto erhabener dehnt es sich zu einem breiten Bach, der in seinem weiteren Verlauf gesellig den von uns genutzen Weg begleitet. Flache Steine, hin und wieder wie mit Absicht gestapelt und platziert, unterbrechen den steten Strom. Sie verändern das sanfte Plätschern, veranlassen das Wasser in kleinen Wasserfällen herabzustürzen und sich in regelrechte Kaskaden zu verwandeln. Der Bach endet in einem veilchenblau schillernden See. Auch dort bleiben wir stehen und beobachten einen Fischreiher. Er lässt sich von uns nicht stören, denn wir sind willkommen und somit erleben wir, wie er in das Seewasser schreitet und unbeweglich ausharrt. Ganz nah sind wir bei ihm, verhalten uns ebenso bewegungslos wie er und sind gespannt. Wie ein Pfeil schießt sein Kopf plötzlich ins Wasser und als er Sekunden später zurück an die Oberfläche kommt, zappelt in seinem Schnabel ein großer Fisch. Vielleicht ist es vorerst die letzte Nahrung vor seinem weiten Flug. Ein Eisvogel sitzt in der Nähe, auf dem Ast eines Baumes und versucht ebenfalls sein Glück. Er kann sich Zeit lassen, denn er wird hier in Nemorosus überwintern, doch auch er hat Hunger. Als er eines Fischs gewahr wird, schnellt er mit seinem ganzen Körper in den See und taucht unter. Hat er Glück? Ja, auch er bekommt sein Abendessen. Der Fisch ist sehr klein, der Größe des Eisvogels entsprechend. Die Natur bestimmt und kein Mensch behindert.

Am Ziel angekommen dämmert es bereits und wir stehen einer uralten Eiche gegenüber, der von außen nicht anzusehen ist was sich in ihr verbirgt. Ein Eichhörnchen sitzt davor und knabbert an einem Tannenzapfen. Es sammelt Vorrat für den bevorstehenden Winter, blickt uns vertrauensvoll an, zwinkert uns zu und deutet mit dem Kopf vage nach rechts. Von diesem Hinweis sehr geehrt, wenden wir uns dem versteckten Eingang zu und stolpern im Hohlraum der riesigen Eiche beschwerlich nach oben, hinauf bis zum neunten Ast. Mein Kollege öffnet eine Tür und wir beide betreten einen hellen, beheizten und gemütlich eingerichteten Raum. Es verschlägt uns beinahe den Atem, denn das bemerkenswerteste an diesem Raum ist Noctua.

Nocuta
Noctua

Ein Uhu, bekannt als größte Eule, füllt fast das ganze Studio aus. Er ist der Moderator des Senders und lässt uns hinter die Kulissen schauen. Dieser freundlich wirkende Vogel, mit einem Kopfhörer den er lässig auf dem Kopf trägt, begrüßt uns lachend, holt mit Schwung aus, reicht uns den rechten Flügel und heißt uns aufs Herzlichste willkommen. Wir erholen uns überraschend schnell von diesem heftigen Flügelschlag, setzen uns in die dargebotenen Sessel, plaudern mit ihm über weltliche Missstände und waldinterne Neuerungen. Wir sind angenehm überrascht von seinen vernünftigen Ansichten und fühlen uns nach kurzer Zeit wie zu Hause.
Pünktlich um Mitternacht bekommt Noctua ein Signal durch seine Kopfhörer. Die Sendung beginnt. Der Uhu gibt uns ein Zeichen mit dem Flügel, den er gespitzt auf seinen Schnabel legt.
Wir verstehen. Er muss sich konzentrieren und nun sind wir ganz still, da wir einfach nur zuhören werden.

„Guten Abend, liebe Nachtschwärmer, hier ist Radio Nemorosus. Willkommen zur blauen Stunde nach Mitternacht. Ihr hört Schmusemusik, unter anderem den brandneuen Hit unserer Nachtigallen, die mit diesem Song fast schon den Vogel abgeschossen haben – ha, ha, ha.“ Noctua hält sich den Bauch vor Lachen.
„Na ja, kleiner Scherz. Nichts für ungut, ihr Nachtigallen. Also, liebe Nachtschwärmer, ihr hört außerdem die aktuellen Verkehrsnachrichten der Landstraße 1888. Mein Name ist Noctua. Ich bin euer Begleiter durch die Nacht für die nächsten sechs Stunden. Wie jede Nacht, haben wir auch heute einen Studiogast bei Radio Nemorosus.
„Heute ist es Willy, die Haselmaus. Willy hat einen etwas ungewöhnlichen Namen und wie er dazu kam, wird er gleich live bei uns erzählen.“
Noctua schaltet das Mikro ab. „Ha, ha, das mit dem Vogel Abschießen war wirklich gut.“
Er wischt sich mit dem linken Flügel die Lachtränen aus den Augenwinkeln, lehnt sich in seinem Sessel zurück, haut mit geballtem Flügel auf einen großen Knopf seines Sendepultes und lässt das Lied der Nachtigallen über den Sender ertönen.
Währenddessen sitzt Willy im siebten Ast der Eiche und wartet auf seinen Auftritt. Auch er ist ausgestattet mit einem Kopfhörer. Mit einem in der Größe „KpunktTpunkt“ für die kleinen Tiere. An den Wänden hängen unzählige Kopfhörer in allen erdenklichen Größen, selbst für einen Marienkäfer ist der passende dabei.
Willy ist nervös, springt immer wieder auf, wandert in seinem eher spartanisch eingerichteten Warteraum von einer Wand zur anderen und wiederholt wahrscheinlich zum hundertsten Mal die Sätze, die er in ein paar Minuten vielen Zuhörern preisgeben wird.
Seine Geschichte. Er schwitzt vor Aufregung und würde sich am liebsten das Fell ausziehen.
Ein ohrenbetäubendes Klingelzeichen in seinem Kopfhörer, unterbricht seine Wanderung.
Es ist Noctua, der eine aktuelle Verkehrsnachricht durchgibt.
„Hier eine Warnung an alle Bewohner des Waldes Nemorosus!

Haselmaus Willy
Haselmaus Willy

Vier Fahrzeuge sind mit überhöhter Geschwindigkeit auf der L 1888 in Richtung Norden unterwegs. Bitte überquert die Straße nicht und bleibt auf jeweils eurer Seite. Nach Aussage unserer Nachtspäher, der Fledermäuse, handelt es sich um menschliche Jugendliche, die sich mit ihren Autos ein Wettrennen auf der Landstraße leisten.
Ich wiederhole: Bleibt der L1888 fern, dort besteht Lebensgefahr! Sobald die Gefahr vorüber ist, werde ich es melden.“
Willy kauert sich in eine Ecke und hofft, dass sich seine Familie im Bau befindet. Sein Urgroßvater war vor langer Zeit bei solch einer Geschichte ums Leben gekommen. Einfach überfahren hatten ihn die Menschen. Aber damals gab es das Frühwarnsystem noch nicht.
Im Studio lehnt sich Noctua erneut im Sessel zurück, blickt uns mit seinen großen, orangefarbenen Augen nachdenklich an und sagt: „Wir haben lange daran gearbeitet. Mittlerweile funktioniert unser Warnsystem perfekt. Eure Kreuze und Blumensträuße am Straßenrand geben mir jedoch immer noch zu denken. Die Bäume, die kann ich leider nicht entfernen lassen.“
Wir blicken betroffen zur Seite. Ein perfektes System fehlt uns Menschen in vielen Bereichen.
Inzwischen läuft ein Lied der Blaumeisen, und Noctua ruft Willy durch ein separates Mikrofon zu uns ins Studio. Nach wenigen Minuten geht die Türe auf…Willy tritt zögernd ein….. Er zittert am ganzen Körper. Seine kleinen, spitzen Nagerzähnchen schlagen vor lauter Angst aufeinander.
Noctua lächelt ihm aufmunternd entgegen: „Willy, nun mal nicht so nervös, deine ganze Familie sitzt gewiss am Radio und wartet auf dein Interview. Du willst sie doch nicht enttäuschen, oder? Du bist ja nicht mehr haselnussbraun, sondern kalkweiß. Nun setz dich mal zu mir!! Ich werde dich schon nicht fressen.“
Noctua unterdrückt nur mit Mühe ein aufkeimendes Lachen, und klopft auffordernd mit dem linken Flügel auf den bequemsten Sessel, der neben ihm steht. Er kennt sich nach jahrelanger Erfahrung mit nervösen Studiogästen aus, nimmt selbst einer kleinen Haselmaus nach wenigen Minuten die Angst und hebt Willy fürsorglich in den Sessel.
Zur Überbrückung wird ein beruhigendes Lied der Dompfaffen gespielt, und Willy entspannt sich zusehends. Die Zeit im Warteraum war nicht vergebens. Willy ist bis ins kleinste Detail vorbereitet. Er wird es schaffen!
Das Lied ist beendet und Noctua widmet sich nun offiziell seinem Gast.
Er beugt sich zu seinem Mikrofon.
„Liebe Zuhörer, wir kommen jetzt zu unserem Studiogast.“
„Sorry, wir müssen noch einmal kurz auf die Straße. Ich bekomme gerade die aktuellen Verkehrsinformationen. Oh, oh, einer der Raser auf unserer Landstraße hat die Tanne 212 heftig gerammt. Menschliche Rettungskräfte sind nach Meldung der Fledermäuse bereits vor Ort. Unsere Bewohner sind nicht an diesem Unfall beteiligt – die Gefahr ist vorüber.
„Liebe Freunde, wartet bitte bis sich die Blaulichter der Rettungswagen entfernt haben, danach könnt ihr euch wieder frei bewegen!“
Noctua drückt auf einen seiner Knöpfe, atmet tief durch, blickt uns vor Aufregung dick aufgeplustert, mit zusammengekniffenen Augen an und schimpft: „Tut mir Leid, wenn es gerade euch mit meiner Wut trifft, aber seht ihr nicht selbst, welch nutzlosen Aufwand die Menschen betreiben? Nicht nur, dass ihr Bäume abholzt, um Skilifte zu bauen – für euch wahrscheinlich wahnsinnig wichtig – aber ihr zerstört unser Zuhause, ihr nehmt uns unsere Freiheit, unsere Ruhe und unsere Zeit. Was meint ihr wohl, wie viel Arbeit wir haben werden, nur um dieses kleine Unheil wieder zu beseitigen? Das ausgelaufene Motoröl. Ein ganzer Ameisenstaat muss wieder neu aufgebaut werden. Zum Glück waren diese Ameisen heute wegen eines Betriebsausfluges unterwegs.
„Öltanker, die die Weltmeere verschmutzen.“ Noctua gerät für einen kurzen Moment ins Grübeln und murmelt: „Wir müssen ein neues Gesetz erlassen. Die Waldameisenhügel dürfen nicht mehr am Straßenrand gebaut werden.“ Er notiert diesen Einfall sofort in seinem Ideenheft.
Wieder können wir nur wünschen, in diesem allseits berühmten Loch verschwinden zu dürfen.
„Aber jetzt endlich zu unserem Gast!“
Noctua muss seine Sendezeit einhalten, räuspert sich, beugt sich zum bequemsten Sessel und gibt Willy ein Zeichen.
„Nun, mein kleiner Freund, entschuldige bitte die Verzögerung. Erzähle uns jetzt einfach mal deine Geschichte!!
‚Willy‘, hört sich für einen Bewohner von Nemorosus sehr ungewöhnlich an und ich habe mir sagen lassen, dass es eine Prinzessin gewesen sein soll, die dir diesen Namen gegeben hat.“
Willy atmet tief ein und sammelt seine Gedanken. Wir können es förmlich spüren.
„Tja, Noctua, es war sogar eine menschliche Prinzessin“, antwortet Willy selbstsicher. Mir hat einer dieser Menschen, die unsere Heimat und die gesamte Natur zerstören, einer dieser Menschen hat mir, einer Maus, sogar das Leben gerettet.“
Noctua hebt skeptisch die rechte Augenbraue, lässt Willy aber ohne Kommentar in Ruhe weitersprechen.
„Meine Eltern, meine sechs Geschwister und ich leben hier, in Nemorosus. Ich bin der älteste Sohn und muss, wenn mein Vater nicht da ist, für unser Futter sorgen. So auch an diesem besagten Tag.
Mein Vater war bei Sonnenaufgang aus unserem Bau gestiegen. Wie gewohnt hielt er seine Nase in den Wind, um unseren Feinden zuvor zu kommen. Fuchs oder Marder hätten die Futtersuche schnell beendet. Es wurde Mittag, es wurde Nachmittag, doch mein Vater kehrte nicht zurück. Meine Mutter machte sich inzwischen die größten Sorgen, musste aber uns sieben Mäusekinder versorgen. Unsere Speisekammer sollte für den bevorstehenden Winter erst noch gefüllt werden, und mittlerweile knurrte jedem von uns der Magen.
‚Ältester Sohn‘, sagte sie zu mir und unterdrückte nur mühsam ihre Tränen. ‚Du musst dich auf den Weg machen und wenigstens für dich und deine Geschwister etwas Futter besorgen. Ich weiß nicht, wann euer Vater zurückkommen wird.‘
‚Kein Problem`, antwortete ich und lief sofort los.
Ich hatte nämlich schon eine Idee, wie ich ohne großen Aufwand an etwas Essbares herankommen würde. Oft hatte ich beobachtet, dass Menschen, die unseren Wald besuchen, eine Pause an bestimmten Plätzen einlegen und die tollsten Sachen aus ihren Taschen hervorzaubern. Brot, Wurst, Käse und Obst. Die Reste werfen sie in die dafür vorgesehenen Tonnen. Jedes Mal, wenn ich mir das einmal genauer ansehen wollte, warnte mein Vater, mich diesen verlockend duftenden Stellen zu nähern.
Heute jedoch war die Gelegenheit. Ich pirschte mich an die erste Tonne heran.
Na so was, dachte ich, im Boden sind ja kleine Schlitze. Da passe ich bequem durch. Alle Ermahnungen hinter mir lassend, kletterte ich hinein. Nichts – nur Papier, Dosen und leere Flaschen.
Auf zur nächsten, doch dort das gleiche Ergebnis. Um Zeit zu sparen, stellte ich es nun, wie ich dachte, etwas schlauer an. Ich hob mich auf die Hinterbeine, hielt meine Nase in den Wind und tatsächlich, von Westen kam ein herrlicher Duft nach Äpfeln und Apfelsinen. Ich rannte los, erreichte die Tonne, kletterte vorsichtig hinein und sah Apfelsinenstücke, Apfelschalen und Käsereste. Das feinste Paradies für eine kleine Maus. Nur schnell alles einsammeln und zurück nach Hause war mein einziger Gedanke. Ich war von diesem Gedanken dermaßen besessen, dass ich nicht bemerkte, wie mich etwas festhielt. Ich konnte meine Hinterpfoten plötzlich nicht mehr bewegen.
Ich kam nicht von der Stelle, geschweige denn aus dieser Mülltonne heraus. Aber was hielt mich fest? Ich geriet in Panik, bewegte mich verzweifelt hin und her um mich von diesem Etwas zu befreien, ließ schließlich meine gesammelten Schätze fallen, um auf den Boden blicken zu können.“
Noctua und wir halten den Atem an.
„Es war ein Netz“, fährt Willy nach einem tiefen Seufzer fort.
„Ein Apfelsinennetz hatte mich gefangen. Die Menschen hatten es mitsamt der Obstreste in die Tonne geworfen.
Ich versuchte, mich zu befreien, doch je mehr ich mich bewegte, umso enger zogen sich die feinen Fäden um meinen Körper. Inzwischen lag auch mein Kopf in einer Schlinge, die sich, je verzweifelter ich mich wehrte, immer enger um meinen Hals zog. In diesem Moment wurde mir klar, warum mich mein Vater immer wieder vor diesen Menschenmülltonnen gewarnt hatte.
Ich zappelte und zappelte, bekam kaum noch Luft und plötzlich wurde mir schwarz vor Augen.
„Ich denke, ich fiel in Ohnmacht, denn ich hatte das Gefühl, in den Himmel zu schweben. Ich sah die Sterne und den großen Mond. Ich träumte, immer höher zu schweben und als ich näher kam, lächelte der Mond mich an und sagte: ‚Kleine Maus, gib nicht auf! Kämpfe und du wirst es schaffen! Beweg! dich weiter und dir wird geholfen!‘
Ich wachte auf und kämpfte, wie der Mond geraten hatte, hoffnungsvoll weiter. Mit meinen Zähnen versuchte ich, die Kunststoffschnüre zu durchtrennen. Es half nicht. Das Papier raschelte, aber sonst tat sich nichts.
Plötzlich hörte ich Geräusche und stellte mit Schrecken fest, dass eine menschliche Hand in mein Gefängnis griff. Sie fasste mich und beförderte mich ans inzwischen dämmernde Tageslicht.
‚Nein, nein!‘ schrie ich. ‚Vati bitte hilf mir, nie wieder werde ich deine Ratschläge missachten!‘
Ich zitterte, drückte meine Augen ganz fest zu.
Ich beruhigte mich etwas, als ich neugierig blinzelte. Die Hand, die mich hielt, gehörte einem kleinen, blonden Menschenmädchen. Mitleidig sah es mich an, hielt mich vorsichtig und versuchte, mich von diesen Fesseln zu befreien.
Eine Frau, die in einiger Entfernung stand, wurde ungeduldig und rief dem kleinen Mädchen zu: ‚Nun komm schon! Wir müssen uns beeilen. Überlass die Maus doch ihrem Schicksal. Du kannst ihr sowieso nicht helfen.‘
‚Und ob ich ihr helfen werde!‘, rief das Mädchen zurück.
‚Ich lasse die Maus jetzt nicht allein. Irgendjemand muss sie doch retten.‘
Es zerrte und zog an dem Netz, mittlerweile auch mit den Zähnen. Mir wurde dabei ganz schwindelig, aber es klappte nicht.
Wie durch ein Wunder tauchten in diesem Moment zwei weitere Menschen auf. . Das Mädchen lief mit mir auf die Leute zu: ‚Bitte, bitte, helfen Sie mir, die kleine Maus wird gleich ersticken!‘
Die junge Frau blickte mich etwas angewidert an, doch der Mann blieb ganz ruhig und sagte: ‚Mach dir mal keine Sorgen, junge Dame, das haben wir gleich.‘ Er zog etwas aus seiner Tasche.
Bitte! Keine Apfelsinen, schoss es mir durch den Kopf. Aber der Mann zauberte nur einen silbernen Gegenstand hervor.
Ein Messer – ein paar kleine Schnitte – ich war frei!
Ich atmete tief die klare Herbstluft ein, und sah zu dem kleinen Mädchen auf, das sich bei dem Mann bedankte. Ich schaute es mit meinen schwarzen Knopfaugen an und wusste: Das ist meine Prinzessin.
Es beugte sich herunter und setzte mich vorsichtig auf den weichen Waldboden. So schnell ich konnte, wollte ich davonlaufen. Doch hielt ich inne, stellte mich auf meine Hinterbeine und winkte meiner Prinzessin dankbar zu.
„Sie lächelte, winkte zurück und sagte: ‚Mach es gut, Willy, und pass in Zukunft besser auf dich auf!‘
Wahnsinn! Ich hatte ein zweites Leben geschenkt bekommen und zusätzlich noch einen eigenen Namen. Ich rannte nach Hause. Dort saß meine Familie bereits um einen reich gedeckten Tisch und wartete auf mich. Mein Vater war inzwischen mit reicher Beute zurückgekehrt.
Klar, hatte sich meine Familie Sorgen um mich gemacht und wollte den Grund meiner Verspätung erfahren. Ich erzählte von meinem Abenteuer und konnte meinem Vater dabei nur schwer in die Augen sehen. Wir waren aber dermaßen froh, wieder gemeinsam an unserem Küchentisch zu sitzen, dass alles andere völlig unwichtig erschien.
Wir ließen uns Beeren und Früchte schmecken und im Laufe des Abends sagte mein Vater zu mir: ‚Ich bin sehr stolz auf dich, Willy. Du hast dich für deine Familie eingesetzt, und heute mehr gelernt, als ich dir mit Verboten beibringen kann. Du hast das Beste daraus gemacht.‘
Das war meine Geschichte“, beendet Willy seine Erzählung.
Wir reiben uns die Augen und finden, gefangen von diesem spannenden Mäuseerlebnis, nur langsam in die Gegenwart zurück.
Willy sitzt in dem riesigen Sessel, wischt sich mit der linken Pfote über die Stirn und ist glücklich.
Die kleine Haselmaus hat in diesen Minuten nicht nur ihre Unsicherheit überwunden. Sie hat auch klar gemacht, dass wir immer beide Seiten sehen sollten.
Noctua beugt sich zu seinem Studiogast: „Das war eine tolle Geschichte, mein Freund.“
Er streicht sich nachdenklich mit dem Flügel über den Schnabel und blickt an die Studiodecke.
„Wir sollten uns über ein Mülltrennungsgesetz Gedanken machen. Na ja, später.“
Er fächelt mit dem linken Flügel durch die Luft.
„Ich danke dir jedenfalls herzlich für deinen Besuch, Willy. Ich denke, wir haben alle etwas dazugelernt. Du wirst es noch sehen.“
Noctua schüttelt seine Federn, neigt sich zu seinem Mikrofon.
„In der morgigen Sendung, liebe Nachtschwärmer, werden wir Meles, die Dachsdame, bei uns zu Gast haben. Auch sie wird uns sicher etwas Interessantes zu erzählen haben. Ich lege jetzt eine Scheibe der Wildgänse auf, die uns in den nächsten Tagen, wie jedes Jahr, zum Überwintern beehren werden.
Ha, ha, du heiliger Specht, dann ist hier wieder der Teufel los.“
Ja, ja, die einen gehen, die anderen kommen. So ist das hier in Nemorosus.
Kurz nach Sendeschluss verabschieden wir uns von Noctua und machen uns auf den Heimweg. Der Wind fegt uns um die Ohren und wir gehen, tief in Gedanken versunken, schweigsam durch feuchtes Laub. Auch wir haben in dieser Nacht viel gelernt.

Advertisements

6 Kommentare zu „für die Woche 11/2009 erzählt

  1. Wiesbaden, 15.03.2009

    Sehr geehrte Frau Rohm,

    diese Geschichte aus NEMOROSUS gefällt mir sehr, sehr gut. Gerade weil sie so leise erzählt wird. Dies ist ein Märchen, welches ich jedem meier Enkel abends liebend gerne vorlesen würde.
    Ich danke Ihnen für diese wunderschöne Erzählung und ich hoffe, es gibt noch viele Fortsetzungen
    ;-)) !
    Mit herzlichen Grüßen, Gisela Scholz

  2. Sehr gern wieder gelesen, vor allem den wunderbar beschriebenen Wald gespürt, gesehen, gerochen, gefühlt. Die Fotos kommen besonders gut dazu.
    Liebe Grüße,
    Patricia

  3. Das habe ich für meine Tochter heauskopiert, ich hoffe, das ist in Eurem Sinne. Die Geschichte, oder ist besser gesagt das Märchen (?) ist sehr schön erzählt und wird bestimmt Kinder beeinflussen, achtsam mit den Verpackungen bei Wanderungen umzugehen. Eine schöne Müllvermeidungsgeschichte. Richtig niedlich, auch die Bilder.
    Ernst August

  4. Vielen, vielen Dank Euch allen!
    Willy lebte vor ungefähr vierzig Jahren. Da raschelte er verzweifelt, verwickelt in einem Apfelsinennetz in einer Mülltonne.
    Wäre schön, wenn Kinder dadurch einen Anstoß zum Nachdenken bekommen, aber auch wir, die Erwachsenen. Gerne kann Nemorosus vorgelesen werden. Eine Ehre, für die ich mich sehr bedanke.

  5. Wir haben vor einigen Jahren
    einen Menschen getroffen,
    der die Seelensprache sprechen kann.
    Das klingt „merk-wuerdig“ und ist es auch
    – im wahrsten Sinne des Wortes.
    Dieser Mensch heisst Sabine Rohm.
    Sie kann wie kein anderer Mensch, den ich kenne,
    Gefuehle und Logik in Einklang bringen –
    mit wenigen aber ausdrucksstarken Worten.
    Und sie hat noch andere ungewoehnliche Faehigkeiten:
    Sie kann sich in Lebewesen hinein versetzen.
    Sie kann allen Lebewesen eine Stimme geben,
    die jeder, der aufmerksam hoeren und lesen kann,
    vernimmt.
    Das bedeutet Hilfe fuer den Betroffenen ebenso wie Hilfe fuer den, der ihre Worte liest und versteht.
    Danke, Sabine !

  6. Ja, liebe Gisela Soefner, Gefuehle und Logik in Einklang bringen – das ist gut formuliert, genau das schätze ich auch so an ihren Geschichten.
    Sie sind anrührend, aber nicht sentimental und man ist fast gezwungen, sich gedanklich mit dem Thema ihrer Geschichte weiterzubeschäftigen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s