Gedicht der Woche 10/2009


Volksballade

oder witziger gesagt: Volksmund Unbekannt

Die zwölf ermordeten Frauen

Schön-Heinrich  wollt´ spazieren gehn,
Schön-Ännchen sollte  mit ihm gehn.

Als sie ein Weilchen gegangen waren,
wollt er bei einer Wiese verharren.

Er breitet seinen Mantel  aus im Gras
und bat, dass sie zu ihm  sich niedersaß .

Schön-Heinrich legt sein Haupt auf ihren Schoß,
mit heißen Tränen sie ihn da begoß.

»Weinst du um deines Vaters Gut?
Oder weinst du um deinen stolzen Mut?
Oder bin ich dir nicht gut genug?«

»Ich weine nicht um  Vaters Gut,
auch nicht um meinen stolzen Mut,
Schön-Heinrich, ihr seid mir schon gut genug.

Ich weine grad um die elf Jüngferlein,
die dort mit eigenartig  sondern Schein
in hoher grüner Tann zu sehen sein.«

»Ha! Siehst du dort elf Jüngferlein
so wiss‘, das sind mein Weiberlein,
und du sollst stracks die Zwölfte sein.«

»Ach, muss ich denn die Zwölfte sein,
vergönn mir noch drei Schreielein!«

Den ersten Schrei  den sie dann tat,
da rief sie Gott im Himmel an:

»Oh lieber Gott, komm  hilf  mir doch schnelle,
ich lass mein Leben sonst auf der Stelle!«

Den zweiten Schrei den sie dann tat,
da rief sie ihren Vater an:

»Oh lieber Vater, komm  hilf mir doch  schnelle,
ich lass  mein Leben sonst auf der Stelle!«

Den dritten Schrei  den sie dann tat,
da rief sie ihren Bruder an:

»Oh lieber Bruder, komm hilf mir doch schnelle,
ich lass  mein Leben sonst auf der Stelle!«

Der Bruder saß beim Wirt zum Wein,
da fuhr der Schrei zum Fenster rein.

»Ach, Menschen höret, groß und klein!
Mir ist, als würde meine Schwester schrein!«

Er hatte das Wort kaum ausgesagt,
Schön-Heinrich in der Türe stand.

»Schön-Heinrich, was  sind deine Schuh so rot,
als wären sie gefärbt mit  Blut?«

»Ei, sollten meine Schuh nicht blutig sein?
Ich habe geschlachtet ein Täubelein.«

»Das Täubelein, das du geschlachtet hast,
das hat meine Mutter zur Welt gebracht!

Sie hat’s erzogen mit Milch und Wein:
es ist mein jüngstes Schwesterlein!« –

Schön-Ännchen bekam ein schönes Grab,
Schön-Heinrich flocht man aufs höchste Rad.

Schön-Ännchen klangen die Glocken, ach.
Schön-Heinrich schrien nur die Raben nach.

cloakwood

Ein Kommentar zu „Gedicht der Woche 10/2009

  1. Jetzt fragt Ihr vielleicht, was ist denn mit der los, wo buttelt die sowas denn aus? Ich gebe zu, Spass an solchem Pathos zu haben und „Küchenlieder und – gedichte“ durchaus mit Vergnügen gelesen zu haben.
    Etwas von dem Spass sei auch meinen Besuchern gegönnt…
    und solcherart Volkskunst ist dem Volksmärchen ja auch recht nahe, oder?

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