Gedicht der Woche 02/2009


Feuerfarb von Sophie Mereau Brentano


Feuerfarb

Ich weiß eine Farbe, der bin ich so hold,
die achte ich höher als Silber und Gold;
die trag‘ ich so gerne um Stirn und Gewand,
und habe sie Farbe der Wahrheit genannt.

Wohl reizet die Rose mit sanfter Gewalt;
doch bald ist verblichen die süße Gestalt:
drum ward sie zur Blume der Liebe geweiht;
bald schwindet ihr Zauber vom Hauche der Zeit.

Die Bläue das Himmels strahlt herrlich und mild;
drum gab man der Treue dies freundliche Bild.
Doch trübet manch Wölkchen den Äther so rein;
so schleichen beim Treuen oft Sorgen sich ein.

Die Farbe des Schnees, so strahlend und licht,
heißt Farbe der Unschuld; doch dauert sie nicht.
Bald ist es verdunkelt, das blendende Kleid,
so trüben auch Unschuld Verläumdung und Neid.

Und Frühlings, von schmeichelnden Lüften entbrannt,
trägt Wäldchen und Wiese der Hoffnung Gewand.
Bald welken die Blätter und sinken hinab:
so sinkt oft der Hoffnungen liebste in’s Grab.

Nur Wahrheit bleibt ewig, und wandelt sich nicht:
sie flammt wie der Sonne allleuchtendes Licht.
Ihr hab‘ ich mich ewig zu eigen geweiht.
Wohl dem, der ihr blitzendes Auge nicht scheut!

Warum ich, so fragt ihr, der Farbe so hold,
den heiligen Namen der Wahrheit gezollt? –
Weil flammender Schimmer von ihr sich ergießt,
und ruhige Dauer sie schützend umschließt.

Ihr schadet der nässende Regenguß nicht,
noch bleicht sie der Sonne verzehrendes Licht:
drum trag‘ ich so gern sie um Stirn und Gewand,
Und habe sie Farbe der Wahrheit genannt.

Sophie Mereau Brentano

Feuer

—————————–

mehr über diese Autorin findet man hier

2 Kommentare zu „Gedicht der Woche 02/2009

  1. Es ist komisch, den Namen Clemens Brentano kennt jeder. Warum kannte ich Sophie nicht? Eine der Frauen, die im Schatten der berühmten Männer lebten? Bei den Malern ist es genau so. Maler wie Sand am Meer, die Malerinnen bekamen die Kinder. Berühmt wurden sie erst in der Neuzeit, wenn überhaupt.

    Ein großes Kompliment für das Aufzeigen einer relativ unbekannten Lyrikerin

    1. Guten Tag Bruni Kantz, schön, wenn ich Dich auf die Dichterin aufmerksam machen konnte, genau das ist die Vorstellung, die ich bei der Einrichtung des Blogs hatte, von den vielen schönen Gedichten und Geschichten, die eher unbekannt sind, zumindest von dem, was man ohne Urheberrechtsverletzung ins Licht der Aufmerksamkeit stellen kann, etwas zu zeigen.
      Hab gesehen, Du verdichtest auch Deine Eindrücke in Verse…
      In ihrer Zeit war Sophie Mereau Brentano gar nicht sooo unbekannt, wie man jetzt meinen mag… nur zwei Jahrzehnte nach ihr wurde die Droste geboren und die dichtete dann allen Poetinnen den Rang ab…

      Wenn wir mal ehrlich sind, wäre Clemens von Brentano nicht so prägend für die Entstehung der Kunstrichtung „Romantik“ gewesen und dadurch eine wichtige Person der Zeitgeschichte, im Guten wie im Schlechten, durch seine Arbeiten würde ihn heute keiner mehr kennen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s