für die Woche 01/2009 erzählt


Die leichtsinnige Maus

von Manfred Kyber

Es war eine Maus, die war leichtsinnig! Sie tanzte Walzer auf dem Schinken, und wenn sie eine Falle sah, sopfiff sie ein Couplet durch die Zähne. Speck hielt sie für gewöhnlich, mit Kartoffeln spielte sie Kegel, ihre Pfoten wusch sie in Suppe, und ihre Krällchen polierte sie mit Butter. Es war traurig, traurig!

Oft hatte ihre Tante, eine geborene Feldmaus, die ihr Leben lang von einfacher Rohkost gelebt, sie ermahnt, indem sie kummervoll die Pfoten faltete.
»Kind«, sagte sie, »du bist leichtsinnig! Du tanzest auf Nahrhaftem, pfeifst auf Gefährliches, hältst Gutes für gewöhnlich, spielst Kegel mit Bekömmlichem, wäschst deine Pfoten in der flüssigen Grundlage des Familienlebens und polierst deine Krallen in Delikatessen! Wo bleibt da die Moral? Schlüpfrig sind die Brote, die mit Wissenschaft eine Katze, und die Krallen bleiben Krallen, auch im zwanzigsten Jahrhundert.«

«Sie, Herr Samt«, sagte die Maus dreist,«Sie haben nicht die geringste technische Berechtigung, sich zu bewegen und Krallen zu haben. Das ist wissenschaftlich unhaltbar. Verstehen Sie! Die letzten Forschungen haben das zur Evidenz bewiesen. Richten Sie sich doch nach der Naturwissenschaft!«
Das Leuchten der Augen wechselte zwischen Grün und Gelb. Es waren keine sympathischen und keine beruhigenden Farbtöne, und der leichtsinnigen Maus wurde bänglich zumute. Der Samt bekam jetzt eine Stimme. Er sprach laut und deutlich, in mauenden Tönen.

«Nach meiner Lebenserfahrung hat die Natur sich noch nie nach der Naturwissenschaft gerichtet. Wenn ich etwas verschlucke, ist es mir auch gleich, ob es wissenschaftlich erwiesen ist oder nicht. Die Hauptsache ist, daß es gut schmeckt. Aber Sie schmecken sicher nicht gut.«
Die Augen kamen näher, und ein gewaltiger Schnurrbart strich tastend über den Körper der entsetzten Maus.

Nun sah sie ein, daß es lebensgefährlich war. In diesem Samt steckte etwas Furchtbares, Ungeahntes, denn er sprach von Verschlucken, und das hieß, daß sie ihm das war, was ihr Aspik war. Wenn man für jemand Aspik ist, dauert es nie lange – dann ist man weg. Das ist wirkliche Naturwissenschaft, aber keine angenehme.
Oh, es war furchtbar – furchtbar! Die leichtsinnige kleine Maus faltete die Pfoten und weinte bittere Tränen – keine Tantentränen, sondern Tränen der Angst und Reue, und sie gelobte, sich bis in den Grund ihrer Mauseseele zu bessern, wenn sie den Tatzen dieses mauenden Samts entschlüpfen würde. – Oh, Tante Feldmaus, wie wahr sind deine Worte, und wie verrucht bin ich gewesen und meine Kusine aus der Schachtel , wo Paris draufstand!
«Nein, Sie schmecken nicht gut«, fuhr der Samt fort.«Ich könnte Sie ja totbeißen«, meinte er höflich erklärend,«aber das ist Knabensport. Ich kenne Mäuse zur Genüge. Ich bin Wirkl. Geheimer Mausrat, Exzellenz, und erhaben über Kindereien. Wenn Sie noch eben geboren wären, könnte man Sie ja zur Not schlucken, doch auch nur zur Morgenmilch. Aber so – nein. Ich habe mich von der Welt zurückgezogen und bin moralisch. Also gehen Sie und gehen Sie in sich!«

Die Maus lief, so schnell sie konnte, und preßte die Vorderpfote auf das kleine, klopfende Herz. In der Küche ging sie schon in sich, auf der Kellertreppe noch mehr, und beim scharfen Rettich, wo die Tante saß, war sie schon ganz in sich gegangen. Wenn man in sich geht, bleibt meist nicht viel von einem übrig. So war es auch bei der Maus.
»Oh, Tante Feldmaus!« rief sie schluchzend,«ich habe etwas Furchtbares erlebt! Ich habe auf Samt gelegen, der Augen und Krallen hatte und in mauenden Tönen sprach. Der Samt konnte mich verschlucken, aber er hat es nicht getan, weil er eine Exzellenz und moralisch war, und darum bin ich in mich gegangen und werde nun auch moralisch werden!«
Die Tante Feldmaus verstand das alles nicht, aber gerade darum war sie doppelt ergriffen. Sie erhob sich von ihrem scharfen Rettich und umpfotete ihre reuige Nichte in tiefster Rührung. Es war eine Tantenrührung. Auch Mäuse haben sie. Und weil das alles eigentlich Blödsinn war, so sagte sie, es wäre ein Wunder, und gründete einen Verein zur Rettung leichtsinniger Mäuse. Die leichtsinnige Maus aber und ihre Kusine aus der Schachtel, wo Paris draufstand, nahmen den Spinnwebschleier und leisteten das Kartoffelgelübde. Und alles war voll des Lobes über den moralischen Samt, der sich von der Welt zurückgezogen hatte.
Dies war ein Irrtum. Samt ist nie moralisch. Krallen hat er und Augen auch, oft recht schöne Augen. Aber moralisch ist er nicht. Das ist etwas, was ich ganz genau weiß.

Auch der Wirkl. Geheime Mausrat hatten sich nicht so ganz von der Welt zurückgezogen. Exzellenz schlichen gleich darauf auf leisen Sohlen in die Speisekammer, schoben mit geübter Pfote einige Teller beiseite und speisten eine Schüssel voll zarter Krabben mit tiefem und geschultem Verständnis. Viele ziehen sich in dieser Weise von der Welt zurück und fressen heimlich die zartesten Krabben. Von solchen Leuten stammt dann die Moral im Keller.

3 Kommentare zu „für die Woche 01/2009 erzählt

  1. ja, oft findet sie Erwähnung, die „Moral im Keller“, aber bisher las ich keine Erklärung, wie sie da hingekommen ist. Ich mag dieses Märchen sehr 🙂
    Allerdings muss man sich auf Kybers Art zu erzählen einlassen. Oft macht er Erzählereinschübe, auf die ein Leser schnell ungeduldig reagiert, da es wohl zur Barockzeit üblich war, aber seit dem 20. Jhd. nicht mehr so häufig angewendet wird.
    Bsp.:

    Dies war ein Irrtum. Samt ist nie moralisch. Krallen hat er und Augen auch, oft recht schöne Augen. Aber moralisch ist er nicht. Das ist etwas, was ich ganz genau weiß.

    Heute möchte der Leser im Allgemeinen sein eigenes Urteil fällen und nicht die Meinung anderer Leute lesen, da fühlt er sich schnell bevormundet. Wenn man sich aber von solchen Empfindungen freimachen kann, hat man ein feines Gespräch mit dem Autor geführt, Meinungsäußerung des Autors gelesen und eine eigene dazu gedacht. Ich kann das ab, ich mag das, wenn ich mich eingelesen habe 😉

  2. Manfred Kyber kannte ich nicht, Danke für das Vorstellen des Märchens. Ich habe schon gesehen, auf Projekt Gutenberg ist einiges von ihm zu finden, das werde ich nun nach und nach kennenlernen. Vielen Dank dafür

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