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das 51. der Kinder- und Hausmärchen


heißt  Fundevogel (in den ersten Ausgaben noch: Vom Fundevogel ) und gehörte zu meinen Lieblingsmärchen als ich Kind war, und ich schätze es noch immer. Es war mir  lieber als das Märchen von  Hänsel und Gretel, mit dem es viel Gemeinsames hat, weil die Eltern hier keinen so “bösen Part” haben, allerdings kommt die Not in diesem Märchen auch nicht so zum Vorschein. Die aufgezählten Verwandlungen in: Rosenstock und Rose; Kirche und Krone; Wasser und Ente gibt es öfter im Märchen und jedes Mal wundere ich mich über Kirche und Krone; diese Produkte der Zivilisation zwischen der “Natur”. Eine Erklärung kann man sich nur denken und die wird dann vermutlich falsch sein.  Hinweise habe ich in den Anmerkungen keine gefunden.

Eugen Drewermann, der die Kinder- und Hausmärchen mal psychologisch ausdeutete, schrieb über die Bedrohung des Todes im Fundevogel den Verwandlungen folgende(mir für das Märchen zu weit hergeholte, aber interessant und schön zu lesende) Bedeutung zu:

Rosenstock und Rose ist die Antwort der Jugend,die “unmittelbarste, fröhlichste und heiterste Reaktion auf die Nähe des Todes, sich seinen Augen zu entziehen in dem Blühen und Reifen jugendlicher Schönheit.“
Kirche und Krone ist die Antwort in der Mitte des Lebens; “jeder Mensch ist der Souverän seines eigenen Lebens und besitzt in sich selbst  Würde und Größe, ist autonom in seinem Fühlen und Denken“
See und Ente ist die Antwort im vorrückenden Alter und „Symbol einer Verwandlung, die den Tod selber zu töten vermag, indem sie das Wunder der Schöpfung der Welt im Leben eines einzelnen Menschen erneuert und ihn, der in der Zeit aus dem Nichtsein entstand, aus der Vergänglichkeit der Zeit in ein Dasein jenseits von Zeit und Raum entläßt.“

Die Grimms schrieben in den Anmerkungen zu den KHM: 
Aus der Schwalmgegend in Hessen. Es wird auch erzählt daß die Köchin die böse Frau des Försters war, und Fragen und Antwort werden anders gestellt z. B. „ihr hättet die Rose nur abbrechen sollen, der Stock wäre schon nachgekommen“. Voß hat das Märchen in seiner Jugend erzählen hören und theilt Bruchstücke daraus mit in den Anmerkungen zu seiner neunten Idylle. Ein ähnliches Aufsuchen der Flüchtigen in Rolf Krakes Sage Cap. 2. Bei Colshorn Nr. 69. Verwandt ist das Märchen vom Liebsten Roland (Nr. 56).

 Fundevogel

Es war einmal ein Förster, der ging in den Wald auf die Jagd, und wie er in den Wald kam, hörte er schreien, als ob es ein kleines Kind wäre. Er ging dem Schreien nach und kam endlich zu einem hohen Baum, und oben darauf saß ein kleines Kind. Es war aber die Mutter mit dem Kinde unter dem Baum eingeschlafen, und ein Raubvogel hatte das Kind in ihrem Schoße gesehen: da war er hinzu geflogen, hatte es mit seinem Schnabel weggenommen und auf den hohen Baum gesetzt.

Der Förster stieg hinauf, holte das Kind herunter und dachte: „Du willst das Kind mit nach Haus nehmen und mit deinem Lenchen zusammen aufziehn.“
Er brachte es also heim, und die zwei Kinder wuchsen mit einander auf. Das aber, das auf dem Baum gefunden worden war, und weil es ein Vogel weggetragen hatte, wurde Fundevogel geheißen. Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, dass wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig.

Der Förster hatte aber eine alte Köchin, die nahm eines Abends zwei Eimer und fing an Wasser zu schleppen, und ging nicht einmal sondern viele Mal hinaus an den Brunnen. Lenchen sah es und sprach: „Hör einmal, alte Sanne, was trägst du denn so viel Wasser zu?“
„Wenn du es keinem Menschen wieder sagen willst, so will ich dir es wohl sagen.“
Da sagte Lenchen nein, sie wollte es keinem Menschen sagen und so sprach die Köchin: „Morgen früh, wenn der Förster auf die Jagd ist, da koche ich das Wasser, und wenn es im Kessel siedet, werfe ich den Fundevogel hinein, und will ihn darin kochen.“

Des andern Morgens in aller Frühe stieg der Förster auf und ging auf die Jagd, und als er weg war, lagen die Kinder noch im Bett. Da sprach Lenchen zum Fundevogel: „Verlässt du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht:“ und sprach der Fundevogel: „Nun und nimmermehr.“
Da sprach Lenchen: „Ich will es dir nur sagen, die alte Sanne schleppte gestern Abend so viel Eimer Wasser ins Haus, da fragte ich sie warum sie das täte, so sagte sie, wenn ich es keinem Menschen sagen wollte, so wollte sie es mir wohl sagen; sprach ich, ich wollte es gewiss keinem Menschen sagen: da sagte sie, morgen früh, wenn der Vater auf die Jagd wäre, wollte sie den Kessel voll Wasser sieden, dich hineinwerfen und kochen. Wir wollen aber geschwind aufsteigen, uns anziehen und zusammen fortgehen.“

Also standen die beiden Kinder auf, zogen sich geschwind an und gingen fort. Wie nun das Wasser im Kessel kochte, ging die Köchin in die Schlafkammer, wollte den Fundevogel holen und ihn hinein werfen. Aber, als sie hinein kam und zu den Betten trat, waren die Kinder alle beide fort: da wurde ihr grausam angst, und sie sprach vor sich: „Was will ich nun sagen, wenn der Förster heim kommt und sieht dass die Kinder weg sind? Geschwind hinterher, dass wir sie wieder kriegen.“

Da schickte die Köchin drei Knechte nach, die sollten laufen und die Kinder einholen. Die Kinder aber saßen vor dem Wald, und als sie die drei Knechte von weitem laufen sahen, sprach Lenchen zum Fundevogel: „Verlässt du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht.“ Da sprach Fundevogel:„Nun und nimmermehr.“
Da sagte Lenchen: „Werde du zum Rosenstöckchen, und ich zum Röschen darauf.“
Wie nun die drei Knechte vor den Wald kamen, so war nichts da als ein Rosenstrauch und ein Röschen oben drauf, die Kinder aber nirgends. Da sprachen sie: „Hier ist nichts zu machen,“ und gingen heim und sagten der Köchin, sie hätten nichts in der Welt gesehen als nur ein Rosenstöckchen und ein Röschen oben darauf.
Da schalt die alte Köchin: „Ihr Einfaltspinsel, ihr hättet das Rosenstöckchen sollen entzwei schneiden und das Röschen abbrechen und mit nach Haus bringen, geschwind und tut es.“


Sie mussten also zum zweiten Mal hinaus und suchen. Die Kinder sahen sie aber von weitem kommen, da sprach Lenchen: „Fundevogel, verlässt du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht.“ Fundevogel sagte:„Nun und nimmermehr.“
Sprach Lenchen: „So werde du eine Kirche und ich die Krone darin.“
Wie nun die drei Knechte dahin kamen, war nichts da als eine Kirche und eine Krone darin. Sie sprachen also zueinander: „Was sollen wir hier machen, lasst uns nach Hause gehen.“
Wie sie nach Haus kamen, fragte die Köchin ob sie nichts gefunden hätten: so sagten sie nein, sie hätten nichts gefunden als eine Kirche, da wäre eine Krone darin gewesen.
„Ihr Narren,“ schalt die Köchin, „warum habt ihr nicht die Kirche zerbrochen und die Krone mit heim gebracht?“
Nun machte sich die alte Köchin selbst auf die Beine und ging mit den drei Knechten den Kindern nach.
Die Kinder sahen aber die drei Knechte von weitem kommen, und die Köchin wackelte hinten nach. Da sprach Lenchen: „Fundevogel, verlässt du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht.“ Da sprach der Fundevogel: „Nun und nimmermehr.“
Sprach Lenchen: „Werde zum Teich und ich die Ente drauf.“
Die Köchin kam an und als sie den Teich sah, legte sie sich drüber hin und wollte ihn aussaufen. Aber die Ente kam schnell geschwommen, fasste sie mit ihrem Schnabel beim Kopf und zog sie ins Wasser hinein, da musste die alte Hexe ertrinken.
Da gingen die Kinder zusammen nach Haus und waren herzlich froh; und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch.

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