laut und leise literatur lesen

die Rezi-Tante zeigt Erlebtes und Erdichtetes, Geschichten und Geschichte


Hinterlasse einen Kommentar

Märchen der Woche 43/2010


Das singende, springende Löweneckerchen


Es war einmal ein Mann, der hatte eine große Reise vor und beim Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen sollte. Da wollte die älteste Perlen, die zweite Diamanten, die dritte aber sprach:
„lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes, springendes Löweneckerchen (Lerche.)“
Der Vater sagte: „Ja, wenn ich es kriegen kann, sollst du es haben“ küsste alle drei und zog fort. Als nun die Zeit kam, dass er wieder auf dem Heimweg war, hatte er Perlen und Diamanten für die zwei ältesten, aber das singende, springende Löweneckerchen für die jüngste hatte er umsonst aller Orten gesucht, und das tat ihm leid, denn sie war sein liebstes Kind. Da führte ihn sein Weg durch einen Wald und mitten darin war ein prächtiges Schloss und nah’ am Schloss stand ein Baum, ganz oben auf der Spitze des Baums aber sah er ein Löweneckerchen singen und springen.
„Ei! du kommst mir noch recht!“ sagte er und war froh und rief seinem Diener, er sollte hinaufsteigen und das Tierchen fangen. Wie der aber an den Baum herantrat, sprang ein Löwe darunter auf, schüttelte sich und brüllte, dass das Laub an den Bäumen zitterte: „Wer mir mein singendes, springendes Löweneckerchen stehlen will, den fress’ ich auf!“
Da sagte der Mann: „das hab’ ich nicht gewusst, dass der Vogel dir gehört; kann ich mich nicht von dir loskaufen?“
„Nein!“ sprach der Löwe, „da ist nichts, was dich retten kann, als wenn du mir zu eigen versprichst, was dir daheim zuerst begegnet, tust du aber das, so will ich dir das Leben schenken und den Vogel für deine Tochter obendrein.“
Der Mann aber wollte nicht und sprach: „Das könnte meine jüngste Tochter sein, die hat mich am liebsten, und lauft mir immer entgegen, wenn ich nach Haus komme.“
Dem Diener aber war angst und er sagte: „Es könnte ja auch eine Katze oder ein Hund sein!“
Da ließ sich der Mann überreden, nahm mit traurigem Herzen das singende, springende Löweneckerchen und versprach dem Löwen zu eigen, was ihm daheim zuerst begegnen würde.

Wie er nun zu Haus einritt, war das erste, was ihm begegnete, niemand anders, als seine jüngste, liebste Tochter; die kam gelaufen und küsste und herzte ihn, und als sie sah, dass er ein singendes, springendes Löweneckerchen mitgebracht hatte, freute sie sich noch mehr. Der Vater aber konnte sich nicht freuen, sondern fing an zu weinen und sagte:
„O weh! mein liebstes Kind, den  kleinen Vogel hab’ ich teuer gekauft, dafür hab’ ich dich einem wilden Löwen versprechen müssen, wenn er dich hat, wird er dich zerreißen und fressen“ und erzählte ihr da alles, wie es zugegangen war und bat sie, nicht hinzugehen, es möcht’ auch kommen was wollte. Sie aber tröstete ihn und sprach: „liebster Vater, weil ihr’s versprochen habt, muss es auch gehalten werden und will ich hingehen und den Löwen schon besänftigen, dass ich wieder gesund zu euch heim kommen kann.“
Am andern Morgen ließ sie sich den Weg zeigen, nahm Abschied und ging getrost in den Wald hinein. Der Löwe aber war ein verzauberter Prinz und bei Tag ein Löwe und mit ihm wurden alle seine Leute zu Löwen, in der Nacht aber hatten sie ihre natürliche Gestalt wieder. Als sie nun ankam, tat er gar freundlich und ward Hochzeit gehalten und in der Nacht war er ein schöner Prinz, und da wachten sie in der Nacht und schliefen am Tag und lebten eine lange Zeit vergnügt miteinander. Einmal kam der Prinz und sagte:
„Morgen ist ein Fest in deines Vaters Haus, weil deine älteste Schwester sich verheiratet und wenn du Lust hast hinzugehen, sollen dich meine Löwen hinführen.“
Da sagte sie ja, sie möchte gern ihren Vater wiedersehen, und fuhr hin und wurde von den Löwen begleitet; da war große Freude, als sie ankam, denn sie hatten alle geglaubt, sie wäre schon lange tot und von dem Löwen zerrissen worden. Sie erzählte aber, wie gut es ihr ging und blieb bei ihnen, so lang die Hochzeit dauerte, dann fuhr sie wieder zurück in den Wald. Wie die zweite Tochter heiratete, und sie wieder zur Hochzeit eingeladen war, sprach sie zum Löwen: „Diesmal will ich nicht allein sein, du musst mitgehen.“
Der Löwe aber wollte nicht und sagte, das wäre zu gefährlich für ihn, denn wenn ein Strahl eines brennenden Lichts ihn anrühre, so würd’ er in eine Taube verwandelt und müsste sieben Jahre lang mit den Tauben fliegen. Sie ließ ihm aber keine Ruh’, und sagte, sie wollt’ ihn schon hüten und bewahren vor allem Licht. Also zogen sie zusammen und nahmen auch ihr kleines Kind mit. Sie aber ließ dort einen Saal mauern, so stark und dick, dass kein Strahl durchdrang, darin sollt’ er sitzen, wenn die Hochzeitslichter angesteckt würden. Die Tür aber war von frischem Holz gemacht, das sprang und bekam einen kleinen Ritz, den kein Mensch bemerkte. Nun ward die Hochzeit mit Pracht gefeiert, wie aber der Zug aus der Kirche zurückkam mit den vielen Fackeln und Lichtern an dem Saal des Prinzen vorbei, da fiel ein dünner dünner Strahl auf ihn und wie dieser ihn berührt hatte, in dem Augenblick war er auch verwandelt, und als die Prinzessin hinein kam und ihn suchte, saß bloß eine weiße Taube da, die sprach zu ihr: „Sieben Jahr muss ich nun in die  Welt fortfliegen, alle sieben Schritte aber will ich einen roten Blutstropfen und eine weiße Feder fallen lassen, die sollen dir den Weg zeigen, und wenn du mir da nachfolgst, kannst du mich erlösen.“

Da flog die Taube zur Thür hinaus und sie folgte ihr nach und alle sieben Schritte fiel ein rotes Blutströpfchen und ein weißes Federchen herab und zeigte ihr den Weg. So ging sie immer zu in die weite Welt hinein und schaute nicht um sich und ruhte sich nicht, und waren fast die sieben Jahre herum; da freute sie sich und meinte, sie wären bald erlöst und war noch so weit davon. Einmal, als sie so fort ging, fiel kein Federchen mehr und auch kein rotes Blutströpfchen und als sie die Augen aufschlug, da war die Taube verschwunden. Und weil sie dachte, Menschen können dir da nichts helfen, so stieg sie zur Sonne hinauf und sagte zu ihr:
„Du scheinst in alle Ritzen und über alle Spitzen; hast du keine weiße Taube fliegen sehen?“
„Nein,” sagte die Sonne, “ich habe keine gesehen, aber da schenk ich dir ein Schächtelchen, das mach auf, wenn du in großer Not bist.“
Da dankte sie der Sonne und ging weiter bis es Abend war und der Mond schien, da fragte sie ihn:
„Du scheinst ja die ganze Nacht, durch alle Felder und Wälder: hast du keine weiße Taube fliegen sehen?“
„Nein,” sagte der Mond,” ich habe keine gesehen, aber da  schenk ich dir ein Ei, das zerbrich wenn du in großer Not bist.“
Da dankte sie dem Mond und ging weiter, bis der Nachtwind wehte, da sprach sie zu ihm:
„Du wehst ja durch alle Bäume und unter alle Blätterchen weg, hast du keine weiße Taube fliegen sehen?“
„Nein,” sagte der Nachtwind, ” ich habe keine gesehen, aber ich will die drei andern Winde fragen, die haben sie vielleicht gesehen.“
Der Ostwind und der Westwind kamen und sagten sie hätten nichts gesehen, der Südwind aber sprach:
„Die weiße Taube hab’ ich gesehen, sie ist zum roten Meer geflogen, da ist sie wieder ein Löwe geworden, denn die sieben Jahre sind herum, und der Löwe steht dort im Kampf mit einem Lindwurm, der Lindwurm ist aber eine verzauberte Prinzessin.“
Da sagte der Nachtwind zu ihr:
„Ich will dir Rat geben, geh’ zum roten Meer’ am rechten Ufer da stehen große Ruten, die zähl’ und die eilfte schneid’ dir ab und schlag’ den Lindwurm damit, dann kann ihn der Löwe bezwingen und beide bekommen auch ihren menschlichen Leib wieder; dann schau dich um und du siehst den Vogel Greif am roten Meer sitzen, schwing’ dich auf seinen Rücken mit dem Prinzen, der Vogel wird euch übers Meer nach Haus tragen; da hast du auch eine Nuß, wenn du mitten über dem Meer bist, laß sie herab fallen, alsbald wird ein großer Nußbaum aus dem Wasser hervorwachsen, auf dem sich der Greif ruht, und könnte er nicht ruhen, wär’ er nicht stark genug, euch hinüber zu tragen, und wenn du es vergißt, wirft er euch ins Meer hinunter.“

Da ging sie hin und fand alles, wie der Nachtwind gesagt hatte und schnitt die elfte Rute ab, damit schlug sie den Lindwurm und alsbald bezwang ihn der Löwe und da hatten beide ihren menschlichen Leib wieder. Und wie sich die Prinzessin, die vorher ein Lindwurm gewesen war, frei sah, nahm sie den Prinzen in den Arm, setzte sich auf den Vogel Greif und führte ihn mit sich fort. Also stand die arme Weitgewanderte und war wieder verlassen, sie sprach aber:
„Ich will noch so weit gehen als der Wind weht und so lang als der Hahn kräht, bis ich ihn finde.“
Und ging fort, lange lange Wege, bis sie endlich zu dem Schloss kam, wo beide zusammen lebten, da hörte sie dass bald ein Fest wäre, wo sie Hochzeit mit einander machen wollten. Sie sprach aber, Gott hilft mir doch noch, und nahm das Schächtelchen, das ihr die Sonne gegeben hatte, da lag ein Kleid darin, so glänzend, wie die Sonne selber.
Da nahm sie es heraus und zog es an und ging hinauf in das Schloss und alle Leute sahen sie an und die Braut selber; und das Kleid gefiel ihr so gut, dass sie dachte, es könnte ihr Hochzeitkleid geben und fragte, ob es nicht feil wäre? „Nicht für Geld und Gut, sagte sie, aber für Fleisch und  Blut.“
Die Braut fragte, was sie damit meine, da sagte sie: „lasst mich eine Nacht in der Kammer schlafen, wo der Prinz schläft.“
Die Braut wollte nicht und wollte doch gern das Kleid haben, endlich willigte sie ein, aber der Kammerdiener musste dem Prinzen einen Schlaftrunk geben. Als es nun Nacht war, und der Prinz schon schlief, ward sie in die Kammer geführt, da setzte sie sich ans Bett und sagte: „ich bin dir nachgefolgt sieben Jahre, bin bei Sonne, Mond und den Winden gewesen und hab’ nach dir gefragt, und hab’ dir geholfen gegen den Lindwurm, willst du mich denn ganz vergessen?“ Der Prinz aber schlief so hart, dass es ihm nur vorkam, als rausche der Wind draußen in den Tannenbäumen. Wie nun der Morgen anbrach, da ward sie wieder hinausgeführt, und musste das goldene Kleid hingeben; und als auch das nichts geholfen hatte, ward sie traurig, ging hinaus auf eine Wiese, setzte sich da hin und weinte. Und wie sie so saß, da fiel ihr das Ei noch ein, das ihr der Mond gegeben hatte und sie schlug es auf: Ei! da kam eine Glucke heraus mit zwölf Küchlein ganz von Gold, die liefen herum und piepten und krochen der Alten wieder unter die Flügel, so dass nichts schöneres auf der Welt zu sehen war. Da stand sie auf, trieb sie auf der Wiese vor sich her, so lange bis die Braut aus dem Fenster sah, und da gefiel ihr das kleine Wesen so gut, dass sie gleich herab kam und fragte, ob sie nicht feil wären? „Nicht für Geld und Gut, aber für Fleisch und Blut; lasst mich noch eine Nacht in der Kammer schlafen, wo der Prinz schläft.“ Die Braut sagte ja und wollte sie betrügen, wie am vorigen Abend, als aber der Prinz zu Bett ging, fragte er seinen Kammerdiener, was das Murmeln und Rauschen in der Nacht gewesen sei. Da erzählte der Kammerdiener alles, dass er ihm einen Schlaftrunk hätte geben müssen, weil ein armes Mädchen heimlich in der Kammer geschlafen hätte, und heute Nacht solle er ihm wieder einen geben. Sagte der Prinz: „Gieße den Trank neben das Bett aus.“ und zur Nacht wurde sie wieder hereingeführt, und als sie anfing wieder zu erzählen, wie es ihr traurig ergangen wär’, da erkannt’ er gleich an der Stimme seine liebe Gemahlin, sprang auf und sprach:
„So bin ich erst recht erlöst, mir ist gewesen, wie in einem Traum, denn die Prinzessin hat mich bezaubert, dass ich dich vergessen musste, aber Gott hat mir noch zu rechter Stunde geholfen.“
Da gingen sie beide in der Nacht heimlich aus dem Schloss, denn sie fürchteten sich vor dem Vater der Prinzessin, der ein Zauberer war, und setzten sich auf den Vogel Greif, der trug sie über das rote Meer, und als sie in der Mitte waren, ließ sie die Nuss fallen. Alsbald wuchs ein großer Nussbaum, darauf ruhte sich der Vogel und dann führte er sie nach Haus, wo sie ihr Kind fanden, das war groß und schön geworden, und sie lebten von nun an vergnügt bis an ihr Ende.

Anhang

[V]

2.

Das singende, springende Löweneckerchen.

(Aus Hessen.) Für sich bestehend und eigenthümlich schön und doch mannigfach mit andern verwandt. Wegen des Eingangs mit dem Sommer- und Wintergarten (I. 68.) vgl. die dortigen Anmerkungen. Nach einer anderen Erzählung bittet sich die jüngste aus, was dem Vater zuerst begegnet, das sind drei Lilien; wie er sie abbricht, springt ein Drache hervor, dem er das Mädchen dafür versprechen muß. Noch näher kommt unten Nr. 41. der Eisenofen (s. die Anmerkung dazu) und Prinz Schwan I. 59., nur sind die Gestirne hier bedeutender und reden in alten Formen und Sprüchen. Ihre Thätigkeit und Mitgefühl erscheint auch in der Erzählung von der Eva in der Weltchronik (Cass. Hdschr. Fol. 21 a). Sie bittet Sonne und Sterne, wenn sie zum Orient kommen, dem Adam ihre Noth zu sagen und sie vollbringen es auch. Mit dem Märchen von Amor (dem Löwen–Reuter) und Psyche stimmt dieses auch darin, daß Licht das Unglück bringt und die überall entfesselnde Nacht den Zauber jedesmal löst. In der Braunschweig. Sammlung hat das Märchen „vom singenden, klingenden Bäumchen,“ das gleichfalls ein Löwe bewacht, einigen Zusammenhang. Löweneckerchen ist das Westph. Lauberken, nieders. Leverken, altholl. Leeuwercke, Leewerick, Lewerk, Lerk, Lerche. [VI] Die Federn und die Blutstropfen, die fallen, erinnern an den Volksglauben von den Feder- Nelken, deren eine Gattung im Herzen einen dunkeln Purpurflecken hat: das, sagt man, sey ein Tropfen Blut, welchen der Heiland vom Kreuz habe hineinfallen lassen. Ferner: die Federn sollten den Weg weisen, der Blutstropfen wohl die Gedanken an den Verzauberten stets erhalten, der gleichsam abwesend war, und so führt es zu der Sage von den Blutstropfen, über welche Parcifal nachsinnt und die ihm seine Frau ins Gedächtniß rufen. S. altd. Wälder I.


Hinterlasse einen Kommentar

Gedicht der Woche 43/2010


Märchen

Fern im Abendsonnenglanze
Liegt ein wunderbares Land,
Erdenleid und Sorgen reichen
Nicht an seinen heil’gen Strand.

Blaue Anemonen sprießen
Um ein marmorkühles Haus,
An der glückgeweihten Schwelle
Breitest du die Arme aus.

Noch einmal im Abendwinde
Gleitet meiner Sehnsucht Kahn,
Glückverlangend, glückerbangend,
Jene sonnenstille Bahn.

Wanderwolken seh ich ziehen
Ruhelos am Himmelsraum. –
Schneller eilen meine Träume
Nach dem fernen Ufersaum.

Wandervögel seh ich ziehen
Flügelschlagend über mir.
Jauchzender drängt meiner Liebe
Möwenflug zu dir, zu dir.

Schifflein schaukelt auf und nieder,
Wellenberg und Wellental,
Abendglocken singen ferne,
Und mein Herz frägt tausendmal:

Werd ich je das Land erreichen,
Eh die Nacht hernieder sinkt?
Oder wartet schon die Klippe,
Die mich in die Tiefe zwingt? –

Falte deine lieben Hände,
Betend, dass aus Not und Qual
Noch mein Kahn zu dir gelange
In das glückbereite Tal.

Ernst Goll


Ein Kommentar

Gedicht der Woche 42/2010


Der Hund

Da oben wird das Bild von einer Welt
aus Blicken immerfort erneut und gilt.
Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stellt
sich neben ihn, wenn er durch dieses Bild

sich drängt, ganz unten, anders, wie er ist;
nicht ausgestoßen und nicht eingereiht,
und wie im Zweifel seine Wirklichkeit
weggebend an das Bild, das er vergißt,

um dennoch immer wieder sein Gesicht
hineinzuhalten, fast mit einem Flehen,
beinah begreifend, nah am Einverstehen
und doch verzichtend: denn er wäre nicht.

Rainer Maria Rilke
aus: Der neuen Gedichte anderer Teil



Hinterlasse einen Kommentar

Erzählung der Woche 42/2010


Marc Twain

Eine Hundegeschichte

Fortsetzung von hier

Kapitel III

Es war so ein liebenswertes Zuhause – mein neues; ein feines, schönes Haus, mit Bildern und edlen Dekorationen und teuren Möbeln, und nirgends Hoffnungslosigkeit sondern überall zarte Farben, erleuchtet von flutenden Sonnenschein; und die geräumige Gartenanlage drumherum, und der großartige Garten – oh, die edlen Bäume, und die Blumen, kein Ende!
Und ich war wie ein Familienmitglied, sie liebten mich und liebkosten mich und gaben mir keinen neuen Namen, das war mir lieb, sie  riefen mich mit dem Namen, den meine Mutter mir gab – Aileen Mavourneen. Mutter hatte ihn aus einem Lied und die Grays kannten das Lied, und sagten es wäre ein schöner Name.

Frau Gray war dreißig und so süß und so lieb, das kannst du dir gar nicht vorstellen; und Sadie war zehn, und genau wie ihre Mutter, fast wie eine niedliche kleine Kopie von ihr, mit kastanienbraunen Zöpfen auf dem Rücken und mit kurzem Leibchen; und das Baby war ein Jahr alt und mollig und hatte Grübchen und mochte mich, und konnte niemals genug davon bekommen mich am Schwanz zu ziehen und mich zu drücken und aus unschuldigen Freude heraus zu lachen; und Herr Gray war achtunddreißig, groß und schmächtig und hübsch, ein bisschen kahl auf der Stirn;  aber munter, schnell in seinen Bewegungen, beschäftigt,  und sofort entschieden ohne Gefühl und sein schön geformtes Gesicht schien im frostigen Intellektual zu strahlen. Er war ein bekannter Wissenschaftler.
Bekannter Wissenschaftler – ich weiß nicht, was diese Worte bedeuten, aber meine Mutter hätte bestimmt gewusst, wie man diese Wörter benutzt und daraus Nutzen zieht.
Aber  nicht das  war das Beste; das Beste war das Laboratorium.  Das Laboratorium war kein Buch, oder  Bild oder ein Platz wo man sich die Hände wäscht, wie es der Hund eines Kollegen des Präsidenten sagte – nein, das ist das Waschbecken, das Laboratorium ist ganz was anderes, und ist voll von Gläsern und Flaschen und elektrischen Sachen und Kabeln und seltsamen Maschinen; und jede Woche kamen andere Wissenschaftler dorthin und benutzten diese Maschinen und diskutierten und machen dort das, was sie Experimente und Entdeckungen nennen; und oft kam ich auch dazu und stand da herum und hörte zu und versuchte etwas zu lernen, um die Ehre meiner Mutter und in lieber Erinnerung an sie, obwohl es für mich schmerzlich war, wenn es mir klar wurde, was sie in ihrem Leben verpasst hatte und dass ich damit nichts anfangen konnte; obwohl ich es so gut ich konnte versuchte – ich war nie fähig, etwas daraus zu machen.

Einmal lag ich auf dem Fußboden vor dem Arbeitszimmer der Frauchen und schlief, sie benutzte mich zärtlich als einen Fußschemel, wissend dass es mir gefiel, da es eine Liebkosung war, einander mal verbrachte ich eine Stunde im Kinderzimmer und wurde sehr zerzaust und brachte Freude, ein anderes mal passte ich auf das Bettchen auf wenn das Baby schlief und das Kindermädchen für ein paar Minuten hinausging um etwas für das Baby zu holen, ein anderes mal tobte ich und raste durch den Hof und Garten mit Sadie bis wir müde waren, dann schlummerte ich auf dem Gras im Schatten eines Baumes, während sie ihr Buch las; ein anderes mal ging ich die Nachbarshunde besuchen – da nicht weit von hier sehr Angenehme lebten, darunter ein sehr stattlicher , höflicher, graziöser mit lockigen Haaren, ein Irischer Setter mit dem Namen Robin Adair, der war ein Presbyterianer wie ich und gehörte dem schottischen Minister.

Mit der Zeit kam mein kleiner Welpe, und dann war mein Becher der Freude voll, mein Glück war vollkommen. Es war das niedlichste watschelnde Ding, und so glatt und sanft und kuschlig, und hatte solch listige kleine ungeschickten Pfoten und solch liebevollen Augen, und solch ein süßes und unschuldiges Gesicht; und es machte mich so stolz zu sehen wie die Kinder und ihre Mutter davon schwärmten und es streichelten  und  über jenes kleine wundervolles Ding staunten. Mir schien es, dass das Leben für mich irgendwie zu schön wäre.

Dann kam der Winter. Einen Tag hielt ich Wache in dem Kinderzimmer. Eigentlich schlief ich auf dem Bett. Das Baby schlief in dem Kinderbettchen, welches neben dem Bett stand, an der Seite zum Kamin. Es war ein Kinderbettchen, welches einen Umhang hatte, der aus gazeartigen Stoff gemacht ist und durch den man durchsehen konnte. Das Kindermädchen war draußen und wir beide Schläfer waren allein. Ein Funke aus dem Feuerholz flog heraus und zündete den Vorhang an der Seite an. Ich nehme an, es verging eine Zeit bis der Schrei des Babys mich aufweckte – und da war der ganze Vorhang im Flammen empor bis zur Decke! Bevor ich denken konnte, sprang ich auf den Fußboden und in einer Sekunde war ich schon auf dem halben Weg zur Tür; aber in der nächsten halben Sekunde erklang meiner Mutter Abschiedgruß in meinen Ohren und ich war wieder neben dem Bett. Ich schob meinen Kopf durch die Flammen und schnappte das Baby an dessen Brustschleife und zehrte es heraus, es fiel auf den Fußboden damit in eine Rauchwolke; ich schnappte nach einem neuen Halt bei dem Baby und schleppte das schreiendes kleines Ding  aus der Tür  und um die Kurve des Flurs und schleppte es immer noch weg, ganz aufgeregt und freudig und stolz, als des Herrchens Stimmer ertönte:
“Fort mit dir, du verdammtes Biest!”
und ich sprang weg um mich zu retten, aber er war ziemlich schnell und verfolgte mich und schlug mich fürchterlich mit seinem Spazierstock. Ich wich so und so aus in dieser Hetze, und schließlich  traf ein starker Schlag mein linkes Vorderbein, wodurch ich aufschrie und hinfiel, für ein Moment hilflos; der Spazierstock schwenkte zum neun Schlag aus, aber sank nie, da die Stimme des Kindermädchens wild schrie, “Das Kinderzimmer ist in Feuer!” und der Herrchen verschwand in dieser Richtung, und meine anderen Knochen wurden dadurch gerettet.

Der Schmerz war fürchterlich aber egal, ich durfte keine Zeit verlieren; er konnte jeden Moment zurück sein; also hinkte ich auf drei Beinen zum anderen Ende des Flurs wo eine dunkle kleine Treppe zum Dachboden hinaufführte , dahin wo alte Kisten und solche Dinge aufbewahrt wurden wie ich hörte und wohin die Menschen nur selten gingen. Ich schaffte es dorthin  zu kommen, dann suchte ich mir einen Weg durch  Berge verschiedener Sachen und versteckte mich am geheimsten Platz den ich finden konnte. Es war dumm sich dort zu fürchten, trotzdem tat ich das, so ängstlich, dass ich kaum das Winseln zurückhalten konnte, obwohl es besser für mich wäre, winseln zu können, weil es den Schmerz lindert, das weißt du doch. Aber ich konnte mein Bein lecken und es war etwas angenehmer.

Für halbe Stunde war unten Aufregung und Rufe und eilige Schritte, und dann wurde es wieder still. Still für wenige Minuten und das war gut für meine Seele und meine Ängste  begannen sich zu legen; Ängste sind schlimmer als Schmerzen – oh, viel schlimmer. Dann kam ein Klang, der mich zusammenfahren ließ. Sie riefen mich – riefen  mein Namen – jagten mich! Es wurde durch die Entfernung gedämpft, aber das konnte nicht den Schrecken verhindern, den ich empfand und es war der schrecklichste Ruf für mich, den ich je hörte. Es ging überall hindurch da unten: den Flur entlang, durch alle Räume, auf beiden Geschossen und im Untergeschoss und Keller; dann draußen, und weiter und weiter weg – dann zurück, und wieder durchs ganze Haus, und ich dachte es würde nie enden, nie.

Aber schließlich hörte es auf, Stunden und Stunden nachdem die Dämmerung des Dachbodens in der schwarzen Dunkelheit erlosch. In der friedlichen Stille ließ der Schreck nach und ich kam zur Ruhe und schlief. Ich erholte mich etwas, dann wachte ich auf noch bevor die Dämmerung kam. Ich fühlte mich schon recht gut und konnte mir einen Plan ausdenken, wie ich mich runterschleichen werde, den ganzen Weg die Treppe hinab und wie ich mich hinter der Kellertür verstecken und durchschlüpfen und veschwinden würde, wenn der Eismann käme  und den Kühlschrank auffüllen würde; dann würde ich mich den ganzen Tag verstecken und in der Nacht meine Reise fortsetzen; meine Reise – irgendwohin, wo man mich nicht vermutete und mich nicht meinen Herrchen verraten würde. Ich fühlte mich nun fast großartig, doch dann dachte ich plötzlich: Warum, was für ein Leben wird es ohne meinen Welpen!

Es war zum verzweifeln. Es gab keinen Möglichkeit für mich, ich sah das; ich musste dableiben, wo ich war, bleiben und warten und auf mich nehmen,  was kommt – es war nicht meine Sache; es war das, was Leben ist – meine Mutter sagte es. Dann – das Rufen begann wieder! Alle meine Qualen kamen wieder. Ich sagte mir, das Herrchen wird mir nie verzeihen. Ich wusste zwar nicht, was ich gemacht hatte, dass sie so verbittert und unverzeihlich wurden,  ich schätze, es war irgend etwas, was ein Hund nicht verstehen konnte, aber was für einen Menschen schrecklich schien.

Sie riefen und riefen – Tage und Nächte, so schien mir .  Hunger und Durst trieben mich fast zum Wahnsinn und ich merkte, dass ich ganz schwach wurde. Wenn man in dieser Lage ist, schläft man viel – und das tat ich. Einmal wachte ich in einer schrecklichen Angst auf – es schien mir, als ob der Ruf nun oben auf dem Dachboden war! Und so war es auch: es war Sadie’s Stimme, und sie weinte, mein Name erklang zerbrochen aus ihren Lippen. Armes Ding, und ich konnte meinen Ohren nicht glauben, als sie voll Freude sagte:

“Komm zurück zu uns – oh, komm zurück zu uns, und vergib – es ist alles so schlimm ohne unser -“

Ich brachte einen kleinen Schrei heraus und nächsten Moment kroch und stolperte Sadie durch die Dunkelheit und schleppte sich dahin und rief laut ihrer Familie damit sie sie hörten, “Ich hab sie gefunden, ich hab sie gefunden!”

Die Tage, die folgten – nun, sie waren wunderschön. Die Mutter und Sadie und die Diener – warum nur, schienen mich geradezu anzubeten. Sie glaubten mein Bett nicht weich genug zu machen; und das Futter, nur feine Delikatessen, welche nicht der Jahreszeit entsprachen, und jeden Tag strömten Freunde und Nachbarn herbei, um meine Heldentat zu hören – das war das Wort, was sie dafür benutzten, und es bedeutet Landwirtschaft. Ich erinnere mich, meine Mutter schleppte es einmal in die Hundehütte und erklärte es so, aber sagte nicht, was Landwirtschaft ist, außer dass es ein Synonym für eingeschlossenes Weißglühen ist; und ein duzend mal musste Frau Gray und Sadie es den Neuankömmlingen erzählen und sagen ich riskierte mein Leben, und rettete das Leben beider, und dann staunt und kuschelt mich die ganze Gesellschaft in der Runde, und man konnte den Stolz in Sadies Augen sehen und auch in denen ihrer Mutter; und wenn die Leuten wissen wollten, warum ich hinke, guckten sie verlegen und änderten das Thema, und wenn manchmal die Leute nicht nachgaben und sie darüber ausfragten, schien es mir als ob sie fast weinten.

Und es war nicht die ganze Ehre, nein, die Freunde des Herrchens kamen, ganzen zwanzig verschiedenen Leute und nahmen mich mit ins Laboratorium, als ob ich eine Entdeckung war und manche von denen sagten, es ist wundervoll, in einem so dummen Tier wie mich eine solche Vorstellung hervorragender Instinkte zu sehen; aber der Herrchen sagte mit Leidenschaft, “Es ist weit mehr als nur Instinkt, es ist VERSTAND, und manche Menschen, privilegiert gerettet zu sein, mit mir und euch in einer besseren Welt zu gehen, hat weniger davon als dieses arme dumme Vierbein, das dazu bestimmt ist umzukommen; und dann lachte er und sagte: “Warum gucken sie so – ich bin sarkastisch! Bin gesegnet durch all meine große Intelligenz und das einzige, das ich mir erklären konnte, war, dass der Hund verrückt geworden ist und versucht hat das Kind zu verletzen. Das ist die Intelligenz dieses Tieres – das ist sein Verstand, das sage ich euch – das Kind wäre umgekommen!”

Sie stritten und stritten, und ich war der einzige Mittelpunkt der Unterhaltung, und ich wünschte meine Mutter würde wissen, dass diese große Ehre mir galt; das würde sie stolz machen.

Dann diskutierten sie über Optik, wie sie es nannten, und ob eine bestimmte Verletzung im Gehirn zu Blindheit führen könnte, aber sie konnten sich nicht darüber einig werden und sagten, sie müssen es mit der Zeit durch Experimente herausfinden. Als nächstes diskutierten sie über Pflanzen und das interessierte mich, weil die Sadie und ich im Sommer Pflanzen säten – Ich half ihr die Löcher zu graben, du weißt – und nach ein paar Tagen kam ein Busch oder eine Blume dort heraus, und es war wunderschön wie es passierte. Ich wünschte, ich könnte reden – ich würde diesen Leuten das erzählen und ihnen zeigen wie viel ich wusste und völlig von dem Thema eingefangen; achtete ich nicht auf die Optik, das war langweilig und wenn sie wieder darüber sprachen,  ging ich schlafen.

Bald kam der Frühling, und es war sonnig und angenehm und wunderschön, und die süße Mutter und die Kinder tätschelten mich und den Welpen und gingen weg auf eine Reise, wollten ihre Verwandten besuchen, und das Herrchen war nicht bei uns, aber wir spielten zusammen und hatten eine gute Zeit verbracht, und die Diener waren freundlich und nett, und so kamen wir gut und freundlich aus und zählten die Tage bis zur Wiederkehr der Familie.

Eines Tages kamen die Männer wieder und sagten: Nun machen wir den Test – und nahmen den Welpen mit in das Laboratorium und ich hinkte dreibeinig auch dahin, stolz wegen der Aufmerksamkeit für meinen Welpen. Sie diskutierten und experimentierten, und dann kreischte plötzlich der Welpe, und sie setzten ihn auf den Fußboden, und er ging schwindelig umher, sein Kopf voller Blut, und das Herrchen klatschte in seine Hände und rief:

“Da, Ich hab gewonnen – seht ihr! Er ist blind wie eine Fledermaus!”

Und sie alle sagten:

“Es ist so – du hast deine Theorie belegt, und die leidende Menschheit steht ab jetzt in großer Schuld vor dir,” und sie umrundeten ihn und schüttelten seine Hand herzlich und dankbar und beglückwünschten ihn.

Aber ich hörte oder sah die Dinge kaum, da ich sofort zu meinem kleinen Liebling hingelaufen bin, und kuschelte mich ganz nah an ihn wo er lag und leckte das Blut ab und es legte seinen Kopf an meinen, sanft winselnd und ich wusste in meinem Herzen, dass es für ihn angenehm ihn seinem Schmerz und Leiden war, die Berührung der Mutter zu fühlen, obwohl es mich nicht sehen konnte. Dann fiel es zusammen, plötzlich, und seine kuschlige Nase blieb auf dem Fußboden und es war ruhig und bewegte sich nicht mehr.

Bald hörte das Herrchen für einen Moment auf zu diskutieren und läutete dem Butler und sagte, “Vergrabe es in der hinteren Ecke des Gartens,” und dann setzte er die Diskussion fort, und ich folgte dem Butler, sehr froh und zufrieden, da ich wusste, dass das Welpchen jetzt keine Schmerzen mehr hatte, da es schlief. Wir gingen weit hinunter in den Garten ans andere Ende, dort wo die Kinder und das Kindermädchen und der Welpe und ich im Sommer in dem Schatten der großer Ulme spielten und dort grub der Butler ein Loch und ich sah, er wollte das Welpchen pflanzen und ich war froh, weil es wachsen und als großer Hund herauskommen würde, wie Robin Adair, zur schönen Überraschung für die Familie, wenn sie nach Hause kommen würden; also half ich ihm zu graben, aber mein verletztes Bein war wirklich schlimm, es war steif, du weißt, und man braucht zwei zum graben, oder es nützt nichts. Als der Butler aufhörte und den kleinen Robin bedeckte, tätschelte er mein Kopf und da waren Tränen in seinen Augen, und er sagte: “Armes kleines Hündchen, du hast SEIN Kind gerettet!”

Ich habe zwei ganze Wochen beobachtet und er kam nicht auf! Diese letzte Woche überkam mich die Angst. Ich denke, da ist etwas nicht in Ordnung. Ich weiß nicht was es ist, aber die Angst macht mich krank, und ich kann nicht essen, obwohl mir die Diener das beste Futter bringen und sie streicheln mich so, und kommen sogar  in der Nacht zu mir und weinen und sagen, “Armes Hündchen – gib es auf und komm nach Hause, brech nicht unsere Herzen!” und all das besorgte mich noch mehr, und machte mich sicher, dass etwas passierte. Und ich bin so schwach; seit gestern kann ich nicht mehr stehen. Und seit dieser Stunde begannen die Diener, auf die sinkende Sonne schauend, und bis die kühle Nacht kam, mir Dinge zu sagen die ich nicht verstand, aber sie brachten mir etwas Kaltes in mein Herz.
Diese armen Leute! Sie erwarten es gar nicht. Sie werden morgen früh kommen, und sofort nach dem kleinen Hündchen fragen, das diese mutige Tat machte, und wer von uns ist stark genug um ihnen die Wahrheit zu sagen: “Der bescheidener kleiner Freund ist gegangen; dahin wo alle Tiere hingehen, wenn sie sterben.”

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 26 Followern an