laut und leise literatur lesen

die Rezi-Tante zeigt Erlebtes und Erdichtetes, Geschichten und Geschichte


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Hörbuch: Kennedys Hirn


Gekürzte Lesefassung. 343 Min.

  • Henning Mankell

5 CDs
2008, Spieldauer: 340 Minuten
Sprecher: Axel Milberg
Der HörVerlag
ISBN-10: 3867172145
I SBN-13: 9783867172141

Dieses Hörbuch habe ich eben frisch ausgehört und ich bin vom Sprecher Axel Milberg beeindruckt. Hier sitzt jede Betonung und die Stimme leitet angenehm durch das Werk, ohne dass der Zuhörer ermüdet.

Sprecher: Axel Milberg – das ist für mich ab jetzt ein Qualitätsmerkmal bei einer Hörbuchfassung und ein gutes Kaufargument.

Inhaltsangabe und Hörprobe hier

Kennedys Hirn, dieses Buch ist von Mankells Engagement für Afrika geprägt, dass der Autor in ein schwedisches Familiendrama verpackt hat. Trotz, oder gerade wegen des großen Engagements konnte mich das Werk nicht ganz überzeugen, wirkte auf mich nicht so rundum geschlossen, aus einem Guss, wie zum Beispiel seine Wallanderkrimis.
Trotzdem ist es hochinteressant und ein sehr wichtiges Buch, um den Autor Henning Mankell zu erfassen.


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Erzählung der Woche 09/2010


Mark Twain

Berliner Eindrücke
aus Unterwegs und Daheim

Berlin hat mich im höchsten Grade überrascht. Keine Beschreibung, die ich früher in Büchern gelesen habe, trifft mehr zu. Das Berlin, wie es im vorigen Jahrhundert und noch in der ersten Hälfte des jetzigen war, die schmutzige, einförmige, häßliche Stadt, ist wie vom Erdboden verschwunden. Nur der Grund auf dem sie stand hat noch eine Geschichte und alte Überlieferungen, – Berlin selbst ist ganz neu, die neueste Stadt, die mir jemals vorgekommen ist.

Sogar Chicago würde altersgrau daneben aussehen. Im übrigen gleichen sich diese beiden Städte, was die flache Umgebung, das rasche Wachstum und die Einwohnerzahl betrifft. Mit Bestimmtheit behaupten kann ich das freilich nicht, da ich nicht weiß, wie viele Einwohner Chicago heute hat, vorletzte Woche waren es etwa anderthalb Millionen. Auch wegen der vielen geraden Straßen und der ungeheuern Raumverschwendung kann man Berlin das europäische Chicago nennen; die Straßen sind fast durchgängig so breit angelegt, wie ich es noch in keiner Stadt irgend eines andern Landes gefunden habe. ›Unter den Linden‹ sind drei Straßen in einer; die Potsdamerstraße ist auf beiden Seiten von Bürgersteigen eingefaßt, die breiter sind als die berühmten Hauptstraßen der größten Städte Europas; auch hat Berlin einen Park von ungewöhnlicher Ausdehnung.

Für die Bauordnung bestehen die sonderbarsten Vorschriften. Die Stadt ist aus lauter Steinriesen aufgetürmt, man darf in Berlin keine unsichern und unansehnlichen Häuser bauen, und so sind denn diese auffallend schönen und großartigen Gebäude entstanden, die weder mit Einsturz drohen, noch bei der geringsten Feuersbrunst ein Raub der Flammen werden. Die Baukommissäre nehmen ihre Besichtigung während des Baues vor; man hat gefunden, daß dies besser ist, als zu warten, bis das fertige Haus wieder einfällt. Bricht ein Brand aus, so herrscht dabei die größte Ordnung und Ruhe, die uniformierte Feuerwehr marschiert in Reih und Glied, so ernst und gemessen in Miene und Haltung, als ginge es zu einem Begräbnis, man glaubt die Heilsarmee einherkommen zu sehen, in tiefer Zerknirschung über ihre Sünden. Da das Feuer sich in den steinernen Gebäuden immer nur auf ein Stockwerk beschränkt, brauchen die übrigen Bewohner des Hauses sich nicht weiter darum zu kümmern.

Allabendlich findet eine wahrhaft verschwenderische Beleuchtung mit Gas und elektrischem Licht statt, Berlin bietet daher zur Nachtzeit einen entzückenden Anblick. Überall hat man eine Doppelreihe glänzender Lichter vor sich, die nach allen Seiten in gerader Linie weit in die Nacht hinaus läuft. Die dazwischen liegenden Plätze leuchten im Strahlenglanz, und zahllose Droschkenlaternen schießen wimmelnd in allen Richtungen hin und her, wie Schwärme von Leuchtkäfern an einem Sommerabend.

In keiner Stadt wird wohl so viel regiert wie in Berlin, aber ich wüßte auch keine die besser regiert wäre. Methode und System machen sich allenthalben geltend, in großen wie in kleinen Dingen und selbst bei den geringfügigsten Einzelheiten. Die Verordnungen stehen aber nicht etwa bloß auf dem Papier, so daß es dabei sein Bewenden hat, nein, sie treten wirklich in Kraft und werden bei Armen und Reichen ohne Gunst und Ungunst auf gleiche Weise durchgeführt. Der mühevolle, emsige Fleiß, die Ausdauer und Pflichttreue, welche die Behörde bei jeder Gelegenheit entfaltet, erregt Bewunderung – zuweilen auch Leidwesen. Das Erstaunlichste, was ich diesseits des Ozeans gefunden habe, ist die höfliche, unerschütterliche,  verfluchte Beharrlichkeit, mit welcher die Polizei ihren Willen durchsetzt und die Ordnung aufrecht erhält. Sie duldet keine Ansammlung von Menschen, weil daraus Ungehörigkeiten entstehen könnten; ja, träte plötzlich ein Erdbeben ein, so würde es die Berliner Polizei beaufsichtigen und ordnungsmäßig zu Ende führen.

Die Straßen werden sehr rein gehalten, aber nicht, wie es in New-York Sitte ist, mit schönen Worten und frommen Reden, sondern durch tägliche und stündliche Arbeit mit Kratzbürste und Besen. Kurz, man hat den Eindruck, daß hier eine Stadtverwaltung am Ruder ist, die vor keinen Kosten zurückscheut, wo die öffentliche Bequemlichkeit, Behaglichkeit und Gesundheit in Betracht kommt.

Nur eine Ausnahme muß ich erwähnen; das ist die Benennung der Straßen und die Nummerierung der Häuser. Zuweilen ändert sich der Straßennamen mitten in der Häuserreihe; man merkt dies erst bei der nächsten Ecke und weiß natürlich nicht, wo der Wechsel angefangen hat. In betreff der Hausnummern herrscht ein Chaos wie vor Erschaffung der Welt. Unmöglich kann die weise Berliner Stadtregierung eine derartige Einrichtung getroffen haben. Sie ist eines Blödsinnigen würdig; allein, so mannigfaltige Arten Verwirrung und Unheil anzurichten, wäre ein Blödsinniger nicht imstande sich auszudenken. Oft dient eine Nummer für drei bis vier Häuser, und doch steht sie nur auf einem derselben; dann wieder wird ein Haus z. B. mit Nummer 4 bezeichnet und die folgenden mit 4a, 4h, 4e, so daß man alt und schwach geworden ist, bis man bei Nummer 5 anlangt. Die Folge dieses systemlosen Systems ist die, daß man bei Nr. 1 keine Ahnung hat, ob Nr. 150 ein paar Meilen oder hundert Schritte weit sein mag. Obendrein steigen oder fallen die Zahlen ganz willkürlich; von 50 oder 60 gelangt man vielleicht  plötzlich zu 140, 139 u. s. w. und nur ein Pfeil giebt durch seinen Flug die veränderte Richtung an. Es ist um den Verstand zu verlieren, und bis hier nicht Abhilfe geschafft wird, muß man auf das Schlimmste gefaßt sein.

Als ich in Berlin war, fand eine Feier zu Ehren der berühmten Gelehrten Virchow und Helmholtz statt, welche beide fast zu gleicher Zeit ihr siebzigstes Lebensjahr erreichten. Schon seit Wochen war eine Deputation nach der andern eingetroffen, um den beiden Geistesheroen Glückwünsche, Ehrungen und Huldigungen aus allen Orten und Enden der Welt darzubringen. Die fernsten Städte, die berühmtesten Hochschulen beteiligten sich an diesen Kundgebungen.

Den Schluß derselben bildete der große Studentenkommers, der in einem mit Fahnen und Standarten geschmückten, glänzend erleuchteten Riesensaal gehalten wurde. An jedem der zahllosen Tische, die den ganzen Raum erfüllten, hatten vierundzwanzig Personen Platz. Ich war hocherfreut, einen Sitz an der Mitteltafel zu erhalten, an welcher auch die beiden Helden des Abends saßen, obwohl ich durchaus nicht gelehrt genug bin, um eine derartige Ehre zu verdienen. Es bereitete mir ein seltsam angenehmes Gefühl, mich in solcher Gesellschaft zu befinden, mit dreiundzwanzig Männern zusammen zu sein, welche an einem Tage mehr vergessen, als ich je gewußt habe. In Verlegenheit geriet ich nicht; die Gelehrsamkeit steht dem Menschen selten im Gesicht geschrieben und ich konnte mit leichter Mühe Haltung und Gebärden der Herren so nachahmen, daß mich die Menge auch für einen Professor hielt.

In kurzer Zeit war der ganze Saal voll, es hieß, es seien gegen viertausend Personen anwesend; auch alle Zwischengänge waren dicht besetzt. An jeder Tafel stand ein Student im Wichs seiner Verbindung. Diese Trachten sind alle von  reichem Stoff in glänzenden Farben und außerordentlich malerisch.

So weit mein Auge reichte, sahen alle die frischen, jugendlichen Gesichter nach einer Richtung hin; unverwandt hingen die Blicke sämtlicher Studenten an dem Platz, wo Virchow und Helmholtz saßen. Sie verschlangen die beiden Geistesriesen förmlich mit den Augen und die Verehrung der Herzen strahlte aus allen Mienen.

Mancher ausgezeichnete Gast war schon durch die Ehrengarde an seinen Platz geleitet worden, da erklangen noch einmal die drei Trompetenstöße und wieder fuhren die Rappiere aus den Scheiden. Vom fernen Eingang her blitzten die erhobenen Schläger – ›Mommsen!‹ ging es flüsternd durch die Reihen. Der ganze Saal erhob sich, rief, stampfte mit den Füßen, klatschte mit den Händen, rasselte mit den Biergläsern. Es war ein wirklicher Sturm. Dann drängte sich der kleine Mann mit dem langen Haar an uns vorbei und nahm seinen Sitz ein. Denkt euch meine Überraschung! Ich hatte ja nicht im Traum daran gedacht, daß ich den Mann leibhaftig vor mir haben würde, der die ganze römische Welt und alle Cäsaren in seinem lichtvollen Haupte trug. Meilenweit wäre ich gewandert, um ihn zu sehen, und hier saß er, ohne daß es mir die kleinste Mühe oder Reise oder sonst etwas gekostet hätte.

Die Musik spielte einen kriegerischen Marsch; es folgte der Toast auf den Kaiser, bei dessen Schluß alle Gläser auf einmal geleert und mit einem Schlage auf den Tisch gestoßen wurden. Es klang täuschend wie Donnergetöse. Mächtige Weisen ertönten, immer höher schwoll die Lust, die Schläger krachten, die Biergläser rasselten, die Begeisterung wuchs und ließ sich bald nicht mehr überbieten. Ich wenigstens fühlte mich außer stande, noch mehr darin zu leisten.

Die Feier des Abends schloß mit zwei von Studenten gehaltenen Reden und der Erwiderung von Virchow und Helmholtz.

Virchow ist seit langer Zeit Mitglied der Berliner Stadtverwaltung. Er arbeitet ebenso eifrig für das Wohl der Stadt wie jeder andere Stadtrat und für den nämlichen Sold: für nichts. Ich weiß nicht, ob wir in Amerika es unserm berühmtesten Mitbürger zumuten könnten, sich an der städtischen Verwaltung zu beteiligen und ob, falls wir es wagten, wir seine Wahl durchsetzen würden. Aber hier ist das Munizipalsystem so vorzüglich, daß die besten Männer es sich zur Ehre rechnen, unentgeltlich als Stadträte dienen zu dürfen und das Volk ist vernünftig genug, diese Männer zu bevorzugen und immer wieder zu wählen. Darum ist Berlin auch eine in jeder Beziehung gut und zweckmäßig verwaltete Stadt.


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Gedicht der Woche 09/2010


Max Vogler

Erste Blumen

1876

Erste Blumen, ihr habt immer
Zaubrisch mir den Sinn befangen
In des jungen Frühlings Schimmer,
Sah ich sonder Prunk und Prangen
Stille euch am Wege blühn
Und dem Licht entgegenglühn!

Gestern um die Waldesecke
Bog ich, als der Abend kam
Und das Vöglein in der Hecke
Seine neue Wohnung nahm:
O die Freude, als ich wieder
Euch erschaut beim Klang der Lieder! . .

Denn ihr kündet ja auf’s neue,
Daß die ew’ge Kraft noch währt
Und Natur in alter Treue
Ihre schönen Kinder nährt,
Ob der Sturm auch auf sie schlug
Und des Todes Fahne trug!

Allen Sturm und alle Wetter
Hat ihr mächt’ger Geist verscheucht,
Und wir brauchen keine Götter,
Solang der sich noch nicht beugt:
Als das Licht der Erde liebt,
Solang es noch Frühling giebt!


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gestorben 23.02.1632 – 1.märchenhafte Biografie


Giambattista Basile

Geboren ca. 1575 in Neapel,
gestorben am 23. Februar 1632 in Giugliano ( Süditalien)

Giambattista Basile wurde als Kind einer unbegüterten Bürgerfamilie geboren und verließ schon als Jüngling seine Heimatstadt. Nach einigen Lehr- und Wanderjahren trat er 1607 in den Militärdienst der venezianischen Flotte ein, die er bereits ein Jahr später wieder verließ, um nach Neapel zurückzukehren, wo er durch Vermittlung seiner Schwester, einer berühmten Sängerin, in den Hof des Fürsten Sciliano Scarafo aufgenommen wurde. Hier entfaltete er sein dichterisches Talent und zählte bald zu den bekanntesten Dichtern Neapels. Er gehörte zu den ersten Mitgliedern der literarischen Gesellschaft ‘Accademia degli Oziosi’, der viele berühmte Dichter und Persönlichkeiten der damaligen Zeit angehörten.

Für seinen Fürsten, später auch am Hof von Mantua, schrieb er Oden und Madrigale für Festlichkeiten und Familienereignisse in italienischer Sprache. In Würdigung seiner Verdienste wurde er in den Adelsstand erhoben und erhielt verschiedene Posten als ‘governatore feudale’ (Landesverweser). Im Gegensatz zu den meisten anderen Landverwaltern in Fürstendiensten nutzt er seinen Posten nicht zur persönlichen Bereicherung, sondern »kehrte aus diesen Ämtern ebenso arm zurück, wie sie angetreten hatte,« wie sein Biograph Benedetto Croce schrieb.

Sein berühmtestes Werk, die Märchensammlung ‘Das Pentameron’, verfasste er nicht in Italienisch, sondern in der bildreichen neapolitanischen Sprache seiner Heimat. 1634 erschienen die ersten Märchen unter dem Titel ‘Lo Cunto de li Cunti’ (Die Geschichte der Geschichte), bald gefolgt von weiteren. Das Werk hatte großen Erfolg, erfuhr bis heute zahlreiche Neuauflagen und wurde in viele Sprachen übersetzt; ins Deutsche zuerst im Jahre 1847 von Felix Liebrecht (Fassung im Projekt Gutenberg-DE).

Jakob und WilhelmGrimm kannten und schätzen das Pentameron, übersetzten Geschichten daraus und verglichen sie mit den zum großen Teil sehr ähnlichen Deutschen Volksmärchen.

Christoph Martin Wieland verwendete für seine Verserzählung ‘Pervonte oder die Wünsche’ den Stoff aus der dritten Erzählung des ersten Tages.
Das Pentameron ist die älteste Märchensammlung des Europäischen Kulturraums.


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Gedicht der Woche 08/2010


Johann Gottfried Seume

Der Wilde

(Die Gastfreundschaft des
Huronen)

Ein Kanadier, der noch Europens
übertünchte Höflichkeit nicht kannte
und ein Herz, wie Gott es ihm gegeben,
von Kultur noch frei, im Busen fühlte,
brachte, was er mit des Bogens Sehne
fern in Quebeks übereisten Wäldern
auf der Jagd erbeutet, zum Verkaufe.
Als er ohne schlaue Rednerkünste,
so wie man ihm bot, die Felsenvögel
um ein Kleines hingegeben hatte,
eilt er froh mit dem geringen Lohne
heim zu seinen tiefbedeckten Horden,
in die Arme seiner braunen Gattin.

Aber ferne noch von seiner Hütte
überfiel ihn unter freiem Himmel
schnell der schrecklichste der Donnerstürme.
Aus dem langen rabenschwarzen Haare
troff der Guß herab auf seinen Gürtel,
und das grobe Haartuch seines Kleides
klebte rund an seinem hagern ‘Leibe.
Schaurig zitternd unter kaltem Regen
eilt der gute wackre Wilde
in ein Haus, das er von fern erblickte.
»Herr, ach laßt mich, bis der Sturm sich leget,«
bat er mit der herzlichsten Gebärde
den gesittet seinen Eigentümer,
»Obdach hier in Eurem Hause finden!« -
»Willst du mißgestaltes Ungeheuer,«
schrie ergrimmt der Pflanzer ihm entgegen,
»willst du Diebsgesicht mir aus dem Hause!«
und ergriff den schweren Stock im Winkel.

Traurig schritt der ehrliche Hurone
fort von dieser unwirtbaren Schwelle,
bis durch Sturm und Guß der späte Abend
ihn in seine friedliche Behausung
und zu seiner braunen Gattin brachte.
Naß und müde setzt er bei dem Feuer
sich zu seinen nackten Kleinen nieder
und erzählte von den bunten Städtern
und den Kriegern, die den Donner tragen,
und dem Regensturm. der ihn ereilte,
und der Grausamkeit des weißen Mannes.
Schmeichelnd hingen sie an seinen Knien,
schlossen schmeichelnd sich um seinen Nacken,
trockneten die langen schwarzen Haare
und durchsuchten seine Weidmannstasche,
bis sie die versprochnen Schätze fanden.

Kurze Zeit darauf hatt’ unser Pflanzer
auf der Jagd im Walde sich verirret.
Über Stock und Stein, durch Tal und Bäche
stieg er schwer auf manchen jähen Felsen,
um sich umzusehen nach dem Pfade,
der ihn tief in diese Wildnis brachte.
Doch sein Spähn und Rufen war vergebens;
nichts vernahm er als das hohle Echo
längs den hohen schwarzen Felsenwänden.
Ängstlich ging er bis zur zwölften Stunde,
wo er an dem Fuß des nächsten Berges
noch ein kleines, schwaches Licht erblickte;
Furcht und Freude schlug in seinem Herzen,
und er faßte Mut und nahte leise.
»Wer ist draußen?« brach mit Schreckenstone
eine Stimme tief her aus der Höhle,
und ein Mann trat aus der kleinen Wohnung.
»Freund, im Walde hab’ ich mich verirret,«
sprach der Europäer fürchtsam schmeichelnd,
»gönnet mir, die Nacht hier zuzubringen,
und zeigt nach der Stadt, ich werd’ Euch danken,
morgen früh mir die gewissen Wege.«

»Kommt herein,« versetzt der Unbekannte,
»wärmt Euch; noch ist Feuer in der Hütte!«
Und er führt ihn auf das Binsenlager,
schreitet finster trotzig in den Winkel,
holt den Rest von seinem Abendmahle,
Hummer, Lachs und frischen Bärenschinken,
um den späten Fremdling zu bewirten.
Mit dem Hunger eines Weidmanns speiste,
festlich wie bei einem Klosterschmause,
neben seinem Wirt der Europäer.
Fest und ernsthaft schaute der Hurone
seinem Gaste spähend auf die Stirne,
der mit tiefem Schnitt den Schinken trennte
und mit Wollust trank vorn Honigtranke,
den in einer großen Muschelschale
er ihm freundlich zu dem Mahle reichte.
Eine Bärenhaut auf weichem Moose
war des Pflanzers gute Lagerstätte,
und er schlief bis in die hohe Sonne.

Wie der wilden Zone wildster Krieger
schrecklich stand mit Köcher, Pfeil und Bogen
der Hurone jetzt vor seinem Gaste
und erweckt ihn, und der Europäer
griff bestürzt nach seinem Jagdgewehre:
und der Wilde gab ihm eine Schale,
angefüllt mit süßem Morgentranke.
Als er lächelnd seinen Gast gelabet,
bracht er ihn durch manche lange Windung,
über Stock und Stein, durch Tal und Bäche,
durch das Dickicht auf die rechte Straße.

Höflich dankte fein der Europäer.
Finsterblickend blieb der Wilde stehn,
sahe starr dem Pflanzer in die Augen,
sprach mit voller, fester, ernster Stimme:
»Haben wir vielleicht uns schon gesehen?«
Wie vom Blitz getroffen stand der Jäger
und erkannte nun in seinem Wirte
jenen Mann, den er vor wenig Wochen
in dem Sturmwind aus dem Hause jagte,
stammelte verwirrt Entschuldigungen.
Ruhig lächelnd sagte der Hurone:
»Seht, ihr fremden, klugen, weißen Leute,
seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen!«
und er schlug sich seitwärts in die Büsche.


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Erzählung der Woche 08/2010


Die Gesetzestafeln
William Butler Yeats

(Erzählung)

I

»Willst du mir erlauben, Aherne,« sagte ich, »daß ich eine Frage an dich richte, die ich seit Jahren stellen wollte, aber unterlassen habe, weil wir einander beinahe fremd geworden? Warum hast du das Priesterbarett zurückgewiesen, und zwar fast im letzten Augenblick? Damals, als du und ich zusammen lebten, hast du dich weder um Wein noch um Weiber oder Geld gekümmert, und du hattest für nichts Gedanken, als für Theologie und Mystik.« Ich hatte während des ganzen Abendessens auf einen Augenblick gewartet, meine Frage vorzubringen, und wagte sie nun, weil er ein wenig aus der Reserve und Gleichgültigkeit herausgetreten war, die stets seit seiner letzten Rückkehr aus Italien die Stelle unserer einst engen Freundschaft eingenommen hatte. Auch er hatte mich eben über gewisse private und beinahe geheiligte Dinge befragt, und ich dachte, meine Offenheit hätte ein Gleiches von seiner Seite verdient. Als ich zu reden begann, brachte er gerade ein Glas alten Weines an seine Lippen, wie er ihn so gut auszuwählen verstand und den er so wenig würdigte; und während ich sprach, stellte er es langsam und nachdenklich auf den Tisch und hielt es fest, so daß sein tiefrotes Licht die langen schmalen Finger färbte. Der Eindruck seines Gesichts und seiner Gestalt, wie sie damals waren, steht noch lebendig vor mir und ist untrennbar verbunden mit einem andern phantastischen Bild: dem eines Menschen, der eine Flamme in seiner nackten Hand hält. In diesem Augenblick erschien er mir als der höchste Typus unserer Rasse, die, wenn sie über die Formalismen der Halbbildung und den Vernunftglauben konventionellen Bejahens und Verneinens emporgestiegen oder unter sie hinabgesunken ist, sich, wenn meine Hoffnungen für die Welt und die Kirche mich nicht blind gemacht haben, von erreichbaren Begierden und Intuitionen abwendet, hin zu Verlangen von so schrankenloser Art, daß kein menschliches Gefäß sie fassen kann, zu Gesichten, so unirdisch, daß ihr plötzliches und fernes Feuer Hand und Fuß in tiefster Finsternis zurückläßt. Er hatte eine Natur, halb Mönch, halb Glücksritter, und mußte notwendigerweise Handlungen in Träumerei und Träumerei in Handlungen umsetzen; und für solche gibt es in der Welt keine Ordnung, keinen Abschluß, kein Streben. Als er und ich in Paris miteinander studierten, hatten wir einem kleinen Kreis angehört, wo wir uns Grübeleien über Alchimie und Mystik hingaben. In den meisten seiner Ansichten orthodoxer als Michael Robartes, hatte er diesen in einem grillenhaften Haß gegen alles Leben übertroffen und diesem Haß in dem sonderbaren Paradoxon Ausdruck verliehen, das er zur Hälfte fanatischen Mönchen entliehen, zur Hälfte selber erfunden hatte, daß nämlich die schönen Künste in die Welt gesandt worden seien, um Nationen in den Staub zu treten und schließlich sogar das Leben selbst, indem sie überall unbegrenzte Begierden aussäen, Fackeln vergleichbar, die in eine brennende Stadt geworfen worden. Ich glaube, diese Idee war damals nicht mehr als ein Paradoxon, ein Siegeszeichen seines Jugendstolzes, und es war erst nach seiner Rückkehr nach Irland, daß er jene Glaubensgärung durchlebte, die unser Volk mit dem Wiedererwachen des Phantasielebens befällt. Plötzlich erhob er sich und sagte: »Komm, und du sollst sehen, denn du, auf alle Fälle, wirst begreifen.« Und indem er Kerzen vom Tisch nahm, leuchtete er den Weg zu dem langen gepflasterten Gang, der zu seiner Hauskapelle führte. Wir schritten hindurch zwischen den Bildnissen der Jesuiten und Priester – einige von nicht geringer Berühmtheit –, die seine Familie der Kirche gegeben hatte, und vorbei an Stichen und Photographien von Bildern, die ihn besonders bewegt hatten, und den wenigen Gemälden, die sein geringes Vermögen ihm gestattet hatte auf seinen Reisen aufzukaufen. Dabei mußte er sich durchhelfen mit einer an Dürftigkeit grenzenden Enthaltsamkeit von den Dingen, die das Verlangen der meisten Menschen bedeuten. Die Photographien und Stiche stellten die Meisterwerke vieler Schulen dar, aber in all der Schönheit, gleichviel ob es nun die des Glaubens oder der Liebe war, oder die einer phantastischen Vision von Berg und Wald, lag die Frucht von Temperamenten, die stets auf unbedingte Erregung gerichtet sind und ihren stetigsten, wenn auch nicht vollendeten Ausdruck in den Legenden, Vigilien und Musikwerken der keltischen Völkerschaften finden. Die Gewißheit einer grimmen oder anmutigen Inbrunst auf den verzückten Gesichtern der Engel des Francesca und auf den erhabenen Mienen von Michelangelos Sibyllen, und jene Ungewißheit, wie von Seelen, die zwischen den Erregungen des Geistes und denen des Fleisches erzittern, in den unschlüssigen Antlitzen auf den Fresken der Kirchen von Siena und in den Gesichtern, schmalen Flammen gleich, wie sie die modernen Symbolisten und Präraffaeliten gebildet, hatten mir oftmals schon diesen langen, grauen, düsteren und leeren Korridor mit seinem Echo als einen Vorhof zur Ewigkeit erscheinen lassen. Fast jede Einzelheit in der Kapelle, in die wir durch eine enge gotische Tür eintraten, die Schwelle, glatt gescheuert von den geheimen Andächtigen der Bußzeit, stand lebhaft vor meiner Erinnerung; denn hier war es, wo ich, ein Knabe noch, das erstemal von der Mittelalterlichkeit ergriffen worden war, die nun, wie mir scheint, der leitende Einfluß in meinem Leben geworden ist. Der einzige Gegenstand, der mir neu erschien, war eine viereckige Schatulle aus Bronze vor den sechs unangezündeten Kerzen und dem Ebenholzkruzifix auf dem Altar, die gleich diesen in alter Zeit aus kostbaren Materialien angefertigt worden war, um die heiligen Bücher aufzunehmen. Aherne hieß mich auf einer Eichenbank niedersitzen, und nachdem er sich vor dem Kruzifix sehr tief verneigt, nahm er die Schatulle vom Altar und setzte sich neben mich, die Schatulle auf seinen Knien. »Du wirst wohl das meiste von dem vergessen haben,« sagte er, »was du über Joachim von Flora gelesen hast, ist er doch sogar den sehr Belesenen kaum mehr als ein bloßer Name. Er war im 12. Jahrhundert Abt in Cortale, und am meisten bekannt ist von ihm seine Prophezeiung in einem Buch, »Expositio in Apocalypsin« betitelt, wo er sagt, das Reich des Vaters sei vorüber, das des Sohnes verfließe eben, das Reich des Heiligen Geistes aber werde erst kommen. Das Reich des Heiligen Geistes sollte ein vollkommener Triumph des Geistes über den toten Buchstaben sein, und er nannte es »Spiritualis intelligentia«. Er hatte unter den extremeren Franziskanern viele Anhänger, und man bezichtigte diese, sie besäßen ein geheimes Buch von ihm, den »Liber Inducens in Evangelium Aeternum«. Immer wieder sind Gruppen von Visionären beschuldigt worden, dieses schreckliche Buch zu besitzen, in dem die Freiheit der Renaissance verborgen lag, bis schließlich der Papst Alexander IV. es aufgefunden und den Flammen überliefert hatte. Ich halte hier das größte Kleinod in Händen, das die Welt besitzt: ich habe ein Exemplar dieses Buches; und sieh her, welche großen Künstler das Kleid gemacht haben, in das es gehüllt ist. Diese Bronzeschatulle hat Benvenuto Cellini gemacht, der sie mit Göttern und Dämonen bedeckt hat, deren Augen geschlossen sind, um ihre Entrücktheit in das innere Licht anzuzeigen.« Er hob den Deckel und brachte ein Buch zum Vorschein, das in Leder gebunden und mit Filigranarbeit aus mattem Silber bedeckt war. Und dieser Einband stammt von einem der Buchbinder, die für Canevari gearbeitet haben. Giulio Clovio, ein Künstler der späteren Renaissance, dessen Arbeit weich und edel ist, hat die erste Seite eines jeden Kapitels des alten Exemplars herausgenommen und an ihre Stelle ein Blatt eingefügt, das mit einem kunstvoll gearbeiteten Buchstaben geziert war und mit einer Miniatur von einem der Großen, deren Beispiel in dem Kapitel angeführt war; und wo immer die Handschrift sonst ein wenig Platz ließ, da brachte er irgendein zartes Emblem an oder ein sinnvolles Ornament. Ich nahm das Buch in meine Hände und begann die vergoldeten vielfarbigen Seiten umzuwenden, indem ich sie nahe zum Kerzenlicht hielt, um die Textur des Papieres zu betrachten. »Wo hast du dieses erstaunliche Buch her?« fragte ich; »wenn es echt ist, was ich bei diesem Licht nicht entscheiden kann, dann hast du einen der kostbarsten Gegenstände entdeckt, die es in der Welt gibt.« »Es ist sicher echt«, antwortete er. »Als das Original zerstört wurde, war nur eine Kopie übrig und die blieb in den Händen eines Florentiner Lautenspielers, der es seinem Sohn hinterließ, und so kam es von Geschlecht zu Geschlecht, bis auf jenen Lautenspieler, der der Vater des Benvenuto Cellini gewesen; von ihm ging es auf Giulio Glovio über und von diesem auf einen römischen Kupferstecher; und nun wandert die Geschichte seiner Wanderungen von Geschlecht zu Geschlecht mit ihm, bis es in den Besitz der Familie Aretino und so auf Giulio Aretino gekommen, einen Künstler und Metallbildner, der zugleich den kabbalistischen Häresien des Pico della Mirandola ergeben war. Gar manche Nacht verbrachten wir miteinander in Rom philosophierend, und schließlich gewann ich sein Vertrauen so vollkommen, daß er mir diesen seinen größten Schatz zeigte. Und als er sah, welchen außerordentlichen Wert ich ihm beimaß, und da er fühlte, wie er selber alt geworden und daß jene Lehren ihm nicht mehr helfen könnten, verkaufte er ihn mir für eine im Verhältnis zu seiner außerordentlichen Kostbarkeit nicht allzu großen Summe.« »Was für eine Lehre enthält das Buch?« fragte ich; »vermutlich irgendeine mittelalterliche Haarspalterei über die Natur der Dreieinigkeit, heutzutage nur mehr nützlich, um zu zeigen, wie viele Dinge für uns unwichtig geworden sind, die einst die Welt erschüttert haben?« »Niemals hat es mir gelingen wollen, dir klarzumachen,« sagte er seufzend, »wie in Glaubenssachen nichts unwichtig ist, aber selbst du wirst mir zugeben, daß dieses Buch zum Herzen geht. Siehst du die Tafeln, auf denen die Gebote in Latein geschrieben waren?« Ich blickte nach dem Ende des Raumes, gegenüber dem Altar, sah nun, daß die beiden Marmortafeln verschwunden waren, und bemerkte, daß zwei große, leere Elfenbeintafeln, große Nachbildungen der kleinen Tafeln, wie wir sie auf unseren Schreibpulten haben, ihren Platz eingenommen hatten. »Es hat die Gebote des Vaters hinweggefegt«, fuhr er fort, »und die Gebote des Sohnes ersetzt durch die des Heiligen Geistes. Das erste Buch ist »Fractura Tabularum« betitelt. Im ersten Kapitel werden die Namen der großen Künstler angeführt, die sich Bildnisse gemacht, und die Abbilder vieler Dinge, und die sie angebetet hatten und ihnen gedient; und im zweiten die Namen der großen Geister, die den Namen Gottes ihres Herrn eitel genannt; und dieses lange dritte Kapitel, bedeckt mit den Emblemen geheiligter Antlitze und mit Flügeln an den Rändern, ist die Lobpreisung derer, die das Gebot des siebenten Tages gebrochen und die sechs Tage vergeudet und doch schöne und angenehme Tage gelebt hatten. Diese beiden Kapitel erzählen von Männern und Frauen, die ihre Eltern geschmäht und sich erinnert haben, daß ihr Gott älter war als der Gott ihrer Väter; und jenes mit den Emblemen des Schwertes Michaels preist die Könige, die insgeheim gemordet und für ihr Volk einen Frieden erworben, amore somnoque gravata et vestibus versicoloribus, »beschwert von Liebe und Schlaf und vielfarbiger Gewandung«. Und jenes mit dem blassen Stern am Ende enthält die Lebensgeschichte junger Edelleute, die anderer Frauen geliebt; und sie sind umgewandelt in Erinnerungen, die viele ärmere Herzen in süße Entflammungen versetzt hatten; und jenes mit dem geflügelten Haupt ist die Geschichte von den Räubern, die auf der See gelebt oder in der Wüste, Leben, die mit dem Schwirren einer Bogensehne verglichen werden, »nervi stridentis instar«; und diese beiden letzten, ganz Feuer und Gold, sind den Satirikern gewidmet, so falsches Zeugnis gegen ihren Nächsten gegeben und dennoch den ewigen Zorn verherrlicht haben, und denen, die mehr als andere nach dem Hause Gottes Verlangen getragen und nach allen Dingen, die Sein waren, so kein Mensch je gesehen noch gehandhabt, es sei denn im Wahnsinn oder in Träumen. Das zweite Buch mit dem Titel »Straminis Deflagratio« berichtet von den Unterredungen, die Joachim von Flora in seinem Kloster zu Cortale und später in dem Kloster in den Gebirgen von La Sila mit Reisenden und Pilgern über die Gesetze vieler Länder geführt hatte, wie doch in einem solchen Lande die Keuschheit eine Tugend sei und Raub eine geringfügige Sache, und wiederum Raub ein Verbrechen und Unkeuschheit eine geringe Sache in einem anderen Land; und über die Menschen, die sich an jene Gesetze geklammert und »decussa veste Dei sidera« geworden, Sterne, herausgeschleudert aus Gottes Gewandung. Das dritte Buch, das den Abschluß bildet, heißt »Lex Secreta« und beschreibt die wahrhaftige Inspiration zum Handeln, das einzige ewige Evangelium, und es endet mit einer Vision, die er in den Gebirgen von La Sila gehabt, da er seine Schüler im tiefen Blau des Himmels thronend sitzen sah, laut lachend, mit einem Gelächter, das wie das Rauschen von Schwingen der Zeit klang: »Coelis in coeruleis ridentes sedebant discipuli mei super thronos: Talis erat risus, qualis temporis pennati susurrus«.«

»Ich weiß wenig von Joachim von Flora,« sagte ich, »außer, daß Dante ihm im Paradies unter den großen Kirchenlehrern einen Platz angewiesen hat. Wenn er einer so sonderbaren Ketzerei ergeben gewesen, kann ich nicht begreifen, wieso davon nie ein Gerücht zu Dantes Ohren gedrungen sein sollte, und Dante hat niemals mit den Feinden der Kirche paktiert.« »Joachim von Flora hat öffentlich die Autorität der Kirche anerkannt und sogar darum gebeten, daß alle Schriften, die er veröffentlicht, und auch die, die auf seinen Wunsch nach seinem Tode erscheinen sollten, der Zensur des Papstes unterworfen werden mögen. Er war der Ansicht, daß die, deren Aufgabe es ist, zu leben und nicht zu offenbaren, Kinder seien und daß der Papst ihr Vater sei, aber im geheimen dachte er, gewisse andere, deren Anzahl in steter Zunahme begriffen, seien erwählt, nicht um zu lehren, sondern jene verborgene Substanz Gottes zu offenbaren, die Farbe und Musik ist und Weichheit und süßer Duft, und daß diese keinen anderen Vater hätten als den Heiligen Geist. Geradeso wie Dichter und Maler und Musiker an ihren Werken arbeiten, indem sie diese durch gesetzliche oder ungesetzliche Mittel hervorbringen: solange sie nur jene Schönheit verkörpern, die jenseits des Grabes ist, wirken diese Kinder des Heiligen Geistes in ihrer Zeitlichkeit, die Augen hingewendet auf die glanzvolle Substanz, über die die Zeit die Abfälle der Schöpfung aufgehäuft hat; denn diese Welt existiert nur, um eine Geschichte zu sein in den Ohren der kommenden Geschlechter. Entsetzen und Zufriedenheit, Geburt und Tod, Liebe und Haß und die Frucht vom Lebensbaum, sie alle sind bloße Mittel für die große Kunst, uns dem Leben abzugewinnen und uns in der Ewigkeit zu versammeln, wie Tauben in einem Taubenschlag. Ich werde mich über kurzem wegbegeben und viele Länder bereisen, damit ich alle Zufälligkeiten und Schicksale kennen lerne; und wenn ich zurückkehre, dann will ich mein geheimes Gesetz auf diese Elfenbeintafeln niederschreiben, so wie Dichter und Romanschriftsteller die Prinzipien ihrer Kunst in Vorreden niedergelegt haben; und ich werde Schüler um mich versammeln, auf daß sie ihr eigenes Gesetz entdecken mögen, indem sie das meine studieren, damit das Reich des Heiligen Geistes sich erweitere und befestige.« Er schritt auf und ab, und ich horchte auf die Inbrunst seiner Worte und gewahrte mit nicht geringem Anteil die Erregung, von der er ergriffen war. Ich war daran gewöhnt, die sonderbarsten Grübeleien ruhig hinzunehmen und hatte sie meistens so harmlos gefunden wie die Angorakatze, die, ihr nachdenkliches Auge halb zugedrückt, ihre langen Krallen vor meinem Kaminfeuer ausstreckt. Aber in diesem Augenblick wollte ich die Interessen der Orthodoxie, wenn auch nur die der alltäglichen verteidigen, es fiel mir jedoch nichts Besseres ein, als zu bemerken: »Es ist nicht nötig, daß ein jeder nach dem Gesetz beurteilt werde, denn wir haben auch Christi Gebot der Liebe.« Er wandte sich um, und indem er mich ansah, sprach er mit leuchtenden Augen: »Jonathan Swift hat die Seele der Gentlemen dieser Stadt gestaltet, indem er seinen Nachbar haßte wie sich selbst.« »Wie dem auch immer sein möge, du kannst doch nicht leugnen, daß solch eine gefährliche Lehre verbreiten eine schreckliche Verantwortung auf sich nehmen heißt.« »Von Lionardo da Vinci«, erwiderte er, »stammt der herrliche Satz: »Die Hoffnung und die Begierde des Menschen, in seinen früheren Zustand zurückzukehren, ist wie die Gier der Motte nach dem Licht; und wer jeden neuen Monat und jedes neue Jahr mit steter Sehnsucht erwartet in der Meinung, die Dinge, nach denen er Verlangen trägt, kämen immer zu spät, der gewahrt nicht, daß er nach seiner eigenen Vernichtung schmachtet.« Wie also kann der Pfad, der uns zum Herzen Gottes führen soll, anders sein als gefahrvoll? Warum solltest du, kein Materialist, um die Fortdauer und Ordnung in der Welt besorgt sein gleich denen, die nichts haben als die Welt? Du achtest die Schriftsteller gering, die nichts zu sagen wissen, es sei denn, daß ihre Vernunft sie lehre, wie das, was man das Rechte nennt, erleichtert werden könne –: warum also willst du der höchsten Kunst eine gleiche Freiheit abstreiten, der Kunst, die die Grundlage von allen Künsten ist? Ja! Ich werde von dieser Kapelle aus Heilige, Liebende, Rebellen und Propheten aussenden, Seelen, die sich mit Frieden umgeben werden wie mit einem Nest aus Gras, und andere, über die ich weinen werde. Durch viele Jahre wird Staub über diese kleine Kiste fallen, und dann werde ich sie öffnen, und der Tumult, der vielleicht die Flamme des letzten Gerichtes sein wird, wird unter ihrem Deckel hervorbrechen.« Ich wollte diese Nacht nicht mit ihm argumentieren, denn seine Erregung war groß, und ich fürchtete, ihn in Zorn zu versetzen. Als ich ihn einige Tage später besuchen wollte, war er fort und sein Haus verschlossen und leer. Ich habe tief bedauert, daß es mir nicht gelungen ist, seine Ketzerei zu bekämpfen und außerdem die Echtheit jenes seltsamen Buches zu überprüfen. Seit meiner Bekehrung habe ich tatsächlich Buße getan für einen Fehler, dessen Größe ich erst nach einigen Jahren zu ermessen imstande sein sollte.

II

Es war zehn Jahre nach unserer Unterredung. Ich schritt längs eines der Quais von Dublin dahin, auf der Seite, die dem Fluß am nächsten ist, und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um die Bücher auf einem alten Buchstand durchzusehen, wobei ich, sonderbar genug, an das schreckliche Schicksal des Michael Robartes und seiner Brüderschaft denken mußte, als ich einen großen, vorgebeugten Mann langsam längs der anderen Seite des Quais gehen sah. Zu meinem Schrecken erkannte ich in der leblosen Maske mit den düsteren Augen das einst entschlossene und feine Gesicht Owen Ahernes. Rasch überkreuzte ich den Quai, aber ich hatte nur wenige Schritte zurückgelegt, als er sich wegwandte, als hätte er mich bemerkt, und nun eilte er eine Seitengasse hinab. Ich folgte ihm, aber nur um ihn in dem Straßengewirre auf der Nordseite des Flusses zu verlieren. Während der nächsten Wochen erkundigte ich mich nach ihm bei jedem, der ihn einst gekannt, aber er hatte niemand ein Lebenszeichen gegeben. Erfolglos klopfte ich an seiner Haustür und war schon fast überzeugt, fehlgegangen zu sein, als ich ihn in einer engen Straße hinter den Four Courts wiederum sah und ihm bis zu seiner Haustüre folgte. Ich legte meine Hand auf seinen Arm, er wandte sich um, ganz ohne Überraschung, und es ist tatsächlich möglich, daß ihm, dessen inneres Leben das äußere aufgesaugt hatte, ein Scheiden auf Jahre wie ein Abschied von früh bis abend erschien. Er stand da, die Türe halb offen, als wollte er mich abhalten einzutreten, und vielleicht würde er ohne ein Wort weggegangen sein, hätte ich nicht gesagt: »Owen Aherne, du hast mir einst vertraut, willst du mir nicht wiederum vertrauen und mir sagen, was aus den Ideen geworden ist, die wir vor zehn Jahren in diesem Hause erörtert haben? Aber vielleicht hast du dies alles längst vergessen?« »Du hast ein Recht darauf, zu hören,« sagte er, »denn da ich dir von diesen Ideen gesprochen, muß ich dir auch von der außerordentlichen Gefahr reden, die sie enthalten, oder besser noch, von der schrankenlosen Bosheit, die in ihnen enthalten ist. Aber wenn du dies gehört hast, müssen wir scheiden, und zwar für immer, denn ich bin verloren und muß im verborgenen bleiben.« Ich folgte ihm durch den gepflasterten Gang, dessen Ecken, wie ich sah, unter Staub und Spinnweben begraben waren. Ich bemerkte, daß die Bilder von Staub und Spinnweben grau geworden und wie der Staub und die Spinnengewebe, die den Rubin- und Saphirglanz der Heiligen auf den Glasfenstern bedeckten, sie ganz trübe gemacht hatten. Er deutete auf die Stelle hin, wo die Elfenbeintafeln schwach in der Dunkelheit schimmerten; ich sah, daß sie mit kleiner Schrift bedeckt waren, und ging hin, um die Schrift zu lesen. Es war Latein und zwar eine ausführliche, mit vielen Beispielen illustrierte Kasuistik, aber ob sie sich auf sein Leben bezog oder auf das von andern, weiß ich nicht. Ich hatte nur wenige Sätze gelesen, als es mir vorkam, als habe ein schwacher Duft begonnen, den Raum zu erfüllen, und indem ich mich umwandte, fragte ich Owen Aherne, ob er ein Räucherwerk angezündet habe. »Nein«, antwortete er und zeigte nach der Stelle, wo das Rauchfaß verrostet und leer auf einer der Bänke lag; da er sprach, schien der schwache Duft zu schwinden, und ich war überzeugt, daß es nur eine Einbildung von mir gewesen sei.

»Hat dich die Philosophie des »Liber Inducens in Evangelium Aeternum« sehr unglücklich gemacht?« fragte ich. »Im Anfang,« antwortete er, »da war ich voll Glückseligkeit, denn ich fühlte eine göttliche Ekstase, ein unsterbliches Feuer in jeder Leidenschaft, jeder Hoffnung, in jeder Begierde, jedem Traum, und ich sah ihren Abglanz in den Schatten unter den Blättern, in den hohlen Gewässern, in den Augen von Männern und Frauen wie in einem Spiegel, und es war, als ob ich im Begriffe stand, das Herz Gottes zu berühren. Dann aber war alles umgewandelt, und ich war voller Elend und wußte, daß ich in der gleißenden Umarmung einer ungeheuren Schlange gefangen war und mit dieser einen bodenlosen Abgrund hinabstürzte, und daß von nun an diese gleißende Umarmung meine Welt war; und in meinem Elend wurde mir offenbar, wie der Mensch zu jenem Herzen nur dringen kann durch das Gefühl der Trennung von dem, was wir Sünde nennen, und ich begriff, daß ich nicht sündigen könne, weil ich das Gesetz meines Wesens entdeckt hatte, und wie mir nichts übrig geblieben war, als mein Wesen entweder auszusprechen oder es nicht auszusprechen; und ich erkannte, daß es ein einfaches und unwiderrufliches Gesetz Gottes ist, daß wir sündigen sollen und Buße tun.«

Er hatte sich auf eine der hölzernen Bänke niedergelassen und verblieb schweigend, und sein vorgebeugtes Haupt, die herabhängenden Arme und sein teilnahmsloser Körper drückten mehr Niedergeschlagenheit aus als irgendeine Gestalt, die mir je im Leben oder in Kunstwerken begegnet war. Ich schritt nach vorne, und an den Altar gelehnt, beobachtete ich ihn und wußte nicht, was ich sagen sollte. Und ich gewahrte seinen schwarzen enggeknöpften Rock, sein kurzes Haar und das geschorene Haupt, das noch an seine priesterlichen Ambitionen erinnerte, und ich begriff, wie der Katholizismus von ihm Besitz ergriffen hatte, inmitten des Wirbels, den er Philosophie genannt; und an seinen lichtlosen Augen und seiner erdfahlen Gesichtsfarbe sah ich, wie dieser nicht mehr für ihn zu tun vermocht hatte, als ihn am Rande des Abgrundes festzuhalten, und ich war erfüllt von Qual und Sorge.

»Es mag sein,« fuhr er fort, »daß die Engel, deren Herzen Schatten sind vom Herzen Gottes und deren Leiber aus dem göttlichen Verstand gemacht sind, dahin gelangen werden, wo der Durst nach göttlicher Ekstase ihre Sehnsucht hintreibt, zu dem unsterblichen Feuer, das in der Leidenschaft, in der Hoffnung, in den Begierden und in den Träumen lebt, aber wir, deren Herzen jeden Augenblick vergehen und deren Leiber dahinschmelzen wie ein Seufzer, wir müssen uns beugen und gehorchen!« Ich näherte mich ihm und sagte: »Gebet und Buße wird dich anderen Menschen gleichmachen.« »Nein, nein!« sagte er, »ich bin nicht unter denen, für die Christus gestorben ist, und darum muß ich im verborgenen bleiben. Ich leide an einem Aussatz, den selbst die Ewigkeit nicht heilen kann. Ich habe das Ganze erblickt, wie kann ich je wieder dahin gelangen, zu glauben, ein Teil sei das Ganze? Ich habe meine Seele verloren, weil ich durch die Augen der Engel geblickt habe.«

Mit einem Male sah oder glaubte ich zu sehen, wie der Raum sich verfinsterte und blasse Gestalten sich zeigten, gekleidet in Purpur, und wie sie kaum sichtbare Fackeln erhoben, mit Armen, schimmernd wie Silber, und sich über Owen Aherne neigten, und ich sah oder glaubte zu sehen, wie Tropfen brennenden Harzes von den Fackeln fielen und ein schwerer purpurfarbiger Rauch wie von Weihrauch den Flammen entquoll und sich um uns lagerte. Owen Aherne, glücklicher als ich, der ich halb und halb in den Orden von der Chymischen Rose eingeweiht war, und vielleicht weil seine große Frömmigkeit ihn beschützte, war wiederum in Niedergeschlagenheit und Teilnahmslosigkeit zurückgesunken und sah nichts von diesen Dingen. Aber meine Knie begannen zu wanken, denn die purpurgekleideten Gestalten wurden jeden Augenblick deutlicher sichtbar, und ich konnte jetzt auch das Zischen des Harzes auf den Fackeln vernehmen. Sie schienen mich nicht zu sehen, denn ihre Augen waren auf Owen Aherne gerichtet, hie und da konnte ich sie seufzen hören, als wären sie in Sorge um seine Sorge, und mit einem Male hörte ich Worte, von denen ich nichts verstehen konnte, als daß es Worte der Sorge waren, süß, als wenn Unsterbliche zu Unsterblichen redeten. Dann schwenkte eine von den Gestalten ihre Fackel, und alle die Fackeln wurden geschwungen, und für einen Augenblick war es wie das Flattern des Gefieders eines gewaltigen, aus Flammen gebildeten Vogels, und eine Stimme wie aus ferner, luftiger Höhe rief: »Er hat sogar seine Engel der Torheit geziehen, und auch sie beugen sich und gehorchen, aber lasse dein Herz mit den unsrigen sich vermischen, die aus göttlicher Verzückung gewirkt sind, und deinen Leib mit unseren Leibern, die aus dem göttlichen Verstand gemacht sind!« Und an diesem Ausruf erkannte ich, daß der Orden von der Chymischen Rose nicht von dieser Welt war und daß er noch immer über die ganze Erde hin suchte, wo er Seelen in sein glitzerndes Netz einfangen konnte. Und als sich nun alle die Gesichter mir zuwandten und ich die sanften Augen sah und die unbewegten Augenlider, da war ich voll des Schreckens und vermeinte, sie würden nun ihre Fackeln gegen mich schleudern, auf daß alles, was mir teuer war, alles, was mich an die geistige und gesellige Ordnung kettete, ausgebrannt würde und meine Seele nackend und frierend zurückbleiben sollte, ausgesetzt den Stürmen, die von jenseits dieser Welt und von jenseits der Sternenwelt einherbliesen. Und dann rief eine schwache Stimme: »Warum fliehst du vor unsern Fackeln, die gemacht sind aus dem Holz der Bäume, unter denen Christus im Garten von Gethsemane geweint hat? Warum fliehst du vor unsern Fackeln, die gemacht sind aus süßem Holz, das, abgeschieden von der Welt, zu uns gekommen ist und das wir von alters her mit unserm Hauche erschaffen?«

Erst als die Haustür hinter meinen fliehenden Schritten sich geschlossen und der Lärm der Straße wieder zu meinen Ohren drang, kam ich zu mir selber und gewann wieder ein wenig Mut, und niemals mehr seit jenem Tage habe ich es gewagt, an Owen Ahernes Haus vorüberzugehen, obwohl ich glaube, daß er von den Geistern, deren Name Legion und deren Thron im unendlichen Abgrund ist, denen er gehorcht, ohne sie zu sehen, in ferne Länder getrieben worden ist.


6 Kommentare

Brandenburger Impressionen …


so lästig der Winter auch langsam wird,
schön ist er allemal dieses Jahr


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