in der Gedenkbibliothek gelesen…

28. Oktober 2009

Am 27.10.2009

Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus e.V.

Nikolaikirchplatz 5 -7
10178 Berlin ( Nikolaiviertel )
Tel.: +49 / 30 / 283 43 27
Fax: +49 / 30 / 280 97 193
E-mail: th.dahnert@gedenkbibliothek.de

Dienstag, 27.Oktober 2009, 19 Uhr Dr. Tengis Khachapuridse, Schriftsteller aus Georgien, schildert seine Erlebnisse vor und nach dem Fall der Mauer unter dem Titel: „Zwei Steine“
Bettina Buske, (Ost)Berliner Autorin und Rezitatorin, berichtet in ihrer Erzählung: „Ist ja wirklich so!“ mit leichtem Augenzwinkern über erste Erkundungen und Erlebnisse in Westberlin und den Schwierigkeiten der Annäherung. Die Geschichten sind erschienen im Buch Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten, herausgegeben von Bettina Buske und Patricia Koelle. Zwei von siebenundzwanzig Geschichten zur Erinnerung an die Berliner Mauer und die deutsch-deutsche Grenze, die das Land von 1961 bis 1989 in zwei feindliche Lager teilten und bis heute – 20 Jahre danach – tiefe Wunden hinterlassen haben. Autoren aus Ost und West haben ihre Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen in Geschichten geformt. Autoren, die sich noch an den Bau der Mauer im Jahre 1961 erinnern können, und Autoren, die noch Kind waren, als im Jahre 1989 die Mauer fiel. Die in der DDR aufgewachsen sind, und solchen, die gelernt haben, „DDR“ stets nur in Anführungszeichen zu schreiben.

Autorenlesung aus der Anthologie
Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

und anschließende Diskussion

Es lesen Tengis Khachapuridze und Bettina Buske

Beginn; 18 Uhr

mauerstuecke

Buch kann durch klick aufs Bild beim Verlag bestellt werden

Gestern war die Lesung der Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus e.V.

Ich möchte mich hiermit bei dem Veranstalter die Organisation bedanken, wir waren gut besucht und es war ein interessiertes Publikum.
Ebenfalls möchte ich mich bei Tengis Khachapuridze bedanken, der diesen Kontakt ermöglicht hat.
Tengis Khachapuridze las seine anrührende, unsentimental zu Herzen gehende Liebesgeschichte, die er extra für unsere Ausschreibung, bei der 12.000 Zeichen die Begrenzung war, aus einer großen Erzählung herausgeschält hat.
Ich glaube, nicht nur Autoren können sich vorstellen, was das für eine Überwindung kostet…
Aber ich bin froh darüber, denn seine Erzählung verbindet Ereignisse in Berlin mit Ereignissen in Georgien und zeichnet deutlich die Einschränkungen des privaten Bereiches beim Leben in einer Diktatur, so dass auch Nachgeborene sich ein lebendiges Bild von den damaligen Verhältnissen machen können.
Ich habe erlebt, wie in der Pause immer wieder Leute kamen und erklärten, wie berührt sie von der Geschichte waren.

Natürlich war es dann für mich schwierig, den Übergang zu gestalten und dem Wunsch des Veranstalters entsprechend Geschichten zu lesen, die dem fröhlichen Anlass – 20 Jahre Mauerfall – entsprechen.

Weil solch Bemühen nach glattem Übergang  den Stimmungsbruch nicht verbergen kann,  habe ich den Hörern  nur eine kurze Pause zur Rückbesinnung gelassen und losgelegt und drei „echt“ Berliner Geschichten aus dem Buch gelesen,
Bornholmer-Ecke Grüntaler von Regina Sander
Ist ja wirklich so von mir und als Zugabe
Gute Freunde von Katja Bär

Das Gelächter und der Beifall des Publikums sagte mir, dass es gut gelaufen ist und die Geschichten gut angenommen wurden.

Schade, dass ich wegen der verlorenen Kamera keine Fotos machen konnte…


in der Schweiz gelesen…

28. Oktober 2009

am 25.10.2009 um 17 Uhr

2 Stundenprogramm Märchenlesung mit Musik
Von der Baarburg nach Jerusalem
Ort:

Kulturwerkstatt
„Zum Oberen Haus“
Kirchgasse13
CH 8266 Steckborn

baarburg

So, eigentlich berichte ich ja immer nach einer Veranstaltung kurz, wie sie war. Muss ich also auch von dieser machen, und will ich auch, aber…

Diese Veranstaltung war mit einem Aufenthalt in der Schweiz verbunden, mit meinem allerersten Auftenhalt in der Schweiz und ich stecke so voller Eindrücke, dass ich mich erst sammeln muss.

Das Sammeln ginge bestimmt schneller, hätten wir unseren Fotoaparat noch und ich könnte Bilder beschauen, aber den haben wir auf der Heimreise verloren. Große Katastrophe!
Zum Glück hat meine gastgebende Freundin Bernadette sich die Bilder auf ihren Laptop geladen und noch nicht gelöscht, so dass zumindest die Urlaubsbilder per Stick wieder zu mir kommen werden, aber die Bilder von der Veranstaltung fehlen, von den Betreibern des Hauses wurden zwar ebenfalls Bilder gemacht – aber  gerade jetzt sind sie in Urlaub gefahren und können  sie mir erst danach mailen.

Mir hat es dort sehr gefallen, die Schweizer waren aufmerksame Zuhörer. Ob ihnen das Stück nun gefallen hat kann ich nicht sagen, es ist ja kein gefälliges Stück, das Claudia Sperlich und ich da geschrieben haben. Ich bin aber sicher, dass es nachklingt.

Nachklingen – ein Stichwort.
Ich wurde ja bei diesem Programm von Manuela Arcotta, Klangtherapeutin und Lebensberaterin aus Steckborn, auf dem Monochord begleitet. Auch das war eine Premiere für mich, zuvor war mir dieses Instrument unbekannt. Zu gern hätte ich gleich ein Foto gezeigt, wenn ich schon den Klang nicht wiedergeben kann. Eine zierliche, fast feenhafte Frau vor einem harfe- oder zitterähnlichem Instrument, das nur auf einen Ton gestimmt ist und dadurch Oberwellen erzeugt.  Mir schien, im Spiel verschmolzen Instrument und Musikerin umgeben von einem leichten Tuch aus Klang- dieses Erlebnis hat mich sooo beeindruckt, das möchte ich sehr gern wiederholen und wiederholen und wiederholen…


genial gaga …

27. Oktober 2009

dieser Helge Schneider

 


Gedicht der Woche 43/2009

26. Oktober 2009

Berliner Frühherbst
(c) Patricia Koelle

Schwüle Schönheiten schwirren durch staubige Straßen
spaßige Sperlinge spitzeln spottend vom Dach.
Schwatzende Spießbürger speisen spontan Spritzkuchen
die schwitzende Stadt spielt schurkig mit sich selber Schach.

Stolze Schornsteine speien ewig schwarze Streifen
anderes schlucken schaurig schmutzige Schächte.
Spekulanten spuken in schmierigen Spelunken
spinnen spät noch schamlos manches Ungerechte.

Scharlachrotes Schlauchboot sorglos auf dem Schlachtensee
schaukelt schlafend selig schief über seichtem Abgrund.
Die Sommersonne ist solchen Sonntags schon im Soll
sachte Sehnsucht ist des Herbstes so schwieriger Fund.

Silberne Samen schweben als sinkende Schätze
salzige Senfgurken schmecken nach schutzlosen Tränen.
Wir schreiben schrankenlos schwerwiegende Schwüre
folgen schweigenden Spuren von schmutzgrauen Schwänen.

 

grauer_Schwan


Erzählung der Woche 43/2009

26. Oktober 2009
59.
Prinz Schwan.

Es war ein Mädchen mitten in einem großen Wald, da kam ein Schwan auf es zugegangen, der hatte einen Knauel Garn, und sprach zu ihm: „ich bin kein Schwan, sondern ein verzauberter Prinz, aber du kannst mich erlösen, wenn du den Knauel Garn abwickelst, an dem ich fortfliege; doch hüte dich, daß du den Faden nicht entzwei brichst, sonst komm’ ich nicht bis in mein Königreich, und werde nicht erlöst; wickelst du aber den Knauel ganz ab, dann bist du meine Braut.“ Das Mädchen nahm den Knauel, und der Schwan stieg auf in die Luft, und das Garn wickelte sich leichtlich ab. Es wickelte und wickelte den ganzen Tag, und am Abend war schon das Ende des Fadens zu sehen, da blieb er unglücklicherweise an einem Dornstrauch hängen und brach ab. Das Mädchen war sehr betrübt und weinte, es wollt’ auch Nacht werden, der Wind ging so laut in dem Wald, daß ihm Angst ward, und es anfing zu laufen, was es nur konnte. Und als es lang gelaufen war, sah es ein kleines Licht, darauf eilte es zu, und fand ein Haus und klopfte an. Ein altes Mütterchen kam heraus, das verwunderte sich, wie es sah, daß ein Mädchen vor der Thüre war: „ei mein Kind, wo kommst du so spät her?“ – „Gebt mir doch heut Nacht eine Herberg, sprach es, ich habe mich in dem Wald verirrt; auch ein wenig Brod zu essen.“ – „Das ist ein schweres Ding, sagte die Alte ich gäbe dirs gern, aber mein Mann ist ein Menschenfresser, wenn der dich findet, so frißt er dich auf, da ist keine Gnade; doch, wenn du draußen bleibst, fressen dich die wilden Thiere, ich will sehen, ob ich dir durchhelfen kann.“ Da ließ sie es herein, und gab ihm ein wenig Brod zu essen, und versteckte es dann unter das Bett. Der Menschenfresser aber kam allemal vor Mitternacht, wenn die Sonne ganz untergegangen ist, nach Haus, und ging Morgens, ehe sie aufsteigt, wieder fort. Es dauerte nicht lang, so kam er herein: „ich wittre, ich wittre Menschenfleisch!“ sprach er und suchte in der Stube, endlich griff er auch unter das Bett und zog das Mädchen hervor: „das ist noch ein guter Bissen!“ Die Frau aber bat und bat, bis er versprach, die Nacht über es noch leben zu lassen, und morgen erst zum Frühstück zu essen. Vor Sonnenaufgang aber weckte die Alte das Mädchen: „eil dich, daß du fortkommst, eh mein Mann  aufwacht, da schenk ich dir ein goldenes Spinnrädchen, das halt in Ehren: ich heiße Sonne.“ Das Mädchen ging fort und kam Abends an ein Haus, da war alles, wie am vorigen Abend, und die zweite Alte gab ihm beim Abschied eine goldene Spindel und sprach: „ich heiße Mond.“ Und am dritten Abend kam es an ein drittes Haus, da schenkte ihm die Alte einen goldenen Haspel und sagte: „ich heiße Stern, und der Prinz Schwan, ob gleich der Faden noch nicht ganz abgewickelt war, war doch schon so weit, daß er in sein Reich gelangen konnte, dort ist er König und hat sich schon verheirathet, und wohnt in großer Herrlichkeit auf dem Glasberg; du wirst heut Abend hinkommen, aber ein Drache und ein Löwe liegen davor und bewahren ihn, darum nimm das Brod und den Speck und besänftige sie damit.“ So geschahe es auch. Das Mädchen warf den Ungeheuern das Brod und den Speck in den Rachen, da ließen sie es durch, und es kam bis an das Schloßthor, aber in das Schloß selber ließen es die Wächter nicht hinein. Da setzte es sich vor das Thor, und fing an auf seinem goldenen Rädchen zu spinnen; die Königin sah von oben zu, ihr gefiel das schöne Rädchen, und sie kam herunter und wollte es haben. Das Mädchen sagte, sie solle es haben, wenn sie erlauben wollte, daß es eine Nacht neben dem Schlafzimmer des Königs zubrächte. Die Königin sagte es zu, und das Mädchen ward hinaufgeführt, was aber in der Stube gesprochen wurde, das konnte man alles in dem Schlafzimmer hören. Wie es nun Nacht ward, und der König im Bett lag, sang es:

„Denkt der König Schwan
noch an seine versprochene Braut Julian’?
die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,
durch Löwen und durch Drachen:
will der König Schwan denn gar nicht erwachen?“

Aber der König hörte es nicht, denn die listige Königin hatte sich vor dem Mädchen gefürchtet, und ihm einen Schlaftrunk gegeben, da schlief er so fest, und hätte das Mädchen nicht gehört, und wenn es vor ihm gestanden wäre. Am Morgen war alles verloren, und es mußte wieder vor das Thor, da setzte es sich hin und spann mit seiner Spindel, die gefiel der Königin auch, und es gab sie unter derselben Bedingung weg, daß es eine Nacht neben des Königs Schlafzimmer zubringen dürfe. Da sang es wieder:

„Denkt der König Schwan
noch an seine versprochene Braut Julian’?
die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,
durch Löwen und durch Drachen:
will der König Schwan denn gar nicht erwachen?“

Der König aber schlief wieder fest von einem Schlaftrunk, und das Mädchen hatte auch seine Spindel verloren. Da setzte es sich am dritten Morgen mit seinem goldenen Haspel vor das Thor und haspelte. Die Königin wollte auch die Kostbarkeit haben, und versprach dem Mädchen, es sollte dafür noch eine Nacht neben dem Schlafzimmer bleiben. Es hatte aber den Betrug gemerkt, und bat den Diener des Königs, er mögte diesem heut Abend was anderes zu trinken geben. Da sang es noch einmal:

„Denkt der König Schwan
nicht an seine versprochene Braut Julian’?
die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,
durch Löwen und durch Drachen:
will der König Schwan, denn gar nicht erwachen?“

Da erwachte der König; wie er ihre Stimme hörte, erkannte sie und fragte die Königin: „wenn man einen Schlüssel verloren hat und ihn wieder findet, behält man dann den alten oder den neugemachten?“ Die Königin sagte: „ganz gewiß den alten.“ – „Nun, dann kannst du meine Gemahlin nicht länger seyn, ich habe meine erste Braut wieder gefunden.“ Da mußte am andern Morgen die Königin zu ihrem Vater wieder heimgehen, und der König vermählte sich mit seiner rechten Braut, und die lebten so lang vergnügt, bis sie gestorben sind.

Anhang

[XXXVII]

Zu Prinz Schwan. No. 59.

Aehnlich damit das Märchen von den drei Gürteln in der Braunschw. Samml. S. 122-150. Die Königin erhält von einer Fee, der sie als einer alten bösen Hexe unermüdlich Beistand geleistet, drei Gürtel, so lang die nicht entzwei gingen, könne sie an die Liebe und Treue ihres abwesenden Gemahls glauben. Als zwei davon geplatzt sind, verkleidet sie sich in eine Pilgerin und zieht ihm nach. In einem großen Wald, durch den sie geht, fallen ihr nach einander drei goldne Nüsse vor die Füße, die sie aufhebt und mitnimmt. Sie kommt zu einem Müller, der sie für seine Base ausgeben will, und ihr einen andern Namen giebt. Hier findet sie der König, und ohne sie wiederzuerkennen, verliebt er sich in sie. Sie zeigt sich ihm geneigt, wie er sie aber umarmen will, platzt der dritte Gürtel, sie erschrickt und bittet ihn die Hausthüre zuzumachen, deren Schlagen sie nicht hören könne. Wie er aber eine zumacht, [XXXVIII] springt eine andere wieder auf und so fort, daß er die ganze Nacht nichts zu thun hat, als Thüren zuzumachen. Der König ist dadurch gekränkt, kommt nicht wieder, und will sich mit der Prinzessin, die seine Braut ist, vermählen. Die Königin macht ihre erste Goldnuß auf, da ist das prächtigste Nähzeug und Nähkästchen darin, damit geht sie zum Schloß, setzt sich den Fenstern der Prinzessin gegenüber und näht. Die Prinzessin sieht sie und trägt großen Gefallen an dem Nähzeug, sie tauscht es für das Recht ein, die erste Nacht bei dem König zubringen zu dürfen. Am andern Tag öffnet diese die zweite Nuß, findet eine köstliche Spindel darin, spinnt damit vor der Prinzessin und vertauscht sie für die zweite Nacht, endlich auch das Geschmeide, welches die dritte Nuß in sich faßte, für die dritte Nacht. Wie der Hochzeitstag nun vorbei ist, wird die Königin zum König geführt, da entdeckt sie sich als seine Gemahlin; am dritten Morgen beruft er einen Rath und legt die Frage von dem Schlüssel vor, den er zu einem goldnen Vorlegeschloß verloren, und wiedergefunden, ob er den alten oder den neuen gebrauchen solle. Die Prinzessin entscheidet selber für den alten und demnach für ihre Trennung.


Herbstzeit-Märchenzeit

20. Oktober 2009

Herbstzeit – Märchenzeit


Der Sommer ist fort, die warmen Tage vergangen,
mit Regenwolken ist der Himmel verhangen.
Sonnenfarbend leuchten die Birken vorm Haus
doch windig ist es, nichts zieht uns hinaus.
Wir richten uns ein und machens gemütlich,
und tun uns an Kaffee und Kuchen gütlich,
oder an Tee, oder Kakao – das ist egal,
es ist für den Feierabend ein Ritual
wenn Tag und Nacht gemeinsam regieren,
denn bei Dämmerung lässt es sich gut sinnieren.
In der Stube ist Wärme und gemütliches Licht
während draußen der Wind schon die Äste abbricht.

Wenn leis heulend die Winde um Hausecken fegen,
beginnen sich in mir die Märchen zu regen.
Die schubsen und drängeln, die wollen ins Leben,
die woll´n euch dann Freude und Hoffnung geben.

-Gemini-

Herbst von Li Friedrich-Bothin

Herbst von Li Friedrich-Bothin


Erzählung der Woche 42/2009

17. Oktober 2009
79.
Die Wassernix.
(Kinder- und Hausmärchen 1. Ausgabe)

Ein Brüderchen und ein Schwesterchen spielten an einem Brunnen, und wie sie so spielten, plumpten sie beide hinein. Da war eine Wassernix, die sprach: „jetzt hab ich euch, jetzt sollt ihr mir brav arbeiten!“ und dem Mädchen gab sie verwirrten, garstigen Flachs zu spinnen, und Wasser mußte es in ein hohles Faß schleppen, der Jung aber sollte einen Baum mit  einer stumpfen Axt hauen, und nichts zu essen bekamen sie, als steinharte Klöse. Da wurden zuletzt die Kinder so ungeduldig, daß sie warteten, bis eines Sonntags die Nixe in der Kirche war, da flohen sie. Und als die Kirche vorbei war, sah die Nix, daß die Vögel ausgeflogen waren, und setzte ihnen mit großen Sprüngen nach. Die Kinder erblickten sie aber von weitem, und das Mädchen warf eine Bürste hinter sich, das gab einen großen Bürstenberg, mit tausend und tausend Stacheln, über den die Nix mit großer Müh klettern mußte, endlich aber kam sie doch darüber. Wie das die Kinder sahen, warf der Knabe einen Kamm hinter sich, das gab einen großen Kammberg, mit tausend mal tausend Zinken, aber die Nix wußte sich daran festzuhalten, und kam zuletzt doch drüber. Da warf das Mädchen einen Spiegel hinterwärts, welches einen Spiegelberg gab, der war so glatt, so glatt, daß sie unmöglich drüber konnte. Da dachte sie: ich will geschwind nach Haus gehen und meine Axt holen, und den Spiegelberg entzwei hauen, bis sie aber wieder kam, und das Glas aufgehauen hatte, waren die Kinder längst weit entflohen, und die Wassernix mußte sich wieder in ihren Brunnen trollen.

Brüder Grimm

büeste,kamm,spiegel


Gedicht der Woche 42/2009

17. Oktober 2009

Die Nixen

Am einsamen Strande plätschert die Flut,
Der Mond ist aufgegangen,
Auf weißer Düne der Ritter ruht,
Von bunten Träumen befangen.

Die schönen Nixen, im Schleiergewand,
Entsteigen der Meerestiefe.
Sie nahen sich leise dem jungen Fant,
Sie glaubten wahrhaftig er schliefe.

Die eine betastet mit Neubegier
Die Federn auf seinem Barette.
Die andre nestelt am Bandelier
Und an der Waffenkette.

Die dritte lacht und ihr Auge blitzt,
Sie zieht das Schwert aus der Scheide,
Und auf dem blanken Schwert gestützt
Beschaut sie den Ritter mit Freude.

Die vierte tänzelt wohl hin und her
Und flüstert aus tiefem Gemüte:
„O, dass ich doch dein Liebchen wär,
Du holde Menschenblüte!“

Die fünfte küsst des Ritters Händ,
Mit Sehnsucht und Verlangen;
Die sechste zögert und küsst am End
Die Lippen und die Wangen.

Der Ritter ist klug, es fällt ihm nicht ein,
Die Augen öffnen zu müssen;
Er lässt sich ruhig im Mondenschein
Von schönen Nixen küssen.

Heinrich Heine (1797-1856)

John_William_Waterhouse_-_Hylas_and_the_Nymphs_(1896)


heut ist mir so launig…

12. Oktober 2009

da kann mir auch der vermurkste Titel des Videos nicht den Spass daran verderben.
Aber aufgemerkt:

Bei Eigennamen wird das Genitiv-s gesetzt, wenn sie ohne Artikel verwendet werden:
Pauls Auto, oder ganz klassisch: Werthers Leiden.
Bei Eigennamen mit Artikel oder  Pronomen entfällt das Genitiv-s:
das Auto des kleinen Tom Paul, der Tanz des breiten Tom Paul etc. (Aber  Tom Pauls Auto, Tom Pauls Tanz)

Der Apostroph bzw. das Auslassungszeichen ( auch das Hochkomma oder der Oberstrich genannt) ist hier ebenfalls falsch.
Es wird verwendet, um die Auslassungen in einem Wort zu kennzeichnen oder zwingend den Genitiv von Eigennamen zu verdeutlichen, die im Nominativ bereits auf einen s-Laut (s, -ss, -ß, -tz, -z, -x, -ce) enden, solange sie nicht einen Artikel oder ein  Possessivpronomen bei sich haben.

Merke:
wenn der tanzende Tom Tom Pauls heißen würde und nicht Tom Paul, dann wäre es Tom Pauls´Auto, dann erfreute ich mich an Tom Pauls´Tanz aber niemals stimmt Tom Paul´s Auto, Tom Paul´s Tanz, das verstimmt nur.

Bei den Anmerkungen zur Beinarbeit hoffe ich einfach mal, dass jez Jugendslang ist und der Autor die Schreibweise des Zeitbegriffes kennt, ansonsten hab ich hier zu verschenken: tt


Erzählung der Woche 41/2009

10. Oktober 2009

Sasubrina

Das runde Fenster meiner Zelle ging auf den Gefängnishof. Es war sehr hoch vom Boden, doch wenn ich den Tisch an die Wand stellte und hinaufkletterte, konnte ich alles sehen, was draußen vorging. Über dem Fenster hatten sich Tauben unter dem Dache ein Nest gebaut, und wenn ich aus dem Fenster auf den Hof sah, girrten sie über meinem Kopfe.

Ich hatte hinreichend Zeit, um von meinem erhöhten Punkte aus die Gefängnisbewohner kennenzulernen, und ich wußte, daß der lustigste unter den finstren, grauen Leuten Sasubrina hieß.

Er war ein dicker, untersetzter Bursch mit rotem Gesicht und hoher Stirn, unter der die großen, hellen Augen immer munter blitzten.

Seine Mütze trug er im Nacken, die Ohren standen lächerlich von seinem geschorenen Kopfe ab, das Band des Hemdkragens war nie zugebunden, die Jacke nicht zugeknöpft, und jede Bewegung seiner Muskeln ließ eine Seele erkennen, unfähig zur Traurigkeit und zum Zorn.

Immer lachend, beweglich und laut, war er der Favorit des Gefängnisses; stets umringte ihn ein Haufen grauer Kameraden, und er belustigte und zerstreute sie durch allerhand komische Streiche, mit seiner aufrichtigen Heiterkeit dies dunkle, öde Leben verschönend.

Einmal kam er aus der Zelle mit drei in schlauer Weise an eine Leine gespannten Ratten. Sasubrina rannte auf dem Hofe hinter ihnen her und rief dabei, daß er mit einer Troika fahre; die von seinem Geschrei ganz rasend gemachten Ratten stürzten hier- und dorthin, und die Gefangenen, welche zusahen, lachten wie Kinder über den dicken Menschen und seine Troika.

Er schien der Meinung zu sein, daß er ausschließlich zur Belustigung der Leute da war, und scheute vor nichts zurück, um diese zu erreichen. Manchmal nahm seine Erfindergabe grausame Formen an; so klebte er zum Beispiel einmal das Haar eines schlafenden, auf der Erde an der Wand sitzenden Jungen mit irgend etwas an eben diese Wand und weckte ihn dann plötzlich auf, als die Haare angetrocknet waren. Der Junge sprang schnell auf und fiel weinend zu Boden, indem er mit seinen dünnen, mageren Armen nach dem Kopfe griff. Die Arrestanten lachten, und Sasubrina war zufrieden. Nachher – ich sah es von meinem Fenster aus – liebkoste er den Jungen, von dessen Haaren ein ordentlicher Büschel an der Wand haften geblieben war …

Außer Sasubrina war noch ein Favorit im Gefängnis – ein dickes, rotes Kätzchen, ein kleines, von allen verwöhntes, muntres Tier. Jedesmal, wenn die Gefangenen zum Spaziergang herauskamen, suchten sie es irgendwo auf und tollten lange mit ihm herum, indem sie es von Hand zu Hand gehen ließen, ihm über den Hof nachjagten und sich die Hände und die vom Spiel mit dem Liebling belebten Gesichter zerkratzen ließen.

Wenn die Katze auf dem Schauplatz erschien, zog sie die Aufmerksamkeit von Sasubrina ab, und letzterer konnte mit dieser Bevorzugung nicht zufrieden sein. Sasubrina war in seiner Seele Artist und, als Artist, voll übermäßiger Eigenliebe. Wenn sich sein Publikum mit dem Kätzchen amüsierte, blieb er allein, setzte sich irgendwo auf dem Hofe in einen Winkel und beobachtete von dort aus seine Kameraden, die ihn in diesen Minuten vergaßen. Und ich beobachtete ihn aus meinem Fenster und empfand alles das, wovon seine Seele in diesen Momenten voll war. Es schien mir unvermeidlich, daß Sasubrina die Katze bei der ersten passenden Gelegenheit totschlagen werde, und es tat mir um den lustigen Gefangenen leid, der so begierig danach war, immer der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit der Leute zu sein. Von allen Bestrebungen des Menschen ist diese die verderblichste für ihn, denn nichts ertötet die Seele so schnell, wie die Begier, den Menschen zu gefallen.

Wenn man im Gefängnis sitzt, erscheint einem selbst das Leben der Pilze an seinen Wänden interessant; darum ist die Aufmerksamkeit verständlich, mit der ich vom Fenster aus das kleine Drama unten und diese Eifersucht eines Menschen auf eine Katze beobachtete, und verständlich auch die Ungeduld, mit der ich die Katastrophe erwartete. Sie trat ein und spielte sich ab. Und das war so.

Einmal an einem hellen, sonnigen Tage, als die Gefangenen aus den Zellen auf den Hof strömten, sah Sasubrina in einer Ecke des Hofes einen Eimer mit grüner Farbe, den die Maler stehengelassen hatten, welche die Gefängnisdächer anstrichen. Er trat heran, dachte nach, steckte einen Finger in die Farbe und strich sich den Schnurrbart grün an. Der grüne Schnurrbart in seinem roten Gesicht erregte allgemeines Gelächter« Ein Halberwachsener, den es gelüstete, Sasubrinas Idee auszunützen, wollte sich auch die Oberlippe bemalen, aber Sasubrina tauchte die Hand in den Eimer und beschmierte ihm flink das ganze Gesicht. Der Bursche prustete und schüttelte den Kopf, Sasubrina tanzte um ihn herum, und das Publikum lachte in einem fort und spornte seinen Spaßmacher mit Beifallsrufen an.

Gerade in diesem Moment erschien das rote Kätzchen auf dem Hofe. Es ging, ohne zu eilen, über den Hof, hob zierlich die Pfötchen, wedelte mit dem hocherhobenen Schwanze und schien gar keine Angst zu haben, unter die Füße der Menge zu geraten, welche um Sasubrina und den von ihm angestrichenen Burschen herumtanzte, der mit aller Gewalt die klebrige Mischung von öl und Grünspan mit den Händen abzuwischen suchte.

»Brüder!« rief jemand. »Miezchen ist da!«

»Ah! Miezchen, der Schelm!«

»Die Rote! Das Kätzchen!«

Das Kätzchen wurde gegriffen und ging von Hand zu Hand, von allen geliebkost.

»Sieh, wie sich’s sattgefressen hat! Wie dick sein Bauch ist!«

»Wie schnell es wächst!«

»Es kratzt, der kleine Teufel!«

»Laß es! Mag’s umherspringen…«:

»Nu, ich halt den Rücken hin… Spring, Miezchen!«

Um Sasubrina war es leer. Er stand allein, wischte mit den Fingern die Farbe vom Schnurrbart und blickte auf das Kätzchen, das über Schultern und Rücken der Gefangenen sprang. Zeigte es den Wunsch, auf einer Schulter oder einem Rücken sitzen zu bleiben, so bewegten sie diese und jenen und schüttelten das Kätzchen ab, das dann von der Schulter des einen auf die des Nachbars sprang. Das belustigte sie alle, und ununterbrochenes Lachen ertönte.

»Brüder! Wir wollen die Katze färben!« erschallte Sasubrinas Stimme. Sie klang so, als erbitte er, indem er diese Belustigung vorschlug, gleichzeitig ihre Einwilligung.

Die Gefangenen lärmten los.

»Sie krepiert vielleicht davon!« meinte einer.

»Von der Farbe? Was du nicht redest!«

»Vorwärts, Sasubrina! Flink daran!«

Ein breitschultriger Bursche mit feuerrotem Bart rief aufgemuntert: »Hat sich der Satan wieder ‘nen Streich ausgedacht!« Sasubrina hielt schon die Katze in den Händen und ging mit ihr an den Farbeneimer.

»Seht, Brüder, sehet hier …«

sang Sasubrina:

»Die rote Katze färben wir
In der grünen Farbe ganz, –
Und dann gibt es einen Tanz.«

Eine Lachsalve erdröhnte, die Gefangenen traten, sich die Seiten haltend, auseinander, und ich konnte sehen, wie Sasubrina das Kätzchen, es am Schwanz haltend, in den Eimer tauchte und herumtanzend sang:

»Halt, nicht miaut,
Den Paten nicht gekraut!«

Das Gelächter nahm zu. Einer winselte mit dünner Stimme:

»Oh – ob – oh! Oh, du dickwanstiger Schelm.«

»Ach, Batjuschki!« stöhnte ein anderer.

Das Lachen benahm ihnen den Atem und erstickte sie; es krümmte ihre Leiber, es bog sie, es schallte und dröhnte durch die Luft – gewaltig und sorglos, immer mehr zunehmend und sich fast zur Hysterie steigernd. Lachende Gesichter in weißen Tüchern sahen aus den Fenstern der Frauenabteilung auf den Hof. Der an der Mauer lehnende Aufseher, der seinen dicken Bauch vorstreckte, hielt diesen mit den Händen und stieß ein lautes, tiefes, ihn erstickendes Gelächter aus.

Lachend zerstreuten sich die Leute nach allen Seiten vom Eimer. Mit den Beinen wunderbare Kunststücke ausführend, tanzte Sasubrina, sich bald hinhockend, bald aufspringend, und sang dazu:

»Ei, lustig ist das Leben, schau!
War einst ‘ne graue Katzenfrau,
Und ihr roter Katersohn
Geht jetzt grüngefärbt davon!«

»Genug, genug, der Teufel hol’ dich!« rief stöhnend der Rotbart.

Aber Sasubrina war jetzt in Stimmung. Um ihn dröhnte das tolle Gelächter der grauen Leute, und er wußte, daß er allein sie alle veranlaßt hatte, so zu lachen. In jeder Geste, in jeder Grimasse seines beweglichen Hanswurstgesichts zeigte sich deutlich dies Bewußtsein, und sein ganzer Leib zuckte im Genuß dieses Triumphes. Er hielt die Katze schon über den Kopf, und die überflüssige Farbe von ihrem Fell abschüttelnd, tanzte er unermüdlich in der Ekstase eines Artisten, der sich seines Sieges über die Menge bewußt ist, und improvisierte dazu:

»Meine lieben Brüder, seht,
Was in dem Kalender steht,
Die Katze muß ‘nen Namen han,
Daß man sie also nennen kann!«

Rings lachte alles um die von rasender Lustigkeit ergriffene Menge der Gefangenen; die Sonne lachte auf den eisenvergitterten Fensterscheiben, es lachte der blaue Himmel über dem Gefängnishof, und es war, als lachten auch die alten, schmutzigen Mauern, wie ein Geschöpf lächelt, das die Heiterkeit in sich unterdrücken muß, damit sie nicht allzu laut in ihm werde. Hinter den Fenstergittern der Frauenabteilung sahen Frauengesichter auf den Hof; sie lachten auch, und ihre Zähne blinkten in der Sonne. Alles ringsum war wie umgewandelt, es hatte den langweiligen grauen Ton abgeworfen, der so bang und mutlos machte, und lebte auf, durchdrungen von diesem reinigenden Lachen, das, wie die Sonne, selbst den Schmutz zwingt, anständiger zu sein.

Nachdem er das grüne Kätzchen auf den Rasen gelegt hatte, der, zwischen den Steinen hervordringend, den Gefängnishof bunt erscheinen ließ, führte Sasubrina schwitzend, aufgeregt und atemlos immer noch seinen wilden Tanz auf.

Aber schon erlosch das Gelächter. Es war so über die Maßen gewesen und hatte die Leute ermüdet. Einer und der andere winselte noch hysterisch, einige lachten noch, aber schon mit Pausen dazwischen… Schließlich kamen Momente, wo alle schwiegen, außer dem singenden und dem tanzenden Sasubrina und dem Kätzchen, das, auf dem Rasen kriechend, leise und kläglich miaute. Es unterschied sich in der Farbe fast gar nicht von ihm, und – wahrscheinlich blendete es die Farbe und hinderte seine Bewegungen – kroch, großköpfig und klebrig-glatt, auf zitternden Beinen, blieb liegen, wie an den Rasen geklebt, und miaute in einem fort …

»Kommt, ihr Leut’, und seht,
Der grüne Kater geht,
Seht, die früher rote Katz’
Findet für sich keinen Platz.«

kommentierte Sasubrina die Bewegungen des Kätzchens.

»Sieh an, Hund, wie geschickt!« sagte der rothaarige Bursche. Das Publikum betrachtete seinen Artisten mit übersättigten Augen.

»Wie’s miaut!« sagte der halbwüchsige Gefangene mit einer Kopfbewegung nach dem Kätzchen und sah seine Kameraden an. Sie schwiegen und beobachteten das Tierchen.

»Bleibt’s denn nun sein lebelang grün?« fragte der Junge.

»Wie lange wird’s denn noch leben?« sagte ein großer, grauhaariger Mann, indem er sich neben dem Miezchen niederkauerte. »Es trocknet in der Sonne, die Haare kleben ihm zusammen, und es krepiert…«

Das Kätzchen miaute herzzerreißend, wodurch es eine Reaktion in der Stimmung der Gefangenen hervorrief.

»Es krepiert?« fragte der Junge…

»Wenn man es abwüsche?«

Keiner antwortete ihm. Das kleine, grüne Klümpchen quälte sich zu Füßen dieser rauhen Leute und war bemitleidenswert in seiner Hilflosigkeit.

»Pfui! Ich bin wie geschmort!« rief Sasubrina indem er sich auf die Erde warf. Er wurde nicht beachtet.

Der Junge näherte sich dem Kätzchen und nahm es in die Hände, legte es aber gleich wieder auf den Rasen und sagte:

»Es ist ganz heiß …«

Dann sah er die Kameraden an und äußerte mitleidig:

»So geht’s dem Miezchen! Und wir werden kein Miezchen mehr haben! Warum habt ihr das Tier umgebracht?«…

»Nu, es wird sich wieder erholen«, sagte der Rothaarige.

Das grüne, verunstaltete Geschöpf kroch immer noch auf dem Rasen, zwanzig Paar Augen verfolgten es, und auf keinem Gesicht lag mehr der Schatten eines Lächelns. Alle waren finster, alle schwiegen, und alle wurden so traurig wie das Kätzchen, als hätte es ihnen sein Leiden mitgeteilt, und sie fühlten seinen Schmerz mit.

»Es wird sich wieder erholen«, lachte der Junge höhnisch auf, die Stimme erhebend.

»Was nicht noch… Wir hatten das Miezchen… alle hatten es lieb… Warum quält ihr’s? Schlagt’s lieber tot…«

»Und wer hat’s getan?« rief der rothaarige Arrestant erbost.

»Der da ist der teuflische Anstifter!«

»Nu,« sagte Sasubrina versöhnlich, »wir alle zusammen wollten es doch!«

Und er krümmte sich wie vor Kälte. »Alle zusammen!« äffte ihm der Junge nach… »Auch noch! Du bist allein schuld… ja!«

»Ach, du Kalb, brüll’ nicht«, riet ihm Sasubrina friedfertig.

Der grauhaarige Alte nahm das Kätzchen in die Hände, untersuchte es sorgfältig und gab den Rat:

»Wenn es in Petroleum gebadet würde, ginge die Farbe ab!«

»Meine Meinung ist, es am Schwanz zu nehmen und über die Mauer zu werfen«, sagte Sasubrina und fügte lachend hinzu: »Das ist am allereinfachsten!«

»So–o?« brüllte der Rothaarige los. »Und wenn ich dir selber das täte? Willst du?«

»Teufel!« rief der Junge, riß die Katze aus den Händen des Alten und stürzte fort. Der Alte und noch einige gingen ihm nach.

Da blieb Sasubrina allein in einem Kreise von Leuten, die ihn mit bösen, finsteren Augen ansahen. Es war, als erwarteten sie etwas von ihm.

»Ich war’s doch nicht allein, Brüder!« sagte Sasubrina kläglich.

»Schweig!« rief der Rothaarige, sich im Hofe umsehend, »nicht allein! Und wer denn noch?«

»Ja doch alle?« entriß es sich dem Lustigmacher laut.

»Ah, Hund!«

Der Rothaarige versetzte ihm eins mit der Faust in die Zähne. Der Artist wankte zurück, aber dort traf ihn ein Genickstoß.

»Brüder…« flehte er bang. Aber seine Brüder hatten gesehen, daß die beiden Aufseher weit von ihnen waren, sie umringten ihren Favoriten dicht und stießen ihn mit ein paar Schlägen nieder. Von fern konnte die dichte Gruppe für eine sich lebhaft unterhaltende Gesellschaft gehalten werden. Von ihnen umringt und verdeckt, lag Sasubrina zu ihren Füßen. Dann und wann erschallten dumpfe Laute – sie stießen Sasubrina mit den Füßen in die Rippen, ohne Hast, ohne Erbitterung, abwartend, bis der sich wie eine Natter windende Mensch ihren Fußtritten eine besonders geeignete Stelle darbot.

So vergingen drei Minuten. Plötzlich erschallte die Stimme des Aufsehers:

»Heda, ihr Teufel! Bleibt in euren Schranken!«

Die Arrestanten hoben die Folter nicht gleich auf. Nacheinander gingen sie von Sasubrina ab, und jeder verabschiedete sich im Weggehen mit einem Fußstoß von ihm.

Als sie auseinandergegangen waren, blieb er auf der Erde liegen. Er lag mit der Brust nach unten, seine Schultern bebten – wahrscheinlich weinte er – er hustete und warf aus. Dann fing er vorsichtig, als habe er Angst, zu zerbrechen, an, sich von der Erde aufzurichten; sich mit der linken Hand darauf stützend, bog er ein Bein ein und setzte sich auf die Erde, aufwinselnd wie ein kranker Hund.

»Verstell’ dich!« rief der Rothaarige drohend. Sasubrina warf sich herum und stand schnell auf.

Dann wandte er sich wankend nach einer der Gefängnismauern. Eine Hand hatte er an die Brust gedrückt, die andere nach vorne gestreckt. So lehnte er sich an die Wand und beugte stehend den Kopf zur Erde nieder. Er hustete …

Ich sah, wie dunkle Tropfen auf die Erde fielen; es war gut zu unterscheiden, wie sie auf dem grauen Hintergrunde der Gefängnismauer schnell erschienen und verschwanden.

Und um das Staatsgebäude nicht mit seinem Blut zu beflecken, gab sich Sasubrina alle mögliche Mühe, es so auf die Erde zu vergießen, daß kein Tropfen an die Wand kam.

Er wurde ausgelacht …

Das Kätzchen war seit jener Zeit verschwunden. Und Sasubrina hatte mit niemand mehr die Aufmerksamkeit der Gefängnisbewohner zu teilen.

Gefängnishof


Gedicht der Woche 41/2009

10. Oktober 2009

Ganz oder gar nicht …

Wer da will die Liebe leben,
muß sich ganz der Liebe geben,
sich nicht teilen, nicht zersplittern,
ganz im Kuß hinüberzittern;
muß des Herzens ganzes Drängen
auf des Mundes Spitze zwängen;
muß nicht denken, rechnen, klügeln,
sich nicht fesseln oder zügeln;
muß den Arm nicht ängstlich halten,
gilt es, Hüften zu umfalten;
nicht voll Scheu die Hand befühlen,
gilt`s, im seidnen Haar zu wühlen;
muß im seligen Versenktsein
unklar, ob er ist und denkt, sein.
(Friedrich Rückert)

Holding_hands_by_homarte-1


Ich bin knuteuphorisch…

5. Oktober 2009

DEU BB Zoo Eisbaer Knut Giovanna

und freu mich immer, wenn es  Knut-Tratsch gibt.

Wer ebenfalls Freude daran hat, braucht nur auf das Foto von Gianna und Knut zu klicken, die Morgenpost hat was zu berichten…


Riesenspektakel in Berlin versus Mauerstücke

5. Oktober 2009

Am 4.10.2009 um 18 Uhr

2 Stundenprogramm Lesung aus der Anthologie
Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

Mit der Rezi-Tante
- betont mit Musikstücken der Zeit
- bebildert mit Fotos der Zeit

geht leider nicht, weil der Beamer anderweiltig benötigt wird

Bühne
Brotfabrik Prenzlauer Prommenade
Kunst- & Kulturzentrum Brotfabrik
Caligariplatz
13086 Berlin

Tel: 030 / 4714001 oder 471 4002
Fax: 030 / 473 37 77
eMail: info [at] brotfabrik-berlin.dePlauer Prommenade
Kunst- & Kulturzentrum Brotfabrik

Tja, Pech gehabt, meine letzte Lesung war nicht gut besucht, sogar ausgesprochen schlecht, zwei Zuhörerinnen hatte ich.

Aber wenn die Frauen sich schon die Mühe gemacht haben zu kommen, ich ja auch, und der nette Techniker den Saal so herrichtete, wie es genehm war, kann ich nicht anders, dann muss ich lesen…
Gut, geplant war mehr als das was ich dann geboten hatte, eigentlich sollten die Geschichten noch mit charakteristischen Liedern untermalt werden, Lieder, die für sich schon eine Fassette der Zeit zeigen und evtl. aufgekommende Ostalgie junger Leute nicht überborden  lassen, wie das Kampfgruppenlied oder das Parteilied.
Aber all das kostet Zeit und bevor sich die beiden Frauen gruseln und weglaufen…
Die Geschichten haben sie jedenfalls unterhalten und angeregt noch über eigene Erfahrungen zu sprechen- eine schöne Bestätigung, dass das Buch seinen Zweck erfüllt.

Nur, gegen was habe ich da konkuriert, was ist die Ursache, dass die auch in der Tagespresse ausgeschriebene Veranstaltung so schlecht besucht wurde?

Der Senat von Berlin feierte die Wiedervereinigung mit riesigen Marionetten. Technisch ein wirklich sehenswertes Spektakel. Die Marionetten sollen als Symbol für das wiedervereinigte Land, bzw. wiedervereinigte Berlin stehen.
Eine riesige und eine große Marionette, die durch die Innenstadt tourten und sich irgendwann trafen, wobei die Kleinere der Großen auf dem Schoß gesetzt wurde. Inhalt naja, nicht so viel, aber die Ausführung ist natürlich beachtlich.
Haben die Berliner mal wirklich große Puppen gesehen, ist schon was.
AP Charles Yunck Charles Yunck ddp AFP ddp AFP dpa dpa dpa ddp Charles Yunck Charles Yunck Charles Yunck Charles Yunck Charles Yunck Charles Yunck Charles Yunck Charles Yunck Charles Yunck ddp ddp ddp ddp ddp dpa Dom/ArtComArt PROMO Pascal Victor/ArtComArt PROMO Dom/ArtComArt PROMO Pascal Victor/ArtComArt PROMO Pascal Victor/ArtComArt PROMO PROMO PROMO Pascal Victor/ArtComArt PROMO Pascal Victor/ArtComArt PROMO Dom/ArtComArt PROMO Thomas Aurin PROMO Pascal Victor/ArtComArt PROMO

Die ganze Stadt wurde zur Bühne: Die kleine Riesin stapfte am Freitag ab zehn Uhr durch die City. Es wurde ein Riesen-Spektakel. Tausende Berliner und Menschen aus aller Welt schauten begeistert zu – trotz Regen. Die B.Z. berichtete live vom Mega-Schauspiel. Lesen Sie hier, wie der Tag verlief.

9.55 Uhr: Rund 500 Menschen haben sich trotz schlechten Wetters vor dem Roten Rathaus versammelt. Nebelschwaden steigen auf. Die kleine Riesin (7,50 Meter, 800 kg) sitzt auf einem Sockel und schläft noch. Doch die Ruhe hat bald ein Ende. In wenigen Minuten geht das Puppenspiel los

10.10 Uhr: Die „Liliputaner“ (die Helfer der kleinen Riesin) postieren sich auf den Kran. Die 22 Männer werden die große Marionette in Bewegung halten. Die Riesin schlägt die Augen auf und richtet sich auf.

10.15 Uhr: Erstmal eine kleine Dusche. Die kleine Riesin muss ja schließlich sauber sein, wenn sie gleich den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit treffen wird.

10.22 Uhr: Eine knallgelbe Regenjacke wird der Riesin angezogen. Sogar einen passenden Hut bekommt sie. Jetzt ist die Marionette für den Berlin-Spaziergang bestens vorbereitet.

10.26 Uhr: Eine Sache fehlte noch: Strümpfe und Schuhe! Die „Liliputaner“ legen sich ins Zeug, um die Riesin startklar zu machen.

10.30 Uhr: Geburtstags-Kind Klaus Wowereit erscheint auf dem Balkon. Die Riesin geht in seine Richtung, blickt zu ihm auf und winkt. Die „Liliputaner“ überreichen Wowereit ein Geschenk der Riesin. Es ist ein Porträt ihres Onkels, des großen Riesen. Der Regierende eröffnet offiziell die Feierlichkeiten zum 20. Jubiläum des Mauerfalls.

10.35 Uhr: Die kleine Riesin macht ihre ersten Schritte und startet die Tour.

10.42 Uhr: Die Marionette besteigt ein Boot. Damit wird die Riesin das Rote Rathaus umrunden. Ein riesiger Lastzug ist für den Transport nötig. Inzwischen sind Tausende von Menschen gekommen, um dem Treiben zuzuschauen.

11.05 Uhr: Die Schiffsrunde ist zu Ende. Jetzt geht die kleine Riesin von Bord. Ein Spaziergang zu Fuß ist angesagt. Die Puppe wird noch mal eine Ehrenrunde um das Rathaus drehen. Mit mächtigen Schritten setzt sie sich in Bewegung. Die „Liliputaner“ haben alle Hände voll zu tun, um die Marionette zu mobilisieren.

11.30 Uhr: Mit 2,5 km pro Stunde schreitet die kleine Riesin in Richtung Bebelplatz. Dort wird sie sich zwischen 13.00 und 15.00 Uhr in einem Liegestuhl ausruhen.

11.37 Uhr: Immer wieder bleibt die kleine Riesin stehen, um bestaunt zu werden. Viele Schulklassen (es gab schulfrei wegen des Events) sind vor Ort. Die Kinder sind vom Schauspiel begeistert. Die Marionette hat mittlerweile ihre Regenjacke und den Hut abgelegt. In grünem Kleidchen winkt sie den Zuschauern zu.
12.18 Uhr: Die kleine Riesin ist auf dem Bebelplatz angekommen. Immer mehr Menschen strömen ihr zu und sind vom Schauspiel begeistert. Hier wird sich das Riesen-Mädchen über Mittag ausruhen. Die Zuschauer werden dann Zeit haben, sie aus der Nähe zu bewundern.

12.22 Uhr: Der Liegestuhl steht bereit. Die kleine Riesin hat Platz genommen. Jetzt ist Entspannung angesagt!
13.04 Uhr: Das Riesen-Mädchen hält ein Nickerchen. Ihre Brust bewegt sich auf und ab beim Atmen. Zwischendurch macht sie den Mund auf, um nach Luft zu schnappen. Alles in allem scheint es ihr gut zu gehen. Nach dem anstregenden Spaziergang genießt die kleine Riesin jetzt ihre Ruhepause. Um 15.00 Uhr muss sie dann weitermarschieren.
14.57 Uhr: Die kleine Riesin schläft noch, aber gleich müsste sie aufwachen. Dann geht es zu Fuß zum Gendarmenmarkt, wo sie erneut in ihr Boot steigen wird.
15.05 Uhr: Die „Liliputaner“ gehen in Stellung. Jeder der 22 Männer hat seinen festen Platz. Nur im Kollektiv schaffen sie es, die gigantische Puppe zu mobilisieren.
15.07 Uhr: Die Augenlider gehen langsam hoch. Die Riesin schaut sich schlaftrunken um. Die Menge jubelt.
15.09 Uhr: Mit festen Schritten schreitet das Riesen-Mädchen vom Bebelplatz weg.
15.12 Uhr: Die kleine Riesin bewegt sich in einem Meer von Zuschauern Richtung Gendarmenmarkt. Tausende halten die Kameras hoch und wollen ein Foto von der Marionette erhaschen.
16.03 Uhr: Die kleine Riesin ist am Gendarmenmarkt angekommen. Soweit das Auge reicht sieht man nur Menschenmassen. Leuchtende Augen überall – und nicht nur bei den Kindern. Die Knirpse sind aber ganz besonders von der Riesin begeistert. Sie dürfen nämlich an ihren Armen schaukeln. Nur vereinzelt sorgt das Riesen-Mädchen für Schrecksekunden – dann wenn ihre schiere Größe die Kinder einschüchtert.
In Kürze geht es ins Boot, mit dem die Riesin dann den Pracht-Boulevard Unter den Linden bereisen wird.
16.17 Uhr: In der Friedrichstraße geht es mit einem Tret-Roller weiter. Eine passende Fliegermütze mit Brille hat sie jetzt ebenfalls auf.
16.37 Uhr:
Das Riesen-Mädchen besteigt ihr Boot. Jetzt geht es auf dem Wasserweg in Richtung Lustgarten. Die kleine Riesin hat jetzt auch ihren gelben Ostfriesen-Pelz wieder an. Den Zuschauern ist der Regen mittlerlerweile egal. Sie freuen sich, einem so einzigartigen Schauspiel beizuwohnen.
16.54 Uhr:
Die Berliner gehen mit der kleinen Riesin auf die Reise. In der Französischen Straße wimmelt es nur noch von Zuschauen. Alle Blicke sind auf die gelbe Riesen-Marionette gerichtet, die in ihrem Boot sitzt.
17.26 Uhr:
In der Mohrenstraße gibt es noch etwas Kleines zur Stärkung: Die kleine Riesin bekommt einen roten Lutscher. Genüsslich leckt sie diesen vor der jubelnden Menge.
17.54 Uhr:
Endlich am Ziel angekommen. Das Riesen-Mädchen hat den Lustgarten erreicht. Hier wartet der ersehnte Liegestuhl auf sie. Darin wird sie die Nacht verbringen. Die gelbe Regenjacke wird ihr ausgezogen. Sie setzt sich hin. Eine schöne braune Decke wird sie über Nacht wärmen. Darunter wird die kleine Riesin sicher und warm schlafen können. Zusätzlich haben die Helfer noch zwei Feuer an ihrer Seite angezündet. Morgen ist ein besonderer Tag für das Riesen-Mädchen, denn das Treffen mit ihrem Onkel steht bevor.

Bleibt mir nur zu hoffen, dass ohne die  Royal-de-Luxe-Riesen in Berlin die Mauerstücke-Erinnerungsgeschichtenlesungen mehr Zuhörer bekommen, die Geschichten sind es allemal wert. Der nächste Lesetermin ist übrigens am 27.10. 2009

und wer gern gekommen wäre, aber irgendwie nicht kann, man kann das Buch auch kaufen, ein klick die Abbildung reicht dafür

Das Buch kann durch klick aufs Bild bei Amazon bestellt werden

Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten


Erzählung der Woche 40/2009

3. Oktober 2009

Ludwig Uhland

Lied der Nibelungen

In Burgunden erwuchs Jungfrau Kriemhild, die schönste in allen Landen. Drei königliche Brüder haben sie in Pflege, Gunther, Gernot und der junge Giselher. Zu Worms am Rheine wohnen sie in grosser Macht; kühne Recken sind ihre Dienstmannen: Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart, der Marschalk; deren Neffe, Ortwin von Metz; Gere und Eckewart, zwei Markgrafen; Volker von Alzei, der Spielmann; Sindolt, der Schenke; Hunolt, der Kämmerer, und Rumolt, der Küchenmeister. In diesen hohen Ehren träumt Kriemhilden, wie ein schöner Falke, den sie gezogen, von zwei Aaren ergriffen wird. Ute, ihre Mutter, deutet dieses auf einen edeln Mann, den Kriemhild frühe verlieren möge. Aber Kriemhild will immer ohne Mannes Minne leben. Viele werben vergeblich um sie. Da hört auch Siegfried, Sohn des Königs Siegmund und der Siegelind zu Santen in Niederlanden, von ihrer grossen Schönheit. In früher Jugend schon hat er Wunder mit seiner Hand getan; den Hort der Nibelunge hat er gewonnen, samt dem Schwerte Balmung und der unsichtbar machenden Tarnkappe, den Lindwurm erschlagen und in dem Blute seine Haut zu Horn gebadet. Selbzwölfte zieht er jetzt aus, Kriemhilden zu erwerben, umsonst gewarnt von den Eltern vor der burgundischen Recken Übermut. Köstlich ausgerüstet, reitet er zu Worms auf den Hof und fordert den König Gunther zum Kampf um Land und Leute. Doch im Gedanken an die Jungfrau lässt er sich begütigen und bleibt ein volles Jahr in Freundschaft und Ehre dort, ohne Kriemhilden zu sehen. Sie aber blickt heimlich durch das Fenster, wenn er auf dem Hofe den Stein oder den Schaft wirft. Siegfried heerfahrtet für Gunthern gegen die Könige Liudeger von Sachsenland und dessen Bruder, Liudegast von Dänemark; beide nimmt er gefangen. Als Kriemhilden ein Bote meldet, wie herrlich vor allen Siegfried gestritten, da erblüht rosenrot ihr schönes Antlitz; reichen Lohn lässt sie dem Boten geben. Gunther aber bereitet seinen Helden ein grosses Fest, bei dem Siegfried Kriemhilden sehen soll; denn die Könige wollen ihn festhalten. Wie aus den Wolken der rote Morgen, geht die Minnigliche hervor; wie der Mond vor den Sternen, leuchtet sie vor den Jungfrauen, die ihr folgen. Sie grüsst den Helden, sie geht an seiner Hand; nie in Sommerzeit noch Maientagen gewann er solche Freude.

Fern über See, auf Island, wohnt die schöne Königin Brünhild. Wer ihrer Minne begehrt, muss in drei Spielen ihr obsiegen, in Speerschiessen, Steinwurf und Sprung; fehlt er in einem, so hat er das Haupt verloren. Auf sie stellt König Gunther den Sinn und gelobt seine Schwester dem kühnen Siegfried, wenn der ihm Brünhilden erwerben helfe. Mit Hagen und Dankwart besteigen die beiden ein Schifflein und führen selbst das Ruder. Sie fahren mit gutem Winde den Rhein hinab in die See. Am zwölften Morgen kommen sie zur Burg Isenstein, wo Brünhild mit ihren Jungfrauen im Fenster steht. Als die Helden an das Land getreten, hält Siegfried dem Könige das Ross, damit er für dessen Dienstmann gehalten werde. Sie reiten in die Burg, Siegfried und Gunther mit schneeweissen Rossen und Gewanden, Hagen und Dankwart rabenschwarz gekleidet. Brünhild grüsst Siegfrieden vor dem Könige. Die Kampfspiele heben an. Unsichtbar durch die Tarnkappe, steht Siegfried bei Gunthern; er übernimmt die Werke, der König die Gebärde. Brünhild streift sich die Ärmel auf, einen Schild fasst sie, den vier Kämmerer kaum hergetragen, einen Speer, gleichmässig schwer, schliesst sie auf Gunthers Schild, dass die Schneide hindurchbricht und die beiden Männer straucheln; aber kräftiger noch wirft Siegfried den umgekehrten Speer zurück. Einen Stein, den zwölf Männer mühlich trügen, wirft sie zwölf Klafter weit; über den Wurf hinaus noch springt sie in klirrendem Waffenkleid; doch weiter wirft Siegfried den Stein, weiter trägt er den König im Sprunge. Zürnend erkennt Brünhild sich besiegt und heisst ihre Manne Gunthern huldigen.

Brünhild wird nun heimgeführt und zu Worms herzlich empfangen. Am gleichen Tage führt Gunther Brünhilden, Siegfried Kriemhilden in die Brautkammer. Doch Brünhild hat geweint, als sie Kriemhilden bei Siegfried am Mahle sitzen sah; vorgeblich, weil ihr leid sei, dass des Königs Schwester einem Dienstmann gegeben werde; und in der Hochzeitnacht will sie nicht Gunthers Weib werden, bevor sie genau wisse, wie es so gekommen. Sie erwehrt sich Gunthers, bindet ihm mit ihrem Gürtel Füss’ und Hände zusammen und lässt ihn so die Nacht über an einem Nagel hoch an der Wand hängen. Siegfried bemerkt am andern Tage des Königs Traurigkeit, errät den Grund und verspricht, ihm die Braut zu bändigen. In der Tarnkappe kommt er die nächste Nacht in Gunthers Kammer, ringt gewaltig mit Brünhilden und bezwingt sie dem Könige. Einen Ring, den er heimlich ihr vom Finger gezogen, und den Gürtel nimmt er mit sich hinweg.

Bald hernach führt er Kriemhilden in seine Heimat nach Santen, wo sein Vater ihm die Krone abtritt. Zehn Jahre vergehen und stets denkt Brünhild, warum Siegfried von seinem Lande keinen Lehensdienst leiste. Sie beredet Gunthern, den Freund und die Schwester zu einem grossen Fest auf nächste Sonnenwende zu laden. Der alte Siegmund reitet mit ihnen nach Worms. Beim Empfange blickt Brünhild unterweilen auf Kriemhilden, wie ihre Farbe gegen dem Golde glänzt. In festlicher Freude verbringen sie zehn Tage. Am elften, vor Vesperzeit, als Ritterspiel auf dem Hofe sich hebt, sitzen die zwei Königinnen zusammen. Da rühmt Kriemhild ihren Siegfried, wie er herrlich vor allen Recken gehe. Brünhild entgegnet, dass er doch nur Gunthers Eigenmann sei. So eifern sie in kränkenden Worten, und als man nun zur Vesper geht, kommen sie, die sonst immer beisammen gingen, jede mit besondrer Schar ihrer Jungfraun zum Münster. Brünhild heisst Kriemhilden als Frau eines Unfreien zurückstehn; da wirft Kriemhild ihr vor, Siegfried habe ihr das Magdtum abgewonnen, und geht in das Münster vor der weinenden Königin. Nach dem Gottesdienste wartet Brünhild vor dem Münster und verlangt von Kriemhilden Beweis jener Rede. Kriemhild zeigt Ring und Gürtel, die Siegfried ihr gegeben, und abermals weint die Königin. Umsonst schwört Siegfried im Ringe der Burgunden, dass er Brünhilden nicht geminnet. Hagen gelobt, ihr Weinen an Siegfried zu rächen, und er zieht die Königin in den Mordrat.

Falsche Boten werden bestellt und reiten zu Worms ein, als hätten sie von Liudeger und Liudegast, die man auf Treu und Glauben freigelassen, neuen Krieg anzusagen. Siegfried, der seinen Freunden stets gerne dient, erbietet sich alsbald, den Kampf für sie zu bestehen. Als das Heer bereit ist, nimmt Hagen von Kriemhilden Abschied. Sie bezeigt Reue über das, was sie Brünhilden getan, und bittet ihn, über Siegfrieds Leben in der Schlacht zu wachen. Deshalb vertraut sie ihm, dass Siegfried an einer Stelle, zwischen den Schultern, verwundbar sei, wohin ihm ein Lindenblatt gefallen, als er sich im Blute des Drachen gebadet. Diese Stelle zu bezeichnen, näht sie, nach Hagens Rat, auf ihres Mannes Gewand ein kleines Kreuz. Hagen freut sich der gelungenen List und kaum ist Siegfried ausgezogen, so kommen andre Boten mit Friedenskunde. Ungerne kehrt Siegfried um; statt der Heerfahrt soll nun im Wasgenwald eine Jagd auf Schweine, Bären und Wisente (wilde Ochsen) gehalten werden. Weinend ohne Mass, entlässt Kriemhild den Gemahl. Ihr hat geträumt, wie ihn zwei wilde Schweine über die Heide gejagt und die Blumen von Blute rot geworden, wie zwei Berge über ihm zusammengefallen und sie ihn nimmermehr gesehen.

Mit Gunthern, Hagen und grossem Jagdgefolge reitet Siegfried zu Walde. Gernot und Giselher bleiben daheim. Viel Rosse, mit Speise beladen, werden über den Rhein geführt auf einen Anger vor dem Walde. Die Jagdgesellen trennen sich, damit man sehe, wer der beste Weidmann sei. Siegfried nimmt sich einen alten Jäger mit einem Spürhund; kein Tier entrinnt ihm, Berg und Wald macht er leer, er gewinnt Lob von allen. Schon wird zum Imbiss geblasen, als Siegfried einen Bären aufjagt. Er springt vom Rosse, läuft dem Tiere nach, fängt und bindet es auf seinen Sattel. So reitet er zur Feuerstätte; herrlich ist sein Jagdgewand, mächtig der Bogen, den nur er zu spannen vermag, reich der Köcher, von Golde das Horn. Als er abgestiegen, lässt er den Bären los, der unterm Gebell der Hunde durch die Küche rennt, Kessel und Brände zusammenwirft, zuletzt aber von Siegfried ereilt und mit dem Schwert erschlagen wird. Die Jäger setzen sich zum Mahle; Speise bringt man genug, aber die Schenken säumen. Hagen gibt vor, er habe gemeint, das Jagen solle heut im Spessart sein, dorthin hab’ er den Wein gesandt. Doch hier nahe sei ein kühler Brunnen. Zu diesem beredet er mit Siegfried einen Wettlauf. Sie ziehen die Kleider aus, Siegfried legt sich vor Hagens Füsse; wie zwei Panther laufen sie durch den Klee; Siegfried, all sein Waffengerät mit sich tragend, erreicht den Brunnen zuerst. Doch trinkt er nicht, bevor der König getrunken. Wie er sich zur Quelle neigt, fasst Hagen den Speer, den Siegfried an die Linde gelehnt, und schiesst ihn dem Helden durch das Kreuzeszeichen, dass sein Blut an des Mörders Gewand spritzt. Hagen flieht, wie er noch vor keinem Manne gelaufen. Siegfried springt auf, die Speerstange ragt ihm aus der Wunde, den Schild rafft er auf, denn Schwert und Bogen trug Hagen weg; so ereilt er den Mörder und schlägt ihn mit dem Schilde zu Boden. Aber dem Helden weicht Kraft und Farbe, blutend fällt er in die Blumen; die Verräter scheltend, die seiner Treue so gelohnt, und doch Kriemhilden dem Bruder empfehlend, ringt er den Todeskampf.

In der Nacht führen sie den Leichnam über den Rhein. Hagen heisst ihn vor Kriemhilds Kammertür legen. Als man zur Mette läutet, bringt der Kämmerer Licht und sieht den blutigen Toten, ohne ihn zu erkennen. Er meldet es Kriemhilden, die mit ihren Frauen zum Münster gehen will. Sie weiss, dass es ihr Mann ist, noch ehe sie ihn gesehen; zur Erde sinkt sie und das Blut bricht ihr aus dem Munde. Der alte Siegmund wird herbeigerufen; Burg und Stadt erschallen von Wehklage. Am Morgen wird der Leichnam auf einer Bahre im Münster aufgestellt. Da kommen Gunther und der grimme Hagen; der König jammert. „Räuber,“ sagt er, „haben den Helden erschlagen.“ Kriemhild heisst sie zur Bahre treten, wenn sie sich unschuldig zeigen wollen; da blutet vor Hagen die Wunde des Toten. Drei Tage und drei Nächte bleibt Kriemhild bei ihm; sie hofft, auch sie werde der Tod hinnehmen. Messopfer und Gesang für seine Seele rasten nicht in dieser Zeit. Als darauf Siegfried zu Grabe getragen wird, heisst Kriemhild den Sarg wieder aufbrechen, erhebt noch einmal sein schönes Haupt mit ihrer weissen Hand, küsst den Toten und illre lichten Augen weinen Blut. Freudlos kehrt der König Siegmund heim. Kriemhild lässt sich am Münster eine Wohnung bauen, von wo sie täglich zum Grabe des Geliebten geht. Vierthalb Jahre spricht sie kein Wort mit Gunthern und ihren Feind Hagen sieht sie niemals. Hagen aber trachtet, dass der Nibelungenhort in das Land komme. Gernot und Giselher bringen die Schwester erst dahin, dass sie Gunthern, mit Tränen, wieder grüsst; dann wird sie beredet, den Hort, ihre Morgengabe von Siegfried, herführen zu lassen. Als sie aber das Gold freigiebig austeilt, fürchtet Hagen den Anhang, den sie damit gewinne. Da werden ihr die Schlüssel abgenommen, und als sie darüber klagt, versenkt Hagen den ganzen Schatz im Rheine.

Dreizehn Jahre hat Kriemhild im Witwentum gelebt. Da stirbt Frau Helke, des gewaltigen Hunnenkönigs Etzel Gemahlin. Ihm wird geraten, um die edle Kriemhild zu werben, und er sendet nach ihr den Markgrafen Rüdiger mit grossem Geleite. Den Königen zu Worms ist die Werbung willkommen; Hagen aber widerrät. Kriemhild selbst widerstrebt lange: Weinen geziem’ ihr und andres nicht. Erst als Rüdiger heimlich mit ihr spricht und ihr schwört, mit allen seinen Mannen jedes Leid, das ihr widerfahre, zu rächen, hofft sie noch Rache für Siegfrieds Tod und reicht ihre Hand das. Sie fährt mit den Boten hin, im Geleit ihrer Jungfrauen und des Markgrafen Eckewart, der mit seinen Mannen ihr bis an sein Ende dienen will. Ihr Weg geht über Passau, wo der Bischof Pilgrim, ihrer Mutter Bruder, sie wohl empfängt, dann über Pechlarn, wo sie in Rüdigers gastlichem Hause einspricht. Bei Tuln reitet König Etzel ihr entgegen mit all den Fürsten, die ihm dienen, Heiden und Christen. Die Hochzeit wird zu Wien begangen; zu Wiselburg schiffen sie sich auf die Donau ein. So kommen sie gen Etzelnburg, wo Kriemhild fortan gewaltig an Helken Stelle sitzt. Sie genest eines Sohnes, der Ortlieb genannt wird.

Aber in dreizehn Jahren solcher Ehre vergisst sie nicht ihres Leides; allezeit denkt sie, wie sie es räche. Sie klagt dem Gemahle, dass man sie für freundlos halte, weil ihre Verwandten noch niemals zu ihr gekommen. So bewegt sie ihn, ihre Brüder zu einem Fest auf nächste Sonnenwende herzuladen. Werbel und Swemmel, des Königs Spielleute, werden als Boten gesandt und Kriemhild empfiehlt ihnen, dass Hagen nicht zurückbleibe, der allein der Wege kundig sei. König Gunther bespricht sich mit seinen Brüdern und Mannen über die Botschaft. Hagen, des Mordes eingedenk, rät ab von der Reise; als aber Gernot und Giselher ihn der Furcht zeihen, schliesst er zürnend sich an, rät jedoch, mit Heeresmacht auszufahren. Rumolts, des Küchenmeisters, Rat ist, daheim zu bleiben, bei guter Kost und schönen Frauen. Als sie zur Fahrt bereit sind, hat Frau Ute einen bangen Traum, wie alles Geflügel im Lande tot sei.

Mit tausend und sechzig ihrer Mannen, dazu tausend Nibelungen, und mit neuntausend Knechten erheben sich die Könige; durch Ostfranken ziehen sie zur Donau, zuvorderst reitet Hagen. Der Strom ist angeschwollen und kein Schiff zu sehen. Hagen geht gewappnet umher, einen Fährmann suchend. Er hört Wasser rauschen und horcht; in einem schönen Brunnen baden Meerweiber. Er schleicht ihnen nach, aber ihn gewahrend entrinnen sie und schweben, wie Vögel, auf der Flut. Ihr Gewand jedoch hat er genommen und die eine, Hadeburg, verspricht ihm, wenn er es wiedergebe, das Geschick der Reise vorherzusagen. Wirklich verkündet sie, dass die Fahrt in Etzels Land wohl ergehen werde. Als er darauf die Kleider zurückgegeben, rät die andre, Sieglind, jetzt noch umzukehren, sonst werden sie alle bei den Hunnen umkommen, nur des Königs Kaplan werde heimgelangen. Noch sagen sie ihm, wenn er die Fahrt nicht lassen wolle, wie er über das Wasser komme. Jenseits des Stromes wohnt der Ferge des bayrischen Markgrafen Else; laut ruft Hagen hinüber und nennt sich Amelrich, einen Mann des Markgrafen; hoch am Schwerte bietet er einen Goldring als Fährgeld. Der Ferge rudert herüber, als er sich aber betrogen sieht und Hagen nicht vom Schiffe weichen will, schlägt er den Helden mit dem Ruder. Hagen greift zum Schwerte, schlägt dem Fergen das Haupt ab und wirft es an den Grund. Dann bringt er das Schiff, das von Blute raucht, zu seinen Herrn und fährt selbst, den ganzen Tag arbeitend, das Heer über. Den Kaplan aber schwingt Hagen aus dem Schiffe und stösst ihn, als er zu schwimmen versucht, zürnend zu Grunde; dennoch kommt der Priester unversehrt an das Ufer zurück. Hagen sieht daraus, dass unvermeidlich sei, was die Meerweiber verkündet; da schlägt er das Schiff zu Stücken und wirft es in die Flut, damit, gibt er zuerst vor, kein Zager entrinnen könne. Bald aber sagt er den Recken ihr Schicksal, davor manches Helden Farbe wechselt.

Über Passau kommen sie auf Rüdigers Mark, wo sie den Hüter schlafend finden, dem Hagen das Schwert nimmt. Es ist Eckewart, der mit Kriemhilden hingezogen. Beschämt über seine üble Hut, empfängt er das Schwert zurück und warnt die Helden. Zu Pechlarn erfahren sie die Gastfreiheit des Markgrafen Rüdiger und seiner Hausfrau Gotelind. Sie schöne Tochter des Hauses wird Giselhern verlobt; keiner von ihnen geht unbeschenkt hinweg. Rüdiger selbst mit fünfhundert Mannen begleitet die Helden zum Feste. Dietrich von Bern, der bei den Hunnen lebt, reitet mit seinen Amelungen den Gästen entgegen. Auch er warnt, dass die Königin noch jeden Morgen um Siegfried weine.

Kriemhild steht im Fenster und blickt nach ihren Verwandten aus, der nahen Rache sich freuend. Als die Burgunden zu Hofe reiten, fragt jedermann nach Hagen, der den starken Siegfried schlug. Der Held ist wohl gewachsen, von breiter Brust und langen Beinen; die Haare grau gemischt, schrecklich der Blick, herrlich der Gang. Zuerst küsst Kriemhild Giselhern; als Hagen sieht, dass sie im Gruss unterscheide, bindet er sich den Helm fest. Ihn fragt sie nach dem Horte der Nibelunge; Hagen erwidert, er hab’ an Schild und Brünne (Brustharnisch), Helm und Schwert genug zu tragen gehabt. Als die Helden ihre Waffen nicht abgeben wollen, merkt Kriemhild, dass sie gewarnt sind; wer es getan, dem droht sie den Tod. Zürnend sagt Dietrich, dass er gewarnt. Hagen nimmt sich Volkern zum Heergesellen; sie setzen sich Kriemhilds Saale gegenüber auf eine Bank. Die Königin, durchs Fenster blickend, weint und fleht Etzels Mannen um Rache an Hagen. Sechzig derselben wappnen sich; als ihr diese zu wenig dünken, rüsten sich vierhundert. Die Krone auf dem Haupte, kommt sie mit dieser Schar die Stiege herab. Der übermütige Hagen legt über seine Beine ein lichtes Schwert, aus dessen Knopf ein Jaspis scheint, grüner denn Gras; wohl erkennt Kriemhild, dass es Siegfrieds war. Furchtlos sitzen sie da und keiner steht auf, als die Königin ihnen vor die Füsse tritt. Sie wirft Hagen vor, dass er ihren Mann erschlagen; da spricht Hagen laut aus, dass er es getan, räch’ es, wer da wolle! Die Hunnen sehen einander an und ziehen ab, den Tod fürchtend.

König Etzel, von all dem nichts wissend, empfängt und bewirtet die Helden auf das beste. Zu Nachtruhe werden sie in einen weiten Saal geführt, wo kostbare Betten bereitet sind. Hagen und Volker halten vor dem Hause Schildwacht. Volker lehnt den Schild von der Hand, nimmt die Fiedel und setzt sich auf den Stein an der Türe. Süsser und süsser lässt er seine Saiten tönen, bis alle die Sorgenvollen entschlummert sind. Mitten in der Nacht glänzen Helme aus der Finsternis; es sind Gewaffnete, von Kriemhilden geschickt; doch als sie die Türe so wohl behütet sehn, kehren sie wieder um.

Morgens, da man zur Messe läutet, heisst Hagen seine Gefährten statt der Seidenhemde die Harnische nehmen, statt der Mäntel die Schilde, statt der Kränze die Helme, statt der Rosen die Schwerter. Etzel fragt, ob ihnen jemand Leides getan. Hagen antwortet, es sei Sitte seiner Herren, bei allen Festen drei Tage gewappnet zu gehen. Aus Übermut sagen sie dem König ihren Argwohn nicht. Nach der Messe beginnen Ritterspiele. Dietrich verbietet seinen Recken teilzunehmen; auch Rüdiger hält die seinigen ab, weil er die Burgunden unmutig sieht. Einem Hunnen, der bräutlich aufgeputzt daherreitet, sticht Volker den Speer durch den Leib. Die Verwandten des Hunnen rufen nach Waffen, Etzel selbst muss schlichten; er reisst einem das Schwert aus der Hand und schlägt die andern hinweg. Ehe sie zu Tische sitzen, sucht Kriemhild Dietrichs Hilfe; doch er verweist ihr den Verrat an ihren Blutsfreunden. Williger findet sie Blödeln, Etzels Bruder, dem sie das Land des erschlagenen Nudung und dessen schöne Braut verheisst. Mit tausend Gewappneten zieht er feindlich zur Herberge, wo Dankwart, der Marschalk, mit den Knechten speist. Nach kurzem Wortwechsel springt Dankwart vom Tisch und schlägt ihm einen Schwertschlag, dass ihm das Haupt vor den Füssen liegt. Das ist die Morgengabe zu Nudungs Braut. Ein grimmer Kampf erhebt sich. Die Hälfte der Hunnen wird erschlagen; aber andre zweitausend kommen und lassen nicht vom Streite, bis all die Knechte tot liegen. Dankwart allein haut sich zum Saale durch, wo die Herren sind. Eben wird Ortlieb, Etzels junger Sohn, seinen Oheimen zu Tische getragen. Da tritt Dankwart in die Tür, mit blossem Schwert, alle sein Gewand mit Hunnenblut beronnen. Laut rufend verkündet er den Mord in der Herberge. Hagen heisst ihn der Türe hüten, dass kein Hunne hinauskomme. Dann schlägt er das Kind Ortlieb, dass sein Haupt in der Königin Schoss springt. Dem Erzieher des Knaben schlägt er das Haupt ab und dem Spielmann Werbel, zum Botenlohne, die rechte Hand auf der Fiedel. So wütet er fort im Saale. Kriemhild ruft Dietrichs Hilfe an. Der Held, auf dem Tische stehend und mit der Hand winkend, lässt seine Stimme schallen wie ein Wisenthorn. Gunther hört im Sturme den Ruf und gebietet Stillstand. Dietrich verlangt, dass man ihn und die Seinigen mit Frieden aus dem Hause lasse. Gunther gewährt es. Da nimmt der Berner die Königin unter den Arm, an der andern Seite führt er Etzeln, mit ihm gehen sechshundert Recken. Auch Rüdiger mit fünfhunderten räumt ungefährdet den Saal. Einem Hunnen aber, der mit Etzeln hinaus will, schlägt Volker das Haupt ab. Was von Hunnen im Saal ist, wird niedergehauen. Die Toten werden die Stiege hinabgeworfen.

Vor dem Hause stehen viel tausend Hunnen. Hagen und Volker spotten ihrer Feigheit; umsonst beut die Königin einen Schild voll Goldes, samt Burgen und Land, dem, der ihr Hagens Haupt bringe. – Noch vor Abend werden zwanzigtausend Hunnen versammelt; bis zur Nacht währt der harte Streit. Da versuchen die Könige noch, Sühne zu erlangen. Kriemhild begehrt vor allem, dass sie ihr Hagen herausgeben. Die Könige verschmähen solche Untreue. Darauf lässt Kriemhild die Helden alle in den Saal treiben und diesen an vier Enden anzünden. Vom Winde brennt bald das ganze Haus. Das Feuer fällt dicht auf sie nieder, mit den Schilden wehren sie es ab und treten die Brände in das Blut. Rauch und Hitze tut ihnen weh; von Durst gequält trinken sie, auf Hagens Anweisung, das Blut aus den Wunden der Erschlagenen; besser schmeckt es jetzt denn Wein. Am Morgen sind ihrer noch sechshundert übrig zu Kriemhilds Erstaunen. Mit neuem Kampfe bietet man ihnen den Morgengruss. Die Königin lässt das Gold mit Schilden herbeitragen, den Streitern zum Solde.

Markgraf Rüdiger kommt und sieht die Not auf beiden Seiten. Ihm wird vorgeworfen, dass er für Land und Leute, die er vom König habe, noch keinen Schlag in diesem Streite geschlagen. Etzel und Kriemhild flehen ihn fussfällig um Hilfe. Jener will ihn zum Könige neben sich erheben; diese mahnt ihn des Eides, dass er all ihr Leid rächen wolle. Was Rüdiger lässt oder beginnt, so tut er übel. Er hat die Burgunden hergeleitet, sie in seinem Hause bewirtet, seine Tochter, seine Gabe ihnen gegeben. Land und Burgen, was er vom Könige hat, heisst er wiedernehmen und will zu Fuss ins Elend gehen. Doch er muss leisten, was er gelobt, steht auch Seel’ und Leib auf der Wage. Weib und Kind befiehlt er den Gebietern und heisst seine Mannen sich rüsten. Kriemhild ist freudenvoll und weint. Als Giselher den Schwäher mit seiner Schar daherkommen sieht, freut er sich der vermeinten Freundeshilfe. Rüdiger aber stellt den Schild vor die Füsse und sagt den Burgunden die Freundschaft auf. Umsonst mahnen sie in aller Lieb’ und Treue. Er wünscht, dass sie am Rheine wären und er mit Ehren tot; aber den Streit kann niemand scheiden. Schon heben sie die Schilde, da verlangt Hagen noch eines. Der Schild, den ihm Frau Gotelind gegeben, ist ihm vor der Hand zerhauen; er bittet Rüdigern um den seinigen. Rüdiger gibt den Schild hin, es ist die letzte Gabe, die der milde Markgraf geboten. Manches Auge wird von heissen Tränen rot, und wie grimmig Hagen ist, erbarmt ihn doch die Gabe. Er und sein Geselle Volker geloben, Rüdigern nicht im Streite zu berühren. Hinan springt Rüdiger mit den Seinen; sie werden in den Saal gelassen, schrecklich klingen drin die Schwerter. Da sieht Gernot, wie viel seiner Helden der Markgraf erschlagen, und springt zum Kampfe mit diesem. Schon hat er selbst die Todeswunde empfangen, da führt er noch auf Rüdigern den Todesstreich mit dem Schwerte, das der ihm gegeben. Tot fallen beide nieder, einer von des andern Hand. Die Burgunden üben grimmige Rache, nicht einer von Rüdigers Mannen bleibt am Leben.

ruediger_tod

Ungeheure Wehklage erhebt sich von Weib und Mann; wie eines Löwen Stimme erschallt Etzels Jammerruf. Helfrich bringt die Kunde, dass Rüdiger samt seinen Mannen erschlagen sei. Der Berner will von den Burgunden selbst erfahren, was geschehen sei, und schickt den Meister Hildebrand. Als dieser gehen will, tadelt ihn Wolfhart, dass er ungewaffnet gehe und so dem Schelten sich aussetze. Da waffnet sich der Weise nach der Unbesonnenen Rat. Zugleich rüsten sich, ohne Dietrichs Wissen, all seine Recken und begleiten den Meister. Hildebrand befragt die Burgunden und Hagen bestätigt Rüdigers Tod; Tränen rinnen Dietrichs Recken über die Bärte. Der Meister bittet um den Leichnam, damit sie nach dem Tode noch des Mannes Treue vergelten. Wolfhart rät, nicht lange zu flehen. Sie sollen ihn nur aus dem Hause holen, erwidert Volker; mit trotzigen Reden reizen sich die beiden. Wolfhart will hinanspringen, aber Hildebrand hält ihn fest, an Dietrichs Verbot mahnend. „Lass ab den Leuen!“ spottet Volker. Da rennt Wolfhart in weiten Sprüngen dem Saale zu; zornvoll alle Berner ihm nach. Ein wütender Kampf beginnt. Niemand bleibt lebend als Gunther und Hagen und von den Bernern Hildebrand, der mit einer starken Wunde von Hagens Hand entrinnt. Blutberonnen kommt er zu seinem Herrn, der traurig im Fenster sitzt. Dietrich fragt, woher das Blut. Hildebrand erzählt, wie sie Rüdigern haben wegtragen wollen, den Gernot erschlagen. Als Dietrich den Tod Rüdigers bestätigen hört, will er selbst hingehen und befiehlt dem Meister, die Recken sich waffnen zu heissen. „Wer soll zu euch gehn?“ sagt Hildebrand; „Was ihr habt der Lebenden, die seht ihr bei euch stehn.“ Mit Schrecken hört der Berner den Tod seiner Mannen; das Haus erschallt von seiner Klage. Da sucht er selbst sein Waffengewand, Hildebrand hilft ihn wappnen. Dietrich geht zu Gunthern und Hagen, hält ihnen vor, was sie ihm Leides getan, und verlangt Sühne. Sie sollen sich ihm zu Geiseln ergeben, dann woll’ er selbst sie heimgeleiten. Hagen nennt es schmählich, dass zwei wehrhafte Männer sich dem einen ergeben sollen. Schon als er den Berner kommen sah, vermass er sich, allein den Helden zu bestehen. Des mahnt ihn jetzt Dietrich. Sie springen zum Kampfe. Dietrich schlägt dem Gegner eine tiefe Wunde, aber töten will er nicht den Ermüdeten; den Schild lässt er fallen und umschlingt ihn mit den Armen. So bezwingt er ihn und führt ihn gebunden zu der Königin. Das ist ihr ein Trost nach herbem Leide. Dietrich verlangt, dass sie den Gefangenen leben lasse. Dann kehrt er zu Gunthern; nach heissem Kampfe bindet er auch diesen und übergibt ihn Kriemhilden mit dem Beding der Schonung. Sie aber geht zuerst in Hagens Kerker und verspricht ihm das Leben, wenn er wiedergebe, was er ihr genommen. Hagen erklärt, er habe geschworen, den Hort nicht zu zeigen, solang seiner Herren einer lebe. Da lässt Kriemhild ihrem Bruder das Haupt abschlagen und trägt ihn am Haare vor Hagen. Dieser weiss nun allein den Schatz; nimmer, sagt er, soll sie ihn erhalten. Aber ihr bleibt doch Siegfrieds Schwert, das er getragen, als sie ihn zuletzt sah. Das hebt sie mit den Händen und schlägt Hagen das Haupt ab. Der alte Hildebrand erträgt es nicht, dass ein Weib den kühnsten Recken erschlagen durfte. Zornig springt er zu ihr, nichts hilft ihr Schreien, mit schwerem Schwertstreich haut er sie zu Stücken. So liegt all die Ehre darnieder; mit Jammer hat das Fest geendet, wie alle Lust zujüngst zum Leide wird.


Gedicht der Woche 40/2009

3. Oktober 2009

An meiner Seite

Du warst die Königin auf meinen Lippen,

der Sommerkuss in meinem Schloss,

der Herzschlag zwischen meinen Rippen,

mein Blut das durch die Adern floss.

Du warst das Wachs in meinen Waben,

die reife Frucht an meinen Reben.

Ich denk an dich in Großbuchstaben,

begleitest mich mein ganzes Leben,

denn dieses wird jetzt kleingeschrieben,

entgrenzt sich nur noch in Gedanken,

dort kann ich dich noch heute lieben,

du bleibst der Schutzwall meiner Flanken.

-Peter Neumer-

2032404810-heute-wechselhaft-kuehl