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Märchen der Woche 37/2009


Rolands Tod

Da Roland mit geschlossenen Augen regungslos an dem Felsen ruhte, vermeinte einer der umherliegenden Sarazenen, der sich tot gestellt hatte, aber nur leicht verwundet war, bei dem toten Ritter mühelos Beute machen zu können, und sprang auf ihn zu, um ihn Schwert und Horn zu rauben. “Heil!” rief er frohlockend, “dahin ist jetzt auch Roland, der Neffe des Kaisers, sein scharfes Schwert nehm’ ich als gute Beute mit mir nach der Heimat.” Er wollte den Durendal dem Helden abziehen, aber in demselben Augenblick öffnete Roland die Augen und schlug ihm mit seinem schwer mit Silber und edeln Steinen beschlagenen Horn Olifant so gewaltig übers Haupt, daß ihm das Gehirn aus den Schläfen quoll und er tot zu Boden stürzte. “Nimm das als Lohn, du Schuft, für deine Frechheit!” rief Roland, voll Trauer den Olifant betrachtend, der von der Gewalt des Streiches zersprungen war.

Nie mehr werde ich dich blasen, getreues Horn,” sprach er, “niemalen mehr wird dein Schall am Rhein erklingen, wo Hilda, meine treue Braut, vergeblich auf meine Rückkunft wartet. O Hilda, süße Maid, wie sicher hoffte ich, mit Sieg und Ruhm gekrönt, zu dir zurückzukehren! Aber umsonst wirst du meiner harren, vergeblich wirst du herunter spähen vom Söller, Roland wird nicht bei den heimkehrenden Siegern sein. Um eins nur sorg’ ich jetzt noch, um dich, mein Durendal, du gute, treue Klinge, die mich in keiner Not verließ, du sollst auch, wenn ich tot bin, nicht in Feindeshände kommen.” Er ergriff sein Schwert und hieb zu wiederholtenmalen mit aller Kraft gegen den braunen Felsblock, bei dem er saß, um die Klinge zu zerschmettern, aber der knirschende Stahl bekam keine Scharte, während von dem Felsen große Splitter stoben.

Als Roland sah, daß er die edle Klinge nicht zertrümmern konnte, hielt er mit beiden Händen das Schwert vor sich und sprach mit weicher Stimme:
“O Durendal, wie bist du stark und gut! Wie sanftes Mondlicht strahlt dein blanker Stahl; von meinem Oheim hab’ ich dich dereinst erhalten, Karl selbst umgürtete mit dir mich fröhlich, so viele Länder nahm ich mit dir ein, die nun der Kaiser hält mit starker Hand, und jetzt, o teures Schwert, bist du mein letztes Denken, nicht woll’ es Gott, daß dir die Schmach geschieht und du den Heiden in die Hände fällst!”

Er richtete sich mit Mühe nochmals auf und legte das blanke Schwert unter sich, so daß er es mit dem Körper völlig bedeckte, dann wendete er, da er fühlte, daß ihm die Sehkraft schwinde, sein Haupt nach dem Heidenland, auf daß er im Tode noch als Sieger nach den Feinden schaue. Demütig schlug er mit seiner rechten Hand die Brust und rief: “Erbarme dich, Herr, meiner um deiner Güte willen und vergib mir die Sünden, die ich beging vom Tag an, wo ich geboren wurde, bis heut, wo ich mein Ziel erreicht habe!” Er warf den rechten Handschuh zum Himmel empor, um so gleichsam dem Herrn der Welten das Leben seines Erdenlebens zurückzugeben, da nahte ihm leise und sanft der Tod, sein Haupt neigte sich nieder auf die Brust, die Linke sank schwer auf den zerhauenen Schild, und ohne schmerzen schied er hinüber in die Gefilde der ewigen Heimat.—

Am Abendhimmel zogen Wetterwolken auf, Blitze, von dumpfem Donnerrollen gefolgt, zuckten hernieder und beleuchteten mit grellem Strahl das Schlachtfeld und die Gefallenen, indes der Sturmwind mit wildem Getön die Äste von den Bäumen riß. — —

Endlich war der Wettersturm vorüber, die Nacht hatte ihre Fittiche über die Erde gebreitet und umhüllte auch das Tal von Ronceval und die Stelle, wo Roland lag, mit den dunkeln Schwingen.

Kaum graute aber der Morgen, so wurde es lebendig an der Stätte des Todes. Hörner ertönten, und “Mon-joie”, das Kriegsgeschrei der Franken, erschallte von den waldigen Bergen her. Es war Kaiser Karl, der mit seinem Heer zurückkehrte und so den getreuen Paladinen den Morgengruß bringen wollte. Aber niemand als das Echo antwortete den erstaunten Scharen. Als die Helden nun zum Tal niederspähten, da wurden sie bald mit Schrecken den Grund davon gewahr. Zu Ronceval da war kein Fußpfad und kein Weg, kein Fleckchen Erde nur zwei Ellen breit, darauf nicht erschlagene Männer lagen. Zumeist waren es Heiden, aber unter ihnen, oftmals ganz verdeckt von Leichen, lagen auch Franken, und immer zahlreicher wurden diese, je weiter Karl mit seinen Heerscharen vordrang. — “Wo bist du Roland, teurer Neffe,” rief er, “und wo sind deine Genossen, meine getreuen Paladine , die ich allhier bei dir zurückgelassen? Weh! Niemand gibt mir Antwort! — Ihr seid erschlagen von den verräterischen Heiden. O!° wäre ich hier gewesen, als die Schlacht begann, es wäre sicherlich anders gegangen!” — Er weinte, und mit ihm alle seine Ritter und Barone, denn fast jeder hatte einen Bruder, Verwandten oder Freund zu betrauern.

Während sie noch klagten, ritt der Herzog Reimes von Baiern heran und sprach: “Vom Waldbrand dort sieht man noch den Staub von den abziehenden Heerhaufen der Heiden. Sie sind noch nicht so fern, daß wir sie nicht erreichen könnten. Auf, hoher Herr, auf, reitet in die Feinde! Wir müssen unsre toten Brüder rächen!”

Karl befolgte alsbald diesen Rat und brach, nachdem er zwei Grafen mit tausend Mann zu Bewachung der Toten in Ronceval zurückgelassen hatte, ohne Zögern zur Verfolgung der Sarazenen auf. Aber diese waren schon weiter, als die Franken gemeint hatten, und erst als sich die Sonne zum Niedergang neigte, trafen sie mit den feindlichen Horden zusammen.

Da warf sich der Kaiser auf die Knie nieder und flehte zu Gott empor, daß er das Tageslicht verweilen lasse, bis das Rachewerk vollendet sei. Und der Herr der Heerscharen erhörte ihn. Eine Stimme ließ sich vom Himmel herab also vernehmen: “Karl, reite zu, dir wird’s an Licht nicht mangeln!” Und siehe da! der klare Abendhimmel erglühte noch stundenlang in goldenem Schimmer und verbreitete Helle auf die Fluren, und hernach stieg mit wunderklarem Scheine der Mond auf und erleuchtete die Lande in tagähnlicher Weise. So konnten sie, ungehindert von der späten Abendzeit, den Heiden nahe kommen und sich an dem Frevlervolk nach Gebühr rächen.

Die vom Sturmwind getrieben, waren die Scharen des Marsilias bis zum Ebro geflohen und hofften, auf ihren Schiffen entrinnen zu können, aber das Unwetter, das bei Rolands Tod ausgebrochen war, hatte die Fahrzeuge losgerissen, und so war ihnen dieses Mittel zur Flucht benommen. Sinnlos vor Angst und Schrecken stürzten sich da die Flüchtlinge in die schäumenden Wogen und ertranken, von dem Gewicht der schweren Rüstungen niedergezogen, scharenweise, das es nur wenigen gelang, das jenseitige rettende Ufer zu erreichen. Diejenigen aber, die sich gegen Karls Krieger zur Wehr setzten, wurden alle bis auf den letzten Mann erschlagen, da die Franken den Verrätern keine Schonung zuteil werden ließen.

Auf diese Weise ward Roland und sein tapferes Heer genügend gerächt, und Karl stieg mit seinen Helden am Strom des Ebro vom Rosse und dankte Gott für den glücklichen Erfolg. Jetzt verging allmählich der lichte Schein des Mondes, und die Nacht breitete ihren Schleier auf die Fluren herab, auf denen die ermüdeten Scharen nun die ersehnte Rast halten durften. Auch der Kaiser legte sich zum Schlummer nieder, ohne die Waffen abzutun, zu seinen Häupten stellte er sein Speer; und sein Schwert Joyeuse, dem zu Ehren des Kaisers Schlachtruf “Mon-joie” lautete, behielt er an der Seite.

Stille herrschte auf der grünen Wiese, und der Karls Gezelt aufgeschlagen war, aber der Kaiser, welchem der herbe Schmerz ob dem Tod Rolands und der Paladine das Herz zerquälte, konnte lange keinen Schlummer finden. Endlich schlief er ein, und alsbald umschwebten ihn wundersame Träume. Ihm war, als sähe er den Erzengel Gabriel. Dieser stand, einen Löwen an der Seite und das Schwert in der Rechten, auf dem Nacken eines zu Boden liegenden Heiden und wies mit der Linken gen Himmel, der voll Feuer war. In zuckenden Blitzen und Hagelschauern fuhr er hernieder auf das Heer der Franken, die Panzer und die Eisenhelme der Ritter schmolzen, und in ihrer Not riefen sie ihn, den Kaiser, um Hilfe an. Er wollte voll Mitgefühl ihnen zueilen, aber da stürzten wilde Tiere aus dem Wald, und ihm selbst sprang der Löwe an den Leib, den er im Ringkampf kaum mit den Armen abzuwehren vermochte.

Bald darauf kam ihm ein anderes Traumgesicht. Er befand sich auf seiner Schloßtreppe zu Aachen und hielt einen jungen Bären an der Kette, da nahten ihm dreißig Bären aus den Ardennen, die mit Menschenstimmen ihn anriefen: Herr, übergebt ihn uns, es ist nicht recht, daß Ihr ihn länger an der Kette haltet, wir helfen unserm Anverwandten! Plötzlich rannte ein gewaltiger Bracke aus dem Hof des Palastes und fiel den größten der Bären an. Ein wütender Kampf erhob sich zwischen den beiden Bestien, und niemand wußte, wer Sieger sein würde. — Die Träume sollten sich binnen kurzer Frist erfüllen.

den ganzen Sagenzyklus über Ronald, Paladin des Kaisers Karls des Großen, findet man hier auf der Mittelalterseite von Rainer Dombrowsky.



Ein Kommentar

Gedicht der Woche 37/2009


Friedrich Rückert

1788 – 1866

Roland, der Ries’

(1848)

Roland, der Ries’,
am Rathaus zu Bremen
Steht er im Standbild
Standhaft und wacht.

Roland, der Ries’,
am Rathaus zu Bremen,
Kämpfer einst Kaiser
Karls in der Schlacht.

Roland, der Ries’,
am Rathaus zu Bremen,
Männlich die Mark einst
Hütend mit Macht.

Roland, der Ries’,
am Rathaus zu Bremen;
Wollten ihm Welsche
Nehmen die Wacht.

Roland, der Ries’,
am Rathaus zu Bremen;
Wollten ihn Welsche
Werfen in Nacht.

Roland, der Ries’,
am Rathaus zu Bremen
Lehnet an langer
Lanz’ er und lacht.

Roland, der Ries’,
am Rathaus zu Bremen;
Ende ward welschem
Wesen gemacht.

Roland, der Ries’,
am Rathaus zu Bremen,
Wieder wie weiland
Wacht er und wacht!

bremer_roland

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