laut und leise literatur lesen

die Rezi-Tante zeigt Erlebtes und Erdichtetes, Geschichten und Geschichte


5 Kommentare

Vorweggenommene Wahlsiegrede


Morgen gehen wir wählen und werden uns nun entscheiden, ob wir für Frauen die Abendkleider sowie verschiedenfarbige Blazer oder einen hellen Labrador besitzen stimmen , für weißhaarige alte oder ältere Herren mit zutiefst freundlichem Lächeln auf den Lippen, für einen extrem dynamischen Mann, welcher irgendwann mal einen Besenstiel verschluckt hatte oder für ein  energiegeladene Herrenduo unsere Stimme abgeben werden.
Zumindest die in Berlin gezeigten großen Wahlplakate geben an Information nicht mehr her und eigene Ansichten müssen den Wähler leiten.
Was aber macht der, dem das alles nur Theater scheint, nicht wählen und somit politischen Extremisten eine Chance einräumen?
Dann wohl besser, man stimmt, wenn man es nicht besser weiß, für ganz kleine, unbekannte Parteichen, wie die MUT, die durch die Mitglieder und Protestwähler einen Anteil am finanziellen Wahlkampfausgleich bekommen und so ihre Arbeit finanzieren können.

Meine Kollegin Claudia Sperlich hat in weiser Voraussicht und Auswertung des stattgefundenen Wahlkampfes schon die “Siegesrede” vorweggenommen, die so universell wie die Wahlkampfparolen zu gebrauchen  ist.


Ein Kommentar

Gedicht der Woche 39/2009


Jetzt wohin?

Jetzt wohin? Der dumme Fuß
Will mich gern nach Deutschland tragen;
Doch es schüttelt klug das Haupt
Mein Verstand und scheint zu sagen:

‘Zwar beendigt ist der Krieg,
Doch die Kriegsgerichte blieben,
Und es heißt, du habest einst
Viel Erschießliches geschrieben.’

Das ist wahr, unangenehm
Wär´ mir das Erschossenwerden;
Bin kein Held, es fehlen mir
Die pathetischen Gebärden.

Gern würd´ ich nach England gehn,
Wären dort nicht Kohlendämpfe
Und Engländer – schon ihr Duft
Gibt Erbrechen mir und Krämpfe.

Manchmal kommt mir in den Sinn,
Nach Amerika zu segeln,
Nach dem großen Freiheitstall,
Der bewohnt von Gleichheitsflegeln -

Doch es ängstet mich ein Land,
Wo die Menschen Tabak käuen,
Wo sie ohne König kegeln,
Wo sie ohne Spucknapf speien.

Rußland, dieses schöne Reich,
Würde mir vielleicht behagen,
Doch im Winter könnte ich
Dort die Knute nicht ertragen.

Traurig schau´ ich in die Höh´,
Wo viel tausend Sterne nicken -
Aber meinen eignen Stern
Kann ich nirgens dort erblicken.

Hat im güldnen Labyrinth
Sich vielleicht verirrt am Himmel,
Wie ich selber mich verirrt
In dem irdischen Getümmel. -

Heinrich Heine (1797-1856)


Hinterlasse einen Kommentar

Erzählung der Woche 39/2009


Die Maulpatrioten

Reichskriegsflaggeenentwurf 1920

In vier roten Jahren ist dieses Land in das tiefste Elend hineingeschliddert, und was vor dem Kriege nur wenige wußten, wissen heute viele: Deutschland verdankt seine Unbeliebtheit, die sich bis zum Haß gesteigert hat, den Untugenden spektakelnder Landsleute auf den Thronen und in den Geschäftshäusern, in den Universitäten und im Heer. Sie sind nicht ausgestorben. Sie bilden sich eher im Gegenteil ein, durch schrankenloses Geschrei ein Deutschtum zu retten, das gar nicht tief genug untergehen kann: nämlich das schlechte. Heute noch? Heute noch.

Ich fahre mit meinem Freund aus Riga, einem Schweizer, der sich auf der Durchreise in seine Heimat in Berlin aufhält, in der Stadtbahn (zweiter Klasse). Wir unterhalten uns im Russischen, erstens freue ich mich über jede Gelegenheit, Russisch sprechen zu können, und zweitens ist es mir angenehm, daß uns die Mitfahrenden nicht verstehen.

Plötzlich fragt ein neben meinem Freund sitzender Herr: »Sprechen Sie Deutsch?« Ahnungslos, was diese Frage bezwecken soll, antwortet er ihm: »Ja!« – »Dann verlange ich von Ihnen, daß Sie Deutsch sprechen, lange genug habe ich dieses Gequatsch mit angehört!« – »Sehr richtig, ich bin ganz Ihrer Meinung!« stimmt ihm ein anderer Herr bei. Die übrigen Mitreisenden verhalten sich passiv. »Ich glaube, ich kann mich unterhalten, wie ich will!« sagt mein Freund. »Nein, das können Sie nicht«, brüllte ihm jener zu, »wenn Sie es wagen, sich weiter im Russischen zu unterhalten, können Sie eins in die Fresse kriegen!« – »Schweig!« ruf ich meinem Freund auf russisch zu, denn mir graute davor, daß dieser bornierte Hakenkreuzpatriot tatsächlich handgreiflich werden könnte. »Donnerwetter noch einmal!« fing der Kerl wieder an, »das sollte uns passieren, wir sollten es wagen, im Ausland Deutsch zu sprechen!«…

Ganz abgesehen davon, daß es sich hier um eine Baltin deutscher Abstammung handelt, die im Kriege Helferinnendienste bei der kaiserlich-deutschen Armee geleistet hat: welch ein stumpfsinniger Patriotismus! Das sei Deutschtum? Dieses lächerliche Gebrüll gegen andere Sprachen?

»Wir sollten es wagen, im Auslande Deutsch zu sprechen…« Lieber Herr, in Paris und in Italien wird zur Zeit keinem der dort weilenden Deutschen ein Haar gekrümmt. Und wenn auch von einer innigen Annäherung zwischen Engländern und Deutschen nicht gesprochen werden kann, so ist kein Fall bekannt geworden, in dem der britische Straßenpassant mit dem Hackebeil den Nationalismus gemacht hätte. Das ist Deutschland vorbehalten geblieben.

Hoffentlich nicht dem ganzen Deutschland. Und wenn es nur Vertreter jener Skatpatrioten waren, die das ganze Land diskreditieren: wollen wir ihnen nicht den Mund stopfen? »Will Deutschland«, schreibt die Deutschbaltin, »auf diesem Wege Freunde gewinnen und Beziehungen anknüpfen? Mein Freund, der zum erstenmal in Deutschland ist, nimmt einen sehr ungünstigen Eindruck mit.« Sie schaden uns. Und wenn derselbe Mann, der hier die Klappe nicht genug aufreißen kann, von seinem Chef als Geschäftsreisender nach Spanien geschickt wird, so spricht er dort sicherlich alle Sprachen der Welt. Von Geschäfts wegen.

Zwischen Ungezogenheit und würdeloser Kriecherei gibt es einen dritten Weg. Den der Menschlichkeit.

1920

Kurt Tucholsky


Hinterlasse einen Kommentar

Mauerstücke- Erinnerungsgeschichten (18)


Am 04.10.2009  habe ich wieder eine Lesung in der Brotfabrik mit dem Buch

Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

mauerstuecke

Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
 Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle
 Dr. Ronald Henss Verlag
 ISBN 978-3-939937-08-1
 180 Seiten
 30 Farbfotos

Man stellt mir wieder die Bühne zur Verfügung, da muss ich mal gucken,

wie ich das noch gestaltend füllen kann.  Ich würde gern Bilder zeigen

(lassen), einen Beamer kann ich mir borgen, nur dumm, dass der Besitzer

auch nicht weiß, wie man damit die Bilder automatisch zum laufen bringt,

ihm reicht die Filmtauglichkeit. ich glaube, mit Powerpoint könnte es

klappen, nur habe ich bisher keine Ahnung von diesem Programm.

Musik werde ich auch spielen lassen, erstens ist es eine schöne

Einstimmung, zweitens gibt es mir etwas Luft zwischen den Erzählungen.

Schon jetzt gruselt mich der Gedanke, wieder nur vor ein paar Leuten zu

lesen – ich gebe dem Programm ein gerüttet Maß an Aufmerksamkeit und

Mühe, wohl klar, dass man  dann auch am Publikum bemerken möchte, ob

das nun gut war. Außerdem möchte ich ja Bücher verkaufen, damit viele

Leute diese Zeit nachvollziehen können, bevor das letzte Gespür dafür

verloren ist.

Mich plagen nun schon lampenfieberähnliche Zustände, ich frage mich:

Bilder 145

Werden die Stuhlreihen in der Brotfabrik leer bleiben?

Bilder 147

Werde ich ganz allein im Saal bleiben, alle Vorbereitungen für die Katz?

Ich hoffe nicht, ich hoffe, die Zeit ist jetzt wieder so weit, dass das Berliner Publikum Interesse an den kleinen Kulturveranstaltungen hat und
es erfreulich findet, am 04.10.2009 um 18 Uhr in der

Brotfabrik Prenzlauer Allee

eine Buchlesung zu besuchen,
man kann übrigens dann auch Bücher kaufen-ein Buch kostet 14,80 €. Damit macht man sich selbst und anderen ein gutes Geschenk, ich signiere auch wenns sein soll, sowas peppt ein Buch als Geschenk auf und macht es persönlich.
(Durchaus mit ein Grund, warum ich Buchlesungen besuche)

Bettina Buske

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 26 Followern an