laut und leise literatur lesen

die Rezi-Tante zeigt Erlebtes und Erdichtetes, Geschichten und Geschichte


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Vorweggenommene Wahlsiegrede


Morgen gehen wir wählen und werden uns nun entscheiden, ob wir für Frauen die Abendkleider sowie verschiedenfarbige Blazer oder einen hellen Labrador besitzen stimmen , für weißhaarige alte oder ältere Herren mit zutiefst freundlichem Lächeln auf den Lippen, für einen extrem dynamischen Mann, welcher irgendwann mal einen Besenstiel verschluckt hatte oder für ein  energiegeladene Herrenduo unsere Stimme abgeben werden.
Zumindest die in Berlin gezeigten großen Wahlplakate geben an Information nicht mehr her und eigene Ansichten müssen den Wähler leiten.
Was aber macht der, dem das alles nur Theater scheint, nicht wählen und somit politischen Extremisten eine Chance einräumen?
Dann wohl besser, man stimmt, wenn man es nicht besser weiß, für ganz kleine, unbekannte Parteichen, wie die MUT, die durch die Mitglieder und Protestwähler einen Anteil am finanziellen Wahlkampfausgleich bekommen und so ihre Arbeit finanzieren können.

Meine Kollegin Claudia Sperlich hat in weiser Voraussicht und Auswertung des stattgefundenen Wahlkampfes schon die “Siegesrede” vorweggenommen, die so universell wie die Wahlkampfparolen zu gebrauchen  ist.


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Gedicht der Woche 39/2009


Jetzt wohin?

Jetzt wohin? Der dumme Fuß
Will mich gern nach Deutschland tragen;
Doch es schüttelt klug das Haupt
Mein Verstand und scheint zu sagen:

‘Zwar beendigt ist der Krieg,
Doch die Kriegsgerichte blieben,
Und es heißt, du habest einst
Viel Erschießliches geschrieben.’

Das ist wahr, unangenehm
Wär´ mir das Erschossenwerden;
Bin kein Held, es fehlen mir
Die pathetischen Gebärden.

Gern würd´ ich nach England gehn,
Wären dort nicht Kohlendämpfe
Und Engländer – schon ihr Duft
Gibt Erbrechen mir und Krämpfe.

Manchmal kommt mir in den Sinn,
Nach Amerika zu segeln,
Nach dem großen Freiheitstall,
Der bewohnt von Gleichheitsflegeln -

Doch es ängstet mich ein Land,
Wo die Menschen Tabak käuen,
Wo sie ohne König kegeln,
Wo sie ohne Spucknapf speien.

Rußland, dieses schöne Reich,
Würde mir vielleicht behagen,
Doch im Winter könnte ich
Dort die Knute nicht ertragen.

Traurig schau´ ich in die Höh´,
Wo viel tausend Sterne nicken -
Aber meinen eignen Stern
Kann ich nirgens dort erblicken.

Hat im güldnen Labyrinth
Sich vielleicht verirrt am Himmel,
Wie ich selber mich verirrt
In dem irdischen Getümmel. -

Heinrich Heine (1797-1856)


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Erzählung der Woche 39/2009


Die Maulpatrioten

Reichskriegsflaggeenentwurf 1920

In vier roten Jahren ist dieses Land in das tiefste Elend hineingeschliddert, und was vor dem Kriege nur wenige wußten, wissen heute viele: Deutschland verdankt seine Unbeliebtheit, die sich bis zum Haß gesteigert hat, den Untugenden spektakelnder Landsleute auf den Thronen und in den Geschäftshäusern, in den Universitäten und im Heer. Sie sind nicht ausgestorben. Sie bilden sich eher im Gegenteil ein, durch schrankenloses Geschrei ein Deutschtum zu retten, das gar nicht tief genug untergehen kann: nämlich das schlechte. Heute noch? Heute noch.

Ich fahre mit meinem Freund aus Riga, einem Schweizer, der sich auf der Durchreise in seine Heimat in Berlin aufhält, in der Stadtbahn (zweiter Klasse). Wir unterhalten uns im Russischen, erstens freue ich mich über jede Gelegenheit, Russisch sprechen zu können, und zweitens ist es mir angenehm, daß uns die Mitfahrenden nicht verstehen.

Plötzlich fragt ein neben meinem Freund sitzender Herr: »Sprechen Sie Deutsch?« Ahnungslos, was diese Frage bezwecken soll, antwortet er ihm: »Ja!« – »Dann verlange ich von Ihnen, daß Sie Deutsch sprechen, lange genug habe ich dieses Gequatsch mit angehört!« – »Sehr richtig, ich bin ganz Ihrer Meinung!« stimmt ihm ein anderer Herr bei. Die übrigen Mitreisenden verhalten sich passiv. »Ich glaube, ich kann mich unterhalten, wie ich will!« sagt mein Freund. »Nein, das können Sie nicht«, brüllte ihm jener zu, »wenn Sie es wagen, sich weiter im Russischen zu unterhalten, können Sie eins in die Fresse kriegen!« – »Schweig!« ruf ich meinem Freund auf russisch zu, denn mir graute davor, daß dieser bornierte Hakenkreuzpatriot tatsächlich handgreiflich werden könnte. »Donnerwetter noch einmal!« fing der Kerl wieder an, »das sollte uns passieren, wir sollten es wagen, im Ausland Deutsch zu sprechen!«…

Ganz abgesehen davon, daß es sich hier um eine Baltin deutscher Abstammung handelt, die im Kriege Helferinnendienste bei der kaiserlich-deutschen Armee geleistet hat: welch ein stumpfsinniger Patriotismus! Das sei Deutschtum? Dieses lächerliche Gebrüll gegen andere Sprachen?

»Wir sollten es wagen, im Auslande Deutsch zu sprechen…« Lieber Herr, in Paris und in Italien wird zur Zeit keinem der dort weilenden Deutschen ein Haar gekrümmt. Und wenn auch von einer innigen Annäherung zwischen Engländern und Deutschen nicht gesprochen werden kann, so ist kein Fall bekannt geworden, in dem der britische Straßenpassant mit dem Hackebeil den Nationalismus gemacht hätte. Das ist Deutschland vorbehalten geblieben.

Hoffentlich nicht dem ganzen Deutschland. Und wenn es nur Vertreter jener Skatpatrioten waren, die das ganze Land diskreditieren: wollen wir ihnen nicht den Mund stopfen? »Will Deutschland«, schreibt die Deutschbaltin, »auf diesem Wege Freunde gewinnen und Beziehungen anknüpfen? Mein Freund, der zum erstenmal in Deutschland ist, nimmt einen sehr ungünstigen Eindruck mit.« Sie schaden uns. Und wenn derselbe Mann, der hier die Klappe nicht genug aufreißen kann, von seinem Chef als Geschäftsreisender nach Spanien geschickt wird, so spricht er dort sicherlich alle Sprachen der Welt. Von Geschäfts wegen.

Zwischen Ungezogenheit und würdeloser Kriecherei gibt es einen dritten Weg. Den der Menschlichkeit.

1920

Kurt Tucholsky


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Mauerstücke- Erinnerungsgeschichten (18)


Am 04.10.2009  habe ich wieder eine Lesung in der Brotfabrik mit dem Buch

Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

mauerstuecke

Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
 Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle
 Dr. Ronald Henss Verlag
 ISBN 978-3-939937-08-1
 180 Seiten
 30 Farbfotos

Man stellt mir wieder die Bühne zur Verfügung, da muss ich mal gucken,

wie ich das noch gestaltend füllen kann.  Ich würde gern Bilder zeigen

(lassen), einen Beamer kann ich mir borgen, nur dumm, dass der Besitzer

auch nicht weiß, wie man damit die Bilder automatisch zum laufen bringt,

ihm reicht die Filmtauglichkeit. ich glaube, mit Powerpoint könnte es

klappen, nur habe ich bisher keine Ahnung von diesem Programm.

Musik werde ich auch spielen lassen, erstens ist es eine schöne

Einstimmung, zweitens gibt es mir etwas Luft zwischen den Erzählungen.

Schon jetzt gruselt mich der Gedanke, wieder nur vor ein paar Leuten zu

lesen – ich gebe dem Programm ein gerüttet Maß an Aufmerksamkeit und

Mühe, wohl klar, dass man  dann auch am Publikum bemerken möchte, ob

das nun gut war. Außerdem möchte ich ja Bücher verkaufen, damit viele

Leute diese Zeit nachvollziehen können, bevor das letzte Gespür dafür

verloren ist.

Mich plagen nun schon lampenfieberähnliche Zustände, ich frage mich:

Bilder 145

Werden die Stuhlreihen in der Brotfabrik leer bleiben?

Bilder 147

Werde ich ganz allein im Saal bleiben, alle Vorbereitungen für die Katz?

Ich hoffe nicht, ich hoffe, die Zeit ist jetzt wieder so weit, dass das Berliner Publikum Interesse an den kleinen Kulturveranstaltungen hat und
es erfreulich findet, am 04.10.2009 um 18 Uhr in der

Brotfabrik Prenzlauer Allee

eine Buchlesung zu besuchen,
man kann übrigens dann auch Bücher kaufen-ein Buch kostet 14,80 €. Damit macht man sich selbst und anderen ein gutes Geschenk, ich signiere auch wenns sein soll, sowas peppt ein Buch als Geschenk auf und macht es persönlich.
(Durchaus mit ein Grund, warum ich Buchlesungen besuche)

Bettina Buske


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Ich gebe zu…


der Wahlkampf mit all den platten Wahlfloskeln, für den die Bundesregierung gemäß § 18 II PartG 133 Millionen EUR  bereithält, geht mir unheimlich auf den Docht, so wichtig freie Wahlen auch sind – aber es scheint, als wäre die Wichtigkeit den Parteienvertretern  nicht bewußt, so beliebig sind die Aussagen. Oder hat man sich schon so von der Bevölkerung entfernt, dass man nur noch öde Sprüche für sie übrig hat?

macht

CDU Werbung mal zusammengefasst

Aus dieser Frustration heraus, neben einer kleinen Begeisterung für Flashmobaktionen, verspüre ich geradezu Genugtuung, diese Aktion in Hamburg auf you tube entdeckt zu haben, für mich ist die Partei dabei unerheblich und austauschbar. Solcherart Zuspruch haben  alle Großen verdient.

aber auch Berlin hatte an diesem Tag etwas zu bieten

Ach, Sie kannten flashmob bisher noch gar nicht? Nein, mit mobbing hat es nichts zu tun, auch wenn das Video das vermuten lassen könnte. Auf wikipedia findet man eine gute Erklärung, da leihe ich mir einen Teil:

Der Begriff Flashmob (flash – Blitz; mob – von mobilis – beweglich), auch Blitzauflauf, bezeichnet einen kurzen, scheinbar spontanen Menschenauflauf auf öffentlichen oder halböffentlichen Plätzen, bei denen sich die Teilnehmer üblicherweise persönlich nicht kennen. Flashmobs werden über Online-Communitys, Weblogs, Newsgroups, E-Mail-Kettenbriefe oder per Mobiltelefon organisiert. Obwohl die Ursprungsidee explizit unpolitisch war, gibt es mittlerweile auch Flashmobs mit politischem Hintergrund. Eine verwandte Aktionsform ist der Smart Mob, der mit dem öffentlichen Auftritt einem politischen oder gesellschaftlichen Ziel zu Aufmerksamkeit verhelfen will. Der Begriff geht auf einen Bestseller des US-amerikanischen Psychologen Howard Rheingold aus dem Jahr 2003 zurück. Flashmobs gelten als spezielle Ausprägungsformen der virtuellen Gesellschaft (virtual community, Online-Community), die neue Medien wie Mobiltelefone und Internet benutzt, um kollektive Aktionen zu organisieren.

Ich würde es mit Massenaktionskunst erklären, die virtuelle Kontakte nutzt, und die in möglichst öffentlichen Bereichen des realen Lebens praktiziert wird, um als Aktion virtuell eine große Öffentlichkeit zu erreichen.
Wirkt jetzt vielleicht etwas verklausuliert, ist aber so – und mir gefällts, wenn auch manche Aktion nicht  perfekt gelungen ist, aber das ist wie alles, eine Frage der Übung.

Hier noch andere flashmob-Aktionen, als Lokalpariotin zeige ich überwiegend Berlin

oder hier

perfekt ist natürlich solche eine Aktion hier, wie die


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Märchen der Woche 38/2009


Herr Fix und Fertig.

Fix und Fertig war lange Zeit Soldat gewesen, weil aber der Krieg ein Ende hatte und nichts mehr zu thun war, als einen und alle Tage dasselbe, nahm er seinen Abschied und wollte Lakai bei einem großen Herrn werden. Da gabs Kleider mit Gold besetzt, viel zu schaffen und immer was Neues. Also machte er sich auf den Weg und kam an einen fremden Hof, da sah er einen Herrn, der in dem Garten spazieren ging. Fix und Fertig besann sich nicht lang, trat frisch auf ihn zu sagte: „mein Herr, ich suche Dienste bei einem großen Herrn, sinds Ew. Majestät selbst, so ist mirs am liebsten, ich kann und weiß alles, was dazu gehört, kurz und lang, wies befohlen wird.“ Der Herr sagte: „recht, mein Sohn, das wäre mir lieb, sag an, was ist anjetzt mein Verlangen?“ Fix und Fertig ohne zu antworten drehte sich um, lief eilend und brachte eine Pfeife und Taback. „Recht, mein Sohn, du bist mein Bedienter, aber nun gebe ich dir auf, mir die Prinzessin Nomini zu schaffen, die schönste auf der Welt, die will ich zu meiner Gemahlin haben.“ – „Wohlan, sagte Fix und Fertig, das ist mir ein kleines, die sollen Ew. Maj. bald haben, geben Sie mir nur eine Chaise bespannt mit Sechsen, einen Leibkutscher, Haiducken, Laufer, Lakaien, Koch und einen völligen Staat, mir selbst aber fürstliche Kleider, und jedermann muß meinen Befehlen gehorchen.“ Nun, fuhren sie ab, der Herr Bedienter saß in der Kutsche und es ging immer dem königlichen Hof zu, wo die schöne Prinzessin war. Als die Chaussee zu Ende war, fuhren sie ins Feld hinein und kamen bald vor einen großen Wald, der war voll von vielen tausend Vögeln, da war ein grausamer Gesang, prächtig in die blaue Luft hinein. „Halt! halt! rief der Fix und Fertig, die Vögel nicht gestört! die preisen ihren Schöpfer und wollen mir wieder einmal dienen, links um!“ der Kutscher mußte also umdrehen und um den Wald herumfahren. Darnach währte es nicht lang, so kamen sie an ein großes Feld, da saßen an die tausend Millionen Raben, die schrien nach Speise überlaut. „Halt! halt! rief der Herr Fix und Fertig: bind eins von den vordersten Pferden los, führ es aufs Feld und stichs todt, daß die Raben gespeist werden, die sollen meinetwegen keinen Hunger leiden.“ Nachdem die Raben gesättigt waren, ging die Reise weiter und sie kamen an ein Wasser, darin war ein Fisch, der klagte erbärmlich: „um Gotteswillen! ich habe keine Nahrung in diesem schlechten Sumpf, setzt mich in ein fließendes Wasser, dafür will ich euch einmal gegendienen.“ Eh er noch ausgeredet, hatte Fix und Fertig halt! halt! gerufen; „Koch nimm ihn in die Schürze, Kutscher fahr zu nach einem fließenden Wasser.“ Fix und Fertig stieg selber aus und setzte ihn hinein, daß der Fisch vor Freude mit dem Schwanz schlug. Herr Fix und Fertig sprach: „laßt nun die Pferde rasch laufen, daß wir zu Abend noch an Ort und Stelle sind.“ Als er in der königlichen Residenz anlangte fuhr er gerade nach dem besten Gasthof, der Wirth und alle seine Leute kamen heraus, empfingen ihn aufs beste und meinten, ein fremder König sey angekommen, und es war doch nur ein Herr Bedienter. Fix und Fertig aber ließ sich gleich bei dem königlichen Hof anmelden, suchte sich beliebt zu machen und hielt um die Prinzessin an. „Mein Sohn, sagte der König, dergleichen Freier sind schon viele abgewiesen worden, weil keiner hat ausrichten können, was ich ihnen auferlegt hatte, um meine Tochter zu gewinnen.“ „Wohlan, sprach Fix und Fertig, geben Ew. Majestät mir nur was rechtes auf.“ Der König sagte: „ich habe ein Viertel Mohnsamen säen lassen, kannst du mir denselben wieder herbei schaffen, daß kein Korn fehlt, so sollst du die Prinzessin für deinen Herrn haben.“ Hoho! dachte Fix und Fertig, das ist ein geringes für mich. Nahm darauf ein Maaß, Sack und schneeweiße Tücher, ging hinaus, und die letztern breitete er neben das besäte Feld hin. Gar nicht lange, da kamen die Vögel, die im Walde bei ihrem Singen nicht waren verstört worden, und lasen den Samen, Körnchen für Körnchen auf und trugen ihn auf die weißen Tücher. Als sie alles aufgelesen hatten, schüttete es Fix und Fertig zusammen in den Sack, nahm das Maaß unter den Arm, ging zu dem König und maaß ihm seinen ausgesäten Samen wieder zu, gedachte nun die Prinzessin wäre schon sein – aber gefehlt: „noch eins, mein Sohn, sagte der König, meine Tochter hat einstmals ihren goldnen Ring verloren, denselben mußt du mir erst wiederschaffen, eh du sie bekommen kannst.“ Fix und Fertig machte sich keine Sorgen: „lassen Ew. Majestät mir nur das Wasser und die Brücke zeigen, wo der Ring verloren worden, so soll er bald herbeigeschafft seyn.“ Als er hingebracht war, sah er hinab, da schwamm der Fisch herzu, den er auf seiner Reise in den Fluß gesetzt hatte, streckte den Kopf in die Höhe und sagte: „wart einige Augenblicke, ich fahre hinunter, ein Wallfisch hat den Ring unter der Floßfeder, da will ich ihn holen;“ kam auch bald wieder und warf ihn ans Land. Fix und Fertig bracht ihn zum König, dieser aber antwortete: „nun noch eins, in jenem Walde ist ein Einhorn, das hat schon vielen Schaden gethan, wenn du das tödten kannst, dann ist nichts mehr übrig.“ Fix und Fertig bekümmerte sich auch hier nicht groß, sondern ging geradezu in den Wald. Da waren die Raben, die er einmal gefuttert und sprachen: „noch eine kleine Weile Geduld, jetzt liegt das Einhorn und schläft, aber nicht auf der scheelen Seite, wenn es sich herumdreht, dann wollen wir ihm das eine gute Auge, das er hat, auspicken, dann ist es blind und wird in seiner Wuth gegen die Bäume rennen und mit seinem Horn sich festspießen; dann kannst du es leicht tödten.“ Bald wälzte sich das Thier ein paar Mal im Schlaf herum und legte sich auf die andere Seite, da flogen die Raben herunter und hackten ihm sein gesundes Auge aus. Wie es die Schmerzen empfand, sprang es auf und rennte unsinnig im Wald herum, bald auch hatte es sich in eine dicke Eiche festgerennt. Da sprang Fix und Fertig herbei, hieb ihm den Kopf ab, und brachte ihn dem König. Dieser konnte nun seine Tochter nicht länger versagen, sie ward dem Fix und Fertig übergeben, der sich gleich in vollem Staat, wie er gekommen war, mit ihr in die Kutsche setzte, zu seinem Herrn fuhr und ihm die liebevolle Prinzessin brachte. Da ward er wohl empfangen, und in aller Pracht Hochzeit gehalten; Fix und Fertig aber wurde erster Minister.

Ein jegliches in der Gesellschaft, wo dies erzählt wurde, wünschte auch bei dem Vergnügen zu seyn, eins wollte Kammerjungfer, das andere Garderobemädchen werden, dafür wollte einer Kammerdiener, der andere Koch werden u.s.w.

————

Dieses Märchen war  in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm nur in der Erstauflage von 1812 an Stelle 16 enthalten (KHM 16a).


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Gedicht der Woche 38/2009


Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann . . .

- “Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!”
– “Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert’s mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!”
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch , dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild . . .
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft …
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt …
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
– “Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sind’s … Auf einer Hugenottenjagd
Ein fein, halsstarrig Weib . . . ‘Wo steckt der Junker? Sprich!’
Sie schweigt. ‘Bekenn!’ Sie schweigt. ‘Gib ihn heraus!’ Sie schweigt.
Ich werde wild.  D e r  Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ‘Gib ihn heraus!’ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.”
Eintritt der Edelmann. “Du träumst! Zu Tische, Gast …”

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an -
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: “Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!” Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht .. . Dröhnt hier ein Tritt? … Schleicht dort ein Schritt? …
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.
Er träumt. “Gesteh!” Sie schweigt. “Gib ihn heraus!” Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
– “Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!”
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedsel’ge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt’gen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräft’gen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: “Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!” Der andre spricht:
“Du sagst’s! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst! … Mein ist die Rache, redet Gott.”

Schloß Sigmaringencolage

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