Die Stifterfiguren im Westchor des Naumburger Doms sind in mehrfacher Hinsicht einmalig und erwähnenswert.
Das beginnt schon mit dem Lettner, zwischen dessen Türöffnungen der gekreuzigte Jesus fast auf Augenhöhe mit dem Betrachter ist.
Im Chorraum selbst, in ziemlicher Höhe, mit den tragenden Säulen ausgearbeitet, sozusagen eine tragende Rolle innehabend, die Stifterfiguren.





Die Darstellung realer Personen aus der Wettinisch – Ekkehardinischen Linie, deren Wirken im Zuge der Ostkolonialisierung zwei Jahrhunderte zuvor prägend war und denen für die Domstiftungen auf diese Weise gedacht werden sollte. Das wohl auch, weil Umbau- und Erweiterungen des Doms auf Kosten ihrer Ruhestätten ging.





Da man im Mittelalter in der Kirche auf den Grabplatten stehend betete, im Bewusstsein, dadurch Kontakt zu den Verstorbenen zu haben, für die Seele des Verstorbenen mitzubeten und ggf. in ihr einen Fürsprecher zu erhalten, ist das Entfernen von Grabstätten eine Angelegenheit, die einen adäquaten Ersatz fordert. Was nun die Veranlassung war, statt der Heiligen und Apostel diese Laien figürlich darzustellen, vermutlich von beidem etwas.
Ersatz für die Verbindung zu den Seelen der Stifter und Erinnerung an ihre Zuwendungen zu Gunsten des Domes.
Die Figuren stellen vier Ehepaare und vier Männer der Meißener markgräflichen Linie dar.
Bemerkenswert ist die lebendige Ausstrahlung der Figuren, die entgegen anderen Kunstwerken der Zeit sehr diesseitig sind.
Nicht göttliche Verklärung zeichnet ihre Gesichter, sondern Stolz, Zorn, Freude, Zuneigung, Tiefsinn, Entschlossenheit.
Ja man meint, ihren Gesichtern die historischen Verhältnisse zueinander ablesen zu können.
Alle Figuren hatten ursprünglich einen farbigen Anstrich, von dem noch etliches erhalten ist und durch den sie noch lebendiger wirken.
Viele Jahrhunderte war es still um diese Figurengruppe, selbst die Romantiker, die das Mittelalter wieder entdeckten und von denen etliche diese Zeit als die ideale Zeit verklärten, bemerkten sie nicht weiter.
Erst die Entwicklung der Fotografie lenkte das Augenmerk der Allgemeinheit auf die Figuren. Postkarten als Urlaubsgruß sandten auch ein neues Schönheitsideal

durch das Land. Die Figur der Uta von Ballenstedt hat es den Leuten angetan.
Ihre kühle Ausstrahlung, ihre elegante Körperhaltung, ihr zart geschnittenes Gesicht, schnell entstanden Legenden um die imaginäre Frau, von der die Geschichte nicht mehr zu sagen weiß als ihren Namen und den Namen ihres Gatten. Der Utakult entstand.
Da bürgerliche Bildung sich überwiegend an alten Griechen und Römern, der italienischen und französischen Kunst in Malerei, Musik und Architektur ausrichtete und die vielen kleinen deutschen Staaten im Gegensatz zu den großen Ländern keine Kolonien erkriegen konnten, war in vielen deutschen Gemütern ein Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins, dass in der schönen deutschen Uta Genugtuung fand, sie zum deutschen Sinnbild machte, zur Projektionsfläche für Propaganda, die es bis in den Schulunterricht schaffte.

Generationen von Kindern wurde gelehrt, dass eine Forderung von Reparationsleistungen nach dem ersten Weltkrieg auch die Herausgabe der Stifterfiguren gewesen sein soll.
Eine Legende, denn erstens ist es rein technisch gar nicht möglich, man müsste den Dom abtragen und zweitens geben die Urkunden über Reparationsforderungen eine solche Forderung nicht her.
Aber eine gute Ablenkung ist so eine Legende, nicht dass jemand sich Gedanken macht, welchen Kulturfrevel die eigene Regierung im Laufe des Krieges beging, indem zum Beispiel die wundervollen Pfeifen der Orgel im Altenburger Dom, auf der J.S.Bach gespielt hatte,für Rüstungszwecke eingeschmolzen wurde.
Gut wenn sich die Volksseele erzürnt, dass sich undeutsche Hände nach der deutschen Idealfrau und -gattin begierig recken sollen.
Uta wurde in der Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 den missliebigen Frauendarstellungen Dix’, Noldes und anderer gegenübergestellt und im Propagandafilm „Der ewige Jude“ von 1940 musste die Skulptur als Maß der „Reinheit“ dienen, die man mit Gewalt wiederherzustellen gedachte.
Dem Stifterpaar Ekkehard und Uta gegenüber steht der ältere Bruder Ekkehards, Markgraf Hermann und seine Frau, Reglindis, Tocher des Herzogs und Königs Boleslaw I von Polen.
Diese Figurengruppe ist meine persönliche Lieblingsgruppe.
Zu gern würde ich wissen wollen, was sich der Naumburger Meister dachte, als er diese Figuren schuf.
Reglindes ist in einem Lächeln abgebildet, ihr ganzer Körper lächelt, ihr Gesicht zeigt heiteres Vergnügen. Ihr Gatte ist ihr freundlich zugewandt.
Unglaublich für eine Arbeit aus dem 13. Jahrhundert, unglaublich, aber wunderbar.

Übel dafür, was die nationalsozialistische Ideologie daraus machte. So steht im
Bernburger Kalender 1938 über die Figuren des Bernburger Meisters:
„… aus seinem (Albrecht des Bären – L.P.) Geschlecht stammte Uta von Ballenstedt, die der Naumburger Meister als germanisch-nordische Gestalt der slavischen Reglindis, einer Tochter des Polen-Herzogs Boleslav Chrobry, mit feinstem Rasseempfinden gegenüberstellen wird.“
Der Uta-Rummel hält an, er hat die Ideologien überdauert. In Naumburg feierte man ein Uta-Treffen für Frauen namens Uta.
Hübsche Idee, noch besser wäre sie, wenn ebenfalls ein Reglindis -Treffen von der Stadt Naumburg ausgerichtet werden würde.
Da es weniger Reglindisse gibt als Utas, könnte man alle bekannten Schreibweisen
für die Tochter des Herzogs und Königs Boleslaw I von Polen dabei zulassen, also auch Regelindis oder Regelinda , Naumburg hätte ein Event mehr und die stille Uta wäre somit ein Stück mehr von nationalistischer Patina befreit.
