wo ich wohne – Gedichte und Bilder

27. August 2009

Die Biermeile

Biermeile


In der Straße, wo ich wohne,
feiert man seit etlichen Jahren
immer, wenn es am heißesten ist,
für drei Tage das Bier und wie
so unterschiedlich Gleiches
aus Malz und Hopfen kann entstehen.

Buden, Bühnen und Bänke
stehen in dichter Folge
auf dem Boulevard,
wo Leute aus vielen Ländern flanieren,
dort verweilen und verkosten, wo
die Musik sie vergnügt.

Durch meine Fenster hoch
unter dem Dach,
dringt der Musikbrei verschiedener Bühnen,
macht sich in meiner Wohnung breit,
drückt mich und
drängt mich hinaus.

Ich schlängle mich durch
die Massen, trinke ein Bier
aus Vietnam, lausche mit
wippendem Fuß der Country-Musik,
beobachte leicht belustigt den Trubel
am belgischen Kirschbierstand.

Weil die Musik nun nicht mehr spielt
gehe ich heim.
Vorbei an der Grünanlage,
wo einst auf Schildern Hunde erklärten:
Hier darf ich nicht sein;
bis jemand mit weißer Farbspraydose
alle nicht eliminierte.

Jetzt stehen hinter den Schildern
auf dem Rasen,
den Passanten den Rücken gekehrt,
junge Männer; die Beine gespreizt,
den Blick in imaginärer Ferne
und strahlen ins Gebüsch.

Wieder zu Haus angekommen,
öffne ich für die Stille weit meine Fenster,
betrachte den Monte Klamotte
und den Mond, der über ihm steht.
Bis mich endlich ein Martinshorn
aus der Versunkenheit erlöst.
-Gemini-


Uta, Uta, Uta über alles ?

25. August 2009

Die Stifterfiguren im Westchor des Naumburger Doms sind in mehrfacher Hinsicht einmalig und erwähnenswert.
Das beginnt schon mit dem Lettner, zwischen dessen Türöffnungen der gekreuzigte Jesus fast auf Augenhöhe mit dem Betrachter ist.

Im Chorraum selbst, in ziemlicher Höhe, mit den tragenden Säulen ausgearbeitet, sozusagen eine tragende Rolle  innehabend, die Stifterfiguren.
BerchtaDietrichEkkehardGerburgHerrmann
Die Darstellung realer Personen aus der Wettinisch – Ekkehardinischen Linie, deren Wirken im Zuge der Ostkolonialisierung zwei Jahrhunderte zuvor prägend war und denen für die Domstiftungen auf diese Weise gedacht werden sollte. Das wohl auch, weil Umbau- und Erweiterungen des Doms auf Kosten ihrer Ruhestätten ging.

ReglindisSyzzoTimoUtaWilhelm
Da man im Mittelalter in der Kirche auf den Grabplatten stehend betete, im Bewusstsein, dadurch Kontakt zu den Verstorbenen zu haben, für die Seele des Verstorbenen mitzubeten und ggf. in ihr einen Fürsprecher zu erhalten, ist das Entfernen von Grabstätten eine Angelegenheit, die einen adäquaten Ersatz fordert. Was nun die Veranlassung war, statt der Heiligen und Apostel diese Laien figürlich darzustellen, vermutlich von beidem etwas.
Ersatz für die Verbindung zu den Seelen der Stifter und Erinnerung an ihre Zuwendungen zu Gunsten des Domes.
Die Figuren stellen vier Ehepaare und vier Männer der Meißener markgräflichen Linie dar.
Bemerkenswert ist die lebendige Ausstrahlung der Figuren,  die entgegen anderen Kunstwerken der Zeit sehr diesseitig sind.
Nicht göttliche Verklärung zeichnet ihre Gesichter, sondern Stolz, Zorn, Freude, Zuneigung, Tiefsinn, Entschlossenheit.
Ja man meint, ihren Gesichtern die historischen Verhältnisse zueinander ablesen zu können.
Alle Figuren hatten ursprünglich einen farbigen Anstrich, von dem noch etliches erhalten ist und durch den sie noch lebendiger wirken.

Viele Jahrhunderte war es still um diese Figurengruppe, selbst die Romantiker, die das Mittelalter wieder entdeckten und von denen etliche diese Zeit als die ideale Zeit verklärten, bemerkten sie nicht weiter.
Erst die Entwicklung der Fotografie lenkte das Augenmerk der Allgemeinheit auf die Figuren. Postkarten als Urlaubsgruß  sandten auch ein neues Schönheitsideal

450px-Naumburg-Uta

durch das Land. Die Figur der Uta von Ballenstedt hat es den Leuten angetan.
Ihre kühle Ausstrahlung, ihre elegante Körperhaltung, ihr zart geschnittenes Gesicht, schnell entstanden Legenden um die imaginäre Frau, von der die Geschichte nicht mehr zu sagen weiß als ihren Namen und den Namen ihres Gatten. Der Utakult entstand.
Da bürgerliche Bildung sich überwiegend an alten Griechen und Römern, der italienischen und französischen Kunst  in Malerei, Musik und Architektur ausrichtete und die vielen kleinen deutschen Staaten im Gegensatz zu den großen Ländern keine Kolonien erkriegen konnten, war in vielen deutschen Gemütern ein  Gefühl  des Zu-kurz-gekommen-Seins, dass in der schönen deutschen Uta Genugtuung fand, sie zum deutschen Sinnbild machte, zur Projektionsfläche für Propaganda, die es bis in den Schulunterricht schaffte.

uta

Generationen von Kindern wurde gelehrt, dass eine Forderung von Reparationsleistungen nach dem ersten Weltkrieg auch die Herausgabe der Stifterfiguren gewesen sein soll.
Eine Legende, denn erstens ist es rein technisch gar nicht möglich, man müsste den Dom abtragen und zweitens geben die Urkunden über Reparationsforderungen  eine solche Forderung nicht her.
Aber eine gute Ablenkung ist so eine Legende, nicht dass jemand sich Gedanken macht, welchen Kulturfrevel die eigene Regierung im Laufe des Krieges beging, indem zum Beispiel die wundervollen Pfeifen der Orgel im Altenburger Dom, auf der J.S.Bach gespielt hatte,für Rüstungszwecke eingeschmolzen wurde.

Gut wenn sich die Volksseele erzürnt, dass sich undeutsche Hände nach der deutschen Idealfrau und -gattin begierig recken sollen.

Uta wurde in der Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 den missliebigen Frauendarstellungen Dix’, Noldes und anderer gegenübergestellt und im Propagandafilm „Der ewige Jude“ von 1940 musste die Skulptur als Maß der „Reinheit“ dienen, die man mit Gewalt wiederherzustellen gedachte.
Dem Stifterpaar Ekkehard und Uta gegenüber steht der ältere Bruder Ekkehards, Markgraf Hermann und seine Frau, Reglindis, Tocher des Herzogs und Königs Boleslaw I von Polen.
Diese Figurengruppe ist meine persönliche Lieblingsgruppe.

Zu gern würde ich wissen wollen, was sich der Naumburger Meister dachte, als er diese Figuren schuf.
Reglindes ist in einem Lächeln abgebildet, ihr ganzer Körper lächelt, ihr Gesicht zeigt heiteres Vergnügen. Ihr Gatte ist ihr freundlich zugewandt.
Unglaublich für eine Arbeit aus dem 13. Jahrhundert, unglaublich, aber wunderbar.

Übel dafür, was die nationalsozialistische Ideologie daraus machte. So steht im

Bernburger Kalender 1938 über die Figuren des Bernburger Meisters:

„… aus seinem (Albrecht des Bären – L.P.) Geschlecht stammte Uta von Ballenstedt, die der Naumburger Meister als germanisch-nordische Gestalt der slavischen Reglindis, einer Tochter des Polen-Herzogs Boleslav Chrobry, mit feinstem Rasseempfinden gegenüberstellen wird.“

Der Uta-Rummel hält an, er hat die Ideologien überdauert. In Naumburg feierte man ein Uta-Treffen für Frauen namens Uta.
Hübsche Idee, noch besser wäre sie, wenn ebenfalls ein Reglindis -Treffen von der Stadt Naumburg ausgerichtet werden würde.

Da es weniger Reglindisse gibt als Utas, könnte man alle bekannten Schreibweisen

für die Tochter des Herzogs und Königs Boleslaw I von Polen dabei zulassen, also auch Regelindis oder Regelinda , Naumburg hätte ein Event mehr und  die stille Uta  wäre somit ein Stück mehr von nationalistischer Patina befreit.


Impressionen vom Naumburger Dom (2)

21. August 2009

Alten-Naumburg 147

Der Naumburger Dom St. Peter und Paul in Naumburg (Saale) ist die ehemalige Kathedrale des Bistums Naumburg.
Der Dom stammt größtenteils aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Spätromanik in Sachsen-Anhalt.
Der Westchor des Domes entstand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist mit dem Westlettner und den Stifterfiguren aus der Werkstatt des Naumburger Meisters eines der wichtigsten Bauwerke der Frühgotik überhaupt.

Zur Geschichte :

An der Ostgrenze des Deutschen Reiches lies in der Zeit um 1000 Ekkehard I. († 1002), Markgraf von Meißen auf einer 25 m hohen Erhebung am rechten Ufer der Saale Nahe der Unstrutmündung seinen neuen Stammsitz errichten, da sich hier mehrere Handelsstraßen kreuzten.
Den Namen Naumburg leitet man von neweburg oder Nuwenburg ab.

Seine Söhne Hermann und Ekkehard II. gründeten kurz darauf im westlichen Teil des Vorburggeländes eine kleine, der Hl. Maria geweihte Stiftskirche, die zum Jahr 1021 in der Merseburger Bischofschronik als praepositura noviter fundata erwähnt wird.
Weil Zeitz ein unsicherer Ort war, verlegte König Konrad II. auf Drängen der beiden Brüder 1028 den Bischofssitz von Zeitz nach Naumburg.
Diese Verlegung wurde von Papst Johannes XIX. im Dezember 1028 genehmigt.
Bald nach der Genehmigung etwa Frühjahr 1029, wurde unmittelbar östlich der Stiftskirche mit dem Bau der ersten frühromanischen Naumburger Kathedrale begonnen.
Sie wurde in der Amtszeit des Merseburger Bischofs Hunold, der zwischen 1036 und 1050 regierte, vor dem Jahr 1044 geweiht.
Das Patrozinium Peter und Paul wurde von der Zeitzer Kirche übernommen.

Alten-Naumburg 153

Die erste Naumburger Kathedrale war eine dreischiffige, kreuzförmige Basilika, die kleiner als der heutige Dom war.Um 1160/70 erhielt der frühromanische Dom eine Hallenkrypta. Diese Krypta wurde in den ab etwa 1210 entstehenden Domneubau übernommen. An der Stelle des heutigen Westchores erhob sich ursprünglich die Stiftskirche der ekkehardingischen Burg, die Kirche des Kollegiatstiftes St. Marien. Reste ihrer Mauern blieben in den Westtürmen erhalten.

Alten-Naumburg 157


Impressionen vom Naumburger Dom

20. August 2009

Leider durfte man den Domschatz nicht fotografieren, aber ein Bild von der in den Imperssionen Nr.1 schon gezeigten Tür  aus geschossen zeigt schon etwas von der Atmosphäre, die dieses Gewölbe hat.

Domschatz

Bevor ich zu den Stifterfiguren komme, von denen zwei den Dom in ganz Deutschland bekannt machten, möchte ich noch die Elisabethkapelle erwähnen und von den Fenstern dort das zeigen, was mir  möglich war aufzunehmen. Denn außen war eitel Sonnenschein , der sich auch durch die Scheiben drängte und jeden weiteren Fotoversuch sinnlos machte.

Alten-Naumburg 179

Anlässlich des 800. Geburtstages der Heiligen Elisabeth von Thüringen wurde die Firma Domglas Naumburg Ende 2007 durch den  Naumburger Dom  betraut, die Arbeit des Leipziger Künstlers Neo Rauch, der seine Entwürfe gespendet hatte, umzusetzen.
Neo Rauch gehört zu den Malern der neuen Leipziger Schule und ist nach der Wende in Amerika ein sehr geschätzten Künstler geworden. Brad Pitt soll eines seiner Bilder (Titel: Etappe) besitzen – ein bisschen Tratsch muss sein ;-) .

Die drei Darstellungen in rotem Überfangglas umfassen den Abschied, die Kleiderspende sowie Elisabeth am Bett einer Aussätzigen, alle Motive in das 20. Jhd. übertragen, auf jeweils etwa 1,4 m hohen, metallgefaßten Scheiben.

Das Rot gibt der Kapelle eine ganz eigene Stimmung.

Alten-Naumburg 180

Alten-Naumburg 181

Diese Figur ist eine der ältesten Darstellungen der hlg. Elisabeth von Thüringen, sie wird auf 1235 datiert.


Jahreskongress der europäischen Märchengesellschaft

20. August 2009

Jahreskongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V.

23. – 27. September 2009 „Außenseiter im Märchen“

Die Europäische Märchengesellschaft e.V. vereinigt Erzähler/innen, Wissenschaftlern/innen, Künstlern/innen und interessierte Laien. Sie erforscht, pflegt und verbreitet das europäische Märchengut, informiert mit Kongressen, Tagungen, Seminaren, Lese- und Erzählveranstaltungen und bildet Erzähler/innen aus.

Beim diesjährigen Thema fragen wir:

Wie gehen die Märchen mit Außenseitern um, die sich entweder selbst ausgrenzen (etwa alte weise Frauen und Männer) oder von der Gemeinschaft ausgegrenzt werden (etwa Bettler, Dumme, körperlich Behinderte oder Absonderliche, Aschenputtel oder Opfer von Verwünschung oder Verzauberung)? Haben sie teil am sprichwörtlichen glücklichen Ende? Welches Licht fällt von den Märchen auf die heutige Minderheitenproblematik?

Alle Interessierten sind zu den Veranstaltungen herzlich eingeladen. Zentraler Veranstaltungsort ist das Stadttheater. Es gibt ein separates, ausführliches Programm.

Lassen Sie sich an den Kongresstagen von den Märchen bezaubern und öffnen Sie sich ihren Botschaften zu zentralen Lebensfragen!

Auf folgende Veranstaltungen weisen wir schon jetzt hin:

Mittwoch, 23. September 2009

* 14 Uhr: Die Märchenkarawane zieht durch die Lange Straße (Bernhardbrunnen – Rathaus). An bestimmten Haltepunkten werden Märchen erzählt. Kostümierte Schulkinder begleiten die Karawane.

* 20 Uhr: Die Lichtpromenade Lippstadt als Weg der Märchen und Mythen (Dirk Raulf, Sprecherin Marion Mainka), Märchenerzählen zum Thema zweier Lichtkunstwerke.

Ort: Stadttheater Lippstadt, Eintritt: 8,- €. Anschließend „Spaziergang zur guten Nacht“

Donnerstag, 24. September 2009

* 9 – 12.30 Uhr: Einstimmung durch Schülerinnen und Schüler Lippstädter Gymnasien, Voträge im Stadttheater Lippstadt, Eintritt pro Vormittag: 10,- €

* 16 – 18 Uhr: Arbeitsgemeinschaften (sofern noch freie Plätze), Listen im Kongressbüro Mikolaischule bzw. Ostendorf Gymnasium, Eintritt pro Arbeitsgemeinschaft 8,- €

* 19.15 – 19.45 Uhr: Meditative Orgelmusik mit Harduin Boeven in der Nikolaikirche, Eintritt frei

* 20.15 Uhr: Märchenerzählen für Erwachsene, Ort: Forum des Ostendorf Gymnasiums und in der Thomas-Valentin-Stadtbücherei, Eintritt: 3,- €.

Freitag, 25. September 2009

* 9 – 12.30 Uhr: Vormittagsveranstaltung wie am Donnerstag, 24. September

* 16 – 18 Uhr: Arbeitsgemeinschaften wie am Donnerstag, 24. September

* 20 Uhr: Premiere der Theaterinszenierung von Dagmar C. Weinert mit sensibel eingewobenen tänzerischen, musikalischen und filmischen Elementen zum Grimmschen Märchen „Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein“.

Ort: Stadttheater Lippstadt, Eintritt 10,- €, ermäßigt 6,- €.

Samstag, 26. September 2009

* 9 – 12.30 Uhr: Vormittagsveranstaltung wie am Donnerstag, 24. September

* 16 Uhr: Katharina Randel: „In Teufels Küche“, Ein Märchenspiel mit Puppen zum Grimmschen Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“

Ort: Thomas-Valentin-Stadtbücherei, Eintritt: Erwachsene 5,- €, Kinder 3,- €.

Von Mittwoch bis Samstag: Märchenerzählen für Groß und Klein in der Jurte der Pfadfinder zwischen Stadttheater und Ostendorf-Gymnasium, Eintritt frei.


Die Geduld des Rosenzüchters

16. August 2009

Mein Nachbar war ein Rosenzüchter.
Er war ein stiller Mann,
der Glück bei seinen Rosen fand.
Die kreuzte er,
ein Ideal vor Augen
das wir nicht sahen.
Uns war da alles schön,
was ihm entstand.
Ihm auch,
doch wars noch nicht
wonach er suchte.
Damit nicht verkommt,
was ins Leben gezogen
bepflanzte er die Straßenböschung
mit  namenlosen Rosen,
die ihm noch nicht genügten.
Zweimal in seinem Leben
wuchs, was er erhoffte
und das jetzt Namen trägt.
Dank ihm ist unsre Heimat
nun voller Rosensträucher.
Mein Nachbar mir ein Vorbild ist,
in Zuversicht und Langmut.
So tröstend der Gedanke ist,
dass auch von meinem Tun
wohl etwas bleibt,
bepflanzter Straßenböschung gleich,
selbst wenn ein großes Ziel
nicht zu erreichen scheint.

-Gemini-


Gedicht der Woche 33/2009

15. August 2009

Hermann von Lingg

Das Krokodil

Im heil’gen Teich zu Singapur,
Da liegt ein altes Krokodil
Von äußerst grämlicher Natur
Und kaut an einem Lotosstiel.
Es ist ganz alt und völlig blind,
Und wenn es einmal friert des Nachts,
So weint es wie ein kleines Kind,
Doch wenn ein schöner Tag ist, lacht’s.

de-malvorlagen-ausmalbilder-foto-krokodil-p3053


Erzählung der Woche 33/2009

15. August 2009
27.
Der Tod und der Gänshirt.

Es ging ein armer Hirt an dem Ufer eines großen und ungestümen Wassers, hütend einen Haufen weißer Gänse. Zu diesem kam der Tod über Wasser, und wurde von dem Hirten gefragt, wo er herkomme, und wo er hin wolle? Der Tod antwortete, daß er aus dem Wasser komme und aus der Welt wolle. Der arme Gänshirt fragte ferners: wie man doch aus der Welt kommen könne? Der Tod sagte, daß man über das Wasser in die neue Welt müsse, welche jenseits gelegen. Der Hirt sagte, daß er dieses Lebens müde, und bate den Tod, er sollte ihn mit über nehmen. Der Tod sagte, daß es noch nicht Zeit, und hätte er jetzt  sonst zu verrichten. Es war aber unferne davon ein Geizhals, der trachtete bei Nachts auf seinem Lager, wie er doch mehr Geld und Gut zusammenbringen mögte, den führte der Tod zu dem großen Wasser und stieß ihn hinein. Weil er aber nicht schwimmen konnte, ist er zu Grunde gesunken, bevor er an das Ufer kommen. Seine Hunde und Katzen, so ihm nachgelaufen, sind auch mit ihm ersoffen. Etliche Tage hernach kam der Tod auch zu dem Gänshirten, fand ihn fröhlich singen und sprach zu ihm: „willst du nun mit?“ Er war willig und kam mit seinen weißen Gänsen wohl hinüber, welche alle in weiße Schafe verwandelt worden. Der Gänshirt betrachtete das schöne Land und hörte, daß die Hirten der Orten zu Königen würden, und indem er sich recht umsahe, kamen ihm die Erzhirten Abraham, Isaac und Jacob entgegen, setzten ihm eine königliche Krone auf, und führten ihn in der Hirten Schloß, allda er noch zu finden.

Der Tod und der Gänshirt war nur in der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen enthalten.
Es stammt aus Georg Philipp Harsdörffers Sammlung Der grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichten.

Der Tod und der Mann


Impressionen aus Naumburg (2)

15. August 2009

Alles habe ich nicht gesehen an diesem Tage in Naumburg, aber was ich sah, hat mich beeindruckt. Mir schien, als ob der Dom mit seiner Schönheit die Bürger beeinflusste, auch die eigenen Häuser schön zu gestalten, mit den Mitteln, die ihnen gegeben sind.

Durch einen Klick auf die Bilder erhält man eine größere Ansicht


Impressionen aus Naumburg

13. August 2009

Marktplatz in Naumburg

Im Urlaub war  ich mal wieder alte Spuren deutscher Geschichte suchen und gelangte so über die Südroute der Straße der Romanik in die wunderschöne Stadt Naumburg.
Naumburg, kennt wohl jeder aus dem Geschichtsunterricht wegen dem Naumburger Dom.
Und diesen Dom wollte ich  endlich mal besuchen, die edle Uta und die fröhliche Reglindis sehen. Werde auch noch davon berichten.
Aber zuerst möchte ich zeigen, was mich am intensivsten beeindruckte, Kleinigkeiten scheint es, gemessen am riesigen Dom, Arbeiten des Leipziger Künstlers Heinrich Apel um 1972/73.
Erst fielen mir die von ihm gestalteten Türen zum Domschatz , den ich zuerst besichtigte, auf.

Naumburger Dom - Jakob träumt die Himmelsleiter
Ganz nebenbei bemerkte ich einen Handlauf aus Bronze, auf dem die Spuren nackter Füße zu sehen , die von einer Tür wegführten, auf der die Geschichte des „verkauften“ Erstgeborenenrechts dargestellt war.
Alten-Naumburg 136Detail Tür zum Domschatz - LinsengerichtDetail Tür zum Domschatz Esau

Handlauf zum Domschatz

Im Dom selbst dann entdeckte ich einen weiteren Handlauf, der unschwer als „Der heilige Franziskus predigt den Tieren“ zu erkennen.
Wer es nicht kennt, es wird  aus dem Leben des heiligen Franz überliefert:

„Als er sich Bevagna näherte, kam er an einen Ort, an dem eine große Menge Vögel verschiedener Art zusammengekommen war: als Franziskus dieselben sah, lief er zu ihnen und begrüßte sie, als wären sie der Vernunft teilhaftig. Sie aber alle erwarteten ihn und wandten sich zu ihm, als er sich ihnen näherte, Franziskus ermahnte sie alle , das Wort Gottes zu hören, indem er sprach:

»Meine Brüder Vöglein, gar sehr müsst ihr euren Schöpfer loben der euch mit Federn bekleidet und die Flügel zum Fliegen gegeben hat; die klare Luft wies er euch zu und regiert euch, ohne dass ihr euch zu sorgen braucht«.

Als er ihnen aber dies und ähnliches sagte, begannen die Vögel, in wunderbarer Weise ihre Freude bezeugend, die Hälse zu recken und die Flügel auszubreiten. Er selbst aber  schritt mitten durch sie hin und berührte sie mit seinem Gewande; und dennoch bewegte keins sich von der Stelle, bis er das Zeichen des Kreuzes machte und ihnen mit dem Segen des Herrn die Erlaubnis gab.
Da flogen sie alle zugleich von dannen. Dies alles sahen die Genossen des Franziskus, die am Wege warteten und erzählten es weiter.“

Handlauf im Naumburger Dom -  Franziskus predigt

Alten-Naumburg 163Alten-Naumburg 168

Naumburger Dom-Franziskushandlauf


wäre ich eine Tarotkarte, wäre ich…

12. August 2009
www.annak-tarot.at

www.annak-tarot.at

Eigenschaften:

Schicksalhafte Begegnungen, Glücksfälle, Zufälle, Veränderungen, Stagnation, Resignation, Ende einer Periode

Durch die Drehung des Schicksalsrads verliert der Reisende die Möglichkeit zum aktiven Handeln und/oder setzt sich ein bestimmtes Ziel. Das Rad des Schicksals kann sowohl großes Unheil bringen, aber auch Glück schaffen. Wichtig ist, das eigene Schicksal zu akzeptieren.

Jedenfalls ergab das der Test. Tja, und ich wäre so gern die Mäßigkeit gewesen… wollt schon immer ein Engel sein.
Naja, vielleicht, wenn ich meine Farbwahl nochmal überprüfe, oder die Beschäftigungen überdenke…
ach, was solls, Leben passiert einem – hat auch Berechtigung.

So ist die Frage auch nicht sauber gestellt, nie könnte ich eine Karte sein,ich bin ja nicht „von Pappe“, wohl aber kann meine Persönlichkeit viel von der Aussage einer Tarotkarte in sich haben,
nur diese hier bietet eine so große Bandbreite, größer, als man es zur Persönlichkeitskennzeichnung haben möchte.
Unberechenbar könnte man sagen, aber das wäre schon sehr kritisch geschaut, mit dem Schicksal nicht hadernd ginge auch, das gefällt mir irgendwie.
Aber der kleine Test ist eine schöne Möglichkeit, mal auf mein zur Zeit liebstes Deck aufmerksam zu machen (obwohl da die Mäßigkeit gar kein Engel ist)

Was macht denn der Test aus Euren Antworten für ein Bild?


Danke Willy DeVille

9. August 2009

Und wieder mal eine Nachricht, die mich nachdenklich macht und mir sagt, altes Mädel, werd spontaner! Nutze die Chancen, die sich Dir bieten, sie könnten einmalig sein.

Die von mir vergeudete Chance war, ein Konzert von Willy DeVille zu besuchen.

Willy DeVille ist nämlich am Freitag verstorben, im Alter von 58 Jahren. Und ich hatte es versäumt, naja, eher habe ich es mir verkniffen, sein Konzert im Postbahnhof zu besuchen, da mein regelmäßiges Einkommen mäßig ist… Später, ein andermal, wenn ich eher von dem Konzert erfahren werde und ansparen kann, waren meine Gedanken.

Die Nachricht von seinem Tod lässt mich daran erinnern, wie er mir als Musiker ins Bewusstsein kam.

Es war 1981 wir wohnten da  in Ostberlin mit zwei Kindern in einer Zweiraumwohnung, wohnten und schliefen also in einem Zimmer

Mein musikbegeisterter Mann nahm jeden Rockpalast mit dem Tonbandgerät auf und übertrieb es dann auch manchmal mit der Lautstärke, so dass ich oft aus dem Schlaf gerissen wurde.

Wieder mal war ich deshalb verärgert und wollte ihm so richtig die Meinung sagen, da betrat gerade igitt, ein komischer dürrer Typ mit dünnen Oberlippenbart und Entenfrisur, im Anzug mit Samtkrägelchen die Bühne, eindeutig Don Ferrando aus dem Mosaik, der griff sich ein Akkordeon und legte los…

Ich war im Nu putzmunter, hatte gar nichts mehr zu meckern, nur noch zu staunen.

Die Faszination von damals hat angehalten, bis heute.

Seine Vita:

Bürgerlicher Name: William Borsay

geboren:    27. Augut 1950

gestorben: 06. August 2009

1974 gründete die Band Billy De Sade & The Marquis , die sich kurze Zeit danach in Mink DeVille umbenannte.

Der erste Hit war „Spanish Stroll“, mit dem die Gruppe 1977 internationale Aufmerksamkeit erlangte. Im selben Jahr zeichnete das Rolling-Stone-Magazine das Debut-Album „Mink DeVille“ als besten Album des Jahres aus.

Bis Mitte der 80er-Jahre veröffentlichte Mink DeVille eine Reihe erfolgreicher Alben.
Danach zog Willy DeVille nach New Orleans, veröffentlichte als Solist Platten und tourte weltweit.

Im Laufe seiner Karriere trat er mit Musik-Größen  auf wie

Bruce Springsteen,
Brenda Lee,
Van Morrison,
Tom Waits,
Los Lobos

und, und, und….

Nun, denken wir uns, dass er jetzt mit Jimi Hendrix , Muddy Waters,

Buddy Holly und John Lee Hooker musiziert, himmlisch lebendige Musike, höllisch gut, bittersüß.

Wir erfreuen uns derweil weiter an den vorhandenen Tonaufnahmen.


Gedicht der Woche 32/2009

8. August 2009

Das Hohelied der Liebe

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete,
hätte aber die Liebe nicht,
wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.

Und wenn ich prophetisch reden könnte
und alle Geheimnisse wüßte
und alle Erkenntnis hätte;
wenn ich alle Glaubenskraft besäße
und Berge damit versetzen könnte,
hätte aber die Liebe nicht,
wäre ich nichts.

Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte,
und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe,
hätte aber die Liebe nicht,
nützte es mir nichts.

Die Liebe ist langmütig,
die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht,
sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf.

Sie handelt nicht ungehörig,
sucht nicht ihren Vorteil,
läßt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach.

Sie freut sich nicht über das Unrecht,
sondern freut sich an der Wahrheit.

Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.

Die Liebe hört niemals auf.
Prophetisches Reden hat ein Ende,
Zungenrede verstummt,
Erkenntnis vergeht.

Denn Stückwerk ist unser Erkennen,
Stückwerk unser prophetisches Reden;

wenn aber das Vollendete kommt,
vergeht alles Stückwerk.

Als ich ein Kind war,
redete ich wie ein Kind,
dachte wie ein Kind
und urteilte wie ein Kind.
Als ich ein Mann wurde,
legte ich ab, was Kind an mir war.

Jetzt schauen wir in einen Spiegel
und sehen nur rätselhafte Umrisse,
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich unvollkommen,
dann aber werde ich durch und durch erkennen,
so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

Paulus von Tarsus, 1. Korintherbrief



Erzählung der Woche 32/2009

8. August 2009

Die Schreiblaube

von Patricia Koelle

Die Großstadt braust, brummt, hupt und zischt rundherum als beherrsche sie alles bis auf den Himmel. Inmitten dieses fordernden Wirbels liegt unser Garten, das Auge des Sturms, ein angehaltener Atemzug. Ich halte ihn an, solange ich will, denn hier gilt eine andere Zeit.
Die kleine Laube, ein Rosenbogen eigentlich nur, gewann ich bei einem Literaturwettbewerb. Unter anderem darum finde ich hier den Mut zu schreiben, treffe Geschichten an, als wüchsen sie mit den Ringelblumen, die sich selbst aussäen, mit der schwarzäugigen Susanne, die sich immer näher zum Himmel um den Bogen schlingt, mit der Rose, die sich darauf stützt und auch im November noch Blüten treibt. Hier sitze ich, die Füße im Tau, eine Brise im Haar, neugieriger Morgen um mich, dann schläfriger Mittag, duftender Abend. Die Laube ist mein Ohr am Dasein und an anderen Existenzen, ist die Muschel, die ich an mein Denken halte und in der ich das Rauschen der Worte höre, ist die Linse, durch die ich meinen Blick schärfe.
Mit dem Stift in der Hand lasse ich Leben entstehen und erfinde Altes neu, lasse Neues alt werden. Drachen werden geboren und besiegt, Hoffnungen auf Reisen geschickt, verlorene Ideen eingefangen und verschüttete Träume ausgegraben. Kindheiten, Krisen und Weisheiten flattern schmetterlingsgleich durch die Blätter, schwer zu greifen, während Vulkane erzittern und Wolken Dramen austragen. Ich wandere in anderer Menschen Leben umher und schaffe eisigen Winter mitten in dickflüssiger Sommerhitze. Verstorbenen Freunden begegne ich wieder und gehe ein Stück mit ihnen, führe Gespräche die es hätte geben können. Fremde tauchen auf und hinterlassen ihre Erlebnisse in meinen Notizen. Wenn ich es heraufbeschwöre, fließen Ozeane zwischen den Farnen hindurch und einen Augenblick später weiten Wüsten den Horizont, alles innerhalb der Buchsbaumhecke. Ich erschrecke mich selbst und triumphiere gleichzeitig über uralte Zweifel. Der Rost auf dem Stuhlsitz hinterlässt inzwischen eine Landkarte auf meiner Hose und unter dem kleinen, hinkenden Tisch bauen Ameisen derweil unbeeindruckt ihr eigenes Rom auf sieben Hügeln.
Mehr Freiheit ist nicht möglich, nichts größer als die kleine Laube, in der alles zu finden ist, alles erlebt werden kann, alles gehört und geschrieben. Sie ist ein Punkt nur in der Welt, doch in ihr setze ich Punkte unter Welten.

Bildquelle: vistaprint

Bildquelle: vistaprint

Patricia Koelle schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Sie ist u.a. Autorin der Kurzgeschichtenbände: Die Füße der Sterne und Der Weihnachtswind und ist Mitherausgeberin der Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten
mauerstuecke Sternfuss weihnachtswind


Gedicht der Woche 31/2009

1. August 2009

Die Roggenmuhme

von Jacob Loewenberg

Das Mägdlein spielt auf dem grünen Rain,
die bunten Blumen locken.
„Nicht sieht mich die Mutter“ – Ins Korn hinein
schleicht sacht es auf weichen Socken.

„Die roten und blauen Blumen wie schön!
Die will ich zum Kranz mir winden;
doch weiter hinein ins Feld muß ich gehn,
dort werd’ ich die schönsten finden.“

Und weiter eilt es. Gefüllt ist die Hand,
da will es zurück sich wenden.
Es läuft und läuft und steht wie gebannt,
das Korn will nimmer enden.

„Hinaus zum Rain, zum Sonnenlicht!
Wo blieb die Mutter, die süße?“
Die Halme schlagen ihm ins Gesicht,
die Winde umschlingt die Füße.

Und horch, da rauscht’s unheimlich bang,
die Ähren wallen und wogen.
„Da kommt – ach, daß ich der Mutter entsprang -
die Roggenmuhme gezogen!“

Sie kommt heran auf Windesfahrt,
die roten Augen blitzen,
gelb ist die Wange, langstachlicht ihr Bart,
die Haare sind Ährenspitzen.

„Wie kommst du her in mein Revier
und gehst auf verbotenen Pfaden?
Was raubst du meine Kinder mir,
Kornblumen und Mohn und Raden?

Weh dir!“ Sie streckt die Hand nach ihm aus,
es fühlt die stechenden Grannen.
„Nimm hin deine Blumen, und laß mich nach Haus!“
Und bebend stürzt es von dannen.

Fort, fort zur Mutter! Das Korn nimmt kein End’,
vergebens will es entwischen,
die Roggenmuhme dicht hinter ihm rennt,
die Ähren höhnen und zischen.

Schon fühlt es, wie ihr Arm es umschlingt.
„Erbarme dich mein, erbarme!“
Dort ist der Rain. „O Mutter!“ – Da sinkt
das Kind ihr tot in die Arme

Darstellung der Sif, Ursprung der Roggenmuhme

Comic- Darstellung der Sif; diese Korngöttin ist in christlicher Zeit abgeschliffen zur hässlichen und fahlen Roggenmuhme, dem personifizierten Hitzetod