Gedichte für Kinder und Kindgebliebende

30. Juli 2009

Ist geschenkt…

Als Raupe schon da zeigte er viel
von seinen schönen Farben,
die mit ihrem Zusammenspiel
viel Sympathie erwarben.
Es waren Streifen schwarzgrünweiß,
und orange gefärbte Tupfen.
Nie fraß er von dem Edelweiß,
nur Möhrenkraut sah man ihn rupfen.
Und ab und an von Petersilie
und Maggikraut ein wenig noch,
doch nie nagte er an der Lilie…
Tief im Konkon er sich verkroch,
darin den Winter dann verbracht,
sich neu sortiert, wie man das nennt.
Dem Konkon ist er, abgeflacht
im Lenz entschlüpft; nun man erkennt,
es ist der schöne Schwalbenschwanz,
der durch die Kleingärten flattert.
Der uns  entzückt mit luftigem Tanz,
jetzt fragt keiner, ob er Möhren ergattert.

-Gemini-

schwalbschwraupe


Der Mittelaltermann

30. Juli 2009

War gestern zu einer Autorenlesung im Cafe Sibylle.

Vorgestellt wurde, anlässlich der am nächsten Wochenende stattfindenen Berliner Biermeile, das Buch „Der Mittelaltermann“.

DSCF0805

Der Autor, Klaus Fischer, brachte sich zur Verstärkung Eberhard Schollmeier mit, den Meier von der Scholle, welcher als Gambrinus alljährlich die Berliner Biermeile besucht und u.a. Mittelalterbiere präsentiert.
Im Cafe Sibylle aber lieh er dem Autor seine Stimme und las eine gute Stunde bei einem Glas Wasser für uns Episoden aus dem Leben des Mittelaltermannes Urian.
Eine starke Leistung, wenn man bedenkt, dass es in den Texten überwiegend um Bier geht…
Also ich habe meine Getränkewahl beim hören dann irgendwie bereut, mir war meine gute Weinschorle dann doch nicht das, was mir ein Bier gewesen wäre.
Kräftig deftige Kost kann ein Bier gut vertragen.

Das Buch erinnert mich durch die Art, wie es erzählt, ein wenig an Christian Reuters  Schelmuffskis Abenteuer zu Lande und zu Wasser…. oder wie der Titel da nun genau geht, es ist ebenso unterhaltsam, humorvoll und zeiterklärend. Der Hinweis, dieses Buch sollte nur Erwachsenen unter die Augen kommen hat, nebenbei bemerkt, durchaus Berechtigung.

Der Verlag stellt das Buch folgenderweise vor:

Freihändig bei vollem Geiste mithilfe allerhand geleerter Humpen aufgeschrieben un hinterlassen.

Eine literarische Eulenspiegelei …
Urians leutlich Erlebtes rund um Jenas Schnapphans.
Unglaubliche Schilderungen aus alten mitteldeutschen Zeiten: derbdrollig, sittsam, offen – wahrhaftig und ehrlich wie gesponnen und geflunkert. Reich bebildert und mit sachlichem Anhang für Einheimische wie Touristen.

Achtung! Dieses Buch sollte nur Erwachsenen unter die Augen kommen.

Erzählt wird also von einem Manne des Mittelalters, der geheißen ward URIAN. Doch, obwohl sich dieser Name vom Teufel herschreibt, ist unser Bursche ein Gutmensch gewesen, dessen erstaunlicher Lebenslauf voller Derbdrolligem nun allhiero ausgebreitet wird. Manches ist verwirrend, ohnglaublich und auch mal unbegreiflich und kaum stimmig, aber, es war wohl so gewesen. Und es ist von mir, der auch nicht alles verstanden hat, so in gefälliger Form wiedergegeben worden, wie es Urian am Ende seines Hierseins eigenhändig ursprünglich aufgeschrieben hatt. Niemand seines Umfeldes wußte in jener Zeit von Urianen alles. Die Leute behausten gemarkig ihre Schollen im Saale-Tal oder Häuser in den verwinkelten Gassen, jeder kümmerte sich meistens um sich und die Seinen. Genaues kannt selten wer, geschweige ahnte man, was der Urian alles sehen, hören, schmecken, riechen und fühlen hat gemußt. Und er selbst wußt ja auch nicht, was kommen und ihm widerfahren würde. Ab- und aufgeschrieben werden soll das also nune gleich, abschöpfend Urians ureigenster schriftlichen Aussagen, die enthüllen, welch wohlgelittener Bürger, Familienmensch, item auch Einsambold, er einst gewesen – seinerzeit im alten Doringen = heutigentags freies Thüringen! Die Mär kündet von einem, der vieles war und sein Lebtag Erlebnisse anhäufelte, die wohl kaum einem anderen Manne vor und nach ihm begegneten. Nichts menschliches, auch nichts unmenschliches, blieb ihm fremd. Alles wurzelt hierzulande im Dasein. Was ihn umgab und lenkte, waren die Wohllust und -last – meistens der anderen. Umher verdampften auf den Wirtshaus-Tischen Pfützen von Bier, Wein und Schnappiß, geschwängert von Braten-Glut und Pfeifen-Qualm. Aus den unteren Gefilden stieg Stank auf, vermischt mit Lenden-Dämpfen. Es war halt der Leibs-Dunst des Mittelalters, der noch viel mehr in seinen Falten und Runzeln hatte. Das Geschnäuf seiner Zeit waberte um Urahn Urian. In all diesen Läufften mußte er sich allweil zurechte finden.

268 S., geb., 39 s/w. Abb., 36 farbige Abb.
Titelgrafiken von Peter Muzenieck

ISBN 978-3-939465-45-4

Mittelaltermann CoverWeb

mein Herr Gatte wird es übrigens zum Geburtstag bekommen, sogar mit einer persönlichen Widmung vom Autor und einer Unterschrift von Gambrinius  aufgehübscht – übrigens auch immer ein guter Grund, eine Autorenlesung zu besuchen, man kann sein Geschenk besonders machen lassen und den Autor freuts auch




wo ich wohne – Gedichte und Bilder

29. Juli 2009

Der Kinderspielplatz

Der Kinderspielplatz hinter meiner Straße

ist eingefriedet mit einem Gitterzaun.

Ein paar Bänke stehen da

und Abfalleimer.

Gelber Kies im Buddelkasten,

vor ewigen Zeiten ausgetauscht.

Ein buntes Klettergerüst aus Plast

in seiner Mitte.

Die Spielwiese , der guten Ordnung halber,

stets kurz gemäht.

Zwischen Gitterzaun und Bürgersteig,

wo kein Mäher sie erreicht

heckten  weiße und blaue Wiesenblumen.

Berlin-olymp 022

-Gemini-


Wo ich wohne – Gedichte und Bilder

27. Juli 2009

Zwei Seiten meiner Straße


Die Straße, wo ich wohne,

teilen dreispurige Fahrbahnen,

auch noch ein Streifen Grün.

Zwei Seiten hat sie,

eine ist hell,

die andre beschattet.

In der Wirklichkeit

wie in der Geschichte.

Mehr Arbeit

bei unverbessertem Dasein,

wen wollte man so überzeugen?

Fünfundfünfzig starben deshalb.

Geblieben ist die Erinnerung

an verschiedene Hoffnung.

Schiefe Fußböden auch.

In der Straße, wo ich wohne,

stehen nur weiße  Häuser.

Die leuchten am Tage,

erhellen die Nacht und

spiegeln die blutrote Sonne.

Als Kind

lebte ich auf der hellen Seite,

doch hab ich die Seite gewechselt.

Jetzt seh ich das Helle besser.

Berlinmorgen 014


Erzählung der Woche 30/2009

25. Juli 2009

König Rother

König Rother hatte seinen Sitz  in der Stadt Bare am Westmeer(Bari in Apulien).
Er sandte Boten, die für ihn um die Tochter des Königs Konstantin zu Konstantinopel  werben sollten. Als sie hinschiffen wollten, ließ er seine Harfe bringen. Drei Leiche (Spielweisen) schlägt er an; sagt, sie würden seiner Hilfe sicher sein, wenn sie diese Weisen hörten.
Jahr und Tag vergingen, die Boten kehrten nicht zurück.
Konstantin, ließ sie in einen Kerker werfen, wo sie weder die Sonne noch den Mond sahen.
Frost, Nässe und Hunger litten sie; ja sie mussten das Wasser, das im Kerker stand trinken, um nicht zu verderben.
Auf einem Stein saß Rother drei Tage und drei Nächte lang, ohne zu sprechen, um seine Boten trauernd.

Dan riet Berchters von Meran, Vaters von sieben der Boten, zu einer Heerfahrt, um sie entweder zu retten oder aber  zu rächen.
Das Heer sammelte sich; und man sah auch den König Alprian, den kein Roß trug, mit zwölf riesenhaften Mannen daherschreiten; der grimmigste unter ihnen war Widolt mit der Stange. Der wurde wie ein Löwe an der Kette geführt und nur zum Kampfe losgelassen.
Bei den Griechen angekommen, nahm Rother den Namen Dietrich an. Er ließ sich vor Konstantin auf Knien nieder; erklärte, er suche Schutz vor König Rother und biete dafür seinen Dienst an.
Konstantin wagte sich nicht, der Bitte zu versagen, den die Fremden beeindruckten durch Pracht und Übermut.
Den zahmen Löwen des Königs Konstantin, der von des Königs Tischen das Brot nahm, warf Alprian an die Wand, dass er zerschmetterte.
Rother verschaffte sich, ganz nach Berchters Rat, mit reichen Spenden großen Anhang.

Da klagte die Königin, dass ihre Tochter dem versagt wurde, der solche Männer vertrieben hatte. Die Tochter wollte den Mann sehen, von dem so viel gesprochen wurde.
Am Pfingstfeste, als sie mit ihren Jungfrauen zu Hofe kam,gelang es ihr nicht wegen dem Gedränge der Gaffer um die Fremden.
Als es in der Kammer still wurde, ging ihre Dienerin Herlind, Rother bescheid zu geben. Er stellte sich scheu, ließt aber seine Goldschmiede schnell zwei silberne Schuhe gießen und zwei goldene. Von jedem Paar schickte er der Königstochter einen, beide für denselben Fuß.
Bald darauf kam Herlind zurück, den rechten Schuh zu holen und den Helden nochmals einzuladen.
Da ging er hin mit zwei Rittern, setzte sich der Jungfrau zu Füßen und zog ihr die Goldschuhe an. Dabei fragte er sie, welcher von ihren vielen Freiern ihr am besten gefalle.
Sie will immer Jungfrau bleiben, wenn Rother nicht der Ihre werde. Da sprach er: „Deine Füße stehen in Rothers Schoß.“
Erschrocken zog sie den Fuß zurück, den sie in eines Königs Schoß gesetzt. Aber sie zweifelte noch.
Sie zu überzeugen, berief er sich auf die gefangenen Boten.

Darauf erbat sie von ihrem Vater, zum Heil ihrer Seele die Gefangenen baden und kleiden zu dürfen.
Zerschunden und verschwollen kamen diese aus dem Kerker. Der graue Berchter sah, wie seine schönen Kinder zugerichtet waren; aber er wagte nicht zu weinen.

Die Gefangenen sprachen untereinander: „Sahst du den Greis da stehen, mit dem schönen Barte, der mich so wunderbar aufmerksam anschaute. Er wandte sich um und rang seine Hände, er wagte nicht zu weinen und zeigte doch die schmerzlichste Gebärde. Wie, wenn der gnädige Gott ein großes Zeichen tun will, daß wir von hinnen kommen? Fürwahr, Bruder, es mag wohl unser Vater sein.“

Als sie darauf an sicherem Orte, wohlgekleidet, bei Tisch saßen, schlich Rother sich mit der Harfe hinter den Vorhang. Ein Leich erklang. Der da gerade trinken wollte, der goß es auf den Tisch; der da gerade Brot schneiden wollte, dem entfiel das Messer. Sinnlos vor Freudes saßen sie und horchten, woher das Spiel komme.
Laut erklang der andere Leich; da sprangen  zwei von ihnen über den Tisch, und grüßen und küssen den mächtigen Harfner.
Die Jungfrau sah nun, dass es König Rother war.

Nun wurden die Gefangenen besser gepflegt; sie wurden frei (ledig) gelassen, als der falsche Dietrich sie verlangte, um Ymelot von Babylon zu bekämpfen, welcher mit großem Heer gegen Konstantinopel heranzog. Nach gewonnener Schlacht wurde Dietrich mit seinenleuten vorangesandt, um den Frauen den Sieg zu verkünden. Er meldete aber, Konstantin sei geschlagen und Ymelot würde kommen, die Stadt zu zerstören. Die Frauen baten ihn, sie zu retten, und er führte sie zu seinen Schiffen.
Als die Königstochter das Schiff bestiegen hatte, stieß er ab; gab sich zu erkennen und fuhr, begleitet von dem Segen der Königin, die ihren Lieblingswunsch erfüllt sah, dass ihre Tochter des gewaltigsten Königs Frau geworden ist, in die Heimat.

Aber Rothers junge Gattin wurde durch einen listigen Spielmann wieder zu ihrem Vater heimgebracht und Rother fuhr mit seinen Mannen wieder nach Konstantinopel,verbarg die Männer  in einem nahen Walde, während er selbst als Pilger verkleidet in die Stadt zog. Dort kamt er gerade noch zur rechten Zeit, um Zeuge zu werden, wie seine Gattin gezwungen wurde, dem Sohn des heidnischen Königs, den er besiegt hatte, die Hand zu reichen. Beim Hochzeitsmahl steckte er ihr einen Ring zu, an dem sie ihn erkannte; aber auch den anderen Anwesenden bleibt er nicht verborgen. Zum Tode verurteilt, wählt er sich selbst die Richtstätte vor gerade dem  Wald, indem die Seinen versteckt lagen. Im entscheidenden Augenblick brachen die Getreuen hervor und richteten ein furchtbares Blutbad unter den Heiden an.
Konstantin demütigte sich vor Rother, und dieser kehrte mit der Gattin und seinen Mannen wieder heim.

Bildquelle: www.atelier-verdande.de

Bildquelle: www.atelier-verdande.de

———————————————————————

Vollständig ist der König Rother nur in einer Handschrift erhalten, die aus dem Gebiet des Mittelrheins stammt. Kleine Bruchstücke einer anderen älteren Handschrift weisen nach Bayern. Die Darstellung in dieser ist weniger breit, durch formelhafte Wendungen und Reime nicht so aufgeschwellt und frischer und derber, persönlicher und ursprünglicher. Deshalb glaubt die Forschung mit Recht, daß das Gedicht von Rother von Bayern nach dem Rhein wanderte. Für die bayerische Heimat spricht auch, daß der Dichter bayerische Fürsten etwas aufdringlich rühmt und daß Erinnerungen an den Kreuzzug des Bayernherzogs Welf (1101) in den Teilen des Gedichtes nachklingen, die das Auftreten Rothers am Hof des Konstantin schildern.

Im Rother ist der letzte Teil, die Entführung der jungen Gattin durch einen Spielmann und ihre abermalige Gewinnung durch Rother offenbar der Zusatz eines Spielmanns, der nach Art der Erzähler für das Volk den Stoff wiederholte, an dem die Hörer schon einmal ihre Freude gehabt. Wir kennen auch die Quelle, aus der dieser erweiternde Spielmann schöpfte, es ist die Sage von Salman und Morolf, die eigentliche und bezeichnendste Spielmannsdichtung des Mittelalters. Sie kann sich in der Wiederholung und Variierung von Entführungsgeschichten nicht genug tun und preist dabei natürlich die Listen, Kühnheiten und Genialitäten der Spielleute gebührend. Die Salomonsage kam aus dem Orient ins Abendland und hat durch Vermittlung der Spielleute manche mittelalterliche Dichtung umgestaltet, von den alten Heldendichtungen außer dem König Rother die von Hetel und Hilde.

Die Thidreksaga, die uns die Sage von Rother ebenfalls erzählt, nur daß der Held bei ihr den Namen Osantrix führt, zeigt die angehängte Entführung nicht, die das deutsche Gedicht enthält und steht der urprünglichsten Form der Rothersage also näher.
Der Thidreksaga fehlen auch die Personen  Berchter von Meran und seine Söhne. Auch diese gehören nicht in die Geschichte von Rother, sondern in die des Dietrich von Bern. Berchter stammt aus Meran (d.h. aus Dalmatien und Istrien, das ist in der Sage das Stammland der Goten) und ist dem Hildebrand verwandt, ein im Kampf ergrauter Recke, der dem vertriebenen und geliebten König die Treue hält und ihm gern alles opfert, was er besitzt, auch seinen besten Schatz: seine Söhne.
Da Rother sich als vertriebener König ausgibt, und sich nach dem vertriebenen König der germanischen Heldendichtung, nach Dietrich nennt, lag es nahe, die Gestalt Berchters von Meran und seiner Söhne mit ihm zu verbinden; besonders empfahl sich das für einen Spielmann. Denn durch diese o Einfügung und die mit ihr verbundene, in der damaligen Kunst sehr geliebte Wiedererkennungsszene gewann er die ihm erwünschte Sentimentalität und Rührung für seine Geschichte. Zugleich konnte er durch die Ausmalung von Rothers musikalischen Künsten wirksame Reklame für die eigene Kunst machen. Noch ein anderer König der Germanen, den die Seinen von seinem Erbe vertrieben hatten, hieß Dietrich, es war der fränkische Wolfdietrich. An ihn hat sich, wie wir bald erfahren werden, vor allem die Person Berchters und seiner Söhne gehängt.

In der Thidreksaga verläuft nun die Geschichte von Rother so: Osantrix wirbt um Oda, die Tochter des Königs Milias von Hunnenland. Er schickt zuerst sechs Ritter, die wirft Milias ins Gefängnis; dann schickt er seine Neffen; denen widerfährt das gleiche. Nun kommt er selbst mit seinen Mannen und vier Riesenbrüdern. Er bittet den König Milias um Schutz vor Osantrix, und als dieser ihn dem zu gewähren zaudert, tritt Aspilian, einer der Riesen, vor Wut bis an die Knöchel in die Erde. Einen anderen Riesen Wiedolt hatte man wie im deutschen Rother schon vorher an die Kette legen müssen. Milias erzürnt sich; da schlägt ihn Aspilian mit der Hand nieder, und Osantrix und seine Mannen erschlagen alle, die sie in der Stadt finden, befreien die Gefangenen und lassen sich Oda bringen. Nun folgt die Geschichte mit dem goldenen und silbernen Schuh. Osantrix gibt sich zu erkennen, versöhnt sich mit Milias und führt die Braut heim. Der Bericht, an den die Thidreksaga sich hielt, erzählte anscheinend mit besonderer Genugtuung die Kraftstücke und die Wildheit der riesischen Begleiter. Nachdem wir bei Waltharius ähnliches kennengelernt, dürfen wir vermuten, daß diese Kraftstücke und die Riesen selbst eine Zutat des zehnten Jahrhunderts sind.

Die Heimat der alten Rothersage ist, wie wir schon andeuteten, wahrscheinlich die Lombardei; es gibt nämlich einen longobardi-schen König Rother, und die longobardische Sage von Authari steht der von Rother, wenn wir uns diese ohne Riesen, ohne Berchter und ohne das letzte Anhängsel vorstellen, recht nah. Es ist eine Werbungssage, in welcher der königliche Werber, nachdem er von der Schönheit seiner Braut gehört, selbst vor ihr erscheint, den anderen verheimlicht er, daß er selbst kam, der Jungfrau, die er begehrt, gibt er sich in jugendlicher Tollkühnheit zu erkennen. Das Motiv von dem goldenen und silbernen Schuh ist novellistisch und von den Spielleuten wohl ausgestaltet. Die Szene selbst, in der Rother sich vor der Königstochter enthüllt, trägt sogar noch im deutschen Spielmannsgedicht die Kennzeichen germanischer Kunst und ihres dramatischen Lebens. Da Authari um eine bayerische Königstochter wirbt, so wäre, gibt man die lombardische Heimat des Rother zu, leicht zu verstehen, warum die Sage von den Longobarden zu den Bayern wanderte. In der Lombardei selbst kann sie auch die ersten grotesken Zutaten zu sich genommen haben, denn dies Land war, nachdem seine heimische Kunst verfiel, den Nachfahren der römischen Mimi, den Spielleuten, besonders ausgesetzt; und schon den Peredo führte die lombardische Sage nach Konstantinopel und rühmte ihm wie dem Asprian die Bezwingung eines Löwen nach. Die Geschichte vom Riesen Adelgis ist ja auch longobardisch.
Die Entwicklung des Rother hat sich uns nun so dargestellt: Eine longobardische „Werbungssage aus dem siebenten oder achten Jahrhundert, wohl in Form eines Liedes, war der Anfang. Sie feierte die Kühnheit des königlichen Jünglings und schilderte die Scham und den Stolz der Spielleute, die dann eine Reihe von Riesen in das Gefolge des Königs aufnahmen, die Szene, in der sich der Werber zu erkennen gibt, novellistisch und anmutig ausgestalteten und auch die Vorgeschichte der Werbung aufputzten und bereicherten. Dann wanderte das Gedicht nach Bayern und weiter nach Deutschland nordwärts herauf, dabei änderten sich seine Namen. In dieser Gestalt etwa bringt es uns die Thidreksaga. In Bayern aber erweiterte es sich, wiederum die Spielleute dehnten es, sie fügen den Bercher hinzu und verdoppeln mit Hilfe der Salomonsage die Entführung der Frau. So vollendete sich das deutsche Spielmannsgedicht von König Rother. Viel Germanisches ist auch dieser Dichtung nicht geblieben; sie ist ganz und gar Eigentum der Spielleute geworden. Aber sie ist in ihrer Art wiederum ein Beispiel, wieviel Erzählungsstoff auch in den alten germanischen Heldenliedern schlummerte, und wie dieser, wenn nur die Leute ihn erkannten, die das Erzählen um des Erzählens willen betreiben, aufleben und sich vertreiben kann. In Werbungs- und Entführungssagen haben dann ja gerade die Spielleute geschwelgt und sie allzugern wiederholt und vervielfältigt. Wieviel fremde, antike und orientalische Zutaten sie aber auch ausschmückend hinzufügten, den Anfang und den Grund dieser Werbungsgeschichten zeigt doch die germanische Heldendichtung.

Quelle: Heldensagen, Genf 1996


Gedicht der Woche 30/2009

25. Juli 2009

Das Hildebrand – Lied

Ich hörte das sagen, daß sich Herausforderer einzeln trafen,
Hildebrand und Hadubrand, zwischen Heeren zweien.
Sohn und Vater ihre Rüstungen richteten. Sie bereiteten ihre
Brünnen, gürteten sich ihre Schwerter an, die Helden,
über die Panzer, da sie zu dem Kampfe ritten. Hildebrand
sprach, Heribrands Sohn – er war der ältere
Mann, des Lebens erfahrener; zu fragen begann er mit wenigen
Worten, wer sein Vater gewesen sei der Menschen im Volke, „oder
welcher Sippe du seist. Wenn du mir einen sagst, weiß ich
mir die anderen, Jüngling, im Königreiche: Kund ist
mir alles Menschenvolk.“ Hadubrand sprach, Hilde-
brands Sohn: „Das sagten mir unsere Leute, alte und
weise, die früher waren, daß Hildebrand habe geheißen
mein Vater; ich heiße Hadubrand. Einst er nach Osten
ging, floh er vor Odoakers Haß, hin mit Dietrich
und seiner Degen viel. Er ließ im Lande das Kleine,
sitzen die junge Frau im Hause, das unerwachsene Kind, erbelos.
Er ritt nach Osten hin. Seither bedurfte Dietrich
meines Vaters: Das war ein so freund-
loser Mann. Er war (auf) Odoaker unmäßig ergrimmt, der De-
gen liebster, solange Dietrich seiner bedurfte.
Er war immer an des Volkes Spitze, ihm war Fechten immer zu lieb:
Bekannt war er kühnen Männern. Nicht wähne ich,
er sei noch am Leben.“ „Ich mache Gott zum Zeugen“, sprach
Hildebrand, „oben vom Himmel, daß du nie fortan mehr mit so
verwandtem Mann Verhandlung führst.“ Er wand da vom Arme gewun-
dene Ringe, aus Kaisergold gemacht, die ihm der König gab,
der Hunnen Herr: „Daß ich dir es nun aus Huld gebe.“ Hadubrand
sprach, Hildebrands Sohn: „Mit dem Speer soll man eine Gabe emp-
fangen, Spitze gegen Spitze. Du bist dir, alter Hunne, unmäßig schlau,
lockst mich mit deinen Worten, willst mich mit deinem Speer wer-
fen. Bist ein so alter Mann, so führtest du ewig Trug.
Das sagten mir Seefahrende westwärts über die Wendelsee, daß
ihn ein Kampf hinwegnahm: Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn.“
Hildebrand sprach, Heribrands Sohn: „Wohl sehe ich
in deiner Rüstung, daß du hast daheim einen guten Herrn,
daß du noch bei dieser Herrschaft nicht Verbannter wurdest. Wohl-
an nun, waltender Gott“, sprach Hildebrand, „Unheil geschieht!
Ich wallte Sommer und Winter sechzig außer Landes, wo
man mich immer stellte in die Reihe der Schießenden, ohne daß man
mir bei irgendeiner Stadt Tod zufügte; nun soll mich eigenes
Kind mit dem Schwert hauen, niederstrecken mit seiner Klinge, oder
ich ihm zum Mörder werden. Doch magst du nun leicht,
wenn dir deine Kraft taugt, an so hehrem Manne die Rüstung ge-
winnen, die Beute rauben, wenn du dazu irgendein Recht
hast.“ „Der sei doch nun der ärgste“, sprach Hildebrand, „der Ostleute,
der dir nun den Kampf verweigerte, nun dich es so sehr gelüstet nach
gemeinsamem Ringen: Versuche, der kann, ob er sich heute der
Gewänder rühmen dürfe oder über diese beiden Brünnen wal-
ten.“ Da ließen sie erst die „Eschen schreiten“ in scharfen Schauern,
daß sie in den Schilden standen. Da stapften sie zusammen,
spalteten die Schilde, hieben harmvoll die hellen Schilde,
bis ihnen ihre Schilde klein wurden, zerkämpft mit Waffen…


hier in einer Ansprechenden Interpretation der Gruppe TRANSIT von 1980


Wo ich wohne – Gedichte und Bilder

24. Juli 2009

Berlin-olymp 019

Der Aprikosenbaum

In der Straße wo ich wohne,

mitten in der Stadt,

steht ein alter Aprikosenbaum.

Seine reifen Früchte

nähren keinen Menschen,

doch Vögel,

auch Mäuse und Ratten.

Und sie nähren den Fuchs,

der sein Revier streng markiert,

nachts auf meinem Hof bellt

und mit federndem Gang

bis zum Alex schnürt.

aprikma


Gedicht der Woche 29/2009

18. Juli 2009

Zu guter Letzt

Als Kind wußte ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist ein Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?
(Erich Fried)

schnecke


Erzählung der Woche 29/2009

18. Juli 2009

Der K. d. R.

Die Regenwürmer hatten einen Kongreß einberufen.

Es war ein moderner Kongreß. Darum hieß er nicht der Kongreß der Regenwürmer, sondern der K.d.R. Der K.d.R. tagte im Garten an einer recht staubigen Stelle. Es wurden nur Fragen der Bodenkultur erörtert. Weiter geht der Horizont der Regenwürmer nicht. Sie kriechen auf der Erde und essen Erde. Es sind arme bescheidene Leute, aber sie sind nützlich und notwendig. Die Erde würde ohne sie nicht gedeihen. Ihre Arbeit muß verrichtet werden. Es war Abend. Die Dämmerung lag auf den Wegen, auf denen der K.d.R. zusammengekrochen war.

Ein langer alter Regenwurm hatte den Vorsitz übernommen. Er besprach Fragen lokaler Natur, die Bodenverhältnisse des Gartens, in dem man arbeitete. Es waren erfreuliche Resultate.

»Wir sind schon recht tief in die Erde eingedrungen«, sagte der Präsident des K.d.R. »Wir haben viele Erdschichten an die Oberfläche befördert, von denen niemand vorher etwas wußte. Wir haben sie zerlegt und zerkleinert. Aber die Erde scheint noch tiefer zu sein, als wir dachten. Sie scheint noch mehr zu bergen, als wir heraufgeschafft haben. Wir müssen fleißig weiter überall herumkriechen und Erde essen. Es ist eine große Aufgabe. Damit schließe ich den K.d.R.«

Er ringelte sich verbindlich.

Der offizielle Teil des K.d.R. war erledigt.

Man bildete zwanglose Gruppen mit Nachbarn und Freunden und sprach über die Praxis der Gliederbildung. Man wollte allerseits lang werden. Darin sah man den Fortschritt. Neue Methoden hierfür waren stets von Interesse. -Die allerneueste Methode, lang zu werden«, sagte ein junger Regenwurm, »heißt ›Ringle dich mit dem Strohhalm‹. Das stärkt die Muskeln und zieht die Glieder auseinander. Sehen Sie – so!«

Er tastete nach einem Strohhalm und demonstrierte die neue Methode energisch und mit Überzeugung. Dabei stieß er an etwas an. Er fühlte, daß es rauh und haarig war. »Nanu, was ist denn das? Das hat ja Haare und bewegt sich!« Er ringelte sich ängstlich vom Strohhalm los.

»Verzeihen Sie, ich war so müde. Da hab ich mich auf den Strohhalm gesetzt«, sagte das Etwas mit Haaren. »Wer sind Sie denn?« fragte der Regenwurm und kroch vorsichtig wieder näher.

»Ich bin Raupe von Beruf. Ich hätte mich gewiß nicht auf den Strohhalm gesetzt, aber ich bin so sehr müde. Ich habe einen so langen Weg hinter mir. Ich bin immer im Staub gekrochen. Nur selten fand ich etwas Grünes. Ich bin ein bißchen schwächlich, schon von Kind an. Es ist auch so angreifend, bei jedem Schritt den Rücken zu krümmen. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich bin zu müde. Sterbensmüde.« Die Raupe war ganz verstaubt und erschöpft. Ihre Beinstummel zitterten.

Der gesamte K.d.R. kroch teilnahmsvoll heran.

»Sie müssen sich stärken«, sagte ein Regenwurm freundlich. -Sie müssen etwas Erde zu sich nehmen.«

»Nein danke«, sagte die Raupe, »ich bin zum Essen zu müde. Mir ist überhaupt so sonderbar. Ich will nicht mehr auf der Erde kriechen.«

»Aber ich bitte Sie«, sagte der Präsident des K.d.R. »Das ist das Leben, daß man auf der Erde kriecht und Erde ißt. Wenn man das nicht mehr kann, stirbt man. Man soll aber leben und recht lang werden. Ich kann Ihnen verschiedene Methoden empfehlen. Es ist Makrobiotik.« »Ich glaube, daß man nicht stirbt«, sagte die Raupe. »Wenn man zu müde ist und nicht mehr auf der Erde kriechen kann, verpuppt man sich, und nachher wird man ein bunter Falter. Man fliegt im Sonnenlicht und hört die Glockenblumen läuten. Ich weiß nur nicht, wie man es macht. Ich bin auch viel zu müde, um darüber nachzudenken.«

Die Regenwürmer ringelten sich aufgeregt und ratlos durcheinander.

»Fliegen? – Sonnenlicht? – Was heißt das? – So was gibt’s doch gar nicht! – Sie sind wohl krank?«

»Sie gebrauchen solche kuriosen Fremdworte«, sagte der Präsident des K.d.R. »Ihnen ist einfach nicht wohl!« Die Raupe antwortete nicht mehr. Sie war zu müde. Sterbensmüde. Sie klammerte sich an den Strohhalm. Dann wurde es dunkel um sie.

Aus ihr heraus aber spannen sich feine Fäden und spannen den verstaubten sterbensmüden Körper ein. »Das ist ja eine schreckliche Krankheit«, sagten die Regenwürmer.

»Es ist ein Phänomen«, sagte der Präsident des K.d.R. »Wir wollen es beobachten.«

Einige Kapazitäten nickten zustimmend mit den Kopfringeln.

Es vergingen Wochen. Der Präsident des K.d.R. und die Kapazitäten krochen täglich an das Phänomen heran und betasteten es. Das Phänomen sah weiß aus. Es war ganz versponnen und lag regungslos am Boden.

Endlich, in der Frühe eines Morgens, regte sich das versponnene Ding. Ein kleiner bunter Falter kam heraus und sah mit erstaunten Augen um sich. Er hielt die Flügel gefaltet und verstand nicht, was er damit sollte. Denn er hatte vergessen, was er als Raupe geglaubt und gehofft hatte – und wie müde er gewesen war, sterbensmüde .. .

Die Flügel aber wuchsen im Sonnenlicht. Sie wurden stark und farbenfroh.

Da breitete der Falter die Schwingen aus und flog weit über die Erde ins Sonnenlicht hinein.

Die Glockenblumen läuteten.

Unten im Staube tagte der K.d.R.

Man hatte die leere Hülle gefunden, und alle Kapazitäten waren zusammengekrochen.

»Es ist nur ein Mantel«, sagte die erste Kapazität enttäuscht.

»Die Krankheit ist allein zurückgeblieben«, sagte die zweite Kapazität.

»Der Mantel ist eben die Krankheit«, sagte die dritte Kapazität.

Hoch über ihren blinden Köpfen gaukelte der Falter in der blauen sonnigen Luft.

»Nun ist es ganz tot sagten die Regenwürmer.

»Resurrexit!« sangen tausend Stimmen im Licht.

-Manfred Kyber-

Bildquelle: www.inganashop.de

Bildquelle: www.inganashop.de


Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten (17)

16. Juli 2009

artikel

In der Hildesheimer Allgemeinen erschien dieser gut zu lesende Artikel von Alexander Kalinovic, der einer gekürzten Fassung seiner Erzählung aus dem Band Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten entspricht.


Die am Kiosk

12. Juli 2009

Damals hattest du nur

verachtende Worte

für jene am Kiosk.

Redetest dich in Zorn.

Lumpenpack und dreckige Penner

nanntest du sie.

Ich sagte:

Lass doch, tun keinem was,

kein Grund sich aufzuregen,

arme Socken sind sie.

Doch galt das Nichts für dich,

löschte nicht deine Wut.

Ich sagte:

Da ist anderes in dir,

dass dich fluchen lässt.

Du fürchtest,

ihnen gleich zu werden.

Das traf und sollte treffen.

Warst mir kein  Freund mehr,

warst dabei, dein Ich zu ersäufen,

alle Warnung missachtend.

Wurdest zum Nörgler,

langweilend und missgestimmt.

Traurig war das.

Gestern sah ich dich

mit jenen am Kiosk stehen.

Meine Freundin fragte,

guck mal, ist das nicht…

Ich sagte:

Ja, `ne arme Socke ist das.

-Gemini-


Gedicht der Woche 28/2009

11. Juli 2009

Ein Alt Totenlied

So fährt im Herbst der Abendwind

Wohl über die breite Heide

Und reißt die Blumen ab geschwind

Zu unserm tiefen Leide.

Verschwunden unserm Angesicht

Sieht man gar bald die Stätte nicht,

Wo Gras und Blumen gestanden.

Nun fliehe denn aus eurem Sinn

Das traurige Seufzen und Klagen hin

Und ziehet eure Straßen.

Denk wohl dabei, es währt nicht lang,

So wird man uns bei Sang und Klang

Gleichfalls der Erde lassen.

(Anonym)


Erzählung der Woche 28/2009

11. Juli 2009

Vogel Phönix.

Nr. 75a  aus der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von 1812

Eines Tags ging ein reicher Mann spazieren an den Fluß, da kam ein kleines Kästchen geschwommen, dies Kästchen nahm er und machte den Deckel auf, da lag ein kleines Kind darin, welches er mit heim nahm und aufziehen ließ. Der Verwalter konnte aber das Kind nicht leiden, und einmal nahm ers mit sich in einem Kahn auf den Fluß, und als er mitten darin war, sprang er schnell heraus ans Land, und ließ das Kind allein im Kahn. Und der Kahn trieb immer fort, bis an die Mühle, da sah der Müller das Kind und erbarmte sich, nahm es heraus und erzog es in seinem Haus. Einmal aber kam von ungefähr der Verwalter in dieselbe Mühle, erkannte das Kind und nahm es mit sich. Bald darauf gab er dem jungen Menschen einen Brief zu tragen an seine Frau, worin stand: „den Ueberbringer dieses Briefs sollst du den Augenblick umbringen.“ Unterwegs aber begegnete dem jungen Menschen im Walde ein alter Mann, welcher sprach: weis’ mir doch einmal den Brief, den du da in der Hand trägst! Da nahm er ihn, drehte ihn bloß einmal herum und gab ihn wieder, nun stand darin: dem Ueberbringer sollst du augenblicks  unsere Tochter zur Frau geben! So geschah es, und als der Verwalter das hörte, gerieth er in Aerger und sagte: „he, so geschwind gehts nicht, eh ich dir meine Tochter lasse, sollst du mir erst drei Federn vom Vogel Phönix bringen.“

Der Jüngling machte sich auf den Weg nach dem Vogel Phönix, und an derselben Stelle im Wald begegnete ihm wieder derselbe alte Mann und sprach: geh den ganzen Tag weiter fort, Abends wirst du an einen Baum kommen, darauf zwei Tauben sitzen, die werden dir das weitere sagen! Wie er Abends an den Baum kam, saßen zwei Tauben drauf. Die eine Taube sprach: wer da zum Vogel Phönix will, muß gehen den ganzen Tag, so wird er Abends an ein Thor kommen, das ist zugeschlossen. Die andere Taube sprach: unter diesem Baum liegt ein Schlüssel von Gold, der schließt das Thor auf. Da fand er den Schlüssel und schloß das Thor damit auf; hinterm Thor, da saßen zwei Männer, der eine Mann sprach: wer den Vogel Phönix sucht, muß einen großen Weg machen über den hohen Berg, und dann wird er endlich in das Schloß kommen.

Am Abend des dritten Tags langte er endlich im Schloß an, da saß ein weißes Mamsellchen, und sprach: was wollt ihr hier? – Ach, ich will mir gern drei Federn vom Vogel Phönix  holen. Sie sprach: ihr seyd in Lebensgefahr, denn wo euch der Vogel Phönix gewahr würde, fräße er euch auf mit Haut und Haar, doch will ich sehen, wie ich euch zu den drei Federn verhelfe, alle Tage kommt er hierher, da muß ich ihn mit einem engen Kamm kämmen; geschwind hier unter den Tisch, der war rund um mit Tuch beschlagen.

Indem kam der Vogel Phönix heim, setzte sich oben auf den Tisch und sprach: ich wittere, wittere Menschenfleisch! – „Ach was? ihr seht ja wohl, daß niemand hier ist“ – kämm mich nun, sprach der Vogel Phönix.

Das weiße Mamsellchen kämmte ihn nun, und er schlief darüber ein; wie er recht fest schlief, packte sie eine Feder, zog sie aus und warf sie unterm Tisch. Da wachte er auf: „was raufst du mich so? mir hat geträumt, es käme ein Mensch und zöge mir eine Feder aus.“ Sie stellte ihn aber zufrieden, und so gings das anderemal und das drittemal. Wie der junge Mensch die drei Federn hatte, zog er damit heim und bekam nun seine Braut.

www.atelier-verdande.de  -

Bildquelle: www.atelier-verdande.de


Der Taglilie gleich

6. Juli 2009


t_taglilien_gelb

Meine Liebe zu Dir gleicht einem Taglilienstängel.
Für einen Tag blüht eine Blüte und schwindet dann,
an anderen Tagen andre Knospen sich entfalten,
bis alles abgeblüht, mir nur der kahle Stängel bleibt.

Meine Liebe zu dir sollte sein ein starker Stecken,
eine sichere Stütze auf weiter Wanderung
und wenn ich Anlauf nehme,  Hilfe beim Absprung
um über meinen Schatten weit zu fliegen.

Wie gern möchte ich so fliegen und verlassen,
was mich bedrückt. Doch muss ich gehen ungestützt
und schauen, wie anders dunkle Schatten überwinden.
Doch immer noch knospet der Taglilienstängel.

-Gemini-


Erzählung der Woche 27/2009

4. Juli 2009

Das Traumnest

© Patricia Koelle

„Du darfst noch mal zum Strand gehen, Daniel“, sagte Mama nach dem Abendessen. „Aber nur bis zu der schiefen Palme.“

Die schiefe Palme war Daniels Lieblingsplatz. Sie war so schief, dass man auf ihrem Stamm sitzen und mit den Beinen baumeln konnte wie auf einem Schaukelpferd.

Martinique

Es waren Daniels erste Sommerferien. Danach würde er in die zweite Klasse kommen. Daniels Papa fand, dass die ersten Sommerferien etwas ganz Besonderes sind. Deswegen hatten sie in diesem Jahr eine weite Reise gemacht, in ein Land, in dem das Wasser im Meer so warm war wie in der Badewanne zuhause. Außerdem gab es da so viele Sterne am Himmel, dass es Daniel ganz schwindlig wurde, wenn er nach oben guckte.

Die Sonne fing gerade an, rot zu werden und unterzugehen, da sah Daniel von seinem Sitzplatz auf der Palme aus etwas sehr Großes, Dunkles aus den Wellen auftauchen. Es wurde immer größer. Ganz langsam krabbelte es an Land. Daniel vergaß vor Schreck beinahe zu atmen. Was, wenn es ein Seeungeheuer war?

Aber als es näher kam, fürchtete er sich nicht mehr. Oder höchstens ein bisschen. Das war ja eine Schildkröte! Er kannte Schildkröten, denn seine Tante hatte eine, die er manchmal mit Salat füttern durfte. Die war aber nur so groß wie seine Hand. Diese hier war so groß, dass Daniel darauf hätte reiten können. Ob sie doch gefährlich war?

Eigentlich sah sie nur sehr müde aus. Daniel sprang von der Palme und ging vorsichtig auf die Schildkröte zu.

„Hallo, ich bin Thea“, sagte diese leise.

Daniel staunte. „Warum kannst du sprechen?“, fragte er.

„Ich bin über hundert Jahre alt“, sagte sie, „ich habe schon sehr viele Menschen getroffen. Außerdem lernt man viel, wenn man so lange lebt.“

„Bist du deswegen so müde?“, wollte Daniel wissen.

„Ja, wahrscheinlich“, sagte Thea. „Bist du jemand, der ein Geheimnis bewahren kann?“

„Ich verpetze nie jemanden“, versicherte Daniel.

„Das ist gut“, meinte Thea. „Ich muss nämlich ein tiefes Loch graben, in das ich meine letzten Eier legen kann. Aber das ist sehr schwer, wenn man so alt und so langsam ist. Könntest du mir wohl helfen?“

„Klar helf ich dir“. Daniel suchte sich eine große Muschelschale und fing mit aller Kraft an, ein Loch in den Sand zu buddeln.

meeresschildei

„Wunderbar“, sagte Thea. „Es könnte nur noch ein bisschen größer sein. Damit meine Kinder auch wirklich in Sicherheit sind. Wir wollen ja nicht, dass eine Möwe sie findet. Oder ein Waschbär. Es gibt sogar Menschen, die Schildkröteneier essen, wenn sie sie finden.“

Daniel musste ganz schön schwitzen. Er wusste jetzt, warum Thea Hilfe gebraucht hatte. Als das Loch endlich tief genug war, drehte sie sich mühsam um, und Daniel durfte zusehen, wie lauter runde weiße Eier unter ihrem Schwanz hervorrollten, eines nach dem anderen, und in das Loch kullerten.

„Fertig“, schnaufte Thea nach einer ganzen Weile. „Jetzt bin ich aber froh. Du hast eine Belohnung verdient. Leider kannst du nicht auf mir reiten. Das schaffe ich nicht mehr. Ich bin alt, und du bist schon ein ziemlich großer Junge. Lass mich nachdenken!“

Weil Schildkröten nicht die Stirn runzeln können, schloss sie zum Nachdenken die Augen. Sie dachte sehr lange nach. Schildkröten haben viel Zeit. Es war schon beinahe dunkel. Daniel hoffte, dass sein Vater nicht zu sehr schimpfen würde, weil er so spät nach Hause kam.

„Hast du einen Traum?“, fragte Thea schließlich.

„Was denn für einen Traum?“, fragte Daniel.

„Zum Beispiel einen ganz besonderen Wunsch, der sich erfüllen soll, wenn du groß bist. Vielleicht möchtest du einmal um die Welt segeln oder träumst du davon, Musik zu machen und alle hören dir zu. Oder du würdest gern Astronaut werden und zum Mars fliegen. Vielleicht möchtest du auch einfach nur einen Hund haben. Aber du darfst den Traum nicht verraten.“

Daniel dachte nach. Doch, da wusste er etwas.

„Gut“, sagte Thea, „dann wirf den Traum zu den Eiern in das Loch.“

Daniel fand das merkwürdig, aber er wollte nicht unhöflich sein. Also dachte er sich seinen Traum in seine Hände und warf ihn in das Loch. Natürlich konnte man ihn nicht sehen.

„Und nun mach das Loch vorsichtig wieder zu, so dass niemand sieht, dass hier jemand gebuddelt hat“, sagte Thea.

Daniel schob den ganzen Sand behutsam wieder in das Loch. Danach fegte er mit einem Palmenwedel darüber, damit man die Spuren seiner Finger nicht sah. Und dann streute er noch ein paar kleine Muscheln darauf, so wie sie überall herumlagen. Jetzt war nichts mehr zu sehen. Nur Thea und er wussten von dem Geheimnis.

Langsam wurde er auch müde. Er konnte kaum noch die Augen offen halten.

„Nun können meine Kinder in den Eiern wachsen, jeden Tag ein Stück, und dein Traum wächst mit ihnen“, erklärte Thea. „Wenn sie alle groß genug sind, schlüpfen sie aus. Dann krabbeln sie und der Traum zusammen aus dem Sand und ins Meer.“

„Und was machen sie da?“, fragte Daniel neugierig.

„Dort lernen sie schwimmen und eine Menge anderer Dinge. Vor allem aber wachsen sie jedes Jahr ein Stück, so wie du“, erklärte Thea. „Viele Menschen vertrauen dem Meer ihre Träume an. Aber die meisten davon gehen dort verloren, weil die Menschen sie vergessen und nie wieder abholen. Dann hören sie auf zu wachsen und verschwinden. Aber mit deinem Traum wird das anders sein.“

„Warum denn?“, wollte Daniel wissen.

„Weil eines meiner Kinder immer bei ihm sein wird. Schildkröten sind klug, auch wenn sie noch klein sind. Sie werden ihm den Weg weisen und ihn beschützen. Und eines Tages, wenn du ganz erwachsen bist und an einem Meer stehst, wird dein Traum dich wieder finden. Dann wird er groß und stark genug sein, um dich tragen zu können. Und bis dahin kann ihm nichts geschehen.“ Thea schob sich schwerfällig zurück ins Wasser. „Da kannst du ganz sicher sein. Du hast mein Wort, und das Wort einer großen alten Schildkröte wiegt eine Menge. Machs gut, Daniel.“

meeresschildzurück

Daniel wartete noch, bis Thea ganz untergetaucht war. Dann rannte er schleunigst los, denn jetzt war es schon sehr dunkel und etwas unheimlich, und er hörte seinen Vater rufen. Das Meer war ganz still geworden. Die Wellen waren beinahe eingeschlafen. Nur ein leuchtendes Glühwürmchen bewegte sich noch am Strand unter der Palme. Tief im Sand schliefen die Eier und Daniels Traum und warteten auf die Sonne, die sie ausbrüten würde.

meeresschild