laut und leise literatur lesen

die Rezi-Tante zeigt Erlebtes und Erdichtetes, Geschichten und Geschichte


Ein Kommentar

Gedichte für Kinder und Kindgebliebende


Ist geschenkt…

Als Raupe zeigte er schon viel
von seinen schönen Farben,
die in ihrem Zusammenspiel
viel Sympathie erwarben.
Es waren Streifen, schwarzgrünweiß,
mit orange gefärbten Tupfen.
Nie fraß er von dem Edelweiß,
das Möhrenkraut wollte er rupfen.
Und ab und an noch Petersilie
und Maggikraut ein wenig noch,
doch nie nagte er an der Lilie…
Tief im Konkon er sich verkroch,
darin den Winter er verbracht,
sich neu sortiert, wie man das nennt.
Dem Konkon ist er, abgeflacht
im Lenz entschlüpft und man erkennt,
es ist der schöne Schwalbenschwanz,
der durch unsere Gärten nun flattert,
der uns  entzückt mit luftigem Tanz,
und keiner fragt, ob er je Möhren ergattert.

-Gemini-

schwalbschwraupe


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Der Mittelaltermann


War gestern zu einer Autorenlesung im Cafe Sibylle.

Vorgestellt wurde, anlässlich der am nächsten Wochenende stattfindenen Berliner Biermeile, das Buch “Der Mittelaltermann”.

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Der Autor, Klaus Fischer, brachte sich zur Verstärkung Eberhard Schollmeier mit, den Meier von der Scholle, welcher als Gambrinus alljährlich die Berliner Biermeile besucht und u.a. Mittelalterbiere präsentiert.
Im Cafe Sibylle aber lieh er dem Autor seine Stimme und las eine gute Stunde bei einem Glas Wasser für uns Episoden aus dem Leben des Mittelaltermannes Urian.
Eine starke Leistung, besonders wenn man bedenkt, dass es in den Texten überwiegend um Bier geht…
Also ich habe meine Getränkewahl beim Hören dann irgendwie bereut, mir war meine gute Weinschorle dann doch nicht das, was mir ein Bier gewesen wäre.
Kräftig deftige Ohren-Kost kann ein Bier gut vertragen.

Das Buch erinnert mich durch die Art, wie es erzählt, ein wenig an Christian Reuters  Schelmuffskis Abenteuer zu Lande und zu Wasser…. oder wie der Titel da nun genau geht, es ist ebenso unterhaltsam, humorvoll und zeiterklärend. Der Hinweis, dieses Buch sollte nur Erwachsenen unter die Augen kommen hat, nebenbei bemerkt, durchaus Berechtigung.

Der Verlag stellt das Buch folgenderweise vor:

Freihändig bei vollem Geiste mithilfe allerhand geleerter Humpen aufgeschrieben un hinterlassen.

Eine literarische Eulenspiegelei …
Urians leutlich Erlebtes rund um Jenas Schnapphans.
Unglaubliche Schilderungen aus alten mitteldeutschen Zeiten: derbdrollig, sittsam, offen – wahrhaftig und ehrlich wie gesponnen und geflunkert. Reich bebildert und mit sachlichem Anhang für Einheimische wie Touristen.

Achtung! Dieses Buch sollte nur Erwachsenen unter die Augen kommen.

Erzählt wird also von einem Manne des Mittelalters, der geheißen ward URIAN. Doch, obwohl sich dieser Name vom Teufel herschreibt, ist unser Bursche ein Gutmensch gewesen, dessen erstaunlicher Lebenslauf voller Derbdrolligem nun allhiero ausgebreitet wird. Manches ist verwirrend, ohnglaublich und auch mal unbegreiflich und kaum stimmig, aber, es war wohl so gewesen. Und es ist von mir, der auch nicht alles verstanden hat, so in gefälliger Form wiedergegeben worden, wie es Urian am Ende seines Hierseins eigenhändig ursprünglich aufgeschrieben hatt. Niemand seines Umfeldes wußte in jener Zeit von Urianen alles. Die Leute behausten gemarkig ihre Schollen im Saale-Tal oder Häuser in den verwinkelten Gassen, jeder kümmerte sich meistens um sich und die Seinen. Genaues kannt selten wer, geschweige ahnte man, was der Urian alles sehen, hören, schmecken, riechen und fühlen hat gemußt. Und er selbst wußt ja auch nicht, was kommen und ihm widerfahren würde. Ab- und aufgeschrieben werden soll das also nune gleich, abschöpfend Urians ureigenster schriftlichen Aussagen, die enthüllen, welch wohlgelittener Bürger, Familienmensch, item auch Einsambold, er einst gewesen – seinerzeit im alten Doringen = heutigentags freies Thüringen! Die Mär kündet von einem, der vieles war und sein Lebtag Erlebnisse anhäufelte, die wohl kaum einem anderen Manne vor und nach ihm begegneten. Nichts menschliches, auch nichts unmenschliches, blieb ihm fremd. Alles wurzelt hierzulande im Dasein. Was ihn umgab und lenkte, waren die Wohllust und -last – meistens der anderen. Umher verdampften auf den Wirtshaus-Tischen Pfützen von Bier, Wein und Schnappiß, geschwängert von Braten-Glut und Pfeifen-Qualm. Aus den unteren Gefilden stieg Stank auf, vermischt mit Lenden-Dämpfen. Es war halt der Leibs-Dunst des Mittelalters, der noch viel mehr in seinen Falten und Runzeln hatte. Das Geschnäuf seiner Zeit waberte um Urahn Urian. In all diesen Läufften mußte er sich allweil zurechte finden.

268 S., geb., 39 s/w. Abb., 36 farbige Abb.
Titelgrafiken von Peter Muzenieck

ISBN 978-3-939465-45-4

Mittelaltermann CoverWeb

mein Herr Gatte wird es übrigens zum Geburtstag bekommen, sogar mit einer persönlichen Widmung vom Autor und einer Unterschrift von Gambrinius  aufgehübscht – übrigens auch immer ein guter Grund, eine Autorenlesung zu besuchen, man kann sein Geschenk besonders machen lassen und den Autor freuts auch




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wo ich wohne – Gedichte und Bilder


Der Kinderspielplatz

Der Kinderspielplatz hinter meiner Straße
ist eingefriedet mit einem Gitterzaun.
Ein paar Bänke stehen da und Abfalleimer.
Im Buddelkasten gelber Kies,
vor ewigen Zeiten ausgetauscht,
ein buntes Klettergerüst aus Plast in seiner Mitte.
Die Spielwiese , der guten Ordnung halber,
stets kurz gemäht. Zwischen Gitterzaun
und Bürgersteig,wo kein Mäher sie erreicht
heckten  weiße und blaue Wiesenblumen.

Berlin-olymp 022


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Zwei Seiten meiner Straße


Zwei Seiten meiner Straße

Die Straße, wo ich wohne,
ist von dreispurigen Fahrbahnen geteilt,
und einem Streifen Grün.
Zwei Seiten hat sie,
eine so hell, die andre beschattet.
In der Wirklichkeit
wie in der Geschichte.

Fünffache Normsteigerung und
unverbessert das Dasein,
wen wollte man so überzeugen?
Fünfundfünfzig starben deshalb.
Geblieben ist die Erinnerung
an verschiedene Hoffnung
– schiefe Fußböden auch.

In der Straße, wo ich wohne,
stehen nur weiße  Häuser.
Die leuchten am Tage,
erhellen die Nacht
und spiegeln die blutrote Sonne.
Als Kind lebte ich auf der hellen Seite,
doch hab ich die Seite gewechselt.
Jetzt seh ich das Helle besser.

© Bettina Buske

Berlinmorgen 014


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Erzählung der Woche 30/2009


König Rother

König Rother hatte seinen Sitz  in der Stadt Bare am Westmeer(Bari in Apulien).
Er sandte Boten, die für ihn um die Tochter des Königs Konstantin zu Konstantinopel  werben sollten. Als sie hinschiffen wollten, ließ er seine Harfe bringen. Drei Leiche (Spielweisen) schlägt er an; sagt, sie würden seiner Hilfe sicher sein, wenn sie diese Weisen hörten.
Jahr und Tag vergingen, die Boten kehrten nicht zurück.
Konstantin, ließ sie in einen Kerker werfen, wo sie weder die Sonne noch den Mond sahen.
Frost, Nässe und Hunger litten sie; ja sie mussten das Wasser, das im Kerker stand trinken, um nicht zu verderben.
Auf einem Stein saß Rother drei Tage und drei Nächte lang, ohne zu sprechen, um seine Boten trauernd.

Dan riet Berchters von Meran, Vaters von sieben der Boten, zu einer Heerfahrt, um sie entweder zu retten oder aber  zu rächen.
Das Heer sammelte sich; und man sah auch den König Alprian, den kein Roß trug, mit zwölf riesenhaften Mannen daherschreiten; der grimmigste unter ihnen war Widolt mit der Stange. Der wurde wie ein Löwe an der Kette geführt und nur zum Kampfe losgelassen.
Bei den Griechen angekommen, nahm Rother den Namen Dietrich an. Er ließ sich vor Konstantin auf Knien nieder; erklärte, er suche Schutz vor König Rother und biete dafür seinen Dienst an.
Konstantin wagte sich nicht, der Bitte zu versagen, den die Fremden beeindruckten durch Pracht und Übermut.
Den zahmen Löwen des Königs Konstantin, der von des Königs Tischen das Brot nahm, warf Alprian an die Wand, dass er zerschmetterte.
Rother verschaffte sich, ganz nach Berchters Rat, mit reichen Spenden großen Anhang.

Da klagte die Königin, dass ihre Tochter dem versagt wurde, der solche Männer vertrieben hatte. Die Tochter wollte den Mann sehen, von dem so viel gesprochen wurde.
Am Pfingstfeste, als sie mit ihren Jungfrauen zu Hofe kam,gelang es ihr nicht wegen dem Gedränge der Gaffer um die Fremden.
Als es in der Kammer still wurde, ging ihre Dienerin Herlind, Rother bescheid zu geben. Er stellte sich scheu, ließt aber seine Goldschmiede schnell zwei silberne Schuhe gießen und zwei goldene. Von jedem Paar schickte er der Königstochter einen, beide für denselben Fuß.
Bald darauf kam Herlind zurück, den rechten Schuh zu holen und den Helden nochmals einzuladen.
Da ging er hin mit zwei Rittern, setzte sich der Jungfrau zu Füßen und zog ihr die Goldschuhe an. Dabei fragte er sie, welcher von ihren vielen Freiern ihr am besten gefalle.
Sie will immer Jungfrau bleiben, wenn Rother nicht der Ihre werde. Da sprach er: “Deine Füße stehen in Rothers Schoß.”
Erschrocken zog sie den Fuß zurück, den sie in eines Königs Schoß gesetzt. Aber sie zweifelte noch.
Sie zu überzeugen, berief er sich auf die gefangenen Boten.

Darauf erbat sie von ihrem Vater, zum Heil ihrer Seele die Gefangenen baden und kleiden zu dürfen.
Zerschunden und verschwollen kamen diese aus dem Kerker. Der graue Berchter sah, wie seine schönen Kinder zugerichtet waren; aber er wagte nicht zu weinen.

Die Gefangenen sprachen untereinander: “Sahst du den Greis da stehen, mit dem schönen Barte, der mich so wunderbar aufmerksam anschaute. Er wandte sich um und rang seine Hände, er wagte nicht zu weinen und zeigte doch die schmerzlichste Gebärde. Wie, wenn der gnädige Gott ein großes Zeichen tun will, daß wir von hinnen kommen? Fürwahr, Bruder, es mag wohl unser Vater sein.”

Als sie darauf an sicherem Orte, wohlgekleidet, bei Tisch saßen, schlich Rother sich mit der Harfe hinter den Vorhang. Ein Leich erklang. Der da gerade trinken wollte, der goß es auf den Tisch; der da gerade Brot schneiden wollte, dem entfiel das Messer. Sinnlos vor Freudes saßen sie und horchten, woher das Spiel komme.
Laut erklang der andere Leich; da sprangen  zwei von ihnen über den Tisch, und grüßen und küssen den mächtigen Harfner.
Die Jungfrau sah nun, dass es König Rother war.

Nun wurden die Gefangenen besser gepflegt; sie wurden frei (ledig) gelassen, als der falsche Dietrich sie verlangte, um Ymelot von Babylon zu bekämpfen, welcher mit großem Heer gegen Konstantinopel heranzog. Nach gewonnener Schlacht wurde Dietrich mit seinenleuten vorangesandt, um den Frauen den Sieg zu verkünden. Er meldete aber, Konstantin sei geschlagen und Ymelot würde kommen, die Stadt zu zerstören. Die Frauen baten ihn, sie zu retten, und er führte sie zu seinen Schiffen.
Als die Königstochter das Schiff bestiegen hatte, stieß er ab; gab sich zu erkennen und fuhr, begleitet von dem Segen der Königin, die ihren Lieblingswunsch erfüllt sah, dass ihre Tochter des gewaltigsten Königs Frau geworden ist, in die Heimat.

Aber Rothers junge Gattin wurde durch einen listigen Spielmann wieder zu ihrem Vater heimgebracht und Rother fuhr mit seinen Mannen wieder nach Konstantinopel,verbarg die Männer  in einem nahen Walde, während er selbst als Pilger verkleidet in die Stadt zog. Dort kamt er gerade noch zur rechten Zeit, um Zeuge zu werden, wie seine Gattin gezwungen wurde, dem Sohn des heidnischen Königs, den er besiegt hatte, die Hand zu reichen. Beim Hochzeitsmahl steckte er ihr einen Ring zu, an dem sie ihn erkannte; aber auch den anderen Anwesenden bleibt er nicht verborgen. Zum Tode verurteilt, wählt er sich selbst die Richtstätte vor gerade dem  Wald, indem die Seinen versteckt lagen. Im entscheidenden Augenblick brachen die Getreuen hervor und richteten ein furchtbares Blutbad unter den Heiden an.
Konstantin demütigte sich vor Rother, und dieser kehrte mit der Gattin und seinen Mannen wieder heim.

———————————————————————

Vollständig ist der König Rother nur in einer Handschrift erhalten, die aus dem Gebiet des Mittelrheins stammt. Kleine Bruchstücke einer anderen älteren Handschrift weisen nach Bayern. Die Darstellung in dieser ist weniger breit, durch formelhafte Wendungen und Reime nicht so aufgeschwellt und frischer und derber, persönlicher und ursprünglicher. Deshalb glaubt die Forschung mit Recht, daß das Gedicht von Rother von Bayern nach dem Rhein wanderte. Für die bayerische Heimat spricht auch, daß der Dichter bayerische Fürsten etwas aufdringlich rühmt und daß Erinnerungen an den Kreuzzug des Bayernherzogs Welf (1101) in den Teilen des Gedichtes nachklingen, die das Auftreten Rothers am Hof des Konstantin schildern.

Im Rother ist der letzte Teil, die Entführung der jungen Gattin durch einen Spielmann und ihre abermalige Gewinnung durch Rother offenbar der Zusatz eines Spielmanns, der nach Art der Erzähler für das Volk den Stoff wiederholte, an dem die Hörer schon einmal ihre Freude gehabt. Wir kennen auch die Quelle, aus der dieser erweiternde Spielmann schöpfte, es ist die Sage von Salman und Morolf, die eigentliche und bezeichnendste Spielmannsdichtung des Mittelalters. Sie kann sich in der Wiederholung und Variierung von Entführungsgeschichten nicht genug tun und preist dabei natürlich die Listen, Kühnheiten und Genialitäten der Spielleute gebührend. Die Salomonsage kam aus dem Orient ins Abendland und hat durch Vermittlung der Spielleute manche mittelalterliche Dichtung umgestaltet, von den alten Heldendichtungen außer dem König Rother die von Hetel und Hilde.

Die Thidreksaga, die uns die Sage von Rother ebenfalls erzählt, nur daß der Held bei ihr den Namen Osantrix führt, zeigt die angehängte Entführung nicht, die das deutsche Gedicht enthält und steht der urprünglichsten Form der Rothersage also näher.
Der Thidreksaga fehlen auch die Personen  Berchter von Meran und seine Söhne. Auch diese gehören nicht in die Geschichte von Rother, sondern in die des Dietrich von Bern. Berchter stammt aus Meran (d.h. aus Dalmatien und Istrien, das ist in der Sage das Stammland der Goten) und ist dem Hildebrand verwandt, ein im Kampf ergrauter Recke, der dem vertriebenen und geliebten König die Treue hält und ihm gern alles opfert, was er besitzt, auch seinen besten Schatz: seine Söhne.
Da Rother sich als vertriebener König ausgibt, und sich nach dem vertriebenen König der germanischen Heldendichtung, nach Dietrich nennt, lag es nahe, die Gestalt Berchters von Meran und seiner Söhne mit ihm zu verbinden; besonders empfahl sich das für einen Spielmann. Denn durch diese o Einfügung und die mit ihr verbundene, in der damaligen Kunst sehr geliebte Wiedererkennungsszene gewann er die ihm erwünschte Sentimentalität und Rührung für seine Geschichte. Zugleich konnte er durch die Ausmalung von Rothers musikalischen Künsten wirksame Reklame für die eigene Kunst machen. Noch ein anderer König der Germanen, den die Seinen von seinem Erbe vertrieben hatten, hieß Dietrich, es war der fränkische Wolfdietrich. An ihn hat sich, wie wir bald erfahren werden, vor allem die Person Berchters und seiner Söhne gehängt.

In der Thidreksaga verläuft nun die Geschichte von Rother so: Osantrix wirbt um Oda, die Tochter des Königs Milias von Hunnenland. Er schickt zuerst sechs Ritter, die wirft Milias ins Gefängnis; dann schickt er seine Neffen; denen widerfährt das gleiche. Nun kommt er selbst mit seinen Mannen und vier Riesenbrüdern. Er bittet den König Milias um Schutz vor Osantrix, und als dieser ihn dem zu gewähren zaudert, tritt Aspilian, einer der Riesen, vor Wut bis an die Knöchel in die Erde. Einen anderen Riesen Wiedolt hatte man wie im deutschen Rother schon vorher an die Kette legen müssen. Milias erzürnt sich; da schlägt ihn Aspilian mit der Hand nieder, und Osantrix und seine Mannen erschlagen alle, die sie in der Stadt finden, befreien die Gefangenen und lassen sich Oda bringen. Nun folgt die Geschichte mit dem goldenen und silbernen Schuh. Osantrix gibt sich zu erkennen, versöhnt sich mit Milias und führt die Braut heim. Der Bericht, an den die Thidreksaga sich hielt, erzählte anscheinend mit besonderer Genugtuung die Kraftstücke und die Wildheit der riesischen Begleiter. Nachdem wir bei Waltharius ähnliches kennengelernt, dürfen wir vermuten, daß diese Kraftstücke und die Riesen selbst eine Zutat des zehnten Jahrhunderts sind.

Die Heimat der alten Rothersage ist, wie wir schon andeuteten, wahrscheinlich die Lombardei; es gibt nämlich einen longobardi-schen König Rother, und die longobardische Sage von Authari steht der von Rother, wenn wir uns diese ohne Riesen, ohne Berchter und ohne das letzte Anhängsel vorstellen, recht nah. Es ist eine Werbungssage, in welcher der königliche Werber, nachdem er von der Schönheit seiner Braut gehört, selbst vor ihr erscheint, den anderen verheimlicht er, daß er selbst kam, der Jungfrau, die er begehrt, gibt er sich in jugendlicher Tollkühnheit zu erkennen. Das Motiv von dem goldenen und silbernen Schuh ist novellistisch und von den Spielleuten wohl ausgestaltet. Die Szene selbst, in der Rother sich vor der Königstochter enthüllt, trägt sogar noch im deutschen Spielmannsgedicht die Kennzeichen germanischer Kunst und ihres dramatischen Lebens. Da Authari um eine bayerische Königstochter wirbt, so wäre, gibt man die lombardische Heimat des Rother zu, leicht zu verstehen, warum die Sage von den Longobarden zu den Bayern wanderte. In der Lombardei selbst kann sie auch die ersten grotesken Zutaten zu sich genommen haben, denn dies Land war, nachdem seine heimische Kunst verfiel, den Nachfahren der römischen Mimi, den Spielleuten, besonders ausgesetzt; und schon den Peredo führte die lombardische Sage nach Konstantinopel und rühmte ihm wie dem Asprian die Bezwingung eines Löwen nach. Die Geschichte vom Riesen Adelgis ist ja auch longobardisch.
Die Entwicklung des Rother hat sich uns nun so dargestellt: Eine longobardische “Werbungssage aus dem siebenten oder achten Jahrhundert, wohl in Form eines Liedes, war der Anfang. Sie feierte die Kühnheit des königlichen Jünglings und schilderte die Scham und den Stolz der Spielleute, die dann eine Reihe von Riesen in das Gefolge des Königs aufnahmen, die Szene, in der sich der Werber zu erkennen gibt, novellistisch und anmutig ausgestalteten und auch die Vorgeschichte der Werbung aufputzten und bereicherten. Dann wanderte das Gedicht nach Bayern und weiter nach Deutschland nordwärts herauf, dabei änderten sich seine Namen. In dieser Gestalt etwa bringt es uns die Thidreksaga. In Bayern aber erweiterte es sich, wiederum die Spielleute dehnten es, sie fügen den Bercher hinzu und verdoppeln mit Hilfe der Salomonsage die Entführung der Frau. So vollendete sich das deutsche Spielmannsgedicht von König Rother. Viel Germanisches ist auch dieser Dichtung nicht geblieben; sie ist ganz und gar Eigentum der Spielleute geworden. Aber sie ist in ihrer Art wiederum ein Beispiel, wieviel Erzählungsstoff auch in den alten germanischen Heldenliedern schlummerte, und wie dieser, wenn nur die Leute ihn erkannten, die das Erzählen um des Erzählens willen betreiben, aufleben und sich vertreiben kann. In Werbungs- und Entführungssagen haben dann ja gerade die Spielleute geschwelgt und sie allzugern wiederholt und vervielfältigt. Wieviel fremde, antike und orientalische Zutaten sie aber auch ausschmückend hinzufügten, den Anfang und den Grund dieser Werbungsgeschichten zeigt doch die germanische Heldendichtung.

Quelle: Heldensagen, Genf 1996


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Gedicht der Woche 30/2009


Das Hildebrand – Lied

Ich hörte das sagen, daß sich Herausforderer einzeln trafen,
Hildebrand und Hadubrand, zwischen Heeren zweien.
Sohn und Vater ihre Rüstungen richteten. Sie bereiteten ihre
Brünnen, gürteten sich ihre Schwerter an, die Helden,
über die Panzer, da sie zu dem Kampfe ritten. Hildebrand
sprach, Heribrands Sohn – er war der ältere
Mann, des Lebens erfahrener; zu fragen begann er mit wenigen
Worten, wer sein Vater gewesen sei der Menschen im Volke, “oder
welcher Sippe du seist. Wenn du mir einen sagst, weiß ich
mir die anderen, Jüngling, im Königreiche: Kund ist
mir alles Menschenvolk.” Hadubrand sprach, Hilde-
brands Sohn: “Das sagten mir unsere Leute, alte und
weise, die früher waren, daß Hildebrand habe geheißen
mein Vater; ich heiße Hadubrand. Einst er nach Osten
ging, floh er vor Odoakers Haß, hin mit Dietrich
und seiner Degen viel. Er ließ im Lande das Kleine,
sitzen die junge Frau im Hause, das unerwachsene Kind, erbelos.
Er ritt nach Osten hin. Seither bedurfte Dietrich
meines Vaters: Das war ein so freund-
loser Mann. Er war (auf) Odoaker unmäßig ergrimmt, der De-
gen liebster, solange Dietrich seiner bedurfte.
Er war immer an des Volkes Spitze, ihm war Fechten immer zu lieb:
Bekannt war er kühnen Männern. Nicht wähne ich,
er sei noch am Leben.” “Ich mache Gott zum Zeugen”, sprach
Hildebrand, “oben vom Himmel, daß du nie fortan mehr mit so
verwandtem Mann Verhandlung führst.” Er wand da vom Arme gewun-
dene Ringe, aus Kaisergold gemacht, die ihm der König gab,
der Hunnen Herr: “Daß ich dir es nun aus Huld gebe.” Hadubrand
sprach, Hildebrands Sohn: “Mit dem Speer soll man eine Gabe emp-
fangen, Spitze gegen Spitze. Du bist dir, alter Hunne, unmäßig schlau,
lockst mich mit deinen Worten, willst mich mit deinem Speer wer-
fen. Bist ein so alter Mann, so führtest du ewig Trug.
Das sagten mir Seefahrende westwärts über die Wendelsee, daß
ihn ein Kampf hinwegnahm: Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn.”
Hildebrand sprach, Heribrands Sohn: “Wohl sehe ich
in deiner Rüstung, daß du hast daheim einen guten Herrn,
daß du noch bei dieser Herrschaft nicht Verbannter wurdest. Wohl-
an nun, waltender Gott”, sprach Hildebrand, “Unheil geschieht!
Ich wallte Sommer und Winter sechzig außer Landes, wo
man mich immer stellte in die Reihe der Schießenden, ohne daß man
mir bei irgendeiner Stadt Tod zufügte; nun soll mich eigenes
Kind mit dem Schwert hauen, niederstrecken mit seiner Klinge, oder
ich ihm zum Mörder werden. Doch magst du nun leicht,
wenn dir deine Kraft taugt, an so hehrem Manne die Rüstung ge-
winnen, die Beute rauben, wenn du dazu irgendein Recht
hast.” “Der sei doch nun der ärgste”, sprach Hildebrand, “der Ostleute,
der dir nun den Kampf verweigerte, nun dich es so sehr gelüstet nach
gemeinsamem Ringen: Versuche, der kann, ob er sich heute der
Gewänder rühmen dürfe oder über diese beiden Brünnen wal-
ten.” Da ließen sie erst die “Eschen schreiten” in scharfen Schauern,
daß sie in den Schilden standen. Da stapften sie zusammen,
spalteten die Schilde, hieben harmvoll die hellen Schilde,
bis ihnen ihre Schilde klein wurden, zerkämpft mit Waffen…


hier in einer Ansprechenden Interpretation der Gruppe TRANSIT von 1980


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Wo ich wohne – Gedichte und Bilder


Berlin-olymp 019

Der Aprikosenbaum

In der Straße wo ich wohne,
mitten in der Stadt,
steht ein alter Aprikosenbaum.
Seine reifen Früchte
nähren keinen Menschen,
doch Vögel,
auch Mäuse und Ratten.
Und die nähren den Fuchs,
der sein Revier streng markiert,
nachts auf meinem Hof bellt
und mit federndem Gang
bis zum Alex schnürt.

aprikma

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