laut und leise literatur lesen

die Rezi-Tante zeigt Erlebtes und Erdichtetes, Geschichten und Geschichte


Hinterlasse einen Kommentar

Mauerstücke- Erinnerungsgeschichten (10)


katzen

Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten

Hier zwei weitere Leseproben:

Bornholmer Ecke Grüntaler

Regina Sander
„Kommen die jetzt alle hier rüber?”, fragt Kalle ungläubig, als wir bei Heinz im Radio hören, wie Schabowski sagt: „Ja, das äh … ja, trifft äh … unverzüglich … in Kraft, äh … soweit ich weiß.”
„Ach der Schabowski wees do selba nich’ wat los is’. Dit wees do im Moment da ja keener”, meint Heinz. Er ist gerade mit dem Abwasch der Gläser fertig und legt das Geschirrhandtuch ordentlich über den Rand der Spüle.

Der dritte Oktober 1990

Renate Parschau


Lorenz singt durchweg den Becher-Text zu den neuen Noten, die genau genommen vom Haydnschen Kaiser-Quartett stammen. Jetzt, wo er doch erlaubt ist. Und ich summe mal Teile aus der Eisler-Hymne, mal korrekt das „Deutschlandlied”, das uns bisher verboten war. Thorsten singt einfach „Freude schöner Götterfunken” aus der „Neunten” von Beethoven mit dem Text von Schiller.


Hinterlasse einen Kommentar

Gedicht der Woche 17/2009


Tausendund(k)eine Nacht

Goldener
Becher funkelt im Licht
der Sterne,
das nur der Mondstrahl bricht.
Roter Wein
warm durch die Kehle rinnt,
ein Schatten
huscht wie ein Dschin1 geschwind,
entzündet
ein Räucherpfännchen fein,
die Öllampe
brennt mit orange-rotem Schein.
Leise tönt
von fern der Klang der Ney2.
Ach Liebster,
heut sind wir sorgenfrei!
flüstert sanft
die blumige Schöne.
Streck dich aus,
dass ich dich verwöhne!
***
Ein Wispern,
ein Raunen geht durch die Nacht:
Scherezad’
hat neue Märchen erdacht.
Sie sitzt auf
dem Diwan und lächelt zart,
Sehnsucht im
Blick, doch ihr Wille ist hart.
Sie meistert
die Lage, wird alles geben,
denn sie bangt
Nacht für Nacht um ihr Leben.
Roter Mund,
mit dem sie lockend spricht
von Liebe,
wenn ihr das Herz auch bricht.
Sie lässt den
Blick in die Ferne schweifen
Oh Kismet3,
wie bist du schwer zu begreifen!
***
Im Harem
brennen tausend Kerzen,
das Spiel der Tar4
entflammt die Herzen.
Sinnlich
wiegt sich im Schleiertanz
die Sklavin
und entblößt sich ganz.
Und dort in
dem verschwiegenen Garten
will Schilan
auf Abdullah warten.
Es klingt
der Ruf der Nachtigall,
nach Rosen
duftet es überall.
Aus dunklem
Auge glimmt das Feuer,
Geliebte,
wie bist du mir teuer!
flüstert
der Jüngling liebestrunken.
Heiß brennt in
seinem Herz ein Funken.
Über beiden
ein samtblaues Sternenzelt,
ein Weltdach, das
schützend die Liebenden hält.
***
Ein Glöckchen
klingt leis’ in der Wüstenei,
es ziehen
Karawanen vorbei
die Seidenstraße
entlang durch den Sand,
mit Waren
kostbar aus fernem Land.
Ein Trugbild
zeigt sich am Horizont,
die Fata-Morgana -
sie führt gekonnt
manch müden
Wanderer ins Verderben,
und lässt ihn
im Meer des Sandes sterben.
Dattelpalmen
schwingen sanft im Wind,
Kamele
bringen die Reiter geschwind
zu Palästen,
aus glänzendem Marmorstein,
so herrlich
und fein wie aus Elfenbein.
***
Jasminblüten
schwängern die heiße Luft
mit ihrem
atemberaubenden Duft.
Zikaden
zirpen am Wegesrand,
so friedlich
wirkt hier das Morgenland.
Wehmüttig
blickt Scherezad’ in die Ferne.
Am Himmel
leuchten noch immer die Sterne,
darunter
die Erde verbrannt und geschändet,
der Glaube dahin,
dass alles gut endet.
Nach wie vor
muss sie um ihr Leben bangen,
nach wie vor
ist sie in Fesseln gefangen.
Ihr Mund ist
verschlossen ohne Wahl
und Märchen
empfindet sie als Qual.
In ihr starb
die Hoffnung – wie es auch sei:
Mit Tausend
und einer Nacht ist es vorbei.

© Aramesh

1-Dschin=Geist,
2-Ney=Rohrflöte,
3-Kismet=Schicksal,
4-Tar=Saiteninstrument

Matahari, orientalische Tänzerin



Hinterlasse einen Kommentar

erzählt für die Woche 17/2009


Der teure Hund

Anton Tschechow

übersetzt von Alexander Eliasberg

Leutnant Dubow, ein nicht mehr junger Armee-Offizier, und der Einjährige Knaps saßen einmal beisammen und tranken.

»Ein prachtvoller Hund!« sagte Dubow, auf seinen Hund Milka zeigend. »Ein wun-der-bar-rer Hund! Schauen Sie nur seine Schnauze an! Was die Schnauze allein wert ist! Wenn man auf einen Liebhaber stößt, so wird er für diese Schnauze allein zweihundert Rubel bezahlen! Sie glauben es mir nicht? Dann verstehen Sie nichts …«

»Ich verstehe wohl, aber …«

»Es ist doch ein Setter, ein reinrassiger englischer Setter! Auf dem Anstand ist er fabelhaft, und erst die Nase! Mein Gott, diese Nase! Wissen Sie, wieviel ich für den Hund bezahlt habe, als er noch klein war? Hundert Rubel! Ein wunderbarer Hund! Du Schelm, Milka! Du Dummkopf, Milka! Komm mal her, komm her … mein liebes Hündchen…«

Dubow zog Milka zu sich heran und küßte das Tier zwischen den Ohren. Tränen traten ihm in die Augen.

»Ich gebe dich doch nicht her … du schöner Hund … du Räuber. Du liebst mich doch, Milka? Milka? … Marsch, fort!« schrie der Leutnant plötzlich den Hund an. »Mit den schmutzigen Pfoten kommst du mir an die Uniform! Ja, Knaps, hundertfünfzig Rubel habe ich für den Hund bezahlt, als er jung war. Also ist er was wert! Eines tut mir nur leid: ich habe gar keine Zeit für die Jagd! Der Hund geht ohne Arbeit zugrunde, er vergräbt seinen Schatz … Darum verkaufe ich ihn auch. Kaufen Sie ihn mir ab, Knaps! Sie werden mir Ihr Leben lang dankbar sein! Nun, wenn Sie nicht so viel Geld haben, will ich ihn Ihnen für den halben Preis lassen … Nehmen Sie ihn für fünfzig! Berauben Sie mich nur!«

»Nein, mein Lieber …« entgegnete Knaps und seufzte auf. »Wäre Ihre Milka männlichen Geschlechts, so würde ich ihn vielleicht kaufen, so aber …«

»Milka ist nicht männlichen Geschlechts?« rief der Leutnant. erstaunt aus. »Knaps, was fällt Ihnen ein? Milka ist nicht männlichen Geschlechts?! Haha! Ist’s vielleicht eine Hündin? Haha! Ein netter Knabe! Er versteht noch nicht, einen Rüden von einer Hündin zu unterscheiden!«

»Sie sprechen zu mir, als ob ich blind oder ein Kind wäre,« versetzte Knaps beleidigt. »Natürlich ist sie eine Hündin!«

Dann werden Sie vielleicht auch sagen, daß ich eine Dame bin! Ach, Knaps, Knaps! Und Sie haben noch die Technische Hochschule absolviert! Nein, mein Lieber, es ist ein echter, reinrassiger Rüde! Noch mehr als das: er kann jedem Rüden zehn Points vorgeben. Und Sie sagen, er sei eine Hündin! Haha …«

»Entschuldigen Sie, Michail Iwanowitsch, Sie halten mich einfach zum Narren … Es ist sogar kränkend …«

»Nun, lassen wir das, hol’ Sie der Teufel! … Kaufen Sie ihn nicht … Ihnen kann man das gar nicht klar machen! Bald werden Sie sagen, dies da sei kein Schwanz, sondern ein Bein … Also nicht. Ich wollte Ihnen doch nur einen Gefallen tun. Wachramejew, Kognak!«

Der Bursche brachte eine neue Flasche. Die Freunde schenkten sich je ein Gläschen ein und wurden nachdenklich. Eine halbe Stunde verging in Schweigen.

»Und wenn’s auch eine Hündin ist …« unterbrach der Leutnant das Schweigen mit einem düsteren Blick auf die Flasche. »Sie sind wirklich sonderbar! Das wäre doch nur Ihr Vorteil. Sie wirft Junge, und jeder junge Hund ist gleich einen Fünfundzwanziger wert … Ein jeder nimmt sie Ihnen gern ab. Ich weiß nicht, warum Ihnen gerade die Rüden so sehr gefallen! Die Hündinnen sind tausendmal besser. Das weibliche Geschlecht ist dankbarer und anhänglicher … Nun, wenn Sie schon das weibliche Geschlecht so fürchten, gebe ich sie Ihnen für Fünfundzwanzig her.«

»Nein, mein Lieber … Ich gebe keine Kopeke für den Hund. Erstens brauche ich keinen, und zweitens habe ich kein Geld.«

»Das hätten Sie früher sagen sollen. Milka, marsch, hinaus!«

Der Bursche brachte eine Eierspeise. Die beiden Freunde leerten schweigend die Pfanne.

»Sie sind ein guter Junge, Knaps, so ehrlich …« sagte der Leutnant, indem er sich den Mund abwischte. »Es tut mir leid, Sie so gehen zu lassen, hol’ der Teufel … Wissen Sie was? Nehmen Sie den Hund geschenkt!«

»Wo soll ich ihn halten, mein Lieber?« sagte Knaps seufzend. »Und wer wird sich bei mir mit ihm abgeben?«

»Also nicht, also nicht … hol’ Sie der Teufel! Wenn Sie nicht wollen, dann nicht … Wo wollen Sie denn schon hin? Bleiben Sie doch noch da!«

Knaps reckte sich, stand auf und griff nach seiner Mütze. »Es ist Zeit. Leben Sie wohl …« sagte er gähnend.

»Warten Sie, ich will Sie begleiten.«

Dubow und Knaps zogen sich an und traten auf die Straße. Die ersten hundert Schritte gingen sie schweigend.

»Wissen Sie niemand, dem ich den Hund schenken könnte?« fing der Leutnant an. »Haben Sie nicht einen Bekannten, der ihn nehmen würde? Der Hund ist, wie Sie eben sahen, gut und rasserein, aber … ich brauche ihn absolut nicht!«

»Ich weiß wirklich nicht, mein Lieber … Was habe ich hier auch für Bekannte?«

Bis zur Wohnung Knaps versetzten die Freunde kein Wort mehr. Erst als Knaps dem Leutnant die Hand gedrückt und das Haustor geöffnet hatte, hüstelte Dubow und sagte unentschlossen:

»Wissen Sie nicht, ob die hiesigen Abdecker Hunde nehmen?«

»Wahrscheinlich nehmen sie welche … Bestimmt kann ich es Ihnen nicht sagen.«

»Morgen schicke ich ihn mit dem Wachramejew hin … Hol’ ihn der Teufel, soll man ihn nur schinden … Ein abscheulicher Köter! Er macht nur alle Zimmer schmutzig und hat gestern auch noch das ganze Fleisch in der Küche gefressen, das gemeine Vieh … Wenn es wenigstens eine gescheite Rasse wäre, aber es ist, weiß der Teufel, eine Kreuzung zwischen einem Hofhund und einem Schwein. Gute Nacht!«

»Leben Sie wohl!« sagte Knaps.

Das Tor fiel ins Schloß, und der Leutnant blieb allein.


3 Kommentare

Hörbuch: “Treuepunkte” von Susanne Fröhlich


treuepunkte

Ich behaupte, dem blonden Lockenkopf der Frau Susanne Fröhlich ist beim durchzappen der Fernsehprogramme schon jeder einmal begegnet.
Zu medienpräsent ist diese Autorin, zu markant ihre Stimme, zu ewig gutgelaut ihre Ausstrahlung, als dass man sie übersehen könnte.

Sie schreibt über den normalen Wahnsinn im Alltag von gut situierten Mittelstandsfrauen, über deren Kollegen und Kolleginnen, Freundinnen, Männer, Ehemänner, das Kinderkriegen und Kinderhaben, sowas halt.
Ihre Schreibe ist locker, flott , witzig und die Autorin hat das  Talent, geistreich zu lästern.  Eine intelligente Frau ohne zu großen Tiefgang.

Ich dachte mir,  von der ein Hörbuch ist für mich genau richtig bei der Erledigung des Frühjahresputzes und nutzte die Gelegenheit, sehr günstig eine gebrauchte CD zu erwerben .

Ich habe also gerade  “Treuepunkte”  gehört und… fand das witzig.
Ich weiß aber nicht, ob es mir auch so gefallen hätte, hätte ich nur im Sessel gesessen und zugehört, eher nicht. Dafür ist ihre Stimme dann doch zu markant, ihre Ausstrahlung doch zu gutgelaunt und die Unterhaltung selbst dann doch zu flach.
Aber nur mal  so nebenbei gehört, während man selbst furchtbar wichtige, aber den Geist gar nicht sehr fesselndeTätigkeiten macht, war es gut, wie ein Telefonat  mit einer Freundin über Gott und die Welt.

Susanne Fröhlich scheint ihre  Zuhörerschaft zu polarisieren. Wenn man sich die Bewertungen der “Treuepunkte” auf amazon ansieht, da hat sie fast gleichermaßen  fünf, drei oder einen Stern erhalten.

Männer fühlten sich von der Stimme der Autorin genervt und von der vermeintlichen Eifersucht ihrer Protagonistin Andrea Schnidt;  Frauen hingegen verziehen ihr nicht, dass ” Treuepunkte ”  längst nicht so witzig gewesen wär wie ihre zwei anderen Bücher über die Protagonistin Andrea Schnidt.
Nun, ich kannte die anderen Bücher nicht, kannte aber wohl die Stimme von Susanne Fröhlich.
Mich hat das schon im Fernsehen beeindruckt, wie sie mit ihrer  leicht angedreckten Stimme, die trotzdem eine weibliche Tonlage hat, die Worte pointiert sprudeln lässt und ich fand es auch auf der CD bemerkenswert.

Vermutlich werde ich irgendwann auch den anderen Freuden und Kümmernisse der Andrea Schnidt zwei Ohren leihen,   jedenfalls wenn sich eine günstige Erwerbsgelegenheit ergibt. Schließlich sollen sie ja , amazon-bestätigterweise,  mindestens so witzig sein wie die “Treuepunkte”.

frisch-gepresst

lieblingsstucke


Hinterlasse einen Kommentar

Mauerstücke- Erinnerungsgeschichten (9)


Zwei weitere 3-Satz-Leseproben aus dem Buch

Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

x

Die Geschichte der Berliner Mauer

Thierry Noir
Zu Beginn der 80er Jahre schrieben Menschen ihre Namen auf die Mauer, dann Wörter oder Sprüche, die meist politisch gefärbt waren, erst dann kamen Malereien hinzu.
Im April 1984 bemalten Thierry Noir und Christophe Bouchet ein Stück der drei Meter hohen Mauer so schnell wie möglich mit leuchtenden Farben.
Noir und Bouchet, beide aus Frankreich stammend, lebten zu dem Zeitpunkt schon seit zwei Jahren direkt an der Berliner Mauer

Berliner Mauerjungs

Thomas Gohlke
Denn, was ich noch nicht erwähnte, an das Feld grenzte ein riesiger Stacheldrahtzaun. Ich rannte in das Stacheldrahtgewirr und versuchte meinen Ball herauszupopeln. Ich sah voller Entsetzen, wie das bunte Rund immer kleiner wurde.


Hinterlasse einen Kommentar

Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten (8)


mauerkunst

Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

2 weitere Leseproben:

Zwei Steine

Tengis Khachapuridse

Das war ein Befehl für uns, zehn künftige Reiseleiter, nach der Abschlussprüfung des Dolmetscherkurses. Die bedrohlich leise Stimme eines untersetzten Mannes, der während der Prüfung nur geschwiegen und uns unentwegt angestarrt hatte, war trotz der Maihitze unangenehm kalt. Dieser Mann war das gefährlichste Mitglied des Prüfungsausschusses.


Grenzen

Inge Wrobel

Nun stand ich vor ihr. Sah sie aus der Nähe. Wie eine liebe Freundin, mit der man jahrelang Briefe tauscht, wohl auch ein Foto, aber von Angesicht zu Angesicht sah man sich bisher nie.


Hinterlasse einen Kommentar

Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten (7)


wall Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

2 Leseproben:

Wiedervereinigung

Uwe Hartig

„Ich finde, wir haben jetzt genug diskutiert, findest du nicht auch?”, sagte sie.
„Ja, ich finde auch, wir haben jetzt genug gequatscht, schlaf schön!”, sagte er, schaltete das Licht aus und drehte sich auf die andere Seite.
„Kannst du jetzt einfach so schlafen?”, fragte sie.

Zettelwirtschaft

Thomas Stefan

Er las: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.” Er las es laut, mit heiserer Stimme. Es war der berühmte Ausspruch Ulbrichts.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 28 Followern an