Babys schreien im Duktus ihrer Muttersprache…

9. November 2009

Forscher um die Würzburger Wissenschaftlerin Kathleen Wermke haben in einer Studie herausgefunden, dass deutsche Babys anders schreien als französische.
Melodie und Rhythmus der Babylaute unterscheiden sich, sind von ihrer Muttersprache geprägt.
Als Grund wird einleuchtend angegeben, dass die Neugeborenen schon im Mutterleib die Sprache ihrer Eltern verinnerlichen und damit auch deren Betonung.

Kathleen Wermke hat mit ihrem Team das Geschrei von 60 Neugeborenen aus Deutschland und Frankreich studiert, welche zwischen drei und fünf Tage alt waren. Mit Mikrofonen zeichneten sie das Weinen der Säuglinge auf und ein Computer ermittelte später die Frequenzspektren, die Melodiekontur sowie die maximale Tonhöhe.

Dabei fanden die Forscher heraus, dass die Schreimelodie der deutschen Säuglinge häufiger mit einem anfänglichen Maximum beginnt und  diese Kurve zum Ende hin  abfällt.
Die französischen Babys dagegen schreien mehr in ansteigenden Melodien und betonen somit das Ende stärker.
Kleiner Sprachvergleich:
In Frankreich rufen Kinder  nach dem Papá, in Deutschland rufen die Kinder nach Pápa.
«Die melodischen Charakteristiken beider Sprachen sind auch im Babyschreien wiederzufinden», sagte Kathleen Wermke.
Zwar haben auch deutsche Babys entbetonte Melodien, aber im Durchschnitt orientierten sie sich an der Intonation ihrer Muttersprache und betonten den Anfang stärker.

Dass Kinder bereits im Mutterleib die Stimme der Eltern erkennen, ist schon lange bekannt.
Kathleen Wermke will die Theorie belegen, «dass der Spracherwerb bei unseren Kindern im Vergleich zu nichtmenschlichen Primaten mit der Melodie beim Schreien beginnt».
Sie unterstreicht,dass Babys  in der Lage seien, ihre Schreimelodie in verschiedenen Rhythmen zu variieren und dabei das im Mutterleib gehörte umzusetzen. Dies seien keine reflexiven, monotonen Lautäußerungen.
Man hofft jetzt, dass  diese Erkenntnisse dazu beitragen, Sprachdefizite frühzeitig zu entdecken.

Ich glaube, bei den Beiden hier braucht man sich um eventuell entstehende Sprachdefizite keine Sorge zu machen.


für die Woche 45/2009 erzählt

8. November 2009

Nur in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm der ersten  Ausgabe von 1812 enthalten,
ab der 2. Auflage augetauscht gegen Die kluge Gretel

77.

Vom Schreiner und Drechsler.

Ein Schreiner und ein Drechsler sollten ihr Meisterstück machen. Da machte der Schreiner einen Tisch, der konnte von sich selbst schwimmen, der Drechsler Flügel, mit denen man fliegen konnte. Und alle sagten, daß dem Schreiner sein Kunststück besser gelungen wäre, der Drechsler nahm also seine Flügel, that sie an und flog fort aus dem Land, von Morgen bis zu Abend in einem fort.

In dem Land war ein junger Prinz, der sah ihn fliegen, und bat ihn, er möchte ihm doch seine paar Flügel leihen, er wollts ihm gut lohnen. Der Prinz bekam also die Flügel und flog, bis er in ein anderes Reich kam, da war ein Thurm mit vielen Lichtern erleuchtet, dabei senkte er sich nieder zur Erde, fragte nach der Ursache und hörte, daß hier die allerschönste Prinzessin der Welt wohnte. Nun wurde er höchst neugierig, und als es Abend wurde, flog er in ein offenes Fenster hinein; wie sie aber nicht lange Zeit beisammen waren, wurde die Sache verrathen, und der Prinz sammt der Prinzessin sollten auf dem Scheiterhaufen sterben.

Der Prinz nahm indessen seine Flügel mit hinauf, und als die Flamme schon zu ihnen  heraufschlug, band er sich die Flügel um und entfloh mit der Prinzessin bis in sein Vaterland, da ließ er sich nieder, und weil jedermann über seine Abwesenheit betrübt war, so gab er sich zu erkennen, und wurde zum König erwählt.

Nach einiger Zeit aber ließ der Vater der entführten Prinzessin bekannt machen, daß derjenige das halbe Königreich bekommen sollte, der ihm seine Tochter wiederbringe. Dies erfährt der Prinz, rüstet ein Heer aus und bringt die Prinzessin selbst ihrem Vater zu, den er zwingt, ihm sein Versprechen zu erfüllen.

Daedalus und Ikarus

Daedalus und Ikarus


Gedicht der Woche 45/2009

8. November 2009

Ferdinand Freiligrath

Ehre der Arbeit

Wer den wucht’gen Hammer schwingt,
wer im Felde mäht die Aehren,
wer ins Mark der Erde dringt,
Weib und Kinder zu ernähren,
wer stroman den Nachen zieht,
wer bei Woll und Werg und Flachse
hinterm Webestuhl sich müht,
dass sein blonder Junge wachse:

Jedem Ehre, jedem Preis!
Ehre jeder Hand voll Schwielen!
Ehre jedem Tropfen Schweiss,
der in Hütten fällt und Mühlen!
Ehre jeder nassen Stirn
hinterm Pfluge!- doch auch dessen,
der mit Schädel und mit Hirn
hungernd pflügt, sei nicht vergessen!


in der Kontaktstelle Wilmersdorf gelesen…

8. November 2009

Am 08.11.2009 um 11 Uhr

Autorenlesung mit anschließender Diskussion

Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

Mit Patricia Koelle und Bettina Buske

Kontaktstelle Wilmersdorf
Sigmaringer Straße 28
10713 Berlin-Wilmersdorf

Telefon 030 86409307
Fax 030 86409517

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So, nun ist auch diese Lesung vorbei. Ist das zweite Mal, dass ich in den Räumen der Kontaktstelle gelesen habe und es war wie schon beim ersten Mal eine herzliche Atmosphäre.
Leider warten nicht sehr viele Zuhörer gekommen, ich glaube, es waren insgesamt sieben Zuhörerinnen, ich hab lieber nicht durchgezählt und lasse mir die Hoffnung, es könnten acht gewesen sein.
Dafür waren die Frauen aber ein interessiertes Publikum, das hat den mäßigen Zulauf wieder entschädigt, den nach der Lesung ergaben sich interessante Gespräche.
Ich frage mich nun, ist das Thema Mauerfall für die Leute schon so „abgelutscht“, dass niemand zur Lesung kommen möchte, was die  rege Teilnahme an dem anschließenden Gespräch aber nicht bestätigte, oder was muss man machen, damit sich Leute für die Mauerstücke-Lesungen interessieren?
So langsam habe ich das Gefühl, dem Don Quijote gleich zu sein und die Mauerstücke sind meine Dulchinea.
Aber wie Don Quijote kann auch  ich nicht anders, ich muss in den Kampf hinaus für den guten Namen meiner Liebe.
Eigentlich kann ich die Mauerstücke nicht mit Dulcinea vergleichen, ich habe da wohl ein Identitätsproblem – vielleicht bin ich eher ein Kohlhaas denn ein Don Quijote, nennt mich Donna Kohlhaas, das scheint zu passen.
Das elende Ende des Kohlhaas bleibt mir hoffentlich erspart, hoffentlich.

Märchenhütte öffnet seine Pforte am 13. November!

3. November 2009
Folgende Mail erreichte mich, die ich sofort weitergebe, verbunden mit einer Empfehlung  UNBEDINGT die Märchenhütte zu besuchen, aber Vorsicht – Suchtgefahr!

Liebe Freunde der Märchenhütte, werte Gäste,

unsre Märchenhütte feiert im 4. Jahr ihre Premiere. Seit Sommer werden wir unablässig danach befragt, und nun am 13. November ist es soweit. Gern würden wir längst mit anderen Autoren, neuen Genres, fremden Sujets weiter experimentieren, doch weil man uns – wir fühlten uns geehrt – über die gesamte letzte Wintersaison geradezu, mit Verlaub, die Türen eingerannt hat, nehmen wir diesmal den Publikumszuspruch als Auftrag, nehmen ihn ernst und machen auf allgemeinen Wunsch getreulich genau da weiter, wo wir jüngst endeten: mit Grimmis.

Geschlagene 17 dieser urtümlichen Dramolette – vom quietschfidelen „Hans im Glück“ ab 4 bis hin zum unheilträchtigen „Machandelbaum“, P 18! – stehen ohnehin schon auf  dem Spielplan. Doch allein schon von der Eröffnung an bis Heiligabend werden bei uns drei neue  Kinder- und Hausmärchen ihre Hüttenpremiere feiern. Auch der sich befremdlich steigernden Begierde unsres erwachsenen Publikums nach ominös-amourösen Gräuelmärchen zu dunkler Stunde wollen wir grimmig entgegnen: kennt etwa jemand „Fitschers Vogel“? Nun, das soll sich ändern; warten Sie’s nur ab, bis er Ihnen im Finstern begegnet!

Zuviel sei nicht verraten, nur schon dies: SIE kommt! Welch eine Sensation – seit je ersehnt, kaum noch erhofft, lässt sie, die Diva der grimmschen Beautyqueens, sich tatsächlich doch noch dazu herab und lässt es endlich runter… – …na ihr Haar doch, das Rapunzel!

Saisonstart ist am Freitag 13. November um 20 Uhr (bereits ausverkauft).

Spielplaninfos: www.maerchenhuette.de

Wir würden uns sehr über Ihr Erscheinen freuen.

Also ich werde sie auf jeden Fall wieder besuchen, und das nicht nur einmal

Zur Erinnerung, ich hatte schon einen Beitrag zum Saisonende auf dem Blog hier



Stöckchen aufgenommen und …

2. November 2009

gleich mal an Claudia und Patricia weitergeworfen. Dieses Stöckchen warf der Herr Teddy mit dem Zwiebeleis nach mir, der hat es von der Frau Pampashase erhalten, diese wiederum von der Frau Neosens  und die  von Frau Quadratmeter und…

Jedenfalls ist an dem Stöckchen eine  Aufgabe gebunden, man soll seine Kamera aus dem Fenster zu halten und drauf los knipsen.

Mach ich doch glatt, werdet schon sehen…

Fensterblick im November

Blick zum Monte Klamotte im November

Karl-Marx-Allee im November


im Cafe Sibylle gelesen…

1. November 2009

Am 30.10.2009 um 20 Uhr

Große Autorenlesung aus der Anthologie
Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

Kultur- Cafe Sibylle, Berlin Friedrichshain

Beginn ist 20 Uhr
Ort:
10243 Berlin
Friedrichshain /Kreuzberg
Karl-Marx-Allee 72
Tel. +49 (0)30 29 35 22 03 |
mail: cafesibylle@u-s-e.org

bisher haben 8 Autoren ihre Teilnahme zugesagt – wird bestimmt eine tolle Veranstaltung werden

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Ja, die Lesung ist vorbei, zehn Autoren waren anwesend, zum Glück haben sich etliche Freunde mitgebracht, sonst hätten wir wohl vor fünf Leuten gelesen . So war es ein Fest des „Sich-kennen-Lernens“, für einige war es auch ein erproben wie das geht, seine Geschichten vor Fremden vorzutragen – und ich denke, sie haben festgestellt, geht, kann man machen, macht sogar Spass, hej- ich kann das! Andere waren ohnehin schon erfahrene Vortragsprofis, die solche Auftritte gelassen meisterten.
Es war gute Stimmung, man hatte sich mal tief in die Augen blicken können, die Körpersprache gesehen und die Stimmen gehört, alles Eindrücke, die einem die virtuelle Welt vorenthält und die doch so entscheidend sind um die Wirkung einer Person abzurunden.

 


erzählt für die Woche 44/2009

1. November 2009
Thomas Müntzer ist kaum noch ein Begriff, in DDR-Zeiten wurde er idealisiert, wobei man seine revolutionären Ansichten betonte, seine Einstellung zum jüdischen Glauben unterschlug und seine spirituellen Gedanken, sein Gottesverständnis nur soweit erwähnte, wie es unumgänglich war. Müntzers Gleichnisse über das Judentum in der Bibel und Martin Luther geben einen tieferen Einblick in die damalige Zeit und lassen somit Luthers Ausführungen über das Judentum nicht als persönliche Entgleisung eines Einzelnen stehen, sondern zeigen, dass es ein damals aktueller theologischer Gedankenansatz ist, der in diesen Schmähungen steckt.
Es ist an der Zeit, Müntzer in seiner Persönlichkeit und in seinen Taten mit unverklärten Augen zu besehen, die falsche Glorie abzustreifen und die Jahrhunderte alte Patina des Verschweigens zu entfernen. Es bleibt durchaus sehenswertes übrig. Das Müntzerstudium ist eine Möglichkeit, diese Zeit der Bauernkriege in ihrer Tiefe zu erfassen.
Leider ist auch in den evangelischen Kirchen  sein moralisches Erbe, seine kraftvolle Sprache, seine Mystik eher unbeachtet gewesen, was wohl dem prägendem Einfluss von Martin Luther zu verdanken ist.
Einen Spiegel der Auseinandersetzung dieser beiden Großen möchte ich hier zeigen:

Martin Luther

Widder die stürmenden bawren

Im vorigen buchlin thurste ich die bauren nicht urteylen, weyl sie sich zu recht und besser unterricht erbotten, Wie denn Christus gepeut, man solle nicht urteylen, Matt. 7. Aber ehe denn ich mich umbsihe, faren sie [Rand: Matth. 7, 1] furt und greyffen mit der faust dreyn, mit vergessen yhrs erbietens, rauben und toben und thun wie die rasenden hunde, Dabey man nu wol sihet, was sie ynn yhrem falschen synn gehabt haben, und das eyttel erlogen ding sey gewesen, was sie unter dem namen des Euangeli ynn den zwelff artickeln haben furgewendet, Kurtz umb, eyttel teuffels werck treyben sie, Und ynn sonderheyt ists der ertzteuffel, der zu Mölhusen regirt und nichts denn raub, mord, blutvergissen anricht, wie denn Christus Johan. viij. von yhm sagt, das er sey eyn morder von anbegynn. Nu denn [Rand: Joh. 8, 44] sich solche bawrn und elende leute verfuren lassen und anders thun, denn sie geredt haben, mus ich auch anders von yhnen schreyben und erstlich yhre sunde fur yhre augen stellen, wie Gott Esaia und Ezechiel befelht, ob sich etlich erkennen wollten, Und darnach der welltlichen oberkeyt gewissen, wie sie sich hyrynnen hallten sollen, unterrichten.

Dreyerley grewliche sunden widder Gott und menschen laden dise bawrn auff sich, dar an sie den todt verdienet haben an leybe und seele manichfeltiglich: Zum ersten, das sie yhrer oberkeyt trew und hulde geschworen haben, unterthenig und gehorsam zu seyn, wie solchs Gott gebeut, da er spricht: ›Gebt [Rand: Luk. 20, 25] dem Keyser, was des Keysers ist.‹ Und Ro. 13: ›Iderman sey der oberkeyt [Rand: Röm. 13, 1] unterthan‹ etc. Weyl sie aber disen gehorsam brechen mutwilliglich und mit frevel und dazu sich widder yhre herren setzen, haben sie da mit verwirckt leyb und seel, als die trewlose, meyneydige, lugenhafftigen, ungehorsamen buben und bosewicht pflegen zu thun, darumb auch S. Paulus Ro. 13. eyn solch [Rand: Röm. 13, 2] urteyl uber sie fellet: ›Wilche der gewalt widder streben, die werden eyn gericht  uber sich uberkomen, Wilcher spruch auch die bawrn endlich treffen wird, es geschehe kurz odder lange, denn Gott will trew und pflicht gehalten haben.‹

Zum andern, das sie auffrur anrichten, rauben und plundern mit frevel kloster und schlosser, die nicht yhr sind, da mit sie, als die offentlichen strassen reuber und morder alleyne wol zwyffeltig den tod an leib und seele verschulden, Auch eyn auffrurischer mensch, den man des bezeugen kan, schon ynn Gotts und Keyserlicher acht ist, das, wer am ersten kan und mag den selben erwurgen, recht und wol thut, Denn uber eynen offentlichen auffrurigen ist eyn iglicher mensch beyde ober richter und scharffrichter, gleich als wenn eyn feur angehet, wer am ersten kan leschen, der ist Der best, denn auffrur ist nicht eyn schlechter mord, sondern wie eyn gros feur, das eyn land anzundet und verwustet, also bringt auffrur mit sich eyn land vol mords, blutvergissen und macht widwen und weysen und verstoret alles, wie das allergrossest ungluck. Drumb sol hie zuschmeyssen, wurgen und stechen heymlich odder offentlich, wer da kan, und gedencken, das nicht gifftigers, schedlichers, teuffelischers seyn kan, denn eyn auffrurischer mensch, gleich als wenn man eynen tollen hund todschlahen mus, schlegstu nicht, so schlegt er dich und eyn gantz land mit dyr.

Zum dritten, das sie solche schreckliche, grewliche sunde mit dem Euangelio decken, nennen sich Christliche bruder, nemen eyd und hulde und zwingen die leutte, zu solchen greweln mit yhnen zu halten, da mit sie die aller grosten Gottslesterer und schender seynes heyligen namen werden und ehren und dienen also dem teuffel unter dem scheyn des Euangelij, daran sie wol zehen mal den tod verdienen an leib und seele, das ich hesszlicher sunde nie gehoret habe, Und achte auch, das der teuffel den iungsten tag fule, das er solch unerhorte stuck furnympt, als solt er sagen: Es ist das letzte, drumb soll es das ergste seyn, und will die grundsuppe růren und den boden gar ausstossen, Got wölle yhm weren. Da sihe, wilch eyn mechtiger fürst der teuffel ist, wie er die wellt ynn henden hat und ynneynander mengen kan, Der so bald so viel tausent bawrn fangen, verfüren, verblenden, verstocken und empören kan und mit yhn machen, was seyn aller wütigester grym fur nympt.

[Rand: Mose 1. 2] Es hilfft auch die bawrn nicht, das sie furgeben, Gene. 1. und 2. seyen alle ding frey und gemeyne geschaffen, und das wyr alle gleych getaufft sind. Denn ym newen Testament hellt und gillt Moses nicht, Sondern da steht unser meyster Christus und wirfft uns mit leyb und gut unter den Keyser [Rand: Luk. 20, 25] und welltlich recht, da er spricht: ›Gebt dem Keyser, was des Keysers ist.‹ So  spricht auch Paulus Ro. 12. zu allen getaufften Christen: ›Yderman sey [Rand: Röm. 13, 1] der gewallt unterthan.‹ Und Petrus: ›Seyt unterthan aller menschlicher [Rand: 1. Petri 2, 13] ordnung.‹ Dieser lere Christi sind wyr schuldig zu geleben, wie der vater vom hymel gebeut und sagt: ›Dis ist meyn lieber son, den höret.‹ Denn die [Rand: Matth. 17, 5] tauffe macht nicht leyb und gut frey, sondern die seelen. Auch macht das Euangelion nicht die güter gemeyn, on alleyne, wilche solchs williglich von yhn selbs thun wöllen, wie die Aposteln und Jůnger Act. 4. thetten, wilche [Rand: Apg. 4, 33 ff.] nicht die frembden güter Pilatis und Herodis gemeyn zu seyn fodderten, wie unser unsynnige bawren toben, sonder yhr eygen güter. Aber unser bawren wöllen der andern frembden gůter gemeyn haben und yhr eygen fur sich behallten, Das sind myr feyne Christen, Ich meyn, das keyn teuffel mehr ynn der helle sey, sondern allzumal ynn die bawrn sind gefaren. Es ist uber aus und uber alle masse, das wueten.

Weyl denn nu die bawren auff sich laden beyde Gott und menschen und so manchfeltiglich schon des tods an leyb und seele schuldig sind und keyns rechten gestehen noch warten, sondern ymer fort toben, mus ich hie die welltliche oberkeyt unterrichten, wie sie hyrynn mit gutem gewissen faren sollen. Erstlich der oberkeyt, so da kan und will, on vorgehend erbieten zum recht und billickeit, solche bawrn schlahen und straffen, will ich nicht weren, ob sie gleich das Euangelion nicht leydet, Denn sie hat des gut recht, Syntemal die bawrn nu nicht mehr umb das Euangelion fechten, sondern sind offentlich worden trewlose, meyneydige, ungehorsame, auffrürissche, mörder, reuber, gottslesterer, wilche auch Heydenissche oberkeyt zu straffen recht und macht hat, ia dazu schuldig ist, solche buben zu straffen, Denn darumb tregt sie das schwerd und ist Gotts dieneryn uber den, so ubels thut Ro. 13. [Rand: Röm. 13, 4]

Aber die oberkeyt, so Christlich ist, und das Euangelion leydet, der halben auch die bawren keynen scheyn widder sie haben, soll hie mit furchten handeln, Und zum ersten die schen Gott heym geben und bekennen, das wyr solchs wol verdienet haben, Dazu besorgen, das Gott villeicht den teuffel also errege zu gemeyner straffe Deutschs lands. Darnach demůtiglich bitten widder den teuffel umb hülffe, Denn wyr fechten hie nicht alleyne widder blut und fleysch, sondern widder die geystlichen bösewicht ynn der lufft, wilche mit gebet můssen angryffen werden. Wenn nu das hertze so gegen Gott gerichtet ist, das man seynen götlichen willen lesst wallten, ob er uns wölle odder nicht wölle zu Fůrsten und herren haben, soll man sich gegen die tolle bawren zum uberflus (ob sie es wol nicht werd sind) zu recht und gleichem erbieten. Darnach, wo das nicht helffen will, flux zum schwerd greyffen.

Denn eyn Fürst und herr mus hie dencken, wie er Gottes amptman [Rand: Röm. 13, 4] und seyns zorns diener ist Ro. 13, dem das schwerd uber solche buben befolhen ist. Und sich eben so hoch fur Gott versůndigt, wo er nicht strafft und weret und seyn ampt nicht volfůret, als wenn eyner mördet, dem das schwerd nicht befolhen ist, Denn wo er kan und strafft nicht, es sey durch mord odder blutvergiessen, so ist er schuldig an allem mord und ubel, das solche buben begehen, als der da mutwilliglich durch nachlassen seyns Göttlichen befelhs zu lesst solchen buben, yhre bosheit zu uben, so ers wol weren kan und schuldig ist, Darumb ist hie nicht zu schlaffen. Es gillt auch nicht hie gedult odder barmhertzickeyt. Es ist des schwerds und zorns zeyt hie und nicht der gnaden zeyt.

So soll nu die oberkeit hie getrost fort dringen und mit gutem gewissen dreyn schlahen, weyl sie eyne ader regen kan, Denn hie ist das vorteyl, das die bawren böse gewissen und unrechte sachen haben, und wilcher bawr darüber erschlagen wird, mit leyb und seele verluren und ewig des teuffels ist. Aber die oberkeyt hat eyn gut gewissen und rechte sachen und kan zu Gott also sagen mit aller sicherheyt des hertzen: Sihe, meyn Gott, du hasst mich zum Fůrsten odder herren gesetzt, daran ich nicht kan zweyffeln, Und hasst myr [Rand: Röm. 13, 4] das schwerd befolhen uber die ubelthetter, Rom. 13. Es ist deyn wort und mag nicht liegen, so mus ich solchs ampt bey verlust deyner gnaden ausrichten, so ists auch offentlich, das diese bawren vielfalltig fůr dyr und fur der wellt den tod verdienet und myr zu straffen befolhen. Willtu nu mich durch sie lassen tödten und myr die oberkeyt widdernemen und untergehen lassen, wolan, so geschehe deyn wille, So sterbe ich doch und gehe unter ynn deynem göttlichen befelh und wort und werde erfunden ym gehorsam deynes befelhs und meynes ampts. Drumb will ich straffen und schlahen, so lange ich eyne ader regen kan, Du wirsts woll richten und machen.

Also kans denn geschehen, das, wer auff der oberkeyt seyten erschlagen wird, eyn rechter merterer fur Gott sey, so er mit solchem gewissen streyt, wie gesagt ist. Denn er geht ynn Göttlichem wort und gehorsam. Widderumb was auff der bawren seytten umbkompt, eyn ewiger hellebrand ist. Denn er fůret das schwerd widder Gotts wort und gehorsam und ist eyn teuffels glied. Und obs gleych geschehe, das die bawren oblegen (da Gott fur sey), – Denn Gott sind alle ding můglich, und wyr nicht wissen, ob er vielleicht zum vorlaufft des Jüngsten tags, wilcher nicht ferne seyn will, wölle durch den  teuffel alle ordnung und oberkeyt zustören und die wellt ynn eynen wůsten hauffen werffen – So sterben doch sicher und gehen zu scheittern mit gutem gewissen, die ynn yhrem schwerd ampt funden werden und lassen dem teuffel das welltlich reich und nemen dafur das ewige reich. Sölch wunderliche zeytten sind itzt, das eyn Fůrst den hymel mit blutvergissen verdienen kan, bas denn andere mit beten.

Am ende ist noch eyne sache, die billich soll die ober keyt bewegen, Denn die bawren lassen yhn nicht benügen, das sie des teuffels sind, Sondern zwingen und dringen viel frumer leute, die es ungerne thun, zu yhrem teuffelisschen bunde und machen die selbigen also teylhafftig aller yhrer bosheyt und verdamnis, Denn wer mit yhn bewilliget, der fert auch mit yhn zum teuffel und ist schuldig aller ubelthat, die sie begehen und müssens doch thun, weyl sie so schwachs glaubens sind, das sie nicht widder stehen. Denn hundert tödte sollt eyn frumer Christ leyden, ehe er eyn harbreyt ynn der bawren sache bewilliget. O viel merterer kündten itzt werden durch die blutdürstigen bawren und mord propheten. Nu solcher gefangener unter den bawrn sollten sich die oberkeyt erbarmen, Und wenn sie sonst keyne sache hetten, das schwerd getrost widder die bawren gehen zu lassen, und selbs leib und gut dran zu setzen, so were doch dise uberig gros gnug, das man solche seele, die durch die bawren zu solchem teufflisschen verbůndnis gezwungen und on yhren willen mit yhnen so grewlich sündigen und verdampt müssen werden, errettet und hůlffe, Denn solche seelen sind recht ym fegefeur, ia, ynn der hellen und teuffels banden.

Drumb, lieben herren, loset hie, rettet hie, helfft hie, Erbarmet euch der armen leute, Steche, schlahe, wůrge hie, wer da kan, bleybstu drůber tod, wol dyr, seliglichern tod kanstu nymer mehr uberkomen, Denn du stirbst ynn gehorsam göttlichs worts und befelhs Ro. am 13. und ym dienst der liebe, [Rand: Röm. 13, 5 ff.] deynen nehisten zurretten aus der hellen und teuffels banden. So bitte ich nu, flihe von den bawren, wer da kan, alls vom teuffel selbs. Die aber nicht flihen, bitte ich, Gott wöllte sie erleuchten und bekeren. Wilche aber nicht zu bekeren sind, Da gebe Gott, das sie keyn glůck noch gelingen haben můssen. Hie spreche eyn iglicher frumer Christ Amen. Denn das gepett ist recht und gut und gefellet Gott wol, das weys ich. Dunckt das yemand zu hart, der dencke, das untreglich ist auffruhr, und alle stünde der wellt verstörung zu warten sey.

Thomas Münzer

Hochverursachte Schutzrede

und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg, welches mit verkehrter Weise durch den Diebstahl der Heiligen Schrift die erbärmliche Christenheit also ganz jämmerlichen besudelt hat. Thomas Müntzer, Allstedter


Aus der Höhlen Eliä, welches Ernst niemand verschonet (1. Kön. 18, Matth. 17, Luk. 1, Offb. 11). Anno 1524Dem durchläuchtigsten, erstgebornen Fürsten und allmächtigen Herren Jesu Christo, dem gütigen König aller Könige, dem tapfern Herzogen allen Gelaubigen, meinem gnädigsten Herrn und getreuem Beschirmer und seiner betrübten, einigen Braut, der armen Christenheit.Aller Preis, Name, Ehre und Würde, Titel und alle Herrlichkeit sei dir allein, du ewiger Gottessohn (Phil. 2), nachdem dein Heiliger Geist vor den gnadlosen Löwen, den Schriftgelehrten, allezeit solch Glück gehabt, daß er müßte der allerärgste Teufel sein (Joh. 8), wiewohl du ihn ohne Maße von Anbeginn hast (Joh.3), und alle Auserwählte haben ihn von deiner Völle überkommen (Joh. 1), und er in ihnen also wohnet (1. Kor. 3 und 4, 2. Kor. 1, Eph. 1, Ps. 5). Du gibst ihn’ allen, die dir entgegenlaufen, nach der Maß ihres Glaubens (Eph. 4, Ps. 68). Und wer ihn nicht hat, daß er seinem Geist unbetrüglich Gezeugnis gebe, der ist dir, Christo, nicht zuständig (Röm. 8). Das unüberwindlich Gezeugnis hast du (Ps. 93).Derhalben ist es nicht fast groß Wunder, daß der allerehrgeizigster Schriftgelehrter Doktor Lügner je länger je weiter zum hochfärtigen Narren wird und sich mit deiner Heiligen Schrift ohne alles Absterben seines Namen und Gemachs bedeckt und aufs allerbetrüglichst behilft und nichts weniger will mit dir aufs vorderste zu schaffen haben (Jes. am 8. Kap.), gleichwie er deine Urteil (durch dich, die Pforten der Wahrheit) erlangt hätt, und ist also frech vor deinem Angesicht und verachtet zu Boden deinen richtigen Geist. Dann er meldet sich deutlich unwiderrüflich, daß er aus tobendem Neide und durch den allerverbittersten Haß, mich, dein erworben Glied in dir, ohne redliche, wahrhaftige Ursach vor seinen höhnischen, spöttischen, erzgrimmigen Mitgenossen zur Lächerei macht und vor den Einfältigen zur unerstattlichen Ärgernis einen Satan oder Teufel schilt und mit seinem verkehrten, lästerlichen Urteil schmähet und spottet.In dir bin ich aber wunnsam und hiergegen deines milden Trostes ganz voll gesättigt, wie du auch deinen herzlichen Freunden ganz holdselig vorgetragen hast, sagende (Matth. 10): »Der Schüler hat es nicht besser dann der Meister.« So sie nun dich unschuldigen Herzogen und getrösten Seligmacher also lästerlich haben Beelzebub geheißen, wieviel mehr mich, deinen unverdrossen Landsknecht, nachdem ich mich des schmeichelnden Schelmen zu Wittenberg geäußert hab und deiner Stimm gefolget (Joh. 10). Ja, es muß also hergehn, wo man die sanftlebenden Gutdunkler im gedichten Glauben und in ihren pharisäischen Tücken nicht will lassen recht haben, ihren Namen und Pracht zu niedergehn. Du vermöchtest dasselbig auch nicht vor ihn’ überhaben sein. Sie ließen sich auch bedünken, gelehrter zu sein denn du und deine Schuler. Ja, sie waren mit ihrem buchstabischen Trotz wohl gelehrter, denn der Doktor Ludibrii nimmermehr werden kann, sie hätten auch Geschreis und Namens genug in aller Welt. Es war dannoch nicht recht, das sie gegen dir mit ihrem Verstand fürnahmen und wollten’s mit der klaren Schrift wider dich beweisen, wie sie dann dem Nicodemo vorworfen (Joh 7) und vom Sabath (Joh 5 und am 9. Kap.) sagten. Sie zogen die ganze Schrift gegen dir, auf’s allerhöchst, daß du darum solltest und müssest sterben, daß du dich frei bekennest einen Sohn Gottes, vom ewigen Vater geborn, wie wir deinen Geist. Darum sprachen sie: »Wir haben ein Gesetz, nach des Inhalt muß er sterben !« Denn sie hatten den Text (5. Mos. am 13. und am 18.) auf dich gezerret und möchten sich auch nicht weiter umsehen im selbigen, in aller Maß wie jetzund mir der verschmitzte Schriftstehler tut. Da die Schrift aufweiset am höchsten, verspottet er mit inbrünstigem Neide, nennet den Geist Gottes einen Teufel.Die ganze Heilige Schrift saget nicht anders (wie auch alle Kreaturen ausweisen) denn vom gekreuzigten Sohne Gottes, derhalben er auch selber anfing vom Mose durch alle Propheten zu eröffnen sein Amt, daß er müßte also leiden und eingehen in den Preis seines Vaters. Dies ist klärlich beschrieben Lukä am letzten Kapitel. Und Paulus sagt auch, daß er nicht anderst denn Christum den Gekreuzigten predigen könne (1. Kor. 1). Nachdem er das Gesetz Gottes tiefer erforschet hätte denn alle seine Mitgenossen (Gal. 1), möchte er doch nichts anders darinnen finden denn den leidenden Sohn Gottes, welcher saget (Matth. 5), daß er nicht gekommen wär, das Gesetz aufzuheben oder den Bund Gottes zerreißen, sondern vielmehr zu vollführen, erklären und erfüllen.Es möchten dies alles die hässigen Schriftgelehrten nicht erkennen, dann sie erforschten nicht die Schrift aus ganz ihrem Herzen und Geiste, wie ihnen doch gebührete (Ps. 119) und Christus ihnen auch befahl (Joh. 5). Sie warn darinnen gelehret wie die Affen, wöllen dem Schuster Schuh nachmachen und verderben das Leder. Ei warum? Sie wöllen des Heiligen Geists Trost vernehmen und sein ihr Leben lang durch Traurigkeit des Herzens auf ihren Grund nie kommen, wie sich’s doch gebühret, soll anderst das rechte Licht leuchten im Finsternis und uns dadurch das Gewalt geben, Kinder Gottes zu sein, wie klärlich beschrieben ist (Ps. 55 und 63, Joh 1).So nun Christus schon also angenommen durch den Alten und Neuen bezeugten Bund Gottes gepredigt ohn Eröffnung des Geists würde, könnt ein viel ärger verwickelts Affenspiel daraus werden dann mit den Juden und Heiden, wie ein jeder jetzt vor sichtigen Augen siehet, daß die jetzigen Schriftgelehrten nicht anders tun dann vorzeiten die Pharisäer, berühmen sich der Heiligen Schrift, schreiben und klecksen alle Bücher voll und schwatzen immer je länger je mehr: »…Glaube, glaube!« , und verleugen doch die Ankunft des Glaubens, verspotten den Geist Gottes und glauben gar überall nichts, wie du siehst. Es will ihr’ keiner predigen, er hab dann 40 oder 50 Gulden. Ja, die besten wollen mehr dann hundert oder zweihundert Gulden haben. Da wird an ihnen wahr die Weissagung Micha (3): »Die Pfaffen predigen um Lohns willen und wollen Ruhe und gute Gemach haben und die allergrößte Würdigkeit auf Erden« , und sich dennoch wissen zu rühmen, sie verstehen den Ursprung und treiben doch wider ihn das allerhöchste Widerspiel, darum, daß sie den richtigen Geist einen irrigen Geist und Satan schelten mit dem Deckel der Heiligen Schrift, wie Christo widerfuhre, da er durch sein Unschuld den Willen seines Vaters verkündigte, welcher den Schriftgelehrten viel zu hoch und verdrießlich war (Joh 5 und 6).Du findest’s nicht anders bis auf den heutigen Tag. Wann die Gottlosen durchs Gesetz beschlossen werden, sagen sie Sie mit großer Leichtfertigkeit: »Ha, es ist aufgehoben!« Wenn es aber ihnen recht erklärt wird, wie es im Herzen geschrieben (2. Kor. 3) und wie man durch Anweisung desselbigen Achtung haben muß, zu betrachten die richtigen Gänge zum Ursprung des Glaubens (Ps. 37), da überfällt der Gottlose den Gerechten und trägt Paulum herfürer mit einem solchen tölpischen Verstand, daß es den Kindern auch zum Puppenspiel wird (Ps. 64). Noch will er der Allerklügste auf Erden sein, daß er sich auch rühmet, er hab keinen gleichen. Darüber nennet er alle armselige Menschen die Schwimmelgeister und mag nicht hören, so man das Wort Geist redet oder lieset. Er muß den klugen Kopf schütteln, der Teufel mag’s nicht hören (Spr. 18), so man ihm vom Anfang des Glaubens saget, denn er ist heraußergestoßen. Darum hat er den Gebrauch der Täuscherei (2.Kor. 11). Im höchsten Alphabet der Musiken, Disdiapason, singt er aus Paulo (Röm. 12), man soll sich mit solchen hohen Dingen nicht bekümmern, sonder ebenmachen den geringen. Da schmecket ihm der Brei, nicht anders. Es grauset ihm vor der Suppen zum Früheessen. Er spricht, man soll einfaltig glauben, und sieht nicht, was darzu erforderlich ist. Darum saget Salomon von einem solchen Menschen, daß er ein Stocknarr ist, wie geschrieben stehet Spr. am 24. Kap., sagende: »Dem Narren ist die Weisheit Gottes viel zu hoch.«

 

Christus fing an von Ursprung wie Moses und erklärt das Gesetz vom Anfang bis zum Ende. Darum sagte er: »Ich bin ein Licht der Welt.« Sein Predigen war also wahrhaftig und also ganz wohl verfasset, daß er die menschlichen Vernunft auch in den Gottlosen gefangennahm, wie der Evangelist Matthäus beschreibt am 13. Kap. und auch Lukas zu verstehn gibt am 2. Kap. Aber da ihnen die Lehre zu hoch ware und die Person und das Leben Christi zu gering, ärgerten sie sich an ihm und seiner Lehre und sagten aus dem Barte, er wäre ein Samaritan und hätte den Teufel. Dann ihr Urteil war nach dem Fleisch gerichtet. Wie es dem Teufel dann daselbst wohlgefällt, mußt es heraußerplatzen. Denn sie mißfielen der Welt nicht, welche gern Bruder Sanftleben ist (Hiob 28). Alles, das sie täten, richteten sie an, daß sie der Welt gefielen (Matth. 6 und 23).

Also tut mir auch das gottlose Wittenbergische Fleisch, nun ich durch den Anfang der Biblien und Ordnung des ersten Unterscheids derselbigen strebe nach der Reinigkeit göttlichs Gesetzs (Ps. 19) und durch alle Urteil erkläre die Erfüllung des Geists der Furcht Gottes (Jes. am 11.), ihme auch nicht zulassen will seine verkehrte Weis, vom Neuen Bunde Gottes zu handeln ohne Erklärung göttlicher Gebot und Ankunft des Glaubens, welche erst nach der Straf des Heiligen Geistes gar erkündiget wird (Joh. am 16.). Denn der Geist straft erst nach Erkenntnis des Gesetzes den Unglauben, welchen niemand erkennet, er habe ihn denn zuvor beherzigt also heftig wie der allerungläubigste Heide. Also haben alle Auserwählte vom Anfang ihren Unglauben erkennet durch Übung des Gesetzes (Röm. 2 und 7). Ich setze Christum mit allen seinen Gliedern zum Erfüller des Gesetzs (Ps. 19). Denn es muß der Wille Gottes und sein Werk zu Boden durch Betrachtung des Gesetzes vollführet werden (Ps. 1, Röm. 12). Sonst würde niemand den Glauben vom Unglauben absondern denn mit gedichter Weise, wie die Juden mit ihrem Sabbat und Schrift taten, ihren Grund nimmer nicht zu vernehmen.

Ich hab dem tückischen Kolkraben (welchen Noah in einer Figur aus der Arche ließ fliegen) nichts anders getan, denn daß ich wie ein einfältige Taube meine Federn geschwungen, durch Silber überzogen, das siebenmal gefegt und am Rücken lassen goldfarb werden (Ps. 68), und überflogen und verhasset das Aas, da er gerne aufsitzet. Denn ich will’s an die ganze Welt lassen, daß er den gottlosen Schelmen heuchelt, wie du siehst im Büchlen wider mich, und will sie kurz um verteidigen. Aus welchem dann klar erscheint, daß der Doktor Lügner nicht wohnt im Haus Gottes (Ps. 15). Darum, daß der Gottlose durch ihnen nicht verachtet, sonder viel Gottfürchtiger um der Gottlosen willen Teufel und aufrührische Geister gescholten werden, dies weiß der schwarze Kolkrabe wohl. Daß ihm das Aas werde, hacket er den Schweinen die Augen aus dem Haupt, die wollustigen Leut machet er blind, darum daß er so körre ist, auf daß er ihrer satt werde an Ehren und Gut und sonderlich am allergrößten Titel.

Die Juden wollten Christum allenthalben gerne gelästert und zuschanden machen, wie mit mir jetzt der Luther fürnimmt. Er schilt mich gar heftig und wirft mir für die Gütigkeit des Sohn Gottes und seiner lieben Freund, nachdem ich den Ernst des Gesetzs gepredigt hab, wie es von der Straf wegen der geistlosen Übertreter (wiewohl sie Regenten sein) nicht aufgehoben, sondern mit dem allerhöchsten Ernst vollzogen werden soll, wie denn Paulus seinen Schüler Timetheon und durch ihn alle Seelenwärter unterrichtet (1.Tim.1), dem Volk zu predigen. Er sagt klärlich, daß es die überfallen soll, die wider die gesunde Lehre fechten und streben, wie niemand verneinen kann (5. Mos. am 13. Kap.). Ist das helle klare Urteil beschlossen. Und Paulus fällt es auch über den unkeuschen Übertreter (1. Kor. 5). Wiewohl ich das hab lassen in Druck gehn, wie ich’s vorn Fürsten zu Sachsen hab gepredigt, ohne alle Hinterlist ihnen das Schwert aus der Schrift gezeigt, daß sie es sollten brauchen, auf daß nicht Empörung erwüchse. Kurzum, die Übertretung muß gestraft werden, es kann weder der Groß noch der Klein davonkommen (4. Mos. 25).

Gleichwohl kommet Vater Leisentritt, ach, der körre Geselle, und saget, ich wolle Aufruhr machen, wie er dann aus meinem Sendebrief an die Berggesellen erlesen. Eines saget er, und das Allerbescheidenste verschweiget er: Wie ich klärlich vor den Fürsten ausbreitete, daß ein ganze Gemein Gewalt des Schwerts hab wie auch den Schlüssel der Auflösung, und sagte vom Text Dan. 7, Offb. 6 und Röm. 13, 1. Sam. 8, daß die Fürsten keine Herren, sonder Diener des Schwerts sein. Sie sollen’s nicht machen, wie es ihnen wohlgefället (5. Mos. 17), sie sollen Recht tun. Darum muß auch aus altem, gutem Brauch das Volk daneben sein, wenn einer recht verrichtet wird nach dem Gesetz Gottes (4. Mos. 15). Ei warum? Ob die Oberkeit das Urteil wöllte verkehren (Jes. 10), so sollen die umstehenden Christen das verneinen und nicht leiden. Denn Gott will Rechenschaft haben vom unschuldigen Blut (Ps. 79). Es ist der allergrößt Greuel auf Erden, daß niemand der Bedürftigen Not sich will annehmen. Die Großen machen’s, wie sie wollen, wie Hiob am 41. beschreibt.

Der arme Schmeichler will sich mit Christo in gedichter Gütigkeit decken wider den Text Pauli (1. Tim. 1). Er saget aber im Buch von Kaufshandelung, daß die Fürsten sollen getrost unter die Diebe und Räuber streichen. Im selbigen verschweigt er aber den Ursprung aller Dieberei. Er ist ein Heerhold. Er will Dank verdienen mit der Leute Blutvergießen um zeitlichs Guts willen, welches doch Gott nicht auf seine Meinung befohlen. Sieh zu, die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei sein unser Herrn und Fürsten, nehmen alle Kreaturen zum Eigentum: die Fisch im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muß alles ihr sein (Jes. 5). Darüber lassen sie dann Gottes Gebot ausgehen unter die Armen und sprechen: »Gott hat geboten: Du sollst nicht stehlen.« Es dient aber ihnen nicht. So sie nun alle Menschen verursachen, den armen Ackermann, Handwerkmann und alles, das da lebt, schinden und schaben (Micha 3. Kap.). So er sich dann vergreift am allergeringesten, so muß er hängen. Da saget denn der Doktor Lügner: Amen. Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun. Wie kann es die Länge gut werden? So ich das sage, muß ich aufrührisch sein ! Wohlhin !

Er kann sich ganz und gar nicht schämen. Wie die Juden (Joh. am 8.) brachten Christo ein Weib, im Ehebruch begriffen, sie versuchten ihn. Ob er den Ernst des Vaters wollt übertreten, hätten sie ihn billig für einen Übeltäter gescholten; so er aber das Weib ohne Bescheid hätt losgegeben, so hätten sie gesagt, er wär ein Verteidiger der Ungerechtigkeit. Christus hat im Evangelio durch seine Gütigkeit des Vaters Ernst erklärt. Die Gütigkeit Gottes strebet über alle Werk seiner Hände (Ps. 145). Sie wird nicht verrückt durch die Pein des Gesetzs, welcher der Auserwählte nicht begehret zu entfliehen. Wie Jeremias sagt und Psalm 7: Er will mit Urteil und nicht im Grimm gestraft sein, welchen Gott von Ewigkeit nie gehabt, sondern er entsprießt aus der verkehrten Furcht der Menschen gegen Gott, die sich von der Pein wegen entsetzen und nicht ansehen, wie sie Gott durch Trügnis in seine Ewigkeit nach aller Pein führe.

Alle Übeltäter der ursprünglichen Mißhandlung der gemeinen Christenheit müssen durch das Gesetz gerechtfertigt werden, wie Paulus saget, auf daß der Ernst des Vaters die gottlosen Christen aus dem Wege räume, die der heilbaren Lehre Christi widerstreben, auf daß die Gerechtcn Weil und Raum haben mögen, Gottes Willen kennen zu lernen. Es wär nimmermehr möglich, daß ein einiger Christ bei solcher Tyrannei könnte seiner Betrachtung wahrnehmeni, so daß Übel durchs Gesetz zu strafen sollte frei sein und der Unschuldige sollte sich also lassen peinigen. Darum, daß sich der gottlose Tyrann behilft wider den Frommen, sagend: »Ich muß dich martern; Christus hat auch gelitten; du sollst mir nicht widerstreben« (Matth. am 5.), das wär ein groß Verderbnis. Es muß höchlich unterscheiden werden, nach dem die Verfolger die besten Christen sein wollen.

Der Teufel hat gar listige Tück, wider Christum und die Seinen zu streben (2. Kor. 6 und 11), jetzt mit schmeichelender Gütigkeit, wie der Luther mit den Worten Christi die Gottlosen verteidigt, jetz auch mit grimmigem Ernst, fürzuwenden von der zeitlichen Güter wegen sein verderbliche Gerechtigkeit. Welchem doch der Finger Christi, der Heilig Geist (2. Kor. 3) nicht den freundlichen Ernst des Gesetzs einbildet und den gekreuzigten Sohn Gottes durch die allerernste Gütigkeit zu Eröffnung göttlichen Willens entgegenhält mit Vergleichung beider (1. Kor. 2). Der verachtet das Gesetz des Vaters und heuchelt durch den allerteurersten Schatz der Gütigkeit Christi und machet den Vater mit seinem Ernst das Gesetzs zuschanden durch die Geduld des Sohnes (Joh. 15 und 16) und verachtet also den Unterschied des Heiligen Geists und verderbet eines mit dem andern, also lange, daß schier kein Urteil auf Erden bleibt (Jer. 5) und daß Christus allein geduldig sei, auf daß die gottlosen Christen ihre Brüder wohl peinigten.

Christus ward für einen Teufel gescholten, da er die Juden auf die Werk Abrahams weisete und gab ihnen den allerbesten Unterschied, zu strafen und zu vergeben. Zu strafen nach dem rechten Ernst. Darum hat er das Gesetz nicht aufgehoben, darum daß er im siebenten Kapitel Johannis vor dem achten sagte: »Ihr sollt ein rechtes Urteil vollführen, nicht nach dem Angesicht.« Es seien ihnen kein andere Urteil, denn im Gesetz beschrieben, fürgehalten, zu richten nach dem Geist des Gesetzes. Also auch mit dem Evangelium zu vergeben, mit dem Geist Christi zur Foderung und keiner Verhinderung des Evangelii (2. Kor. 3 und 13) wie mich dann durch solcher Unterschied der Doktor Lügner zum Teufel machen will mit seinen Schriftgelehrten, sagend: »Hab ich nicht recht gelehret mit meinem Schreiben und Dichten? Du aber hast kein andere Frucht denn aufrührisch sein. Du bist ein Satan und dann noch ein schlechter Satan etc. Sieh du bist ein Samariter und hast den Teufel.«

O Christe, ich schätze mich unwürdig, solches kostbarlichen Leidens mit dir zu tragen in gleicher Sach. Wiewohl des Widersachers Urteil viel geneigter, verkehrter Richter hat, sage ich mit dir dem stolzen, aufgeblasenen, tückischen Drachen: »Hörest du es? Ich hab den Teufel nicht. Ich suche durch mein Amt den Namen Gottes zu verkündigen, Trost den Betrübten, Verstockung und Krankheit den Gesunden« (Jes. 6, Matth. 9, 13, Luk. 8 und 4). Und wenn ich spräche, daß ich das wollte lassen ums bösen Namens willen, der mir mit Lügen wird aufgelegt, so wär ich dir, Doktor Lügner, gleich mit deinem verkehrten Schmähen und Lästern. Du kannst doch anders nicht tun, denn dich mit den Gottlosen schelten. Nun dir aber das geraten ist, hast du dich an der Böswicht Statt gesetzt, die du am allerschändlichsten hast ausgewässert. Nun du vernimmst, es möchte zu tief einreißen, so willst du deinen Namen, da er am ärgsten ist, einen andern, dem die Welt vorhin feind ist, auflegen und dich schön brennen wie der Teufel pflegt, daß ja niemand deiner Bosheit öffentlich innen werde. Darum nennet dich der Prophet (Ps. 91) einen Basiliscum, Drachen, Aspidem und einen Löwen, darum, daß du mit deiner Vergift jetzt schmeichelst, jetzt tobst und wütest, wie deine Art ist.

Der ungetadelte Gottessohn hat die ehrgeizigsten Schriftgelehrten dem Teufel die Bewährung verglichen und uns durch das Evangelium das Urteil zu richten gelassen mit Verfassung seines unbefleckten Gesetzes (Ps. 19). Ihre Begiere waren zu eitel Totschlagen dürstig, denn sie sagten (Joh. am 11.): »So wir ihn lassen bezähmen, dann werden die Leute alle an ihn glauben. Es wird ihm das Volk anhängen. Sehet, es läuft ihm schon mit großen Haufen zu. Werden wir ihn lassen seine Sache also ausführen, so haben wir verloren, so sein wir arme Leut.« Also kam auch Kaiphas, Doktor Lügner, und gab einen guten Rat seinen Fürsten. Da hat er die Sache wohl ausgerichtet. Er hätte Sorge für seine Landsleute hart bei Allstedt. Es ist nicht anders in der Wahrheit, wie mir das ganze Land Gezeugnis gibt, das arme dürstige Volk begehrte der Wahrheit also fleißig, daß auch alle Straßen voll Leute waren von allen Orten, anzuhören, wie das Amt, die Biblien zu singen und zu predigen, zu Allstedt angerichtet ward. Sollte er auch zubrechen, so könnte er’s zu Wittenberg nicht tun. Man sieht’s in seiner deutschen Meß wohl, wie heilig er darauf war. Welches den Luther also sehr verdroß, daß er zum ersten bei seinen Fürsten zuweg brachte, daß mein Amt nicht sollte in Druck gehen. Da nun des wittenbergischen Papstes Gebot nicht geachtet ward, gedachte er, harre, der Sache will ich wohl raten, daß ich die Wallfahrt zu Trümmer verstöre. Der Gottlose hat einen spitzfindigen Kopf, solch Dinge auszutrachten (Ps. 36). Denn seine Anschläge waren auch also, wie du merken kannst, seine Lehre aufzubringen durch der Laien Haß wider die Pfaffen. Hätte er einen zu strafen rechte Liebe gehabt, so hätte er sich jetzt nicht an die Statt des Papsts gesetzt, und den Fürsten würde er nicht heucheln, wie du klärlich siehst beschrieben Psalm 10. Er hat denselbigen Psalm gar hübsch von ihm selber und nicht allein vom Papst verdolmetscht und will Sankt Peter und Paul zu Bütteln machen, seine Diebhenker damit verfechten.

Der Doktor Lügner ist aber ein einfältiger Mann, daß er schreibt, das Predigen soll man mir nicht wehren. Oder da sollt ihr darauf sehen, spricht er, daß der Geist zu Allstedt die Fäuste still halte. Sehet, lieben Brüder Christi, ob er nicht gelehrt sei. Ja, freilich ist er gelehrt, es wird’s die Welt noch in zwei oder drei Jahren nicht innenwerden, welch einen mörderischen, hinterlistigen Schaden er getan hat. Daß er aber also schreibt, da will er seine Hände aufs unschuldigste waschen, daß niemand merken soll, daß er ein Verfolger der Wahrheit sei, dann er trotzet darauf, daß sein Predigen darum das rechte Wort Gottes sei, daß es also große Verfolgung trägt. Es nimmt mich auch sehr wunder, wie es der ausgeschämte Mönch tragen kann, daß er also greulich verfolgt wird bei dem guten Malmasier und bei den Hurnköstlein. Er kann nicht anders tun, denn der Schriftgelehrten Art ist (Joh. 10). »Um deines guten Werks willen wollen wir dir nichts tun, aber um der Lästerung willen wollen wir dich mit Steinen zu Tod werfen.« Also sprachen sie zu Christo wie dieser wider mich, nicht ums Predigens willen, sonder ums Aufruhrs willen soll man dich vertreiben.

Allerliebsten Brüder ! Es ist wahrlich nicht eine schlechte Sache, die jetzt zur Zeit geht. Ihr seid zumal ohne Urteil derselbigen. Ihr wähnet, so ihr den Pfaffen nicht mehr gebt, es sei ausgerichtet. Aber ihr wisset nicht, wie ihr jetzt hundertmal, tausendmal ärger dran seid dann zuvor. Man wird euch fortan mit einer neuen Logik bescheissen, mit Täuscherei des Wort Gottes. Ihr habt aber dagegen den Befehl Christi (Matth. 7). Den betrachtet von Herzen, so wird euch keiner betrügen, er sage oder schreibe, was er will. Ihr müßt aber eben darauf sehen, wie Paulus seine Korinther warnt, sagend (2. Kor. 11): »Sehet, daß eure Sinne nicht verrückt werden von der Einfältigkeit Christi.« Diese Einfältigkeit haben die Schriftgelehrten auf die »vollen Schätz göttlicher Weisheit« gezogen (Kol. 2) wider den Text 1. Mos. 3, da Gott Adam durch ein einiges Gebot warnte vorm zukünftigen Schaden, auf daß er durch der Kreaturen Lüste nicht vermanchfältigt würde, sondern sich allein in Gott belustigte, wie geschrieben: »In Gott sollst du dich belustigen.«

Ein große Ursach will der Doktor Lügner wider mich setzen, wie seine Lehre einfältigt ist, und meint, will’s alls durchgrübeln. Doch ist ihm zuletzt nichts gelegen am Predigen, denn es müssen Sekten sein, und bittet, der Fürst soll mir das Predigen nicht wehren. Ich hab nicht anders gehofft, er würde mit dem Worte handeln, mich vor der Welt zu verhören und sich auf den Plan stellen, nicht anders denn vom Wort handeln. So kehret er es um und will die Fürsten dazuhalten, wie es denn ein angelegter Karrn war, auf daß niemand sagt: »Ei, wollen sie dann nun selber das Evangelium verfolgen?« Sie sollen mich lassen predigen, mir das nicht verbieten, aber die Hand soll ich stillhalten, auch in Druck zu schreiben unterlassen. Ja, das ist eine feine Sache gleich wie mit den Juden, sagend: »Um deiner guten Werk willen tun wir dir nichts, aber ums Lästern willen.« Die rechten frommen Leute sagten, wenn einer schon einen Eid täte, wenn er nicht bei der Gabe des Altars schwört, so hindert es gar nichts. Derselbigen Tück brauchten sie gar mächtig viel (Matth. 23, Luk. 11), noch waren sie fromme Leute, ja, sie schadeten nicht, so du nur glaubst, muß man die Schwachen verschone.

Die Lästerung möchte den Juden nicht zu Herzen gehn, wie du aus dem Evangelion greifen kannst. Auch ging sie das gute Werk überall nicht fast anf wie auch den Luther. Darum warf ihn’ Gott fürtt das Werk Abrahams (Joh. 8). Es war aber in den Juden ein grimmiger Haß, die sich wollten schöne brennen vor den Leuten, wie jetz Jungfrau Mertin tut, ach, die keusche babylonische Frau (Offb. 18). Er will’s alles von ’s Worts wegen handeln und will am Wort nicht anfangen, meine Sache zu rechtfertigen oder verdammen, nur schlechte Ursache machen bei den Großen, daß ja niemand meiner Lehre folge, denn sie ist aufrührerisch. Wer hier ein rein Urteil haben will, der muß den Aufruhr nicht lieben, auch muß er füglicher Empörung nicht feind sein. Er muß ein ganz vernünftiges Mittel halten. Sonst muß er meine Lehre anderst zuviel hassen oder zu hoch lieben nach seiner Gelegenheit, des ich nimmermehr begehren will.

Es wäre wohl förderlicher, daß ich mit guter Lehre das arme Volk unterrichtete, denn daß ich mich mit dem lästerlichen Mönche soll in Streit verwickeln, nachdem er will ein neuer Christus sein, welcher mit seinem Blut für die Christenheit viel Guts erworben hat. Und denn noch um einer feinen Sach willen: daß die Pfaffen mögen Weiber nehmen, was soll ich darauf antworten? Ich werde vielleicht nichts finden, denn du hast dich allenthalben (wie du dich dünken läßt) bewahret. Sieh, wie fein hast du die armen Pfaffen in der Erklärung Kaiserlichs Ersten Mandats auf der Fleischbank geopfert, da du sprichst, es würde über sie ergehen etc., auf daß deine angefangne Lehre nicht gerechtfertigt sollt sein. Denn mit Heucheln willst du es gerne zulassen, daß sie immer hinweggenommen würden. So würdest du dann immer neue Märterer gemacht haben und hättest ein Liedlein oder zwei von ihnen gesungen. Dann wärst du allererst ein bestätigter Seligmacher geworden. Freilich würdest du dann auch singen auf deine Weis: »Nunc dimittis« etc., und daß sie dir alle nachsängen: »Mönch, willst du tanzen, so hofiert dir die ganz Welt.«

Bist du aber ein Seligmacher, so mußt du je aber wahrlich ein wunderlicher Seligmacher sein. Christus gibt den Preis seinem Vater (Joh. 8 ) und sagt: »So ich meine Ehre suche, so ist sie nichts.« Aber du willst von denen von Orlamünde haben, einen großen Titel. Du nimmst und stiehlst (wie des Kolkraben Art ist) den Namen Gottes Sohne und willst von deinen Fürsten Dank verdienen. Hast du nicht gelesen, du hochgelehrter Bube, wie Gott durch Jesajam sagt am 42. Kap.: »Ich will meinen Preis niemand geben« ? Kannst du nicht die guten Leut nennen, wie Paulus Festum in Geschichten der Aposteln am 25. Kap. ? Warum heißt du sie die durchläuchtigen Fürsten? Ist doch der Titel nicht ihrer, ist er doch Christi (Hebr. 1, Joh. 1 und 8). Warum heißt du sie hochgebornen? Ich meinte, du wärest ein Christ, so bist du ein Erzheid, machest Joves und Musas daraus. Vielleicht nicht aus der Scham der Weiber, wie Weish. am 7. Kap., sondern aus der Stirn geboren? Ei, zuviel, zuviel!

Schäme dich, du Erzbube! Willst du dich mit der irrenden Welt Heuchlen zuflicken (Luk. 9) und hast alle Menschen wollen rechtfertigen? Du weißt aber wohl, wen du sollst lästern: die armen Mönch und Pfaffen und Kaufleut können sich nicht wehren, darum hast du sie wohl zu schelten. Aber die gottlosen Regenten soll niemand richten, ob sie schon Christus mit Füßen treten. Daß du aber den Bauern sättigst, schreibst du, die Fürsten werden durch das Wort Gottes zu Scheitern gehn, und sagst in deiner Gloß über das neulicheste Kaiserlich Mandat: Die Fürsten werden von dem Stuhl gestoßen. Du siehst sie auch an vor Kaufleut. Du solltest deine Fürsten auch bei der Nasen rucken, sie haben’s wohl viel höher denn vielleicht die andern verdient. Was lassen sie abgehn an ihren Zinsen und Schinderei etc.? Doch daß du die Fürsten gescholten hast, kannst du sie wohl wieder Muts machen, du neuer Papst, schenkest ihnen Klöster und Kirchen, da sind sie mit dir zufrieden. Ich rat dir’s ! Der Bauer möcht sonst zufallen ! Das du aber willst immer vom Glauben sagen und schreibst, daß ich unter deinen Schirm und Schutz will wider dich fechten, da sieht man mein Biederkeit und dein Torheit. Unter deinem Schirm und Schutz bin ich gewesen wie das Schaf unterm Wolf (Matth. 10).

Hättest du daselbst nicht größer Macht über mich gehabt denn anderswo? Könntest du das nicht bedenken, was noch daraus erwachsen würde? Darum war ich in deinem Fürstentum, daß du keine Entschuldigung haben solltest. Du sprichst unter unserm Schirm und Schutz. Oho, wie läßt du dich merken! Ich meinet, du seist Fürste mit ! Was darfst du dich mit dem Schirm und Schutz aufblasen? Hab ich doch in allen Sendbriefen seinen Schirm und Schutz nicht wollen haben. Ich hab begehrt, daß er sein eigen Volk nicht wollte scheu machen von des Ziegenstalls wegen und der Marien Bildnis zu Malderbach. Darum er wollt in Flecken und Städtlein fallen und nicht ansehen, daß die armen Leut Tag und Nacht mußten in Gefährlichkeit sitzen ums Evangelions willen. Meinst du, daß ein ganz Land nicht weiß, wie sie schirmen oder schützen? Genade Gott der Christenheit, hat sie nicht ihn zum Schützer, der sie geschaffen hat (Ps. 111).

Du sagst, ich sei drei Jahr vertrieben und herumhergelaufen, und sprichst, ich klag von viel Leiden. Sieh, wie es zusammenstimmt! Du hast mich mit deiner Federn gegen manchem Biedermanne belogen und geschmähet, wie ich dir’s kann nachbringen. Du hast mich mit deinem Lästermaul öffentlich einen Teufel gescholten. Ja, du tust allen Widersachern also. Was kannst du anders denn der Kolkrabe, schreit auch nur seinen eigen Namen aus. Du weißt auch wohl mit deinem ungebraten Lorenzen zu Nordhausen, was den Mißtätern schon zu Lohn gegeben, mich zu töten etc. Du bist kein mörderischer oder aufrührischer Geist, aber du hetzest und treibest wie ein Höllhund, daß Herzog Jörge dem Fürsten Friedrich soll ins Land fallen und also den gemeinen Fried aufheben. Noch machst du keinen Aufruhr. Du bist die artige Schlange, die über den Felsen hüpfet (Spr. 30). Christus saget Matthäi 10 und 23: »So sie euch in einer Stadt verfolgen, fliehet in die andern.« Aber dieser Bote, des Teufels sicherlicher Erzkanzler, saget, so ich vertrieben bin, sei ich ein Teufel, und er will’s beweren (Matth. 12) und erlangt den Verstand wider den Heiligen Geist, den er bespottet, hauet darüber sich in die Backen (Ps. 27).

Viel unnütz Gespeis und Spott macht er aus göttlichem Wort und spricht, ich heiß es eine himmelische Stimme und die Engel reden mit mir etc. Antwort: Was der allmächtig Gott mit mir machet oder redet, kann ich nicht viel Rühmens von, denn allein, was ich durchs Gezeugnis Gottes dem Volk aus der Heilige Schrift vorsage, und will über Gottes Wille meinen Dünkel nicht predigen. Tu ich’s aber, so will ich mich von Gott und durch seine lieben Freunde gern lassen strafen und ihnen erbötig sein, aber dem Spötter bin ich gar nichts schuldig (Spr. 9). Soll ich doch den Häher nicht essen (3. Mos. 11), des gottlosen Spötters Unflat nicht in mich ziehen. Mich wundert deines rechten Musters, nachdem du aus dem Harz bist, möchtest die Geheimnis göttlichen Wortes nicht ein himmlische Sackpfeifen heißen? Da hätte dir dann der Teufel, dein Engel, dein Liedlein aufgepfiffen: »Mönich willst du tanzen, so hofiern dir die Gottlosen alle.«

Ich sag von göttlichem Worte mit seinen mannigfaltigen Schätzen (Kol. 2), welches Moses im 5. Buch am 30. Kap. anträgt, zu lernen, und Paulus zun Römern am 10. Der 85. Psalm sagt, wie es soll gehört werden von denen, die sich von ganzem Herzen bekehren und in der Lehre des Geists alle Urteile von der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes gleich erstrecken. Du aber leugnest das rechte Wort und hältst der Welt nur den Schein für. Darum machst du dich gröblich zu einem Erzteufel, daß du aus dem Text Jesajä ohne allen Verstand Gott machst zur Ursache des Bösen. Ist das nicht die allergrausamste Strafe Gottes über dich? Noch bist du verblendet, und du willst doch auch der Welt Blindenleiter sein – und willst es Gott zur Last legen, daß du ein armer Sünder und ein giftiges Würmlein bist mit deiner beschissen Demut. Das hast du mit deinem fantastischen Verstand angerichtet aus deinem Augustino. Wahrlich eine lästerliche Sache von freiem Willen, die Menschen frech zu verachten !

Du sagst, ich wollte es stracks mit Gewalt geglaubt haben und wollte niemand zu bedenken Zeit geben. Ich sage mit Christo: »Wer aus Gott ist, der hört seine Wort.« Bist du aus Gott? Warum hörst du es nicht? Warum verspottest du es und richtest das, das du nicht befunden hast? Willst du nun erst darauf sinnen, welches du andere Menschen sollest lehren? Du solltest viel billiger ein Krümmer denn ein Richter heißen. Das wird die arme Christenheit wohl innenwerden, wie richtig dein fleischlicher Verstand wider den unbetrüglichen Geist Gottes gehandelt hat. Laß dir Paulus das Urteil sagen (2. Kor. 11). Du hast allezeit mit Einfältigkeit (durch eine Zwiebel angezeigt, die neun Häute hat) gehandelt, alles nach der Fuchsart. Sieh, bist du doch zum Brandfuchs geworden, der vorm Tage heißer bellt. Und nun die rechte Wahrheit will aufgehn, willst du die Kleinen und nicht die Großen schelten, du tust gleich, wie wir Deutschen sagen: Du steigst in Brunn, wie der Fuchs in den einen Eimer trat und fraß die Fische. Danach lockt er dem unsinnigen Wolf in den Brunn in andern Eimer. So fährt er empor, und der Wolf bleibet darunter. Also werden die Fürsten, die dir folgen, auch bestehn und die edlen Strauchhähnlein, welch du an die Kaufleut hetzest. Hesekiel gibt das Urteil vom Fuchs am 13. Kap. und am 34. von den Bestien, wilden Tieren, die Christus Wölfe nennt (Joh. 10). Denen allen wird’s gehn wie den gefangen Füchsen (Ps. 73). Wenn die Leut werden erst anfangen, aufs Licht zu warten, so werden die kleinen Hündlein (Matth. 15. Kap.) zu den Füchsen ins Loch laufen. Da werden sie nicht mehr können denn ein wenig vorn ins Maul beißen. Der frisch Hund aber schüttelt dem Fuchs das Fell. Er muß aus dem Loch. Er hat der Hühner genug gefressen.

Sieh, Martin, hast du diesen Braten nicht gerochen vom Fuchs, den man zu Herrenhof für einen Hasen den unerfahrnen Wildschützen gibt? Du Esau hast es wohl verdient, daß dich der Jakob verdrücke. Warum hast du dein Recht um deiner Suppen willen verkauft?

Hesekiel sagt dir’s am 13. und Micha am 3.: Du hast die Christenheit mit einem falschen Glauben verwirrt und kannst sie, nun die Not hergehet, nicht berichtigen. Darum heuchelst du mit den Fürsten. Du meinst aber, es sei gut geworden, so du einen großen Namen überkommen hast, und kommst ohne Ende, wie du zu Leipzig vor der allerfährlichsten Gemeinde gestanden bist. Was willst du die Leute blind machen? Dir war also wohl zu Leipzig. Fuhrest du doch mit Nelkenkränzlein zum Tor hinaus und trankest des guten Weins zum Melchior Lotter. Daß du aber zu Augsburg warst, möchte dir zu keiner Gefährlichkeit gelangen, dann Stupicianum Oraculum stand hart bei dir. Er mochte dir wohl helfen. Aber jetzt ist er von dir abgewichen und ein Abt geworden. Ich hab sicherlich Sorge, du wirst ihm folgen. Der Teufel steht wahrlich nicht in der Wahrheit. Er kann seine Tücke nicht lassen. Doch er fürchtet sich im Büchlein vom Aufruhr vor der Prophezei seines Greuels. Darum sagt er auch von den neuen Propheten wie die Schriftgelehrten wider Christus (Joh. 8. Kap.). Darum hab ich fast das ganz Kapitel zum gegenwärtigen Urteil genützt. Paulus sagt von Propheten (1. Kor. 14): »Ein rechter Prediger muß ja ein Prophet sein, wann es die Welt noch also spöttisch dünkt.«

Es muß die ganz Welt prophetisch sein, soll sie anders urteilen über die falschen Propheten. Wie willst du die Leute beurteilen, so du dich im Mönchkalbe des Amts entäußerst? Daß du sagest, wie du mich ins Maul geschlagen hast, redest du die Unwahrheit. Ja, du lügst in deinen Hals spießtief. Bin ich doch in sechs oder sieben Jahren nicht bei dir gewesen. Hast du aber die guten Brüder zu Narren gemacht, die bei dir gewesen sind, das muß freilich an den Tag kommen. Es wird sich auch anders nicht reimen. Du solltest die Kleinen nicht verachten (Matth. 18).

Über deinem Rühmen möchte einer wohl entschlafen vor deiner unsinnigen Torheit. Daß du zu Worms vorm Reich gestanden bist, Dank hab der deutsche Adel, dem du das Maul also wohl bestrichen hast und Honig gegeben. Denn er wähnte nicht anders, du würdest mit deinem Predigen beheimische Geschenke geben, Klöster und Stifte, welche du jetzt den Fürsten verheißest. So du zu Worms hättest gewankt, wärst du eher erstochen vom Adel worden denn losgegeben. Weiß doch ein jeder! Du darfst es wahrlich dir nicht zuschreiben, du wolltest dann noch einmal dein edles Blut, wie du dich rühmst, darum wagen. Du gebrauchst daselbst mit den Deinen wilder Tück und List. Du ließest dich durch deinen Rat gefangennehmen und stellst dich gar unleidlich. Wer sich auf deine Schalkheit nicht verstände, schwür wohl zun Heiligen, du wärst ein frommer Martin. Schlaf sanft, liebes Fleisch! Ich röche dich lieber gebraten in deinem Trotz durch Gottes Grimm im Hafen oder Topf beim Feur (Jer. 1). Dann, in deinem eigen Södlein gekocht, sollte dich der Teufel fressen (Hes. 23). Du bist ein eselisch Fleisch, du würdest langsam gar werden und ein zähs Gerichte werden deinen Milchmäulern.

Ihr allerliebsten Brüder in Christo! Ich bin zum Anfang des Zanks müde geworden um der unausschlaglichen Ärgernis des armen Haufens. Hätte aber mich Doktor Lügner predigen lassen oder mich vorm Volk überwunden oder seine Fürsten, da ich zu Weimar vor ihnen war, lassen richten, da sie mich durch Antragen desselben Mönchs fragten, so wollte ich viel lieber dieser Sach müßig gegangen sein.

Es ward endlich beschlossen, der Fürst wollte den ernsten Richter zum Jüngsten Tag die Sache lassen hinausführen. Er wollte den Tyrannen nicht wehren, die ums Evangelium willen wollten in sein Pfleg fallen. Es wäre fein, wenn es auch dem Gericht befohlen würde. So würden’s die Bauern wohl sehen. Es wäre ein feines Ding, daß man es alles aufs Jüngste Urteil bezöge. So hätten die Bauern auch gute Sache. Wenn sie sollten recht tun, sprächen sie: »Ich spar’s für den Richter.« Aber die Rute der Gottlosen ist dazwischen das Mittel.

Da ich heimkam von der Verhörung zu Weimar, meinte ich zu predigen das ernste Wort Gottes. Da kamen meine Ratsherren und wollten mich den höchsten Feinden des Evangeliums überantworten. Da ich das vernahm, war meines Bleibens nimmer. Ich wischte meine Schuh von ihrem Staub, dann ich sah mit meinen sichtigen Augen, daß sie viel mehr ihre Eide und Pflichte denn Gottes Wort achteten. Sie nahmen sich vor, zwei Herrn gegeneinander zu dienen, so ihnen doch Gott aufs allerscheinbarste beistand, der sie erlöst hat aus der Gewalt des Bären und Löwen, hätte sie auch erlöst von der Hand Goliath (1. Sam. 17), wiewohl sich der Goliath auf seinen Panzer und Schwert verließ. So wird’s ihn der David wohl lehren. Saul fing auch etwas Gutes an, aber David nach langem Umtreiben mußte es vollführen welcher eine Figur deiner, o Christus, in deinen lieben Freunden, welche du fleißig bewahrest ewig. Amen.

Anno MDXXIIII Vulpis / Fecisti merere mendaciter cor iusti: quem dominus non contristavit. Confortastique manus impiorum tuorum: ne revertantur a via sua mala: ob id peribis: et populus dei liberabitur a tyrannide tua. Tu videbis deum esse dominum. Ezechielis XIII. capitulo.

Das ist verdolmetscht: O Doktor Lügner, du tückischer Fuchs, du hast durch deine Lügen das Herz des Gerechten traurig gemacht, den Gott nicht betrübt hat. Damit hast du gestärkt die Gewalt der gottlosen Böswichter, auf daß sie je ja auf ihrem alten Wege bleiben. Darum wird dir’s gehen wie einem gefangenen Fuchs. Das Volk wird frei werden, und Gott will allein der Herr darüber sein !


Gedicht der Woche 44/2009

1. November 2009

Wollt ihr hören neue Mär

Wollt ihr hören neue Mär
Von den Fürsten und von den Herrn
Und von den Edelleuten
keiner von Ihnen will begreifen

Auf das Christenblut sind sie erstarrt
Wie werdet ihr hier erfahren
Sie ließen sich keines erbarmen;
Gott wird erhören die Armen!

An einem Dienstage das geschah
Daß man manchen Herrn und Fürsten sah
Zu Schlotheim in dem Felde
Die von Mühlhausen mußten es entgelten !

Herzog Georg war ein zorniger Mann
Herr Apel von Ebeleben, der böse Tyrann,
Zum Fürsten tat er entrinnen
Er wollt viel Güter gewinnen.

Mühlhausen war ein festes Städtlein
Dennoch kommen Fürsten und Herren drein.
Der Doktor hat sie verraten
Mit seinem langen roten Barte.

Der Doktor ist ein Bösewicht
Er hat es nicht wohl ausgericht’t;
Das wird ihn sehr verdrießen —
Er muß stecken an einem Spieße.

Heinrich Baumgarten ist auch ein Mann
Der sich mit Schalkheit retten kann
Er wußte wohl zu guten Maßen
Wie es der Doktor wollte lassen.

Zu Mühlhausen war ein gelehrter Mann
Herr Heinrich Pfeifer war sein Nam
Sein Leben mußt er lassen
Bei Bolstedt auf der Straßen.

Die zu Mühlhausen haben sehr gelogen;
Dem Pfeifer ward ein weißer Schurz angezogen;
Sie taten es ihm sehr verdenken
Sie wollten’s ihm wahrlich nicht schenken.

Wittich und Rodemann waren nahe dabei
Welche armen Leute die Fürsten gaben frei,
Die griffen sie wohl auf der Fahrt
und hieben ihnen durch den Passeport

Es gab bei ihnen keine Barmherzigkeit.
Gott gebe den Bösewichtern allen Leid
Der Teufel wird sie schänden
an ihrem letzten Ende!

Der Kriegsmeister Lammhart
Der gab den Armen insgemein den Rat,
Sie sollten alle weichen
Wohl nach dem Popperoter Teiche

Des Doktors Frau hatte einen guten Einfall
Es ward ihr sauer, eh’ sie die Frauen ausgericht’t;
Sie wollte mit ihnen in das Lager
Der Teufel soll ihrer pflegen!

Der uns das Liedlein gedichtet hat
Er ist des Mühlhauser Krieges satt
Ihm ist nicht wohl gelungen
Das sei denen von Mühlhausen gesungen!

Müntzer-Tuebke

aus dem Bauernkrieg, Mühlhausen 1525 – Übertragung nach Steinitz I, S. 17:

„Gleichzeitige Handschrift (loses Blatt) im S. Ernestin . Gesamtarchiv zu Weimar“:  Liliencron 3, Nr.350.
Anmerkungen und Erklärungen (einige nach Liliencrons Angaben)

Das Lied bezieht sich auf den 16. Mai 1525, als die Bauern den Herzog Georg von Sachsen von seinem Schloß Ebeleben verjagt jaben.Der „Doktor“ ist wohl „Doktor von Othera“, der während der Volkaherrschaft Stadtsyndikus war, „von dem man mit einem Höchstmaß an Wahrscheinlichkeit annehmen darf, daß er von der ,Ehrbarkeit’ in den Ewigen Rat delegiert wurde, um dort ihre Interessen wahrzunehmen. Als die Fürsten Mühlhausen eingenommen hatten, wurde Othera nicht etwa hingerichtet, sondern zum Schultheiß ernannt“ (Meusel, Thomas Müntzer, S. 164, 327).
Das Lied bestätigt die verräterische Rolle dieses „Doktors“. —Heinrich Baumgarten, der Sohn des regierenden Bürgermeisters des alten Rats, war nach dessen Absetzung sein Nachfolger geworden (W. Zimmermann, Großer deutscher Bauernkrieg. Berlin 1952, S. 650) und versuchte offenbar nach dem Sieg der „Fürsten, sich diesen anzubiedern; vgl. Meuse], Thomas Müntzer, S. 329. — 6) Sebastian Künemund war Bürgermeister von Mühlhausen und wurde von den Siegern hingerichtet; s. Meusel, Thomas Müntzer, S. 329. Wittich (Wettich) und Rodemann waren beide Bürgermeister des alten Rats und nach ihrer Absetzung zu den Fürsten geflohen — sie gehörten also zur Fürstenpartei; s. Meusel, Thomas Müntzer, S. 326. — Sinn von „hieben ihnen durch den Passeport“ offenbar: sie hauten ihnen den Schädel durch, ohne Rücksicht auf Geleitzettel. — Des „Doktors Frau“ führte also die Frauengesandtschaft an (Liliencron).

Dieses Lied entstand nach der Niederschlagung der  revolutionären Bewegung Thomas Müntzers, welche in Mühlhausen das Zentrum hatte.


in der Gedenkbibliothek gelesen…

28. Oktober 2009

Am 27.10.2009

Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus e.V.

Nikolaikirchplatz 5 -7
10178 Berlin ( Nikolaiviertel )
Tel.: +49 / 30 / 283 43 27
Fax: +49 / 30 / 280 97 193
E-mail: th.dahnert@gedenkbibliothek.de

Dienstag, 27.Oktober 2009, 19 Uhr Dr. Tengis Khachapuridse, Schriftsteller aus Georgien, schildert seine Erlebnisse vor und nach dem Fall der Mauer unter dem Titel: „Zwei Steine“
Bettina Buske, (Ost)Berliner Autorin und Rezitatorin, berichtet in ihrer Erzählung: „Ist ja wirklich so!“ mit leichtem Augenzwinkern über erste Erkundungen und Erlebnisse in Westberlin und den Schwierigkeiten der Annäherung. Die Geschichten sind erschienen im Buch Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten, herausgegeben von Bettina Buske und Patricia Koelle. Zwei von siebenundzwanzig Geschichten zur Erinnerung an die Berliner Mauer und die deutsch-deutsche Grenze, die das Land von 1961 bis 1989 in zwei feindliche Lager teilten und bis heute – 20 Jahre danach – tiefe Wunden hinterlassen haben. Autoren aus Ost und West haben ihre Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen in Geschichten geformt. Autoren, die sich noch an den Bau der Mauer im Jahre 1961 erinnern können, und Autoren, die noch Kind waren, als im Jahre 1989 die Mauer fiel. Die in der DDR aufgewachsen sind, und solchen, die gelernt haben, „DDR“ stets nur in Anführungszeichen zu schreiben.

Autorenlesung aus der Anthologie
Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten

und anschließende Diskussion

Es lesen Tengis Khachapuridze und Bettina Buske

Beginn; 18 Uhr

mauerstuecke

Buch kann durch klick aufs Bild beim Verlag bestellt werden

Gestern war die Lesung der Mauerstücke-Erinnerungsgeschichten in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus e.V.

Ich möchte mich hiermit bei dem Veranstalter die Organisation bedanken, wir waren gut besucht und es war ein interessiertes Publikum.
Ebenfalls möchte ich mich bei Tengis Khachapuridze bedanken, der diesen Kontakt ermöglicht hat.
Tengis Khachapuridze las seine anrührende, unsentimental zu Herzen gehende Liebesgeschichte, die er extra für unsere Ausschreibung, bei der 12.000 Zeichen die Begrenzung war, aus einer großen Erzählung herausgeschält hat.
Ich glaube, nicht nur Autoren können sich vorstellen, was das für eine Überwindung kostet…
Aber ich bin froh darüber, denn seine Erzählung verbindet Ereignisse in Berlin mit Ereignissen in Georgien und zeichnet deutlich die Einschränkungen des privaten Bereiches beim Leben in einer Diktatur, so dass auch Nachgeborene sich ein lebendiges Bild von den damaligen Verhältnissen machen können.
Ich habe erlebt, wie in der Pause immer wieder Leute kamen und erklärten, wie berührt sie von der Geschichte waren.

Natürlich war es dann für mich schwierig, den Übergang zu gestalten und dem Wunsch des Veranstalters entsprechend Geschichten zu lesen, die dem fröhlichen Anlass – 20 Jahre Mauerfall – entsprechen.

Weil solch Bemühen nach glattem Übergang  den Stimmungsbruch nicht verbergen kann,  habe ich den Hörern  nur eine kurze Pause zur Rückbesinnung gelassen und losgelegt und drei „echt“ Berliner Geschichten aus dem Buch gelesen,
Bornholmer-Ecke Grüntaler von Regina Sander
Ist ja wirklich so von mir und als Zugabe
Gute Freunde von Katja Bär

Das Gelächter und der Beifall des Publikums sagte mir, dass es gut gelaufen ist und die Geschichten gut angenommen wurden.

Schade, dass ich wegen der verlorenen Kamera keine Fotos machen konnte…


in der Schweiz gelesen…

28. Oktober 2009

am 25.10.2009 um 17 Uhr

2 Stundenprogramm Märchenlesung mit Musik
Von der Baarburg nach Jerusalem
Ort:

Kulturwerkstatt
„Zum Oberen Haus“
Kirchgasse13
CH 8266 Steckborn

baarburg

So, eigentlich berichte ich ja immer nach einer Veranstaltung kurz, wie sie war. Muss ich also auch von dieser machen, und will ich auch, aber…

Diese Veranstaltung war mit einem Aufenthalt in der Schweiz verbunden, mit meinem allerersten Auftenhalt in der Schweiz und ich stecke so voller Eindrücke, dass ich mich erst sammeln muss.

Das Sammeln ginge bestimmt schneller, hätten wir unseren Fotoaparat noch und ich könnte Bilder beschauen, aber den haben wir auf der Heimreise verloren. Große Katastrophe!
Zum Glück hat meine gastgebende Freundin Bernadette sich die Bilder auf ihren Laptop geladen und noch nicht gelöscht, so dass zumindest die Urlaubsbilder per Stick wieder zu mir kommen werden, aber die Bilder von der Veranstaltung fehlen, von den Betreibern des Hauses wurden zwar ebenfalls Bilder gemacht – aber  gerade jetzt sind sie in Urlaub gefahren und können  sie mir erst danach mailen.

Mir hat es dort sehr gefallen, die Schweizer waren aufmerksame Zuhörer. Ob ihnen das Stück nun gefallen hat kann ich nicht sagen, es ist ja kein gefälliges Stück, das Claudia Sperlich und ich da geschrieben haben. Ich bin aber sicher, dass es nachklingt.

Nachklingen – ein Stichwort.
Ich wurde ja bei diesem Programm von Manuela Arcotta, Klangtherapeutin und Lebensberaterin aus Steckborn, auf dem Monochord begleitet. Auch das war eine Premiere für mich, zuvor war mir dieses Instrument unbekannt. Zu gern hätte ich gleich ein Foto gezeigt, wenn ich schon den Klang nicht wiedergeben kann. Eine zierliche, fast feenhafte Frau vor einem harfe- oder zitterähnlichem Instrument, das nur auf einen Ton gestimmt ist und dadurch Oberwellen erzeugt.  Mir schien, im Spiel verschmolzen Instrument und Musikerin umgeben von einem leichten Tuch aus Klang- dieses Erlebnis hat mich sooo beeindruckt, das möchte ich sehr gern wiederholen und wiederholen und wiederholen…


genial gaga …

27. Oktober 2009

dieser Helge Schneider

 


Gedicht der Woche 43/2009

26. Oktober 2009

Berliner Frühherbst
(c) Patricia Koelle

Schwüle Schönheiten schwirren durch staubige Straßen
spaßige Sperlinge spitzeln spottend vom Dach.
Schwatzende Spießbürger speisen spontan Spritzkuchen
die schwitzende Stadt spielt schurkig mit sich selber Schach.

Stolze Schornsteine speien ewig schwarze Streifen
anderes schlucken schaurig schmutzige Schächte.
Spekulanten spuken in schmierigen Spelunken
spinnen spät noch schamlos manches Ungerechte.

Scharlachrotes Schlauchboot sorglos auf dem Schlachtensee
schaukelt schlafend selig schief über seichtem Abgrund.
Die Sommersonne ist solchen Sonntags schon im Soll
sachte Sehnsucht ist des Herbstes so schwieriger Fund.

Silberne Samen schweben als sinkende Schätze
salzige Senfgurken schmecken nach schutzlosen Tränen.
Wir schreiben schrankenlos schwerwiegende Schwüre
folgen schweigenden Spuren von schmutzgrauen Schwänen.

 

grauer_Schwan


Erzählung der Woche 43/2009

26. Oktober 2009
59.
Prinz Schwan.

Es war ein Mädchen mitten in einem großen Wald, da kam ein Schwan auf es zugegangen, der hatte einen Knauel Garn, und sprach zu ihm: „ich bin kein Schwan, sondern ein verzauberter Prinz, aber du kannst mich erlösen, wenn du den Knauel Garn abwickelst, an dem ich fortfliege; doch hüte dich, daß du den Faden nicht entzwei brichst, sonst komm’ ich nicht bis in mein Königreich, und werde nicht erlöst; wickelst du aber den Knauel ganz ab, dann bist du meine Braut.“ Das Mädchen nahm den Knauel, und der Schwan stieg auf in die Luft, und das Garn wickelte sich leichtlich ab. Es wickelte und wickelte den ganzen Tag, und am Abend war schon das Ende des Fadens zu sehen, da blieb er unglücklicherweise an einem Dornstrauch hängen und brach ab. Das Mädchen war sehr betrübt und weinte, es wollt’ auch Nacht werden, der Wind ging so laut in dem Wald, daß ihm Angst ward, und es anfing zu laufen, was es nur konnte. Und als es lang gelaufen war, sah es ein kleines Licht, darauf eilte es zu, und fand ein Haus und klopfte an. Ein altes Mütterchen kam heraus, das verwunderte sich, wie es sah, daß ein Mädchen vor der Thüre war: „ei mein Kind, wo kommst du so spät her?“ – „Gebt mir doch heut Nacht eine Herberg, sprach es, ich habe mich in dem Wald verirrt; auch ein wenig Brod zu essen.“ – „Das ist ein schweres Ding, sagte die Alte ich gäbe dirs gern, aber mein Mann ist ein Menschenfresser, wenn der dich findet, so frißt er dich auf, da ist keine Gnade; doch, wenn du draußen bleibst, fressen dich die wilden Thiere, ich will sehen, ob ich dir durchhelfen kann.“ Da ließ sie es herein, und gab ihm ein wenig Brod zu essen, und versteckte es dann unter das Bett. Der Menschenfresser aber kam allemal vor Mitternacht, wenn die Sonne ganz untergegangen ist, nach Haus, und ging Morgens, ehe sie aufsteigt, wieder fort. Es dauerte nicht lang, so kam er herein: „ich wittre, ich wittre Menschenfleisch!“ sprach er und suchte in der Stube, endlich griff er auch unter das Bett und zog das Mädchen hervor: „das ist noch ein guter Bissen!“ Die Frau aber bat und bat, bis er versprach, die Nacht über es noch leben zu lassen, und morgen erst zum Frühstück zu essen. Vor Sonnenaufgang aber weckte die Alte das Mädchen: „eil dich, daß du fortkommst, eh mein Mann  aufwacht, da schenk ich dir ein goldenes Spinnrädchen, das halt in Ehren: ich heiße Sonne.“ Das Mädchen ging fort und kam Abends an ein Haus, da war alles, wie am vorigen Abend, und die zweite Alte gab ihm beim Abschied eine goldene Spindel und sprach: „ich heiße Mond.“ Und am dritten Abend kam es an ein drittes Haus, da schenkte ihm die Alte einen goldenen Haspel und sagte: „ich heiße Stern, und der Prinz Schwan, ob gleich der Faden noch nicht ganz abgewickelt war, war doch schon so weit, daß er in sein Reich gelangen konnte, dort ist er König und hat sich schon verheirathet, und wohnt in großer Herrlichkeit auf dem Glasberg; du wirst heut Abend hinkommen, aber ein Drache und ein Löwe liegen davor und bewahren ihn, darum nimm das Brod und den Speck und besänftige sie damit.“ So geschahe es auch. Das Mädchen warf den Ungeheuern das Brod und den Speck in den Rachen, da ließen sie es durch, und es kam bis an das Schloßthor, aber in das Schloß selber ließen es die Wächter nicht hinein. Da setzte es sich vor das Thor, und fing an auf seinem goldenen Rädchen zu spinnen; die Königin sah von oben zu, ihr gefiel das schöne Rädchen, und sie kam herunter und wollte es haben. Das Mädchen sagte, sie solle es haben, wenn sie erlauben wollte, daß es eine Nacht neben dem Schlafzimmer des Königs zubrächte. Die Königin sagte es zu, und das Mädchen ward hinaufgeführt, was aber in der Stube gesprochen wurde, das konnte man alles in dem Schlafzimmer hören. Wie es nun Nacht ward, und der König im Bett lag, sang es:

„Denkt der König Schwan
noch an seine versprochene Braut Julian’?
die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,
durch Löwen und durch Drachen:
will der König Schwan denn gar nicht erwachen?“

Aber der König hörte es nicht, denn die listige Königin hatte sich vor dem Mädchen gefürchtet, und ihm einen Schlaftrunk gegeben, da schlief er so fest, und hätte das Mädchen nicht gehört, und wenn es vor ihm gestanden wäre. Am Morgen war alles verloren, und es mußte wieder vor das Thor, da setzte es sich hin und spann mit seiner Spindel, die gefiel der Königin auch, und es gab sie unter derselben Bedingung weg, daß es eine Nacht neben des Königs Schlafzimmer zubringen dürfe. Da sang es wieder:

„Denkt der König Schwan
noch an seine versprochene Braut Julian’?
die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,
durch Löwen und durch Drachen:
will der König Schwan denn gar nicht erwachen?“

Der König aber schlief wieder fest von einem Schlaftrunk, und das Mädchen hatte auch seine Spindel verloren. Da setzte es sich am dritten Morgen mit seinem goldenen Haspel vor das Thor und haspelte. Die Königin wollte auch die Kostbarkeit haben, und versprach dem Mädchen, es sollte dafür noch eine Nacht neben dem Schlafzimmer bleiben. Es hatte aber den Betrug gemerkt, und bat den Diener des Königs, er mögte diesem heut Abend was anderes zu trinken geben. Da sang es noch einmal:

„Denkt der König Schwan
nicht an seine versprochene Braut Julian’?
die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,
durch Löwen und durch Drachen:
will der König Schwan, denn gar nicht erwachen?“

Da erwachte der König; wie er ihre Stimme hörte, erkannte sie und fragte die Königin: „wenn man einen Schlüssel verloren hat und ihn wieder findet, behält man dann den alten oder den neugemachten?“ Die Königin sagte: „ganz gewiß den alten.“ – „Nun, dann kannst du meine Gemahlin nicht länger seyn, ich habe meine erste Braut wieder gefunden.“ Da mußte am andern Morgen die Königin zu ihrem Vater wieder heimgehen, und der König vermählte sich mit seiner rechten Braut, und die lebten so lang vergnügt, bis sie gestorben sind.

Anhang

[XXXVII]

Zu Prinz Schwan. No. 59.

Aehnlich damit das Märchen von den drei Gürteln in der Braunschw. Samml. S. 122-150. Die Königin erhält von einer Fee, der sie als einer alten bösen Hexe unermüdlich Beistand geleistet, drei Gürtel, so lang die nicht entzwei gingen, könne sie an die Liebe und Treue ihres abwesenden Gemahls glauben. Als zwei davon geplatzt sind, verkleidet sie sich in eine Pilgerin und zieht ihm nach. In einem großen Wald, durch den sie geht, fallen ihr nach einander drei goldne Nüsse vor die Füße, die sie aufhebt und mitnimmt. Sie kommt zu einem Müller, der sie für seine Base ausgeben will, und ihr einen andern Namen giebt. Hier findet sie der König, und ohne sie wiederzuerkennen, verliebt er sich in sie. Sie zeigt sich ihm geneigt, wie er sie aber umarmen will, platzt der dritte Gürtel, sie erschrickt und bittet ihn die Hausthüre zuzumachen, deren Schlagen sie nicht hören könne. Wie er aber eine zumacht, [XXXVIII] springt eine andere wieder auf und so fort, daß er die ganze Nacht nichts zu thun hat, als Thüren zuzumachen. Der König ist dadurch gekränkt, kommt nicht wieder, und will sich mit der Prinzessin, die seine Braut ist, vermählen. Die Königin macht ihre erste Goldnuß auf, da ist das prächtigste Nähzeug und Nähkästchen darin, damit geht sie zum Schloß, setzt sich den Fenstern der Prinzessin gegenüber und näht. Die Prinzessin sieht sie und trägt großen Gefallen an dem Nähzeug, sie tauscht es für das Recht ein, die erste Nacht bei dem König zubringen zu dürfen. Am andern Tag öffnet diese die zweite Nuß, findet eine köstliche Spindel darin, spinnt damit vor der Prinzessin und vertauscht sie für die zweite Nacht, endlich auch das Geschmeide, welches die dritte Nuß in sich faßte, für die dritte Nacht. Wie der Hochzeitstag nun vorbei ist, wird die Königin zum König geführt, da entdeckt sie sich als seine Gemahlin; am dritten Morgen beruft er einen Rath und legt die Frage von dem Schlüssel vor, den er zu einem goldnen Vorlegeschloß verloren, und wiedergefunden, ob er den alten oder den neuen gebrauchen solle. Die Prinzessin entscheidet selber für den alten und demnach für ihre Trennung.


Herbstzeit-Märchenzeit

20. Oktober 2009

Herbstzeit – Märchenzeit


Der Sommer ist fort, die warmen Tage vergangen,
mit Regenwolken ist der Himmel verhangen.
Sonnenfarbend leuchten die Birken vorm Haus
doch windig ist es, nichts zieht uns hinaus.
Wir richten uns ein und machens gemütlich,
und tun uns an Kaffee und Kuchen gütlich,
oder an Tee, oder Kakao – das ist egal,
es ist für den Feierabend ein Ritual
wenn Tag und Nacht gemeinsam regieren,
denn bei Dämmerung lässt es sich gut sinnieren.
In der Stube ist Wärme und gemütliches Licht
während draußen der Wind schon die Äste abbricht.

Wenn leis heulend die Winde um Hausecken fegen,
beginnen sich in mir die Märchen zu regen.
Die schubsen und drängeln, die wollen ins Leben,
die woll´n euch dann Freude und Hoffnung geben.

-Gemini-

Herbst von Li Friedrich-Bothin

Herbst von Li Friedrich-Bothin