die quellenlose Bücherhitliste Teil 1

9. Februar 2010

Bei der Vorleserin eine Stöckchenaktion entdeckt, die ich mal aufgreife. Von einer Liste unbekannten Ursprungs, die die 100 beliebtesten Bücher aufzählt. Ich hab jetzt die ersten 50 mal beguckt, was davon auf mich zutrifft, was ich davon schon gelesen habe (fett), was ich lesen möchte (kursiv) und was mich eher kalt lässt (durchgestrichen).
Ich würde glaub ich, etliche andere Bücher nennen, aber Michael Ende und sogar die Rowling wären auch dabei. Ziemlich weit oben ständen in meiner Liste Bücher von Edgar Hilsenrath und von Dschingis Aitmatow.

1. Der Herr der Ringe, JRR Tolkien
– als Film gesehen und nicht den Wunsch verspürt, das Buch zu lesen

2. Die Bibel
(alles gelesen, verschiedene Übersetzungen, werde auch weiterhin ab und an drin blättern, mag besonders die Psalmen und die Paulus-Briefe)
3. Die Säulen der Erde, Ken Follett
(stehen in meinem Schrank und warten darauf, gelesen zu werden)

4. Das Parfum, Patrick Süskind
(war gut, die Idee ist außergewöhnlich, hat überzeugt, die Umsetzung war gefällig)

5. Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry
(liebenswert)

6. Buddenbrooks, Thomas Mann
(war Pflichtlektüre, aber gut)

7. Der Medicus, Noah Gordon
( gelesen weil Langeweile gehabt, und das Buch war griffbereit , bin nicht begeistert, nicht enttäuscht – guter Filmstoff )

8. Der Alchimist, Paulo Coelho
(Lesewunsch besteht nicht)

9. Harry Potter und der Stein der Weisen, JK Rowling
( ich pottere sehr gerne)

10. Die Päpstin, Donna W. Cross

(gelesen weil Langeweile gehabt, und das Buch war griffbereit , mehr als mittelmäßig, nicht enttäuscht – weil nichts erwartet)

11. Tintenherz, Cornelia Funke
(will ich unbedingt mal lesen)

12. Feuer und Stein, Diana Gabaldon

(kein Lesewunsch)
13. Das Geisterhaus, Isabel Allende
(will ich mal lesen, irgendwann)

14. Der Vorleser, Bernhard Schlink

(will ich unbedingt mal lesen)

15. Faust. Der Tragödie erster Teil, Johann Wolfgang von Goethe
(Pflichtlektüre, die dann doch nachhängt)

16. Der Schatten des Windes, Carlos Ruiz Zafón

17. Stolz und Vorurteil, Jane Austen
( ich war in der adulten Phase ein Jane Austen- Fan; gibt auch eine gute Verfilmung von Stolz und Vorurteil)
18. Der Name der Rose, Umberto Eco
(war gut, der Film auch)
19. Illuminati, Dan Brown
( nicht enttäuscht, weil leichte Kost erwartet – für den Film werde ich nicht ins Kino gehen)

20. Effi Briest, Theodor Fontane
(war Pflichtliteratur, ist ein Zeitdokument ohne gleichen – ich liebe Fontanes Arbeiten)

21. Harry Potter und der Orden des Phönix, JK Rowling
(sh. Nr.9)
22. Der Zauberberg, Thomas Mann
(war Wahlpflichtliteratur, ist schon gut, aber …)
23. Vom Winde verweht, Margaret Mitchell
(als Film gesehen, das reicht)

24. Siddharta, Hermann Hesse
( gern gelesen vor Zeiten, sollte mal wieder, um die Einschätzung zu überprüfen – ich mag Hesse)

25. Die Entdeckung des Himmels, Harry Mulisch (kein Lesewunsch)

26. Die unendliche Geschichte, Michael Ende
( wunderbares Märchen, wunderbarer Erzähler)

27. Das verborgene Wort, Ulla Hahn
(kein Lesewunsch)

28. Die Asche meiner Mutter, Frank McCourt (steht im Schrank und wartet, gelesen zu werden)

29. Narziss und Goldmund, Hermann Hesse
(sh.24)

30. Die Nebel von Avalon, Marion Zimmer Bradley
(kein Lesewunsch)

31. Deutschstunde, Siegfried Lenz

(eines meiner Lieblingsbücher)

32. Die Glut, Sándor Márai
(bisher kein Lesewunsch)

33. Homo faber, Max Frisch
(will ich mal lesen)

34. Die Entdeckung der Langsamkeit, Sten Nadolny
(will ich mal lesen)
35. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kundera
(will ich mal lesen)
36. Hundert Jahre Einsamkeit, Gabriel Garcia Márquez (richtig gut)

37. Owen Meany, John Irving

(kein Lesewunsch)
38. Sofies Welt, Jostein Gaarder
(recht interessantes Buch)
39. Per Anhalter durch die Galaxis, Douglas Adams
(in jungen Jahren gelesen, war Kult, hatte jetzt mal wieder drin geblättert und kam nicht rein)
40. Die Wand, Marlen Haushofer
(bisher kein Lesewunsch)
41
Gottes Werk und Teufels Beitrag, John Irving

(als Film gesehen, war gut, aber reicht)

42. Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel Garcia Márquez
(sh. 36. – ebenfalls: richtig gut, was zum wiederlesen)
43. Der Stechlin, Theodor Fontane
(typischer Fontane )
44. Der Steppenwolf, Hermann Hesse (könnte man auch mal wieder lesen)
45. Wer die Nachtigall stört, Harper Lee
(will ich mal lesen)
46. Joseph und seine Brüder, Thomas Mann
(will ich mal lesen, irgendwann)
47. Der Laden, Erwin Strittmatter (bin Strittmatterfan, mag den Wundertäter zwar noch mehr, aber der Laden ist richtig gut)
48. Die Blechtrommel, Günter Grass ( das Buch liest sich gut, der Film fast noch besser)
49. Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque (gut, 1. WK-roman der zu den verbrannten Büchern gehört)
50. Der Schwarm, Frank Schätzing ( als Hörbuch gehört –wirklich  guter Plot)


Gedicht der Woche 06/2010

6. Februar 2010

Verse

Wie viele

verblasste Bilder
verklungene Melodien
vergangene Lieben
vertrauliche Zwiegespräche
vergebliche Hoffnungen
vertane Zeit
verzweifelte Gedanken

…Versuchungen
……Verwünschungen
………Verfluchungen

habt Ihr unsterblich gemacht!?

von Anna Faltin



Erzählung der Woche 06/2010

6. Februar 2010

von Franz Kafka

Der Gruftwächter

Drama

Kleines Arbeitszimmer, hohes Fenster, davor ein kahler Baumwipfel. Fürst (am Schreibtisch, im Stuhl zurückgelehnt, aus dem Fenster blickend), Kammerherr (weißer Vollbart, jugendlich in ein enges Jackett gezwängt, an der Wand neben der Mitteltür).
Pause.
FÜRST sich vom Fenster abwendend: Nun?
KAMMERHERR: Ich kann es nicht empfehlen, Hoheit.
FÜRST: Warum?
KAMMERHERR: Ich kann im Augenblick meine Bedenken nicht genau formulieren. Es ist bei weitem nicht alles, was ich sagen will, wenn ich jetzt nur den allgemein menschlichen Spruch anführe: Man soll die Toten ruhen lassen.
FÜRST: Das ist auch meine Ansicht.
KAMMERHERR: Dann habe ich es nicht richtig verstanden.
FÜRST: So scheint es.
Pause.
FÜRST: Das Einzige, was Sie in der Sache beirrt, ist vielleicht nur die Sonderbarkeit, daß ich die Anordnung nicht ohne weiters getroffen, sondern vorher Ihnen angekündigt habe.
KAMMERHERR: Die Ankündigung legt mir allerdings eine größere Verantwortung auf, der zu entsprechen ich mich bemühen muß .
FÜRST: Nichts von Verantwortung!
Pause .
FÜRST: Also nochmals. Bisher wurde die Gruft im Friedrichspark von einem Wächter bewacht, der am Eingang des Parkes ein Häuschen hat, in dem er wohnt. War an diesem Ganzen etwas auszusetzen?
KAMMERHERR: Gewiß nicht. Die Gruft ist über vierhundert Jahre alt und so lange wird sie auch in dieser Weise bewacht.
FÜRST: Es könnte ein Mißbrauch sein. Es ist aber kein Mißbrauch?
KAMMERHERR: Es ist eine notwendige Einrichtung.
FÜRST: Also eine notwendige Einrichtung. Nun bin ich so lange hier auf dem Landschloß, bekomme Einblick in Einzelheiten, die bisher Fremden anvertraut waren – sie bewähren sich schlecht und recht -, und habe gefunden: Der Wächter oben im Park genügt nicht, es muß vielmehr auch ein Wächter unten in der Gruft wachen. Es wird vielleicht kein angenehmes Amt sein. Aber erfahrungsgemäß finden sich für jeden Posten bereitwillige und geeignete Leute.
KAMMERHERR: Natürlich wird alles, was Hoheit anordnen, ausgeführt werden, auch wenn die Notwendigkeit der Anordnung nicht begriffen wird.
FÜRST auffahrend: Notwendigkeit! Ist denn die Wache am Parktor notwendig? Der Friedrichspark ist ein Teil des Schloßparkes, ist von ihm ganz umfaßt, der Schloßpark selbst ist reichlich, sogar militärisch bewacht. Wozu also die besondere Bewachung des Friedrichsparks? Ist sie nicht eine bloße Formalität? Ein freundliches Sterbelager für den armseligen Greis, der dort die Wache besorgt?
KAMMERHERR: Es ist eine Formalität, aber eine notwendige. Bezeugung der Ehrfurcht vor den großen Toten.
FÜRST: Und eine Wache in der Gruft selbst?
KAMMERHERR: Sie hätte meiner Meinung nach einen polizeilichen Nebensinn, sie wäre wirkliche Bewachung unwirklicher, dem Menschlichen entrückter Dinge.
FÜRST: Diese Gruft ist in meiner Familie die Grenze zwischen dem Menschlichen und dem Anderen, und an diese Grenze will ich eine Wache stellen. Über die, wie Sie sich ausdrücken, polizeiliche Notwendigkeit dessen, können wir den Wächter selbst verhören. Ich habe ihn kommen lassen. Läutet.
KAMMERHERR: Es ist, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ein verwirrter Greis, schon außer Rand und Band.
FÜRST: Ist es so, dann wäre dies nur ein weiterer Beweis für die Notwendigkeit einer Verstärkung der Wache in meinem Sinn.
Diener.
FÜRST: Der Gruftwächter!
Der Diener führt den Wächter herein, hält ihn unter dem Arm fest, sonst würde er zusammenstürzen. Alte, rote, weit ihn umschlotternde Festlivree, blankgeputzte Silberknöpfe, verschiedene Ehrenzeichen. Kappe in der Hand. Unter den Blicken der Herren zittert er.
FÜRST: Auf das Ruhebett!
Diener legt ihn hin und geht. Pause. Nur leises Röcheln des Wächters.
FÜRST wieder im Lehnstuhl: Hörst du?
WÄCHTER bemüht sich zu antworten, kann aber nicht, ist zu erschöpft, sinkt wieder zurück.
FÜRST: Suche dich zu fassen. Wir warten.
KAMMERHERR zum Fürsten gebeugt: Worüber könnte dieser Mann Auskunft geben, und gar glaubwürdige oder wichtige Auskunft. Man sollte ihn eiligst ins Bett bringen.
WÄCHTER: Nicht ins Bett – bin noch kräftig – verhältnismäßig – stelle noch meinen Mann.
FÜRST: Es sollte so sein. Du bist ja erst sechzig Jahre alt. Allerdings siehst du sehr schwach aus.
WÄCHTER: Werde mich gleich erholt haben – gleich erholt.
FÜRST: Es war kein Vorwurf. Ich bedauere nur, daß es dir so schlecht geht. Hast du über etwas zu klagen?
WÄCHTER: Schwerer Dienst – schwerer Dienst – klage nicht – aber entkräftet sehr – Ringkämpfe jede Nacht.
FÜRST: Was sagst du?
WÄCHTER: Schwerer Dienst.
FÜRST: Du sagtest noch etwas.
WÄCHTER: Ringkämpfe.
FÜRST: Ringkämpfe? Was für Ringkämpfe denn?
WÄCHTER: Mit den seligen Vorfahren.
FÜRST: Das verstehe ich nicht. Hast du schwere Träume?
WÄCHTER: Keine Träume – schlafe ja keine Nacht.
FÜRST: Dann erzähle also von diesen – diesen Ringkämpfen.
WÄCHTER schweigt.
FÜRST zum Kammerherrn: Warum schweigt er?
KAMMERHERR eilt zum Wächter: Es kann ja jeden Augenblick mit ihm zu Ende sein.
FÜRST steht beim Tisch.
WÄCHTER als ihn der Kammerherr berührt: Weg, weg weg! Kämpft mit den Fingern des Kammerherrn, wirft sich dann weinend hin.
FÜRST: Wir quälen ihn.
KAMMERHERR: Womit?
FÜRST: Ich weiß nicht.
KAMMERHERR: Der Weg ins Schloß, die Vorführung, der Anblick Eurer Hoheit, die Fragestellung – dem allen hat er nicht mehr genug Verstand entgegen zu setzen.
FÜRST sieht immerfort nach dem Wächter hin: Das ist es nicht. Geht zum Ruhebett, beugt sich zum Wächter, nimmt dessen kleinen Schädel zwischen die Hände. Mußt nicht weinen. Warum weinst du denn? Wir sind dir wohlgesinnt. Ich selbst halte dein Amt nicht für leicht. Gewiß hast du dir Verdienste um mein Haus erworben. Also weine nicht mehr und erzähle.
WÄCHTER: Wenn ich mich aber vor dem Herrn dort so fürchte – sieht den Kammerherrn drohend, nicht furchtsam an.
FÜRST zum Kammerherrn: Sie müssen fortgehn, wenn er erzählen soll.
KAMMERHERR: Sehen Sie doch, Hoheit, er hat Schaum vor dem Mund, ist schwerkrank.
FÜRST zerstreut: ja, gehen Sie, es dauert nicht lange.
Kammerherr geht.
FÜRST Setzt sich auf den Rand des Ruhebettes.
Pause.
FÜRST: Warum hast du dich vor ihm gefürchtet.
WÄCHTER auffallend gesammelt: Ich habe mich nicht gefürchtet. Vor einem Diener mich fürchten?
FÜRST: Er ist kein Diener. Er ist ein Graf, frei und reich.
WÄCHTER: Doch nur ein Diener, du bist der Herr.
FÜRST: Wenn du es so willst. Du selbst sagtest aber, daß du dich fürchtest.
WÄCHTER: Ich habe Dinge vor ihm zu erzählen, die nur du erfahren sollst. Habe ich nicht schon zu viel vor ihm gesagt?
FÜRST: Wir sind also Vertraute und ich habe dich doch heute zum ersten Mal gesehn.
WÄCHTER: Gesehn zum ersten Mal, aber seit jeher weißt du, daß ich das gehobener Zeigefinger wichtigste Hofamt habe. Du hast es ja auch öffentlich anerkannt, indem du mir die Medaille >Feuerrot< verliehen hast. Hier! Hebt die Medaille vom Rock.
FÜRST: Nein, das ist eine Medaille für fünfundzwanzigjährige Hofdienste. Die hat dir noch mein Großvater gegeben. Doch werde auch ich dich auszeichnen.
WÄCHTER: Tue, wie es dir gefällt und der Bedeutung meiner Dienste entspricht. Dreißig Jahre diene ich dir als Gruftwächter.
FÜRST: Nicht mir, meine Regierung dauert kaum ein Jahr.
WÄCHTER in Gedanken: Dreißig Jahre.
Pause.
WÄCHTER sich halb zu der Bemerkung des Fürsten zurückfindend: Nächte dauern dort Jahre.
FÜRST: Aus deinem Amt kam mir noch kein Bericht. Wie ist der Dienst?
WÄCHTER: Gleichförmig jede Nacht. Jede Nacht nahe bis zum Platzen der Halsadern.
FÜRST: Ist es denn nur Nachtdienst? Nachtdienst für dich Alten?
WÄCHTER: Das ist es eben, Hoheit. Es ist Tagdienst. Ein Faulenzerposten. Man sitzt vor der Haustür und hält im Sonnenschein den Mund offen. Manchmal tappt dir der Wächterhund mit den Vorderpfoten aufs Knie und legt sich wieder. Das ist die ganze Abwechslung.
FÜRST: Also.
WÄCHTER nickend: Aber er ist in Nachtdienst umgewandelt worden.
FÜRST: Von wem denn?
WÄCHTER: Von den Gruftherren.
FÜRST: Du kennst sie?
WÄCHTER: Ja.
FÜRST: Sie kommen zu dir?
WÄCHTER: Ja.
FÜRST: Auch in der letzten Nacht?
WÄCHTER: Auch.
FÜRST: Wie war es?
WÄCHTER setzt sich aufrecht: Wie immer.
FÜRST steht auf.
WÄCHTER: Wie immer. Bis Mitternacht ist Ruhe. Ich liege – verzeihe mir – im Bett und rauche die Pfeife. Im Bett nebenan schläft mein Tochterkind. Um Mitternacht klopft es das erste Mal ans Fenster. Ich sehe nach der Uhr. Immer pünktlich. Noch zweimal klopft es, es mischt sich mit den Uhrenschlägen vom Turm und ist nicht schwächer. Das sind nicht menschliche Fingerknöchel. Aber ich kenne das alles und rühre mich nicht. Dann räuspert es sich draußen, es wundert sich, daß ich trotz solchen Klopfens das Fenster nicht öffne. Möge sich die fürstliche Hoheit wundern! Noch immer ist der alte Wächter da! Zeigt die Faust.
FÜRST: Du drohst mir?
WÄCHTER versteht nicht gleich: Nicht dir. Dem vor dem Fenster!
FÜRST Wer ist es?
WÄCHTER: Er zeigt sich gleich. Mit einem Schlage öffnen sich Fenster und Fensterladen. Knapp habe ich noch Zeit, meinem Tochterkind die Decke über das Gesicht zu werfen. Sturm bläst herein, verlöscht das Licht im Nu. Herzog Friedrich! Sein Gesicht mit Bart und Haar erfüllt mein armes Fenster ganz und gar. Wie hat er sich entwickelt in den Jahrhunderten. Wenn er den Mund zum Reden öffnet, weht ihm der Wind den alten Bart zwischen die Zähne und er beißt in ihn.
FÜRST: Warte, du sagst Herzog Friedrich. Welcher Friedrich?
WÄCHTER: Herzog Friedrich, nur Herzog Friedrich.
FÜRST: Er nennt so seinen Namen?
WÄCHTER ängstlich: Nein, er nennt ihn nicht.
FÜRST: Und trotzdem weißt du – abbrechend. Erzähle doch weiter!
WÄCHTER: Soll ich weiter erzählen?
FÜRST: Natürlich. Das geht mich ja sehr an, es ist hier ein Fehler in der Arbeitsverteilung. Du warst überlastet.
WÄCHTER niederkniend: Nicht mir meinen Posten nehmen, Hoheit. Wenn ich so lange für dich gelebt habe, laß mich jetzt auch für dich sterben! Laß nicht vor mir das Grab vermauern, zu dem ich strebe. Ich diene gern und habe noch Fähigkeit zu dienen. Eine Audienz wie die heutige, ein Ausruhn beim Herrn, gibt mir Kraft für zehn Jahre.
FÜRST setzt ihn wieder auf das Ruhebett: Niemand nimmt dir deinen Posten. Wie könnte ich dort deine Erfahrung entbehren! Ich werde aber noch einen Wächter bestimmen und du wirst Oberwächter werden.
WÄCHTER: Genüge ich nicht? Habe ich jemals einen durchgelassen?
FÜRST: In den Friedrichspark?
WÄCHTER: Nein, aus dem Park. Wer will denn hinein? Bleibt einmal einer vor dem Gitter stehen, winke ich mit der Hand aus dem Fenster und er läuft davon. Aber hinaus, hinaus wollen alle. Nach Mitternacht kannst du alle Grabesstimmen um mein Haus versammelt sehn. Ich glaube, nur weil sie sich so aneinanderdrängen, fahren sie nicht sämtlich mit allem, was sie sind, mir durch das enge Fensterloch herein. Wird es allerdings zu arg, hole ich die Laterne unter dem Bett heraus, schwenke sie hoch und sie reißen sich, unverständliche Wesen, mit Lachen und Jammern auseinander; noch im letzten Busch am Ende des Parkes höre ich sie dann rauschen. Aber bald sammeln sie sich wieder.
FÜRST: Und sie sagen ihre Bitte?
WÄCHTER: Zuerst befehlen sie. Herzog Friedrich vor allen. So zuversichtlich sind keine Lebendigen. Seit dreißig Jahren, jede Nacht erwartet er, mich diesmal mürbe zu finden.
FÜRST: Wenn er seit dreißig Jahren kommt, kann es nicht Herzog Friedrich sein, der erst vor fünfzehn Jahren gestorben ist. Er ist aber der einzige dieses Namens in der Gruft.
WÄCHTER zusehr von dem Erzählten erfaßt: Das weiß ich nicht, Hoheit, ich habe nicht studiert. Ich weiß nur, wie er beginnt. »Alter Hund«, beginnt er beim Fenster, »die Herren klopfen und du bleibst in deinem Schmutzbett.« Gegen Betten haben sie nämlich immer Zorn. Und nun sprechen wir jede Nacht fast dasselbe. Er draußen, ich ihm gegenüber mit dem Rücken an der Tür. Ich sage: »Ich habe nur Tagdienst.« Der Herr wendet sich und ruft in den Park: »Er hat nur Tagdienst.« Daraufhin gibt es ein allgemeines Lachen des versammelten Adels. Dann sagt der Herzog wieder zu mir: »Es ist doch Tag.« Ich darauf kurz: »Sie irren.« Der Herzog: »Tag oder Nacht, öffne das Tor.« Ich: »Das ist gegen meine Dienstordnung.« Und ich zeige mit dem Pfeifenstock auf ein Blatt an der Wand. Der Herzog: »Du bist doch unser Wächter.« Ich: »Euer Wächter, aber von dem regierenden Fürsten angestellt.« Er: »Unser Wächter, das ist die Hauptsache. Also öffne, und zwar sofort.« Ich: »Nein.« Er: »Narr, du verlierst deinen Posten. Herzog Leo hat uns für heute eingeladen.«
FÜRST schnell: Ich?
WÄCHTER: Du.
Pause.
WÄCHTER: Wenn ich deinen Namen höre, verliere ich meine Festigkeit. Deshalb habe ich mich gleich aus Vorsicht an die Tür gelehnt, die mich jetzt fast allein aufrecht hält. Draußen singen alle deinen Namen. »Wo ist die Einladung?« frage ich schwach. »Bettvieh«, schreit er, »du zweifelst an meinem herzoglichen Wort?« Ich sage: »Ich habe keine Weisung und deshalb öffne ich nicht, öffne ich nicht, öffne ich nicht.« »Er öffnet nicht«, ruft der Herzog draußen, »also vorwärts, alle, die ganze Dynastie, gegen das Tor, wir öffnen selbst.« Und im Augenblick ist es vor meinem Fenster leer.
Pause.
FÜRST: Das ist alles?
WÄCHTER: Wie denn? Jetzt erst kommt mein eigentlicher Dienst. Hinaus aus der Tür, herum um das Haus, und schon pralle ich mit dem Herzog zusammen und schon schaukeln wir im Kampf. Er so groß, ich so klein, er so breit, ich so schmal, ich kämpfe nur mit seinen Füßen, aber manchmal hebt er mich und dann kämpfe ich auch oben. Um uns sind alle seine Genossen im Kreis und verlachen mich. Einer, zum Beispiel, schneidet hinten meine Hose auf und nun spielen alle mit meinem Hemdzipfel, während ich kämpfe. Unbegreiflich, warum sie lachen, da ich doch bisher immer gewonnen habe.
FÜRST: Wie ist es aber möglich, daß du gewinnst? Hast du Waffen?
WÄCHTER: Nur in den ersten Jahren nahm ich Waffen mit. Was könnten sie mir ihm gegenüber helfen, sie beschwerten mich nur. Wir kämpfen nur mit den Fäusten, oder eigentlich nur mit der Atemkraft. Und immer bist du in meinen Gedanken.
Pause.
WÄCHTER: Aber niemals zweifle ich an meinem Sieg. Nur manchmal fürchte ich, daß der Herzog mich zwischen seinen Fingern verlieren könnte und er nicht mehr wissen wird, daß er kämpft.
FÜRST: Und wann hast du gesiegt?
WÄCHTER: Wenn es Morgen wird. Dann wirft er mich hin und speit mir nach, das ist sein Bekenntnis der Niederlage. Ich aber muß noch eine Stunde liegen, ehe ich den richtigen Atem erschnappe.
Pause.
FÜRST steht auf. Aber sag, weißt du nicht, was sie alle eigentlich wollen?
WÄCHTER: Aus dem Park hinaus.
FÜRST: Warum aber?
WÄCHTER: Das weiß ich nicht.
FÜRST: Hast du sie nicht gefragt?
WÄCHTER: Nein.
FÜRST: Warum?
WÄCHTER: Ich habe Scheu davor. Wenn du es aber willst, werde ich sie heute fragen.
FÜRST erschrickt, laut: Heute!
WÄCHTER sachverständig: Ja, heute.
FÜRST: Und du ahnst auch nicht, was sie wollen?
WÄCHTER nachdenklich: Nein.
Pause.
WÄCHTER: Manchmal, vielleicht sollte ich das noch sagen, kommt früh, während ich so ohne Atem liege, ich bin dann auch zu schwach, um die Augen zu öffnen, ein zartes, feucht und haarig anzufühlendes Wesen zu mir, eine Nachzüglerin, Komtessa Isabella. Sie betastet mich an vielen Stellen, greift in den Bart, fährt in ihrer Gänze mir am Hals unterm Kinn vorbei und pflegt zu sagen: »Die andern nicht, aber mich, aber mich laß hinaus.« Ich schüttle den Kopf so viel ich kann. »Zum Fürsten Leo, um ihm die Hand zu reichen.« Ich höre nicht auf, den Kopf zu schütteln. »Aber mich, aber mich«, höre ich noch, dann ist sie weg. Und mein Tochterkind kommt mit Decken, wickelt mich ein und wartet bei mir, bis ich selbst gehen kann. Ein außerordentlich gutes Mädchen.
FÜRST: Ein unbekannter Name, Isabella.
Pause.
FÜRST: Die Hand mir zu reichen. Stellt sich zum Fenster, blickt hinaus.
Diener durch Mitteltür.
DIENER: Ihre Hoheit, die gnädige Frau Fürstin lassen bitten.
FÜRST sieht zerstreut den Diener an – zum Wächter: Warte, bis ich komme. Links ab.
Sofort durch Mitteltür Kammerherr, dann durch Tür rechts Obersthofmeister (jüngerer Mann, Offiziersuniform).
WÄCHTER duckt sich wie vor Gespenstern hinter das Ruhebett und fuchtelt mit den Händen.
OBERSTHOFMEISTER: Der Fürst ist weg?
KAMMERHERR: Ihrem Rat gemäß hat ihn die Frau Fürstin jetzt rufen lassen.
OBERSTHOFMEISTER: Gut. Wendet sich plötzlich, beugt sich hinter das Ruhebett. Und du, elendes Gespenst, wagst dich wahrhaftig hierher ins fürstliche Schloß. Fürchtest dich nicht vor dem gewaltigen Fußtritt, der dich aus dem Tor hinausbefördem wird?
WÄCHTER: Ich bin, ich bin -
OBERSTHOFMEISTER: Still, zunächst einmal still, ganz still – und hierher in den Winkel gesetzt! Zum Kammerherrn: Ich danke Ihnen für die Benachrichtigung von der neuen fürstlichen Laune.
KAMMERHERR: Sie ließen mich fragen.
OBERSTHOFMEISTER: Immerhin. Und nun ein vertrauliches Wort. Absichtlich vor dem Ding dort. Sie, Herr Graf, kokettieren mit der Gegenpartei.
KAMMERHERR: Ist das eine Beschuldigung?
OBERSTHOFMEISTFR: Vorläufig eine Befürchtung.
KAMMERHERR: Dann kann ich antworten. Ich kokettiere nicht mit der Gegenpartei, denn ich erkenne sie nicht. Ich fühle die Strömungen, aber ich tauche mich nicht ein. Ich komme noch von der offenen Politik her, die unter Herzog Friedrich galt. Damals war im Hofdienst die einzige Politik, dem Fürsten zu dienen. Da er Junggeselle war, war dies erleichtert, aber es sollte niemals schwer sein.
OBERSTHOFMEISTER: Sehr vernünftig. Nur zeigt die eigene Nase – und sei sie noch so treu – niemals dauernd den richtigen Weg, den zeigt nur der Verstand. Dieser aber muß sich entscheiden. Gesetzt den Fall, der Fürst sei auf Abwegen: dient man ihm, indem man ihn hinunterbegleitet, oder indem man ihn – in aller Ergebenheit – zurückjagt? Ohne Zweifel, indem man ihn zurückjagt.
KAMMERHERR: Sie kamen mit der Fürstin von einem fremden Hof, sind ein halbes Jahr hier und wollen in den komplizierten Hofverhältnissen gleich den Schnitt auf Gut und Böse hin führen?
OBERSTHOFMEISTER: Wer blinzelt, sieht nur Komplikationen. Wer die Augen offen hält, sieht in der ersten Stunde wie nach hundert Jahren das ewig Klare. Hier allerdings das traurig Klare, das sich aber schon in diesen Tagen einer hoffentlich guten Entscheidung nähert.
KAMMERHERR: Ich kann nicht glauben, daß die Entscheidung, die Sie herbeiführen wollen und von der ich nur die Ankündigung kenne, eine gute sein wird. Ich fürchte, Sie mißverstehen unseren Fürsten, den Hof und alles hier.
OBERSTHOFMEISTER: Ob verstanden oder mißverstanden, der gegenwärtige Zustand ist unerträglich.
KAMMERHERR: Er mag unerträglich sein, aber er kommt aus dem Wesen der Dinge hier und wir würden ihn bis zum Ende tragen.
OBERSTHOFMEISTER: Aber die Fürstin nicht, ich nicht, die zu uns halten, nicht.
KAMMERHERR: Worin sehen Sie denn das Unerträgliche?
OBERSTHOFMEISTER: Gerade angesichts der Entscheidung will ich offen reden. Der Fürst hat eine Doppelgestalt. Die eine beschäftigt sich mit der Regierung und schwankt geistesabwesend vor dem Volk, mißachtet die eigenen Rechte. Die andere sucht zugegebenermaßen sehr präzis nach Verstärkung ihres Fundaments. Sucht sie in der Vergangenheit und dort immerfort tiefer. Was für eine Verkennung der Sachlage! Eine Verkennung, die nicht ohne Größe ist, nur aber in ihrer Fehlerhaftigkeit noch größer als im Anblick. Kann Ihnen denn das entgehen?
KAMMERHERR: Nicht gegen die Beschreibung, nur gegen die Beurteilung wende ich mich.
OBERSTHOFMEISTER: Gegen die Beurteilung? Ich aber habe in der Hoffnung auf Ihre Zustimmung noch milder geurteilt, als es wirklich in meinem Sinn liegt. Ich halte das Urteil noch immer zurück, um Sie zu schonen. Nur dieses: Der Fürst bedarf in Wirklichkeit keiner Verstärkung seines Fundaments. Er gebrauche alle seine gegenwärtigen Machtmittel und er wird finden, daß sie genügen, um alles zu schaffen, was die höchstgespannte Verantwortung vor Gott und den Menschen von ihm fordern kann. Er scheut aber das Gleichgewicht des Lebens, er ist auf dem Wege zum Tyrannen.
KAMMERHERR: Und sein bescheidenes Wesen!
OBERSTHOFMEISTER: Bescheidenheit der einen Gestalt, weil er alle Kräfte für die zweite braucht, welche das Fundament zusammenscharrt, das etwa für den Babylonischen Turm ausreichen soll. Diese Arbeit ist zu hindern, das sollte die einzige Politik jener sein, denen an ihrem persönlichen Bestand, am Fürstentum, an der Fürstin und vielleicht sogar am Fürsten selbst gelegen ist.
KAMMERHERR: »Vielleicht sogar« – Sie sind sehr offenherzig. Ihre Offenherzigkeit macht mich, um die Wahrheit zu sagen, vor der angekündigten Entscheidung zittern. Und ich bedauere es, wie ich es in letzter Zeit immer mehr bedauert habe, dem Fürsten bis zur eigenen Wehrlosigkeit treu zu sein.
OBERSTHOFMEISTER: Alles ist klargestellt. Sie kokettieren nicht mit der Gegenpartei, sondern halten sogar eine Hand hin. Nur eine, das ist anerkennenswert für einen alten Hofbeamten. Doch bleibt Ihre einzige Hoffnung, daß unser großes Beispiel Sie mitreißt.
KAMMERHERR: Was ich dagegen tun kann, werde ich tun.
OBERSTHOFMEISTER: Es ängstigt mich nicht mehr auf den Wächter zeigend. Und du, der du so schön still sitzen kannst, hast du alles verstanden, was jetzt gesprochen wurde?
KAMMERHERR: Der Gruftwächter?
OBERSTHOFMEISTER: Der Gruftwächter. Man muß wahrscheinlich aus der Fremde kommen, um ihn zu erkennen. Nicht wahr, mein junge, altes Käuzchen du. Haben Sie ihn schon einmal am Abend durch den Forst fliegen sehn, von keinem Kunstschützen zu treffen. Aber bei Tage duckt er sich auf einen Wink.
KAMMERHERR: Ich verstehe nicht.
WÄCHTER fast weinend: Ihr zankt mit mir, Herr, und ich weiß nicht warum. Laßt mich, bitte, nach Hause gehn. Ich bin doch nichts Schlechtes, sondern der Gruftwächter.
KAMMERHERR: Sie mißtrauen ihm.
OBERSTHOFMEISTER: Mißtrauen? Nein, dazu ist er zu geringfügig. Aber ich will doch meine Hand auf ihn legen. Ich denke nämlich – nennen Sie es Laune oder Aberglauben – daß er nicht nur ein Werkzeug des Schlechten, sondern ganz ehrenhaft selbständiger Arbeiter im Schlechten ist.
KAMMERHERR: Er dient etwa dreißig Jahre ruhig dem Hofe, ohne vielleicht jemals im Schlosse gewesen zu sein.
OBERSTHOFMEISTER: Ach, solche Maulwürfe bauen lange Gänge, ehe sie hervorkommen. Plötzlichzum Wächter gewendet: Zunächst weg mit diesem! Zum Diener: Du führst ihn in den Friedrichspark, bleibst bei ihm und läßt ihn nicht mehr hinaus, bis auf weiteren Befehl.
WÄCHTER in großer Angst: Ich soll auf Seine Hoheit den Fürsten warten.
OBERSTHOFMEISTER: Ein Irrtum. – Pack dich.
KAMMERHERR: Er muß schonend behandelt werden. Es ist ein alter kranker Mann und dem Fürsten ist irgendwie an ihm gelegen.
WÄCHTER verbeugt sich tief vor dem Kammerherrn.
OBERSTHOFMEISTER: Wie? Zum Diener: Behandle ihn schonend, aber schaff ihn schon endlich hinaus! Flink!
DIENER Will zugreifen.
KAMMERHERR tritt dazwischen: Nein, es muß ein Wagen geholt werden.
OBERSTHOFMEISTER: Das ist die Hofluft. Ich kann kein Korn Salz herausschmecken. Also einen Wagen. Du überführst die Kostbarkeit in einem Wagen. Aber nun endlich aus dem Zimmer mit euch beiden. Zum Kammerherrn: Ihr Verhalten sagt mir -
WÄCHTER fällt auf dem Weg zur Tür miteinem kleinen Schrei nieder.
OBERSTHOFMEISTER stampft auf.- Ist es unmöglich, ihn loszuwerden. So nimm ihn doch auf den Arm, wenn es nicht anders geht. Begreife doch endlich, was man von dir will.
KAMMERHERR: Der Fürst!
DIENER öffnet die Tür links.
OBERSTHOFMEISTER: Ah! Blick aufden Wächter: Ich hätte es wissen sollen, Gespenster sind nicht transportabel.
FÜRST Mit schnellem Schritt, hinter ihm die Fürstin, dunkle junge Frau, Zähne zusammengebissen, bleibt an der Tür stehen.
FÜRST: Was ist geschehn?
OBERSTHOFMEISTER: Dem Wächter wurde übel, ich wollte ihn wegschaffen lassen.
FÜRST: Man hätte mich benachrichtigen sollen. Ist der Arzt geholt?
KAMMERHERR: Ich lasse ihn rufen. Eilt durch die Mitteltür hinaus, kommt gleich wieder.
FÜRST während er beim Wächter niederkniet: Bereitet ein Bett für ihn! Holt eine Bahre! Kommt der Arzt schon? So lange bleibt er aus. Der Puls ist so schwach. Das nicht zu fühlende Herz. Das jämmerliche Rippenwerk. Wie abgebraucht das alles ist. Steht plötzlich auf, holt ein Wasserglas, wobei er um sich blickt. Man ist so unbeweglich. Kniet gleich wieder nieder, befeuchtet des Wächters Gesicht. Nun atmet er schon besser. Es wird nicht so schlimm, ein gesunder Stamm, noch im letzten Elend versagt er nicht. Aber der Arzt, der Arzt! Während er zur Tür blickt, hebt der Wächter die Hand und streichelt einmal des Fürsten Wange.
FÜRSTIN wendet den Blick ab, zum Fenster. Diener mit Bahre, Fürst hilft beim Aufladen.
FÜRST: Faßt ihn sanft an. Ach, mit eueren Tatzen! Den Kopf ein wenig heben. Näher die Bahre. Das Kissen tiefer unter den Rücken. Den Arm! Den Arm! Ihr seid schlechte, schlechte Krankenwärter. Ob ihr einmal auch so müde sein werdet, wie dieser auf der Bahre. – So – und nun allerallerlangsamsten Schritt. Und vor allem gleichmäßig. Ich bleibe hinter euch.
In der Tür zur Fürstin: Das ist also der Gruftwächter.
FÜRSTIN nickt.
FÜRST: Ich dachte dir ihn anders zu zeigen. Nach einem weiterenSchritt: Willst du nicht mitkommen?
FÜRSTIN: Ich bin so müde.
FÜRST: Sobald ich mit dem Arzt gesprochen habe, komme ich hinüber. Und Sie, meine Herren, wollen mir berichten, warten Sie auf mich. Ab.
OBERSTHOFMEISTER zur Fürstin: Bedürfen Hoheit meiner Dienste?
FÜRSTIN: Immer. Für Ihre Wachsamkeit danke ich Ihnen. Lassen Sie von ihr nicht ab, auch wenn sie heute vergeblich war. Es geht um alles. Sie sehen mehr als ich. Ich bin in meinen Zimmern. Aber ich weiß, es wird trüber und trüber. Es ist diesmal ein über alle Maßen trauriger Herbst.


Hörbuch: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück

2. Februar 2010

Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück.


von Francois Lelord (Autor), Edgar M. Böhlke (Sprecher)

Diesen Roman habe ich kürzlich ausgehört und weil ich diese CDs bemerkenswert finde, will ich auch darauf aufmerksam machen.

Und weil ich neugierig bin, wie die Meinung anderer Leute über das ist, über das ich mir gerade ein Urteil gebildet habe, warf ich einen Blick auf Amazon , dem Buchanbieter, der bisher das größte Publikumsecho zeigen kann. Grundsätzlich ist zu beobachten, dass sich die Lesergemeinde an diesem Buch scheidet, den von den bisher 208 eingestellten Rezensionen erhielten 78 fünf Sterne und  46 einen Stern, der Rest verteilt sich auf die Sterne dazwischen, mit einem Mehrgewicht auf positive Beurteilung. Was bekrittelt wird, ist der einfache und unkomplizierte Schreibstil. Einem Zuhörer kommt so ein Erzählstil sehr entgegen, abgesehen davon, dass er gewollte künstlerische Gestaltung ist. Einfach, aber nicht primitiv.  Wie im Märchen ist die Welt stark vereinfacht  und in der ihrer Komplexität reduziert, so dass der wohlgesinnte Leser sich ganze Passagen merken kann und die Aussage verinnerlichen. Schlussendlich erhalten wir 23 Lektionen in Sachen Glück von Hector, dem Psychiater, der für uns diese Lektionen erlebt. Man kann sagen, in Hector steckt  ein moderner Simplizissimus.

23 Lektionen in Sachen Glück

  1. Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen.
  2. Glück kommt oft überraschend.
  3. Viele Leute sehen ihr Glück nur in der Zukunft.
  4. Viele Leute denken, dass Glück bedeutet, reicher oder mächtiger zu sein.
  5. Manchmal bedeutet Glück, etwas nicht zu begreifen.
  6. Glück, das ist eine gute Wanderung inmitten schöner unbekannter Berge.
  7. Es ist ein Irrtum zu glauben, Glück wäre das Ziel.
  8. Glück ist mit den Menschen zusammen zu sein, die man liebt. (Unglück ist, von den Menschen, die man liebt, getrennt zu sein.)
  9. Glück ist, wenn es der Familie an nichts mangelt.
  10. Glück ist, wenn man eine Beschäftigung hat, die man liebt.
  11. Glück ist, wenn man ein Haus und einen Garten hat.
  12. Glück ist schwieriger in einem Land, das von schlechten Leuten regiert wird.
  13. Glück ist, wenn man spürt, dass man den anderen nützlich ist.
  14. Glück ist, wenn man dafür geliebt wird, wie man eben ist. Anmerkung: Zu einem lächelnden Kind ist man freundlicher (sehr wichtig).
  15. Glück ist, wenn man sich rundum lebendig fühlt.
  16. Glück ist, wenn man richtig feiert. Frage: Ist Glück vielleicht einfach eine chemische Reaktion im Gehirn?
  17. Glück ist, wenn man an das Glück der Leute denkt, die man liebt.
  18. Glück wäre, wenn man mehrere Frauen lieben könnte.
  19. Sonne und Meer sind ein Glück für alle Menschen.
  20. Glück ist eine Sichtweise auf die Dinge
  21. Rivalität ist ein schlimmes Gift für das Glück
  22. Frauen achten mehr auf das Glück der anderen als Männer
  23. Bedeutet Glück, dass man sich um das Glück der anderen kümmert?

Als Sprecher für dieses Hörbuch hätte man  keine bessere Besetzung als Edgar M. Böhlke finden können.
Hier stimmt alles – kein Wunder, schließlich ist der Mann nicht nur Schauspieler für Film, Fernsehen und Theater, er war auch bis 2005 Professor für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, beherrscht also sein Hand… ähh, Mundwerk vortrefflich, kann sich in  Text  einlesen und ihre Quint durch seine Interpretation zur Geltung bringen, indem er die Akzente  da setzt, wo sie hingehören.

Von ihm Hectors Reise erzählt zu bekommen, ist ein wunderbares Hörerlebnis, dass auch Neugier auf die anderen Erkentnisse von Hector macht, denn es gibt noch mehr Hector-Romane , die er gesprochen hat, die ich aber noch nicht zu hören bekam.Ich bin mir aber sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich auch noch Hector und die Geheimnisse der Liebe, Hector und die Entdeckung der Zeit, Hector und die Geheimnisse des Lebens gehört haben werde.

Hörprobe


Gedicht der Woche 05/2010

30. Januar 2010

Christian Hofmann von Hofmannswaldau

Vergänglichkeit.

Entferne dich du eitles wesen /
Dein schnödes blendwerck treugt mich nicht /
Mein fester sinn hat ihm erlesen /
Das weder zeit noch wechsel bricht.
Dein falsches scheinen
In glück und freud /
Kehrt bald in weinen
Der schnellen zeit
Vergänglichkeit.

Wie blumen / die des sommers blühen /
Und wenn der abend sich einstellt /
Sich zu der erden niederziehen /
So ist das wesen dieser welt.
Wohl! wer im leben /
Bey freud und leid /
Sich nicht ergeben
Der schnellen zeit
Vergänglichkeit.

Wo sind die theuren Mausoleen?
Wo der palläste göldne pracht?
Wo sind Egypten deine höhen?
Die zeit hat staub daraus gemacht.
Wohl! wer im leben /
Bey freud und leid /
Sich nicht ergeben
Der schnellen zeit
Vergänglichkeit.

Wen itzt das glücke hochgestellet /
Dem man geküsset fuß und hand /
Des stuhl wird alsbald umgefället /
Von dieser zeit in unbestand.
Wohl! wer im leben /
Bey freud und leid /
Sich nicht ergeben
Der schnellen zeit
Vergänglichkeit.

Der schönheit theure himmels-waare /
Der gestern man als einem Gott
Gebauet tempel und altare /
Wird heute motten / asch und koth.
Wohl! wer im leben /
Bey freud und leid /
Sich nicht ergeben
Der schnellen zeit
Vergänglichkeit.

Was hilfft der schatz / der kaum zu zehlen?
Er mehret nur der sorgen harm /
Ein böser tag kan uns ihn stehlen /
So sind wir gleich den bettlern arm.
Wohl! wer im leben /
Bey freud und leid /
Sich nicht ergeben
Der schnellen zeit
Vergänglichkeit.

Zwar güter / muth und frische glieder
Sind werthe gaben / wer sie hat;
Doch schlägt ein unfall jene nieder /
Und diese macht ein windlein matt.
Wohl! wer im leben /
Bey freud und leid /
Sich nicht ergeben
Der schnellen zeit
Vergänglichkeit.

Die zeit reist kron und purpur abe /
Zeit ist der dinge rauberin;
Die zeit trägt alle welt zu grabe /
Der zeit kan keine zeit entfliehn.
Wohl! wer im leben /
Bey freud und leid /
Sich nicht ergeben
Der schnellen zeit
Vergänglichkeit.c.

Ist nichts beständige nun zu finden /
So nicht der zeiten zahn verzehrt /
Wer will sein thun hier feste gründen /
Weil alles wie ein kleid verfährt.
Wohl! wer im leben /
Bey freud und leid /
Sich nicht ergeben
Der schnellen zeit
Vergänglichkeit.

Fleuch nun du schatten-gleiches wesen /
Dein schnödes blend-werck treugt mich nicht.
Mein sinn hat ihm vor dich erlesen /
Was weder zeit noch wechsel bricht.
Mein gantzes leben
Zu iederzeit /
Bleibt fest ergeben /
In freud und leid /
Der ewigkeit.


Märchen der Woche 05/2010

30. Januar 2010

Giambattista Basile

Aus dem Pentameron

1. Petrosinella

Mein Wunsch, die Prinzessin auf angenehme Weise zu unterhalten, ist so groß, daß ich die ganze vorige Nacht, in welcher alle übrigen Leute im tiefsten Schlaf begraben lagen, nichts anderes getan habe, als daß ich die alten Kisten und Kasten meines Gehirns durchstöberte, die Schubladen meines Gedächtnisses durchsuchte und unter den Märchen, welche jene gute Seele, die Frau Klara Löchlein, Großmutter meines Oheims (Gott habe sie selig!), zu erzählen pflegte, diejenigen auswählte, die mir am meisten passend zu sein schienen, um euch täglich eine davon aufzutischen; daher ich auch Grund habe, zu hoffen (wenn ich mich nicht etwa ganz und gar im Irrtum befinde), daß sie euch viel Vergnügen machen oder, wenn auch nicht als bewaffnete Scharen, um die Langeweile zu verjagen, so doch wenigstens als Trompeten dienen werden, um meine anderen Genossinnen anzufeuern, damit sie mit größerer Macht, als meine geringen Kräfte es mir gestatten, ins Feld rücken und durch den Überfluß ihres Geistes den Mangel meiner Worte ersetzen.

Es war einmal eine schwangere Frau, namens Pascadozia, welche von einem Fenster aus, das in den Garten einer Hexe ging, ein Beet Petersilie erblickte und ein solches Gelüst nach derselben bekam, dass sie darüber fast in Ohnmacht fiel und, um es zu befriedigen, die Zeit abpasste, wann die Hexe ausging, während welcher sie sich eine Handvoll abpflückte. Als aber die Hexe nach Hause zurückkehrte und sich eine Suppe kochen wollte, so merkte sie, daß jemand bei der Petersilie gewesen war, und sprach: »Hol’ mich der Teufel, wenn ich diesen langfingerigen Schelm nicht kriege und ihn auf seine Kosten lehren will, von seinem Teller zu essen und die Töpfe anderer Leute unangerührt zu lassen.« Indem nun die arme Schwangere zu wiederholten Malen in den Garten hinab stieg, wurde sie eines Morgens von der Hexe ertappt, welche voll von Wut und Galle zu ihr sprach: »Hab’ ich dich endlich erwischt, du Diebin, du Spitzbübin? Was für Pacht bezahlst du mir denn für den Garten, dass du mir so ohne weiteres mein Grünzeug wegstiehlst? Meiner Treu’, ich werde dich nicht erst nach Rom schicken, damit du dort Buße tun sollst.« Außer sich vor Schrecken fing Pascadozia an, sich zu entschuldigen, indem sie sagte, daß sie weder aus Naschhaftigkeit noch aus Heißhunger sich vom Bösen habe verleiten lassen, diese Unredlichkeit zu begehen, sondern vielmehr, weil sie schwanger wäre, und dass sie fürchte, das Gesicht des Kindes würde ganz mit petersilienähnlichen Malen bedeckt sein, ja, sie müsse ihr vielmehr Dank wissen, daß sie ihr nicht böse Augen angewünscht habe. »Das ist leeres Gewäsch«, erwiderte die Hexe, »mir musst du damit nicht kommen. Dein Lebenstermin ist abgelaufen, wenn du mir nicht versprichst, mir das Kind zu geben, mag es nun ein Mägdlein oder ein Knäblein sein.« Um aus der Gefahr, in der sie sich befand, zu entkommen, leistete die arme Pascadozia mit der Hand auf dem Herzen den geforderten Eid und wurde hierauf von der Hexe freigelassen. Als aber die Zeit ihrer Entbindung erschien, gebar sie ein so schönes Töchterlein, dass es eine wahre Freude war, und da es auf der Brust ein niedliches Mal hatte, das wie eine Petersilie aussah, so erhielt es den Namen Petrosinella. Diese wuchs nun alle Tage zusehends heran und wurde, sobald sie das siebente Jahr erreichte, in die Schule geschickt; immer aber, wenn sie auf der Straße der Hexe begegnete, sprach diese zu ihr: »Sage zu deiner Mutter, dass sie an das Versprechen denken soll«; und so oft sandte die Hexe Pascadozia diese Hiobspost, dass die arme Frau voll Verzweiflung dieselbe nicht ferner hören wollte und zu ihrem Töchterchen eines Tages sagte: »Wenn du wieder die alte Frau triffst und sie die Erfüllung des verdammten Versprechens fordert, so antworte ihr: ›Nimm dir, was du haben willst.‹« Als daher Petrosinella, die nichts Böses ahnte, wieder einmal der Hexe begegnete und von ihr dieselbe Rede vernahm, so antwortete sie in der Unschuld ihres Herzens, so wie die Mutter ihr gesagt, worauf die Hexe sie bei den Haaren ergriff und in einen Wald schleppte, welchen die Sonnenrosse niemals betraten, um auf den dunkeln Weideplätzen desselben nicht zu erkranken. Dort nun wurde Petrosinella von der Hexe in einen von ihr hervorgezauberten Turm gesperrt, der weder Türen noch Treppen und nur ein Fensterchen hatte, durch welches die Hexe vermittelst der überaus langen Haare Petrosinellas wie ein Matrose auf den Wanten hinauf- und hinabzusteigen pflegte.

So geschah es nun einmal, daß, als Petrosinella eines Tages während der Abwesenheit der Hexe den Kopf aus jener Öffnung hinaussteckte und ihre Flechten in der Sonne erglänzen ließ, der Sohn eines Prinzen vorüber kam, welcher beim Anblick dieser zwei goldenen Standarten, welche die Herzen zur Anwerbung unter Amors Fahnen herbei riefen, und des unter den herrlich schimmernden Wellen hervorschauenden Sirenenangesichts sich in so hohe Schönheit auf das sterblichste verliebte. Nachdem er ihr nun eine Bittschrift von Seufzern zugesandt, wurde von ihr beschlossen, ihn zu Gnaden anzunehmen, und der Handel ging so rasch vonstatten, dass der Prinz freundliches Kopfnicken und Kusshände, verliebte Blicke und Verbeugungen, Danksagungen und Anerbietungen, Hoffnungen und Versprechungen, kosende Worte und Schmeicheleien in großer Menge zugeworfen erhielt. Als sie dies aber so mehrere Tage wiederholt hatten, wurden sie dermaßen miteinander vertraut, daß sie eine nähere Zusammenkunft miteinander verabredeten, und zwar sollte diese des Nachts, wann der Mond mit den Sternen Verstecken spielte, stattfinden, Petrosinella aber der Hexe einen Schlaftrunk eingeben und den Prinzen mit ihren Haaren emporziehen. Sobald dieser Verabredung gemäß die bestimmte Stunde erschienen war und der Prinz sich nach dem Turm begeben hatte, senkten sich auf einen Pfiff von ihm die Flechten herab, welche er rasch mit beiden Händen ergriff und nun rief: »Zieh!« Oben angelangt, kroch er durch das Fensterchen in die Stube, genoss in reichem Maß von jener Petersilienbrühe Amors und stieg, ehe noch der Sonnengott seine Rosse durch den Reifen des Tierkreises springen lehrte, wieder auf der nämlichen Goldleiter hinab, um nach Hause zurückzukehren. Da er nun oftmals diese Besuche wiederholte, so wurde es endlich eine Gevatterin der Hexe gewahr, welche sich um Dinge, die sie nichts angingen, zu bekümmern und ihre Nase in jeden Quark zu stecken pflegte; sie sagte daher zu der Alten, sie solle auf ihrer Hut sein, denn Petrosinella habe mit einem jungen Burschen einen Liebeshandel; sie vermute, die Sache würde dabei nicht stehenbleiben, sie durchschaue alles und wisse, wie es kommen würde; wenn jene sich also nicht vorsehe, möchte wohl Petrosinella, ehe sie es sich dessen versehe, über alle Berge sein. Die Hexe dankte der Gevatterin vielmal für den wohlgemeinten Rat und fügte hinzu, sie wolle schon dafür sorgen, der Petrosinella den Weg zu verlegen, abgesehen davon, dass es ihr ganz unmöglich sein würde, zu entfliehen, weil sie dieselbe dermaßen bezaubert habe, daß, wenn sie nicht die drei Galläpfel, die sich im Loch eines Küchenbalkens befänden, in Händen hätte, alle Bemühungen, sich aus dem Staube zu machen, verloren wären.

Während aber die beiden alten Hexen sich auf diese Weise besprachen, belauschte Petrosinella, welche stets die Ohren spitzte und gegen die Gevatterin Verdacht hegte, ihre ganze Unterredung. Sie ließ daher, sobald die Nacht ihre schwarzen Kleider ausschüttete, um sie vor den Motten zu bewahren, und der Prinz sich wie gewöhnlich eingestellt hatte, ihn auf die Balken in der Küche steigen und die Galläpfel suchen, die ihr, wie sie wußte, wegen des ihr von der Hexe angehängten Zaubers unerlässlich notwendig waren. Nachdem sie sie gefunden und sich eine Strickleiter gemacht hatten, stiegen sie beide den Turm hinunter und fingen an, auf dem Wege, der nach der Stadt führte, zu fliehen. Da sie jedoch hierbei von der Gevatterin gesehen wurden, fing diese an, dermaßen zu schreien und die Hexe zu rufen, dass letztere erwachte, hierauf, sobald sie vernahm, dass Petrosinella entflohen wäre, auf derselben Strickleiter, die noch an das Fensterchen gebunden war, hinunterstieg und anfing, den Liebenden nachzueilen. Als diese nun die Hexe schneller als ein freigelassenes Ross hinter sich her laufen sahen, so hielten sie sich anfangs für verloren; endlich jedoch erinnerte sich Petrosinella der Galläpfel und warf rasch einen auf die Erde, so daß plötzlich ein entsetzlicher korsischer Bullenbeißer erschien, der mit weit geöffnetem Maul und furchtbar bellend der Hexe entgegen rannte, um sie wie einen einzigen Bissen zu verschlingen. Diese aber, welche mehr List und Kniffe im Kopfe hatte als der leibhafte Teufel, steckte die Hand in die Tasche und zog daraus ein Brötchen hervor, das sie kaum dem Hunde dargereicht hatte, als er den Schwanz sinken und seine ganze Wut fahren ließ, worauf sie von neuem den Fliehenden nachzusetzen begann. Sobald Petrosinella sie wieder nahe herankommen sah, warf sie den zweiten Gallapfel zur Erde, und plötzlich erschien ein furchtbarer Löwe, der mit dem Schweif die Erde peitschte, die Mähne schüttelte und mit ellenweit aufgesperrtem Rachen sich bereit machte, die Hexe zu zermalmen; daher diese sogleich zurückkehrte, einem Esel, der auf einer Wiese weidete, die Haut abzog und, sich diese umhängend, dem Löwen nochmals entgegenging, welcher in der Meinung, es wäre ein wirklicher Langohr, so große Furcht bekam, dass er sogleich ausriss. Nachdem nun die Hexe solchermaßen diesen zweiten Graben übersprungen hatte, begann sie wiederum die armen Flüchtlinge zu verfolgen, welche an den Fußtritten und der Staubwolke, die sich bis zum Himmel erhob, merkten, daß die Hexe von neuem hinter ihnen her wäre; diese aber hatte aus Furcht, der Löwe könne sie verfolgen, sich die Eselshaut noch nicht abgenommen, so daß, da Petrosinella inzwischen den dritten Gallapfel zur Erde geworfen und auf diese Weise einen Wolf hervorgezaubert hatte, dieser, ohne der Hexe Zeit zu einem neuen Ausweg zu lassen, sie wie einen Esel verschlang. Hierauf legten die Liebenden, von jeder Gefahr befreit, ganz langsam und gemächlich ihren Weg nach dem Reiche des Prinzen zurück, woselbst dieser mit Bewilligung seines Vaters Petrosinella heiratete und beide nach so vielen Leidensstürmen empfanden, dass:

Nur eine Stund’ im Port, frei von Gefahr,
lässt bald vergessen manches Sturmesjahr.

www.atelier-verdande.de


mal wieder in Sachen Tierschutz…

28. Januar 2010

Herr Teddy hatte es auf seinem Blog angesprochen, hier ist der ganze Artikel, den ich hier einstelle, in der Hoffnung zu sensibilisieren, ein paar Meisenknödel ins Gesträuch zu hängen ist JEDEM möglich und zur Zeit sooo wichtig.

Ausgesetzter Welpe bei minus 17 Grad erfroren
Mittwoch, 27. Januar 2010 03:40

Ein acht Wochen alter Labrador-Welpe ist während der Nacht zu gestern bei minus 17 Grad in Friedrichshain ausgesetzt worden. Der kleine Hund erfror.

Angesichts dieses traurigen Schicksals appelliert der Tierschutzverein Berlin am Dienstag an die Hilfsbereitschaft der Menschen und bittet um erhöhte Wachsamkeit, um Tieren in Not zu helfen. Bei diesen Temperaturen hätten ausgesetzte Tiere keine Überlebenschance. Der kleine Hund wurde laut einer Mitteilung der Tierschützer in einem Karton in einer Telefonzelle gefunden. Der Karton war voller Blut. Nachdem der Welpe zunächst noch lebte, als er gefunden wurde, starb er jedoch während des Transports ins Tierheim.
Anzeige

Auf menschliche Hilfe sind nach Angaben von Tierschützern bei diesen Temperaturen auch die vielen frei lebenden Katzen auf Berlins Straßen angewiesen. Wichtig sei es, einen warmen Schlafplatz anzubieten, etwa in Form eines isolierten Schlafhäuschens, das mit Stroh ausgekleidet ist. Der Futterbedarf der Tiere sei jetzt sehr groß.

Die schon lange dauernde Frostperiode macht sich auch in der täglichen Arbeit im Tierheim Berlin bemerkbar. So wurde vor einigen Tagen eine halbverhungerte schwarze Katze ins Heim gebracht, die sich mit letzter Kraft zu Menschen in ihrer Nähe geschleppt hatte. Sie konnte wieder aufgepäppelt werden. Auch ein Schwan, der auf der Spree festgefroren war und von der Feuerwehr befreit wurde, erholt sich jetzt im Tierheim.

Frost und Schneefälle erschweren auch Vögeln die Nahrungssuche. Der Tierschutzverein rät deshalb Tierfreunden, die ein Futterhäuschen oder Meisenglocken eingerichtet haben, auf geeignete Nahrung zu achten und sie täglich auf ausreichende Vorräte zu kontrollieren.dpa
www.tierschutz-berlin.de


Rien ne va plus,Nichts geht mehr, No more betsy

24. Januar 2010

In meinem Spamordner lag zum wiederholtem Male diese Mitteilung :

roulett
(hp-adresse entfernt)

longharry49@freenet.de

21.01.2010 at 16:16

Tja, das Leben kann so scheisse sein, mann muss sich nur mühe geben.

dabei braucht derjenige doch nur mit seinem Roulettesch…. aufzuhören, dann wird sein Leben auch gleich wieder viel bunter und er muss anderen nicht die Blogkommentare vollspamen.
und als

roulette system

longharry49@freenet.de
(hp-Adresse entfernt)
24.01.2010 auf 23:14

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?

Doch, ich denke schon, das ist Allgemeingut. Dein Leben ist leichter, egal wie schwer es auch sein kann, wenn man einer sinnvollen Tätigkeit nachgeht und nicht versucht, noch durch aufdringliche Weise Süchte in den Leuten zu erzeugen.
Spielsucht ist ein unterschätztes Problem mit großer gesellschaftlicher Tragweite und wer daran verdient, ist einem Drogendealer ähnlicher als er glaubt.

Mehr zum Thema Spielsucht hier und hier

Ich werde an jedem weiteren Tag, der mir zu diesem Thema einen Spam vermittelt, eine weitere Anmerkung gegen die Spielsucht in diesen Beitrag stellen und ihn dadurch immer mal wieder hochholen…

roulette strategie

longharry27@freenet.de
164.78.248.57
25.01.2010 auf 18:11

Ich denke das ist eh nur ne Modeerscheinung.

Ha, ein neues Stichwort, Dankeschön Longharry …
Schön wäre es, wäre Spielsucht eine Modeerscheinung. Doch leider ist sie eine Verhaltensstörung, die Fachleute nennen sie auch Phatologisches Spielen. Auf wikipedia heißt es:

Pathologisches Spielen oder zwanghaftes Spielen, umgangssprachlich auch als Spielsucht bezeichnet, wird durch die Unfähigkeit eines Betroffenen gekennzeichnet, dem Impuls zum Glücksspiel oder Wetten zu widerstehen, auch wenn dies gravierende Folgen im persönlichen, familiären oder beruflichen Umfeld nach sich zu ziehen droht oder diese schon nach sich gezogen hat. Männer sind davon häufiger betroffen als Frauen. In Deutschland gibt es ca. 100.000 Betroffene.

Pathologisches Spielen wird in der ICD-10-Klassifikation (zusammen mit Trichotillomanie, Kleptomanie und Pyromanie) unter die Abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle eingeordnet. Nicht dazu gezählt wird das exzessive Spielen während manischer Episoden sowie bei der dissozialen Persönlichkeitsstörung, wo es als Symptom des Grundproblems betrachtet wird. Im englischen Sprachbereich bzw. DSM-IV wird von „pathological“ oder „compulsive gambling“ bzw. oft auch „problem gambling“ gesprochen.

Ich kann hier weiterschreiben, denn gestern Nacht meldete sich
Longharry in der Daseinsform  Anna Sabel und meinte:

longharry27@freenet.de
03.02.2010 auf 23:46

Das ist mal ein dickes Ding

Ein dickes Ding – hmm, dickes Ding sagt man, wenn eine Sache ziemlich gewaltig ist, insofern ist das Problem, das phatologisches Spielen, Spielsucht mit sich bringt, damit ausreichend beschrieben. Spielsucht ist ein Ding, dass sich im Denken und Fühlen der Betroffenen breit macht und keinen Platz für anderes lässt.

Ursachen der Spielsucht

An der Entstehung und Aufrechterhaltung des pathologischen Spielens können vielfältige Ursachen beteiligt sein. In der Regel handelt es sich um eine Flucht vor Konfliktsituationen, z.B. bei:

  • beruflicher Überforderung
  • Kommunikationsproblemen
  • Partnerschaftsproblemen
  • Depressionen und Sinnkrisen
  • Schwierigkeiten mit einer sinnvollen Freizeitgestaltung
  • sozialen Problemen

Gedicht der Woche 04/2010

23. Januar 2010

Seichte Dichter

Ließen jene doch das Schreiben!
Aber wortlos will nicht bleiben
was aus ihren Federn fließt.
Worte tropfen – mir zum Grause -
aus Autorenhirnes Pause,
daß dies Wortnichts jeder liest.

Unentwegt füllt sich die Brache
meiner siechen Muttersprache
ohne allzu viel Verstand.
Taumelnd fällt aus fremden Hirnen
hinter hohlen Denkerstirnen
Wort um Wort in nassen Sand.

Phrasen dreschen, Worte speien
wird euch hohen Ruhm verleihen,
freut des Lesers Schafsnatur.
Kritisiert man solche Nieten,
will Paroli ihnen bieten,
so kassiert man Schelte nur.

Nein, ich will nicht fürder tragen
freien Lektors Höllenplagen,
helfe keinen Laien mehr.
Jener Worte Honigsüße
zieht die Zähne, hemmt die Füße -
dazu geb ich mich nicht her.

© Claudia Sperlich


Märchen der Woche 04/2010

23. Januar 2010

Das Märchen vom Kitschroman
von Claudia Sperlich


In jenem Lande, da der Mond des Nachts wie eine runde Scheibe Helva mit Pistazien den samtblauen sternenfunkelnden Himmel durchkugelt, lebte einst eines reichen Kaufmannes einzige Tochter, schön wie die selbigem Monde folgende Morgenröte. Als sie zur Jungfrau erblüht war, freiten viele wackere Männer um sie, aber keiner rührte ihr Herz. Der besorgte Vater begann schon zu argwöhnen, seine liebliche Tochter sei nach griechischer Art für die Köchin entflammt, aber sie zeigte sich ebenso sittsam wie spröde.
Eines Tages aber fand ihr Vater, da er morgens ihre Kammertür öffnete, seine geliebte Tochter in inniger Umarmung mit einer Schreibfeder. Schon entquoll der Feder purpurrote Tinte, und die schöne Kaufmannstochter seufzte vor Wonne, da sprang der erzürnte und gekränkte Vater auf die Feder zu und wollte sie seiner Tochter entreißen.
Die Liebenden zitterten vor Angst, aber die ebenso tapfere wie liebliche Maid ermannte sich rasch, riß das Fenster auf, hielt sich an der Schreibfeder fest und entschwebte mit ihr.
Fern in einem stillen Wald ließ das Paar sich nieder, und siehe, neun Monate darauf war die Frucht ihrer heimlichen Liebe ein honigtriefendes, rosenduftendes Büchlein. Ein frommer Eremit, der rein zufällig denselben Wald bewohnte, traute das junge Paar und fertigte eine Abschrift des Sprößlings an, die er dem Vater durch einen fahrenden Schüler überbringen ließ.
So entstand der Kitschroman, und der Kaufmann söhnte sich bald darauf mit seiner Tochter und dem leichten Schwiegersohn aus, da er merkte, wie gut die Kinder der beiden sich verkaufen ließen.
Ihre Nachkommen waren zahlreich wie der Wüstensand und die Sterne am Himmel, über den, wie bereits erwähnt, eine Scheibe Helva zu rollen pflegt.



Gedicht der Woche 03/2009

16. Januar 2010

Heinrich Seidel

Die Wolken

Ich habe euch immer geliebt
Ihr Wolken des Himmels!
Gern wandre ich einsam
Auf weiter Heide,
Nachsinnend der Menschen Geschick
Und dem eignen Verhängniss,
Bei eurem Anblick.
Wechselnde Wolken.
Wie ihr euch wandelt.
Ihr Wolken des Himmels,
So wandeln sich ewig
Der Menschen Geschicke
Je nach des Glückes
Launiger Sonne.

Schimmernd und heiter
Schwebt ihr in blauen
Sonnigen Lüften
Wie holde Gedanken
Beseligter Liebe.
Grau und trübe
Verhüllt ihr der Sonne
Belebenden Lichtglanz.
Wie den umdüstern
Die trostlosen Träume,
Dem nichts geblieben
Als einsame Thränen.

Ihr sendet liebreich,
Selber zerschmelzend,
Befruchtenden Regen.
aus des Schmerzes
Vergehenden Spuren
Spriessen geläutert
Zu höherer Schönheit
Des Menschengemüthes
Herrlichste Blumen.

Ihr Wolken des Himmels -
Heiter und rosig
Strahlt ihr am Morgen.
Und ach, so selten
Bringt uns der Mittag
Schöne Erfüllung.
Doch nach der Stürme
Grausigem Tosen
Und nach des Regens
Unsäglichen Fluthen
Taucht euch des Abends
Versinkende Sonne
Schwindend noch einmal
In rosigem Schein -
Hoffnungsvoll deutend,
Dass hinter des Todes
Dunklem Verhängniss
Wohl noch ein schönerer
Morgen uns blüht.


für die Woche 03/2010 erzählt

16. Januar 2010

Die Monate.

Ein Sylvestermärchen von Heinrich Seidel

III. Das wunderbare Kästchen.

Als Christian am anderen Morgen aufwachte, lag er auf der Ofenbank, im Zimmer war aufgeräumt und von den Spuren des gestrigen Gelages nichts mehr zu sehen, so dass er fast geneigt war, das ganze Abenteuer für einen sonderbaren Traum zu halten. Der Wirth kam ihm ganz höflich entgegen und auf die Frage nach der Schuldigkeit forderte er ein Geringes für Nachtquartier und Morgenzehrung. Danach marschierte Christian wieder munter in den kalten grauen Neujahrstag hinaus. Es wehte eine scharfe Luft und nach einer Weile begann es zu stäuben, von einem feinen prickelnden Schnee, der in alle Lücken der Kleidung eindrang. Trotzdem wanderte Christian muthig weiter, suchte sich durch eine raschere Gangart warm zu halten und war im Geiste fortwährend mit den sonderbaren Erlebnissen des gestrigen Abends beschäftigt. Je mehr er daran dachte, je unglaublicher erschien ihm alles und doch stand jede Einzelheit so klar vor seinem Gedächtniss, es musste jedenfalls eine sehr gründliche und deutliche Art von Traum gewesen sein. Mittlerweile mehrte sich der Schnee und der Weg ward immer beschwerlicher. Zudem fühlte Christian immer einen sonderbaren Druck auf der Brust wie von einem harten Gegenstande, und als er nachfühlte, fand er das Kästchen, welches er gestern Abend hatte in die Brusttasche gleiten lassen. Er zog es hervor und betrachtete es neugierig; die Sache war also doch kein Traum gewesen. Er öffnete es und besah das Inwendige. So reich geschmückt die Aussenseiten auch waren, so leer und schmucklos war es im Innern. Er klappte den Deckel wieder zu und dachte über die Worte nach, welche der Dezember bei der Ueberreichung gesprochen hatte. Er setzte zwar wenig Glauben in die verheissene Wunderkraft des Kästchens, allein er dachte doch unwillkürlich: »Wenn ich jetzt so eine schöne Staatskutsche hätte und zwar eine geheizte mit vier Pferden davor, Kutscher und Bedienten und allem, was dazu gehört, da wollte ich besser und bequemer vom Fleck kommen.« Kaum hatte er dies ausgedacht, so vernahm er ein leichtes Stampfen und Getrappel in dem Kästchen, und als er es verwundert öffnete, da hätte er es beinahe vor Schreck fallen lassen, denn es war nicht mehr leer, sondern eine kleine allerliebste Kutsche darin mit vier Pferden, nicht grösser als Zwergmäuse, und winzigem Kutscher und Bedienten, so klein wie die grauen Grashüpfer, welche im Sommer auf den Wiesen zirpen. Aus dem Verdeck der Kutsche kam ein kleines Kaminrohr hervor und liess ein zartes blaues Räuchlein in die Luft steigen. »Ja, was soll ich damit anfangen?« dachte Christian, als die erste Ueberraschung vorbei war, »für Geld sehen lassen ist das einzige.« Endlich verfiel er darauf, das Kästchen auf die Erde zu setzen, und damit war das Richtige getroffen, denn kaum war dies geschehen, als der Bediente vom Bock sprang und die Vorderwand des Kästchens gleich einem Thore öffnete. Sogleich fuhr der kleine Wagen hinaus und im Weiterfahren fing alles an mit grosser Schnelligkeit zu wachsen, so dass nach wenigen Sekunden die richtige Grösse erreicht war. Der Bediente sprang wieder vom Bock, riss die Wagenthüre auf und sah Christian erwartungsvoll an. Dieser war so verblüfft, dass er fast das Kästchen hätte stehen lassen. Zum guten Glück stolperte er aber fast darüber, als er weiter gehen wollte, steckte es schnell zu sich und stieg ein. In dieser Kutsche war es aber hübsch, das muss man sagen. Sie war wirklich geheizt und drinnen eine behagliche Wärme. Dabei hing sie in so vorzüglichen Federn, dass Christian auch bei dem schnellsten Dahinjagen kaum etwas von den Unebenheiten des Weges verspürte, und in den veilchenblauen Sammtpolstern sass er wie in Abrahams Schoss. Als ihm nun auf diese Art klar wurde, welchen unermesslichen Schatz er an diesem Kästchen besass, ward er fast unsinnig vor Freude, sprang in dem Wagen herum, hopste vom Vorder- auf den Rücksitz, schlug sich auf die Kniee, klatschte in die Hände und lachte und weinte in einem Athem. Endlich beruhigte er sich ein wenig und nun fiel ihm plötzlich auf, wie schlecht sein alter abgeschabter Anzug zu der schönen Kutsche passen wollte und wünschte sich schnell das Feinste. Sogleich fand er in dem Kästchen ein Röcklein vom herrlichsten Tuch mit goldgesticktem Kragen und Aufschlägen, eine geblümte Atlasweste, seidene Höschen und Strümpfe, Wäsche vom feinsten Battist, Schuhe mit goldenen Schnallen, kurz alles was dazu gehört, und alles wuchs zur richtigen Grösse, sobald es herausgenommen war. Er kleidete sich nun um und warf das alte Zeug zum Fenster hinaus. Aber in einem so schönen Anzug leere Taschen zu haben, das ging nicht, flugs wünschte er sich das Nöthige, und als er das Kästchen öffnete, war es gestrichen voll der schönsten Randdukaten. Das liess er sich gefallen. Als schliesslich Hunger und Durst sich regten, entnahm er dem unerschöpflichen Kästchen einen Esskober, gefüllt mit den herrlichsten Gerichten und ein Flaschenfutter mit den feinsten Weinen aller Länder und frühstückte wie ein Kaiser.

Als um die Mittagszeit dieses Tages die vornehme und glänzende Kutsche vor dem ersten Gasthofe der Stadt anhielt, welche Christian aufsuchen wollte, und ein so kostbar gekleideter Herr ausstieg, da erstarb der Wirth fast vor Ehrfurcht und sein Antlitz leuchtete wie Vollmondschein, indes die Kellner den seltenen Gast dienend umschwärmten wie die Fliegen einen Honigtropfen. Solche Wendung hatte mit einemmal sein Schicksal durch das wunderbare Kästchen genommen.

Natürlich dachte er jetzt nicht mehr an die Einziehung seines ausgeliehenen Geldes, nahm sich auch vor, noch nicht in seine Vaterstadt zurückzukehren, sondern beschloss einstweilen die Welt zu durchreisen, allenthalben sich aufzuhalten, wo es ihm gefiel, und die Gaben seines unvergleichlichen Schatzes recht auszukosten. So reiste er denn fast ein ganzes Jahr in Deutschland herum und hinterliess überall, wo er sich aufgehalten hatte, ein gutes Andenken, da er grosse Summen an die Armen schenkte, mittellose Brautpaare ausstattete und Leute aus dem Schuldthurm befreite. Dabei vergass er jedoch nicht, dass sein Schatz ihm nur auf die Dauer eines Jahres verliehen war, und liess durch einen Agenten in der Nähe seiner Vaterstadt eine grosse Herrschaft aufkaufen, zu welcher prächtige Wälder und Seen, viele Güter, ein herrliches Schloss auf dem Lande und ein wohleingerichtetes Haus in der Stadt gehörten, und alles aufs schönste und kostbarste wohnlich instandsetzen. Wegen seiner grossen Wohlthaten hatte ihn der Fürst eines Landes, wo er besonders den Armen hilfreich gewesen war, unter dem Namen Herr von Kästchen in den Adelsstand erhoben und als man nun in seiner Vaterstadt erfuhr, dass dieser Mann, dessen Reichthum und dessen Wohlthätigkeit schon überall sprichwörtlich geworden war, sich in der Umgegend niederlassen wollte, da herrschte grosse Freude und man fühlte sich durch diese Wahl höchlichst geehrt. Freilich hatte niemand eine Ahnung, wer sich unter diesem Namen verbarg, auch sein Bruder nicht.

Um die Weihnachtszeit kehrte Christian in seine Vaterstadt zurück und die Leute konnten nicht genug erzählen von der Pracht seines Wagens, von der Schönheit seiner Pferde und der Leutseligkeit seines Wesens, denn niemand erkannte ihn wieder. Anfangs liess er sich wenig sehen, sondern sass fleissig die Tage über in einem Kämmerchen seines Hauses, das er ganz mit zolldicken Eisenplatten hatte austapezieren und mit schweren eisernen Thüren hatte versehen lassen, und war ausschliesslich damit beschäftigt, sein Kästchen voll Dukaten zu wünschen und das köstliche Gut dort wie Weizen auf einem Kornboden aufzuspeichern. Als endlich die goldene Last dort drei Fuss hoch lag, und nur einige schmale Gänge dazwischen frei gelassen waren, da schien es ihm genug, er verschloss diese Schatzkammer sorgfältig und dreifach mit den künstlichsten Schlössern und machte sich auf, seinen Bruder zu besuchen. Als er dort gerade wieder am Morgen des Sylvestertages vorfuhr und sich melden liess, war dieser sehr erstaunt und verwirrt über den vornehmen Besuch, allein noch mehr verwunderte er sich, als dieser ihm entgegentrat mit den Worten: »Da bin ich wieder, lieber Bruder und komme, meinen Ring zurückzukaufen. Ich vermag dir jetzt zehntausendfach zu vergelten, was Du damals an mir gethan hast.« Damit winkte er dem Diener, welcher an der Thür stehen geblieben war und dieser lief nun an den Wagen und schleppte keuchend einen Geldsack herbei, welcher zehntausend Dukaten enthielt. Christian löste die Schnur, stiess den Sack um und leerte den mächtigen Haufen Gold auf den Tisch aus. Wie da Johannes’ Augen gierig funkelten und wie er verblüfft war, das kann man sich wohl leicht vorstellen, fast wäre er vor seinem Bruder auf die Kniee gefallen und hätte ihn angebetet. Als er nun wohl zehnmal seinen verwirrten Dank gestammelt hatte, stürzte er fort und holte den Ring. Dann stierte er wieder auf den Goldhaufen hin; der Schweiss trat ihm auf die Stirn und das Wasser lief ihm im Munde zusammen – einmal musste er jetzt darin wühlen, anders hielt er es nicht aus. Wie ein Magnetberg zog es ihn an, er grub die Hände hinein und nun lief es ihm von den Fingerspitzen aus wie Wollust durch alle Glieder. Heimlich aber behielt er einen Dukaten in der Hand und während er allerlei von Bewirthung stammelte und seinen Bruder bat, einen Augenblick sich zu gedulden, lief er in das Nebenzimmer, wo sein Probierstein und seine Goldwage sich befand, und prüfte das Geldstück. Wahrhaftig, es war echt und von dem feinsten Dukatengolde. Nun rief er nach seiner Wirthschafterin und befahl ihr, das Beste aufzutischen, was im Hause zu finden war, und dann rannte er wieder hin, bedeckte den Goldhaufen mit einem Tuche, damit die Frau ihn nicht sehen sollte, kurz er war ganz ausser sich.

Als die Brüder dann bei einer Flasche köstlichen französischen Weissweins sassen, erzählte Christian seine Geschichte. Da überkam seinen Bruder eine Gier nach dem wunderbaren Kästchen, welche ihn wie Feuer brannte. Heute, da die Monate wieder im Nobiskrug zusammenkamen, war ja gerade die Zeit günstig, dort musste er hin auf jeden Fall und ihm, als dem Klügern, musste es doch sicher gelingen, das Kästchen in seinen Besitz zu bringen. Den Monaten wollte er schon etwas Angenehmes sagen: Sirup und Zucker wollte er reden mit Honig dazwischen.

Als darum Christian ihn verlassen und er sein Gold verwahrt hatte, lief er sofort hin und miethete für den Nachmittag einen Wagen, um dorthin zu fahren. Er bekam einen solchen, aber nur gegen eine hohe Summe, deren Hälfte er vorausbezahlen musste, weil die Fuhrleute in der Sylvesternacht diesen verrufenen Ort zu meiden pflegten. In der Dämmerung ging die Reise ab. Draussen war ein trübes, regnerisches Wetter; die Felder waren mit schmutzigem, zerfliessendem Schnee bedeckt und in den Wagenspuren stand das Wasser. Der Himmel war von einem verdriesslichen, einförmigem Grau, und der Tannenwald stand da wie eine schwarze Masse in finsterem Schweigen.

Als er in dem Nobiskruge ankam, gerieth er sogleich in einen Wortwechsel mit dem Wirthe, welcher ihn nicht hineinlassen wollte, aber Johann war zäh und liess sich so leicht nicht abweisen. Da infolgedessen der Streit immer lauter wurde, öffnete sich die Thür und der Dezember schaute heraus. Als dieser erfuhr, worum es sich handelte, wies er den Wirth an, den Fremden eintreten zu lassen, und nun fügte sich anfangs alles, wie es bei Christian gewesen war. Schliesslich sass Johann ebenfalls mit in der Runde, und die verfänglichen Fragen begannen. Da bemerkte er mit Schrecken dass es mit Sirup, Zucker und Honig nichts war, denn dieser Gesellschaft gegenüber gab es keine Verstellung, und mochte man wollen oder nicht, es kam nur die innere Wahrheit, und damit bei Johann eiterfressendes Gift und bittere Galle zum Vorschein. Und ob er sich auch mit Anstrengung aller seiner Kräfte zwingen wollte, es half ihm nichts, er nannte den Januar einen störrischen Eisbock, der ausser den Kohlenhändlern keinen Freund auf der Welt habe; den Februar schalt er einen eitlen Fant und Leuteverführer, den März einen Schmutzfinken, den April einen Sausewind ohne Charakter, und über den Mai schimpfte er nun gar: Sein ganzer Ruhm sei erfunden von lügenhaften Dichterlingen und keine grössere Wonne kenne er, als eisigen Schnee in die blühenden Obstbäume zu werfen und durch tückische Nachtfröste die Hoffnungen des ganzen Jahres zu zerstören. Der Juni sei ein Mischling, halb Frühling, halb Sommer, aber beides nicht ordentlich, der Juli entweder zu trocken oder zu nass, der August bringe auf eine mässige sieben Missernten und fast nichts als Aerger und Enttäuschung, und ebenso halte es der September mit dem Obst. Den Oktober schimpfte er einen Lärmmacher und Weinverderber, den November nannte er einfach grässlich, darüber sei die ganze Welt sich einig, und der Dezember sei wieder dem Januar zu vergleichen, verführe ferner die Menschen zu unnützen Ausgaben, sich und ihre Kinder mit allerhand Albernheiten zu beschenken. So liess er an keinem ein gutes Haar, und als er geendet hatte, sassen alle in finsterem Schweigen da. Endlich räusperte sich der Dezember und sagte langsam und bedenklich: »Ei– ei – ei – ei – ei! Ja – ja!«

Darauf grub er aus einer seiner tiefsten Taschen ein ganz schwarzes Kästchen hervor und sprach: »Nehmt hier dieses Andenken, es wird Euch die Stunde, da Ihr so sinnreiche Urtheile von Euch gabet, unvergesslich machen. Aber eines sage ich Euch: Wenn Euch das Leben lieb ist, so öffnet es nicht, bevor Ihr in Eurem Hause angelangt seid. Dies merkt Euch wohl!«

Johann griff gierig nach dem Kästchen und wollte danken, der Dezember aber liess es nicht zu, sondern klopfte stark auf den Tisch. Da ergriffen alle Monate ihre Instrumente, und nun erhoben sie eine Musik, welche so über alle Beschreibung grässlich war, als seien alle Misstöne der Welt in diese Werkzeuge gesperrt und kämen nun mit einem Male zum Vorschein. Es klang wie ein Gemisch aus den Liebesmelodien freiender Kater, dem Kreischen ungeschmierter Thüren, den letzten Gesängen verblutender Schweine, dem nächtlichen Geheul mondsüchtiger Hunde und dem Gebrüll verliebter Ochsenfrösche. Und dabei sassen die Monate mit einer finsteren Andacht da und manche schlugen verklärt die Augen empor, als spielten sie das herrlichste Requiem der Welt.

Johann erschrak zwar ein wenig, als dies losging, allein was kümmerte es ihn schliesslich, er hatte ja das Kästchen, und als die zwölf Gesellen sich immer mehr in ihre grauenhafte Musik vertieften, benutzte er einen günstigen Augenblick und huschte schnell zur Thür hinaus. Seinen Wagen fand er aber nicht mehr vor, denn sofort bei dem Beginn dieser furchtbaren musikalischen Orgie war der Kutscher von Entsetzen ergriffen davongejagt und längst im Dunkel der Nacht verschwunden. So musste er sich wohl oder übel entschliessen, zu Fusse nach Hause zu gehen. Aber was machte das, er hatte ja das Kästchen! So stampfte er denn in der Dunkelheit durch den nassen Schnee, stolperte, fiel in die schlammigen Gräben und kroch wieder heraus und tastete alle Augenblicke nach, ob er den Schatz auch noch in der Brusttasche habe. Die Anstrengung dieses nächtlichen Ganges durch die Nässe und den zerfliessenden Weg fühlte er nicht, denn vor den Augen seines Geistes flammte nichts als Gold und Gold und wieder Gold. Ja, er wollte es klüger machen als sein Bruder Christian. Sein ganzes Haus wollte er mit dem geliebten gelben Metall erfüllen und seine Phantasie schwelgte in den üppigsten Bildern. Wälzen wollte er sich auf lauter Dukaten und sich eingraben bis an den Hals und darin wühlen und mit den Händen unablässig einen goldenen Sprühregen in die Luft schleudern.

Müde, durchnässt und beschmutzt kam er zu früher Morgenstunde in seinem Hause an, allein bevor er die Ruhe suchte, wollte er einen Beweis von der Kraft seines Schatzes sehen. Er stellte das Kästchen auf den Tisch und wünschte es gehäuft voll Kremnitzer Randdukaten. Mit zitternden Händen öffnete er den Deckel, allein statt funkelnden Goldglanzes bemerkte er nur etwas Schwarzes darin, das er nicht genau erkennen konnte. Er schob das Licht näher hinzu und nun sah er, dass es lauter dicht aneinander gedrängte Mäuseköpfe waren, deren blanke, schwarze Aeuglein ihn listig anfunkelten. Kaum war ihm dies klar geworden, als auch schon Bewegung in die Masse kam und wie ein aufquellendes Wasser die Mäuse über den Rand auf den Tisch strömten, wo sie mit hässlichem Quieken umherliefen. Als Johann sah, dass sich das Kästchen gar nicht erschöpfen wollte und unausgesetzt Mäuse daraus hervorquollen, so dass schon der ganze grosse Tisch von dem hässlichen Geziefer erfüllt war, klappte er schnell den Deckel zu, allein mit Gewalt sprang das Kästchen wieder auf und ergoss unablässig neue Mäuse. Zuletzt hatten sie auf dem Tische nicht mehr Platz, sie drängten sich gegenseitig herab und wie das Wasser bei einer Springbrunnenschale allseitig überfliesst, so strömten die Thiere über die Ränder und plumpsten auf den Fussboden. Hier rannten sie quiekend und pfeifend nach allen Seiten auseinander und nun fielen sie über alles her, das zu zernagen und zu zerbeissen war, und das war so ziemlich alles, denn selbst Eisen und Metall hielt vor den scharfen Zähnen dieser Unholde nicht stand. An den Fenstervorhängen huschten sie empor, und eine kurze Weile hinterher rauschten diese schon abgenagt zu Boden, um alsbald unter den knirschenden Gebissen zu verschwinden. Die Schränke waren im Nu durchnagt und nun rumorte und knabberte es inwendig; überall war nichts als Huschen und Nagen und Knirschen und funkelndes Blitzen tückischer Aeuglein. Und immer mehr der schrecklichen Thiere spie das teuflische Kästchen hervor, schon war das ganze Zimmer erfüllt und Hunderte nagten schon an den Ausgängen. Johann befiel eine furchtbare Angst, welche noch stärker wurde, als er sah, wie die eisenbeschlagene Thüre schon halb durchfressen war, welche zu seinem Allerheiligsten führte, wo er seine Kostbarkeiten, seine Papiere, sein Gold, sein Alles aufbewahrte. Halb wahnsinnig vor Aufregung rannte er in die Küche, wo seine beiden Katzen in der warmen Asche schliefen, holte sie herbei und warf sie unter das Ungeziefer. Aber in demselben Augenblicke schon waren die beiden Thiere von oben bis unten mit Mäusen bedeckt, dass man nur zwei schwarze, wimmelnde Haufen sah, aus denen ein schnell verstummendes, jämmerliches Miauen hervorbrach. Dann wurden diese beiden kleinen Hügel schnell flacher und flacher, und als die Mäuse wieder auseinanderliefen, waren die beiden Katzen bis auf einige wenige Haare spurlos verschwunden. Unterdess aber hatten andere Mäuse die eisenbeschlagene Thür durchnagt und durch diese Oeffnung ergoss sich sofort ein endloser Strom in die Schatzkammer, welche zugleich das Schlafzimmer des Geizhalses darstellte.

Nun galt es zu retten, was noch zu retten war. Er schloss die Thür auf und stürzte hinein; unendliche Mäuse drängten nach. Ueber seinem Bette hingen eine Menge Waffen, von diesen riss er schnell einen scharfgeschliffenen Kavalleriesäbel herab und hieb in grenzenloser Wuth auf die fürchterlichen Mäuse ein, welche in dichten Haufen die eisenbeschlagene Kiste umdrängten, die alles enthielt, daran sein Herz hing. Aber wenn er mitten in das dickste Gewühl hineinschlug, erschallte nur ein höhnisches Quietschen und es war, als würden der grässlichen Thiere davon nur noch mehr. Plötzlich nun fiel die gänzlich zernagte Kiste auseinander und ein Strom glänzender Dukaten rollte heraus. O welch ein fürchterlicher Anblick bot sich nun dem entsetzten Geizhals dar! Sogleich waren Tausende dieser schrecklichen Mäuse über die Dukaten her, sassen manierlich auf den Hinterbeinen, drehten die glänzenden Goldstücke zierlich zwischen den Vorderpfötchen und frassen sie so sauber auf, als seien es Anisplätzchen. Andere machten sich über die Staatspapiere, andere über die Schmucksachen her und bald war dort nichts mehr vorhanden als ein wenig Staub und einige kleine Späne. Mit gesträubtem Haar und Schaum vor dem Munde hatte Johann mit starren irrsinnigen Augen auf diese furchtbare Scene hingeblickt, während ein dumpfes Stöhnen aus seinem Innern kam. Als alles vorüber war, stiess er einen furchtbaren heiseren Schrei aus, warf die Arme in die Luft und rannte vom Wahnsinn ergriffen die Treppen hinab zum Hause hinaus und so, indem er von Zeit zu Zeit aufschrie wie ein gepeinigtes Thier, durch die Strassen bis an den Strom. Dort heulte er noch einmal auf: »Die Mäuse, die Mäuse!« und sprang über das Bollwerk ins Wasser.

Niemand hatte dies gesehen, da die Strassen zu der frühen Stunde noch dunkel und menschenleer waren. Als die Wirthschafterin am anderen Morgen aufgestanden war, fand sie zu ihrem Erstaunen alle Thüren im ganzen Hause geöffnet, das Bett ihres Herrn aber unberührt und leer. Sonst war alles im Hause wie gewöhnlich und von der furchtbaren Zerstörung durch die Mäuse keine Spur zu bemerken, alles war, wie sie es am Abend vorher verlassen hatte, auch die beiden Katzen kamen ihr wie sonst mit krummem Rücken und steil erhobenen Schwänzen schmeichelnd entgegen. Denselben Morgen aber noch fand man im Strom die Leiche, und nun erinnerte sich ein Schiffer, dass er in der Nacht von einem Schrei: »Die Mäuse! die Mäuse!« erwacht sei und dann einen Fall ins Wasser gehört hatte.

Das Haus und das übrige Erbe fiel an Christian, der sich unterdess zu erkennen gegeben hatte, und dieser vertheilte alles unter diejenigen Leute, welche sein Bruder bei Lebzeiten durch wucherische Aussaugung besonders geschädigt hatte.

Er selber aber betrauerte das unglückselige Schicksal seines Bruders und einzigen Verwandten, obwohl dieser es kaum verdient hatte, und war fernerhin bestrebt, von seinen Gütern den edelsten und hilfreichsten Gebrauch zu machen. Späterhin heirathete er ein schönes und tugendhaftes Fräulein aus gutem Geschlecht, welches ihn im Laufe der Zeit mit einer Anzahl wohlgebildeter Kinder beschenkte, und lebte vergnügt mit ihr bis an sein seliges Ende.


aufgeklärte Märchen

14. Januar 2010

Ich sitze gerade vor den schrecklich schönen, schön schrecklichen Märchen des Johann Karl August Musäus. Einerseits sind es wirklich tolle Geschichten, gewürzt mit Humor, Verstand und Menschenliebe, andererseits sind seine Sätze sehr verschachtelt, mit Erzählereinschüben und  Anmerkungen gestreckt und lateinisierten Worten versehen, dass das Märchen nie „Kino im Kopf“ erzeugen kann.

Musäus ist vor allem als der Verfasser der ‘Volksmärchen der Deutschen” bekannt und war einer der ersten Märchensammler Deutschlands. Seine Sammlung von Erzählungen, deren Stoffe er sich aus Chroniken, Legenden, Sagen und eigentlichen Märchen aus dem Volk zusammensuchte, wurde  nach „seiner Manier“ umgestaltet.
Sein Neffe August Kotzebue – das ist der, den der verblendete Burschenschaftler Sand ermordet hat- und der den schriftlichen Nachlass von Musäus herausgegeben hatte, schilderte wie sein Onkel die Themen sammelte:

“Wenigen aber ist es vielleicht bekannt, daß, als er den Gedanken faßte, Volksmärchen der Deutschen zu schreiben, er wirklich eine Menge alter Weiber mit ihren Spinnrädern um sich her versammelte, sich in ihre Mitte setzte und von ihnen mit ekelhafter Geschwätzigkeit verplaudern ließ, was er hernach so reizend nachplauderte. Auch Kinder rief er oft von der Straße hinauf, wurde mit ihnen zum Kinde, ließ sich Märchen erzählen und bezahlte jedes Märchen mit einem Dreier. Eines Abends kam seine Frau von einem Besuche zurück. Als sie die Tür des Zimmers öffnete, dampfte ihr eine Wolke von schlechtem Tabak entgegen, und sie erblickte durch diesen Nebel ihren Mann am Ofen sitzend, neben einem alten Soldaten, der sein kurzes Pfeifchen zwischen den Zähnen hielt, tapfer drauflos schmauchte und ihm Märchen erzählte.”

Die Märchen des Musäus sollten nicht an dem heutigen Begriff des Volksmärchens gemessen werden, der durch die Sammlungen der Brüder Grimm geprägt wurde.
Musäus´ Märchen sind Aufklärung mit den spielerisch verwendeten Mitteln des Volks- und Aberglaubens. Die Gestaltung mit raffiniertem Sprachwitz und Situationskomik bricht hier die Kraft abergläubischer und orthodoxer Vorstellungen.Trotz des selben Themas lassen seine Märchen durch Ironie nicht die tragische Düsternis der Romantik aufkommen.

Bei „Richilde“, einem Schneewittchenthema, an dem ich gerade arbeite,  lautet das Ende:

“Wie die geistliche Zeremonie geendiget war, ging der gesamte Brautzug in den Tanzsaal. Die künstlichen Zwerge hatten indessen mit großer Behendigkeit ein paar Pantoffeln von blankem Stahl geschmiedet, stunden am Kamin, schüreten Feuer und glüheten die Tanzschuhe hochpurpurrot. Da trat hervor Gunzelin, der knochenfeste gaskonische Ritter, und forderte die Giftnatter zum Tanz auf, den Brautreihen mit ihr zu beginnen, und ob sie sich gleich diese Ehre höchlich verbat, so half doch kein Bitten noch Sträuben. Er umfaßte sie mit seinen kräftigen Armen, die Zwerglein schuheten ihr die glühendenden Pantoffeln an, und Gunzelin schliff mit ihr einen so raschen Schleifer längs dem Saal hinab, daß der Erdboden rauchte und ihre zarten wohlgebratenen Füße kein Hühnerauge mehr quälte, dazu waldhornierten die Musikanten so herzhaft, daß alles Gewinsel und Wehklagen in die rauschende Musik verschlungen ward. Nach unendlichen Wirbeln und Kreisen, drehete der flinke Ritter die erhitzte Tänzerin, welche noch nie ein Schleifer so heiß gemacht hatte, zum Saal hinaus, die Stiegen hinab in einen wohlverwahrten Turm, wo die büßende Sünderin Zeit und Muße hatte, Pönitenz zu tun. Sambul der Arzt aber kochte flugs eine köstliche Salbe, welche die Schmerzen linderte und die Brandblasen heilte.”

Heutigen Zuhörerinnen und Zuhörern, Lesererinnen und Lesern ist so Erzähltes nur schwer anzubieten, eigentlich ist eine solche Bemühung erfolglos. Damals war Musäus sehr erfolgreich mit seiner Art zu erzählen und er konnte gut vom Ertrag seiner Märchensammlung leben.


paradox ist…

14. Januar 2010

Was ist paradox?

- wenn ein Schirmherr naß wird
- wenn ein Autokrat zu Fuß geht
- wenn ein Lebemann stirbt
- wenn eine Rundfunksendung aneckt
- wenn der Sohn eine Tochtergesellschaft gründet
- wenn ein Kleinbahnschaffner sich großspurig benimmt
- wenn ein Tagedieb nachts stiehlt
- wenn ein Beamter im Ruhestand Lärm macht
- wenn ein Porzellanhändler nicht alle Tassen im Schrank hat
- wenn es donnerstags blitzt
- wenn sich Abgeordnete ungewählt ausdrücken
- wenn ein Innenminister sein äußerstes tut
- wenn ein Außenminister sich erinnert
- wenn der Gemüsehändler verkohlt wird
- wenn ein “grüner Junge” verbläut wird
- wenn ein Nassauer auf dem Trockenen sitzt


Kinder erzählen Geschichten (4)

10. Januar 2010


Dieses Märchen ist nicht von mir;
ich habe nur die ersten fünf Zeilen (kursiv) beigetragen.
Alles andere kam von meinem damals vierjährigen Neffen Bela – ich,
Claudia Sperlich, bin also nur seine Sekretärin .

Urlaub in Papauzel

Die Straße entlang kommen:

Kröten und Frösche,
Mäuse und Ratten,
Fledermäuse,
Ohrwürmer und Hunde
und ein Ochs.

Sie gehen bis zur Autobahn, und alle Leute hinterher.
Sie nehmen ein riesengroßes Auto mit Sitzen für alle. Sie fahren mit Bela nach Hamburg. Bela sitzt am Steuer und fährt ganz langsam. Die Tiere schreien von hinten: “Schneller, schneller!” Bela fährt schneller.
In Hamburg gehen alle an den Strand und schwimmen im flachen Wasser ganz weit weg. Es ist tief genug. Alle schwimmen zurück an den Strand. Bela nimmt ein großes Ruderboot mit vielen großen Rudern, wo alle mitrudern können. Dann rudern alle nach Papauzel. Dort wachsen die großen Papaubäume mit bunten Blüten, die nach Holunder riechen. Bela pflückt die Blüten ab, damit die Tiere sie fressen können. Dann spielen die Tiere mit Bela Zirkus, bis sie heiser werden und nicht mehr singen können.
Als es dunkel wird, gehen alle ins Bett unter den Bäumen – ein ganz langes Bett für alle! – und schlafen ein. Als es hell wird, gehen sie in einen Baum. Dort steht Dani und sagt, das Boot ist nur allein für Bela. Aber Bela sagt, es ist für alle da. Er fährt nach Hause, und alle anderen bleiben in Papauzel. Bela kauft ganz viele Schlauchboote für 5,49 – das ist nicht zu teuer – und bringt sie nach Papauzel, damit jeder eins hat.